Profilbild von lielo99

lielo99

Lesejury Star
offline

lielo99 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit lielo99 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.09.2020

Spannend bis zum Schluss

Das Erbe der Päpstin
0

Gisla lebt mit ihren Töchtern Freya und Anna als Sklavin in Dänemark. Nachdem sie ermordet wurde, fliehen die beiden Kinder unter Lebensgefahr über die Grenze in Richtung Italien. Freya möchte zu ihrem ...

Gisla lebt mit ihren Töchtern Freya und Anna als Sklavin in Dänemark. Nachdem sie ermordet wurde, fliehen die beiden Kinder unter Lebensgefahr über die Grenze in Richtung Italien. Freya möchte zu ihrem Großvater, der ein enger Vertrauter und Mitglied der Garde des Papstes ist. Als auch Papst sowie Großvater ermordet werden, beginnt für Freya eine turbulente Zeit und sie muss mehr als einmal um ihr Leben fürchten.

„Das Erbe der Päpstin“ ist keine Fortsetzung und ist eigenständig zu lesen. Ich kenne das Buch „Die Päpstin“ nicht und empfand es nicht als Nachteil. Temporeich und immer wieder spannend, so präsentiert sich der Roman. Die Brutalität der Dänen kommt zum Ausdruck und auch die Mauer um Paris ist historisch verbrieft. Immer wieder gibt es Verrat und nur wenige Menschen haben das Prädikat „Freund“ verdient. Immer mal wieder verkleidet Freya sich als Mann und kann auf diese Weise ihr Leben retten. Aber auch die Tatsache, dass sie lesen kann, verhilft ihr zum Überleben. Sie lernt einiges über die Heilung und interessant fand ich dabei die Zitate aus sehr alten Schriften. Wie schon damals die Ärzte mit ihren bescheidenen Mitteln den Kranken halfen, das ist zu bewundern.

Einige Fragen bleiben offen oder die Ereignisse werden nicht bis zum Ende erzählt. Das gefiel mir nicht so gut aber vielleicht gibt es ja auch noch eine Fortsetzung von „Das Erbe der Päpstin“. Die Autorin weist am Ende des Buches darauf hin, welche Tatsachen sie im Roman verarbeitete. Es gibt einige Akteure, die in historischen Aufzeichnungen vorkommen und dazu zählt auch der brutale Krieger aus Dänemark. Was hingegen ihrer dichterischen Freiheit zu verdanken ist, das erwähnt sie ebenfalls. Ich gebe vier Sterne und empfehle das Buch sehr gerne weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.09.2020

Vom Sebi und seinen Brüdern

Der Halbbart
0

Ist „Der Halbbart“ tatsächlich ein Roman? Im Jahr 1313 dürfen wir das harte Leben der Dorfbevölkerung in der Schweiz kennenlernen. Und hier genau den Eusebius, genannt Sebi. Er lebt mit Mutter und zwei ...

Ist „Der Halbbart“ tatsächlich ein Roman? Im Jahr 1313 dürfen wir das harte Leben der Dorfbevölkerung in der Schweiz kennenlernen. Und hier genau den Eusebius, genannt Sebi. Er lebt mit Mutter und zwei Brüdern in einem kleinen Dorf und dort hat sich ebenfalls der Halbbart häuslich niedergelassen. Nein, nicht in einem Haus, eher an einem Unterstellplatz. Warum nennen ihn die Leute so? Alle haben hier einen Spitznamen. So heißt ein Mann Bruchi, weil er sich beide Beine brach. Aber noch einmal zum Sebi. Der erzählt gerne und viel und nicht nur das Kloster Einsiedeln kommt in seinen Geschichten vor.

Zitat aus dem Buch und ein Gedanke Sebis: „Wenn die Knochen der Heiligen derart durcheinander kommen, wie soll das bei der Auferstehung werden? Wenn eine Hand am falschen Arm ist, oder eine Rippe da, wo sie nicht hingehört?“

Der Autor nutzte für sein Buch eine Sprache der alten Zeit. Viele Ausdrücke gehören zum Schwyzer-deutsch, sind aber im Zusammenhang gut zu verstehen. Warum der Verlag diesen Titel wählte, das kann ich nicht nachvollziehen. Ist doch die Hauptperson der junge Eusebius. Er schreibt von den Mönchen und den Äbten und wie sie das Volk unterdrückten. Wie Kräuterfrauen den Menschen bei Erkrankungen zur Seite standen und der Totengräber viele Kinder begraben musste. Es war ein schweres und karges Leben damals, aber die Menschen waren zufrieden. Sie kannten es nicht anders.

