Glaspalast Social Media
Please unfollowIch habe den Januar mit „Was wir nicht kommen sahen“ von Katharina Seck begonnen und inhaltlich dazu passend ist mir dann für Ende des Monats „Please Unfollow“ von Basma Hallak ins Auge gefallen. Hätte ...
Ich habe den Januar mit „Was wir nicht kommen sahen“ von Katharina Seck begonnen und inhaltlich dazu passend ist mir dann für Ende des Monats „Please Unfollow“ von Basma Hallak ins Auge gefallen. Hätte nicht mehrere Buchbloggerin den Titel beworben, wäre er vielleicht völlig an mir vorbeigegangen, aber ich wollte da unbedingt reinhören, da es auch um Social Media und die negativen Seiten davon geht.
Ich habe „Please Unfollow“ wie angedeutet als Hörbuch gehabt und wurde durch Aileen Wrozyna durch die Geschichte von Sherry geleitet. Die Stimme habe ich jetzt schon öfters gehabt, für mich klingt sie jünger, weswegen sie ideal auf diese Geschichte passte. Für mich ist das Buch ein wenig zweigeteilt zu bewerten. Zum einen haben wir die Gegenwart von Sherry, die in einem Camp landet, was als Teil ihrer Verurteilung für eine Straftat gesehen wird. Diese Camp-ähnliche Struktur habe ich als typisch für das Jugendbuch-Genre empfunden und das war auch das, wo ich für mich persönlich schon mal Längen wahrgenommen habe. Das war nicht grundsätzlich so, aber es gab Passagen, die hätte man gut etwas einstampfen können, bzw. vielleicht hätte man angesichts des Muts des anderen Teils auch hier auf eine klassische Liebesgeschichte verzichten können. Die Geschichte funktioniert so, aber vielleicht hätte sie noch stärker gewirkt, indem es wirklich nur bei der Frage geblieben wäre, wer ist Sherry?
Der mutige Teil sind für mich die Rückblenden, in denen wir Sherrys Leben als unfreiwillige Influencerin erzählt bekommen. Das war extrem roh, stellenweise verbal brutal und einfach furchtbar, aber so wichtig als Kontext. Ich fand die Autorin an der Stelle genau richtig schonungslos, weil wir die Kinder, deren Leben online ausgeschlachtet werden, überall sehen. Die gibt es wahrlich nicht selten. Nicht alle Eltern sind so wie die von Sherry, da möchte keine Generalverdächtigung ausdrücken. Aber es gibt auch leider genug, die sich der Konsequenzen nicht bewusst sind und die vielleicht irgendwann aufwachen und für die ist es dann am schlimmsten. Das ganze Thema erinnert auch an die Diskussion, ob man Kleinkinder taufen sollte oder sie sich mündig nicht irgendwann selbst dafür entscheiden sollten. Und Social Media ist eine neue Form von Religion, wo die Diskussion dementsprechend ganz genauso geführt werden sollte.
Ich fand besonders, dass die Gefühlslage von Sherry sehr glaubhaft rübergebracht wurde. Bei den Rückblenden funktioniert alles eher über einen auktorialen Erzähler (oder wie auch immer man es nennen möchte) und dennoch wurde Sherrys Widerstand schon früh deutlich. Ganz besonders intensiv ist es aber natürlich im Camp, als so viele Traumata offen gelegt werden. Gleichzeitig war es auch spannend, wie sie sich aber eine Selbstbestimmtheit erkämpft hat, die immer wieder von einem Rückfall bedroht ist, denn auch mit 17 ist sie noch ein Kind. „Please Unfollow“ ist ganz anders geschrieben als „Was wir nicht kommen sahen“ und wem das eine gefiel, bei dem muss es beim anderen nicht auch so sein, aber sie ergänzen sich in meinen Augen großartig, weil es verschiedene Seiten einer