Wer ohne Buch, Radio oder Fernsehen leben muss, der hört gerne den Geschichtenerzählern zu. Die kamen immer im Winter, da die Dorfbewohner im Sommer keine Zeit zum Zuhören hatten. Wahrscheinlich hat der Sebi deshalb auch so gerne Geschichten erzählt, weil er seine Familie und Freunde unterhalten wollte. „Der Halbbart“ ist keine Zusammenhängende Story, die hier wiedergegeben wird. Viel mehr eine Aneinanderreihung vieler kleiner Aufzeichnungen, die teils brutal und teils amüsant sind. Schön fand ich, wie der Autor es schaffte, die damalige Atmosphäre so genau darzustellen. Mein Kopfkino funktionierte sehr gut. Vier Sterne und eine Empfehlung gibt es von mir.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.09.2020

Wer war denn nun der Mohr?

Dear Frederick! Lieber Mohr!
0

Es war im Jahr 1844 als Karl Marx und Friedrich Engels sich zum ersten Mal begegneten. Bereits nach kurzem Gespräch war beiden klar, dass ihre Ansichten zu vielen Themen identisch sind. Es einwickelte ...

Es war im Jahr 1844 als Karl Marx und Friedrich Engels sich zum ersten Mal begegneten. Bereits nach kurzem Gespräch war beiden klar, dass ihre Ansichten zu vielen Themen identisch sind. Es einwickelte sich eine Freundschaft, die sogar den Tod von Marx überdauerte. Im Vorwort schreibt der Autor Klaus Körner einige Fakten, die das Verständnis für den Schriftwechsel vertiefen. Marx ist Jude und in Trier geboren, Engels Protestant und in Barmen geboren. In 40 Jahren ihrer Freundschaft gab es etwa 2000 Briefe, von denen ungefähr 1600 noch erhalten sind.

Die Briefe sind alle in chronologischer Reihenfolge gedruckt und alle Wörter und Ereignisse, die nicht sofort klar sind, schrieb Herr Körner die Aufklärung dazu. Marx hat einige Kinder und er begann, sein Buch „Das Kapital“ zu schreiben. Engels beriet ihn dabei und die Diskussionen darüber fand ich ausgesprochen interessant. Aber auch zu lesen, wie natürlich die beiden Prominenten miteinander umgehen, war beeindruckend. Zuweilen gab es sogar Kraftausdrücke und so manches Mal konnte ich herzhaft lachen. Marx hatte wenig Erfolg und oft mangelte es bei ihm und der Familie am Nötigsten. Schmalhans war Küchenmeister und Engels unterstütze ihn immer wieder mit finanziellen Mitteln.

Marx war der Meinung dass Menschen in erster Linie essen, wohnen, trinken und sich kleiden wollen. Erst danach hätten sie das Verlangen nach Politik, Wissenschaft, Kunst und Religion. Das kann auch in der heutigen Zeit gelten und ist keineswegs eine veraltete Ansicht. Neben den Ereignissen im Privatleben der beiden schreiben sie auch einiges über das Weltgeschehen. Tja, und dann gab es auch die eine oder andere Liaison, die sie sich beichteten.

Nach dem Briefwechsel folgt die Abschrift der Grabrede von Engels für Marx. Und es folgt die Chronik ihrer Freundschaft. Der Autor listete ein Literaturverzeichnis auf und macht auf weiterführende Literatur aufmerksam. Die Quellenangaben fehlen ebenfalls nicht. Ein wertvolles Stück Zeitgeschichte ist in diesem Buch aufgeschrieben und ich gebe sehr gerne fünf Sterne sowie eine Leseempfehlung. Zumal Friedrich Engels am 28. November seinen 200. Geburtstag feiern würde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.09.2020

Die Zeichnungen sind phantastisch

Arthurs wildes Hundeleben
0

Arthur ist sauer. Gerade kommt er vom Training im Tischtennisverein und musste sich dort anhören, wie seine Freunde von ihren Haustieren schwärmten. Alle haben einen Freund fürs Leben. Egal, ob Pony, Hund ...

Arthur ist sauer. Gerade kommt er vom Training im Tischtennisverein und musste sich dort anhören, wie seine Freunde von ihren Haustieren schwärmten. Alle haben einen Freund fürs Leben. Egal, ob Pony, Hund oder Wellensittich. Arthur hat nichts und bisher konnte er seine Eltern auch nicht von seinem größten Wunsch überzeugen: einen Hund.

Lucky ist aufgeregt. Er muss mit ansehen, wie seine Zweibeiner Koffer packen und befürchtet, dass er mal wieder in eine Hundepension gebracht wird. Das gefiel ihm beim letzten Mal überhaupt nicht. So viele Köter sind dort und die lassen ihn noch nicht einmal in aller Ruhe dösen. Aber okay, die Zweibeiner bringen ihn zu einer Familie mit einem Menschenwelpen, zu Arthur. Dort geschieht etwas Außergewöhnliches. Lucky schlüpft in den Körper von Arthur und der in den von Lucky. Sie erleben nicht nur die tollsten Abenteuer. Auch das Leben aus der Sicht eines Hundes machen Arthur zu einem Spezialisten, wenn es um die Wünsche dieses Vierbeiners geht.

Ich las das Buch gemeinsam mit unserem 11jährigen Enkel. Es war zunächst die große Schrift und dann die tollen Zeichnungen, die ihm gefielen. Aber auch die spannenden und lustigen Abenteuer von Arthur und Lucky brachten ihn dazu, das Buch schnell durchzulesen. Er wollte wissen, wie die Geschichte endet. Haha, am ersten Morgen nach der „Verwandlung“, als Arthur (eigentlich Lucky) mit Lucky (eigentlich Arthur) im Schlafanzug Gassigehen wollte. Welch eine lustige Vorstellung. Und davon gibt es viele in diesem Buch.

Aber „Arthurs wildes Hundeleben“ hat auch eine ernste Aussage. Hier erfahren nämlich junge Hundefreunde, was die Vierbeiner so gar nicht ab können. Welche Verantwortung sie haben, wenn sie einen Hund haben und wie viel Zeit sie investieren müssen. Das Buch sollten alle Kinder lesen, die sich ein Tier wünschen. Ein Lucky ist nicht zum Knuddeln da und muss regelmäßig an die frische Luft und das auch bei Regen und Schnee.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.09.2020

Der Puppenschrein gibt sich die Ehre

Herzfaden
0

Mit „Herzfaden“ schrieb Thomas Hettche ein Buch über Marionetten, die etliche Generationen zum Lachen und Weinen brachten. Es ist die Geschichte der „Augsburger Puppenkiste“ und deren Gründer, der Familie ...

Mit „Herzfaden“ schrieb Thomas Hettche ein Buch über Marionetten, die etliche Generationen zum Lachen und Weinen brachten. Es ist die Geschichte der „Augsburger Puppenkiste“ und deren Gründer, der Familie Öhmichen. Alles begann während des Zweiten Weltkrieges und selbst als die erste Bühne mit ihren Figuren während einer Bombennacht verbrannte, ließen sich die Beteiligten nicht beirren. Sie schnitzten und werkelten neue Figuren, die ihre Geschichten erzählten. Und das war auch gut so. Besonders nach dem Krieg suchten Menschen nach Trost und Zerstreuung. Und als dann das Fernsehen an die Familie herantrat, konnten viele Kinder an jedem Sonntag ihre Freunde von der Puppenkiste sehen.

Als ich meinem Mann erzählte, was ich gerade lese, sprudelte es aus ihm heraus. Sämtliche Figuren nannte er und ich war erstaunt. Wer mit über 60 noch genau weiß, wie die Figuren seiner Lieblingssendung hießen, der hat gute Filme gesehen. Walter Öhmichen sah an der Front, wie seine Marionetten begeistern konnten. Selbst hart gesottene Kämpfer hatten Tränen in den Augen. Sie konnten für einige Minuten das Blut und die vielen Toten vergessen.

Ein „Herzfaden“ ist der wichtigste Faden einer Marionette. Er geht direkt zum Herzen des Zuschauers, so dachte Öhmichen. Aber nicht nur die Augsburger Puppenkiste spielt in dem Roman eine Rolle. Auch das Verschwinden von Freunden und deren Familien, weil sie Juden waren, wird aus Kindersicht erzählt. Die Dichter, deren Bücher verbrannt wurden, weil ihre Kunst als „entartet“ galt oder das Wegschauen, wenn mal wieder Transporte in Lager gingen.

Herr Öhmichen war Landesleiter der Reichstheaterkammer und man tat sich mit der Entnazifizierung schwer. Die Augsburger Puppenkiste war für ihn und die Familie zunächst die einzige Möglichkeit, nach der Währungsreform Geld zu verdienen. Trotz etlicher Rückschläge standen sie zusammen, da sie von der Idee überzeugt waren. Die Tochter Hatü (Hannelore Marschall) war Puppenschnitzerin und fertigte 6000 Marionetten an. Und als dann am 21.01.1953 im NWDR mit „Peter und der Wolf“ das erste Stück der Puppenkiste auf Sendung ging, war sie traurig. Sie vermisste die Nähe zum Publikum, gewöhnte sich aber schnell daran.

Sehr schön fand ich auch die Zeichnungen, welche das Buch schmücken. Sie stammen von Matthias Beckmann und Vorlage dafür waren die Puppen der Augsburger Puppenkiste. Mir gefiel das Buch ausgesprochen gut und ich werde es mit Sicherheit noch häufiger Lesen. Zumal die Hauptpersonen sowohl Großeltern als auch Enkel immer noch begeistern können. Fünf Sterne plus und mein Tipp für morgen, dass „Herzfaden“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 steht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere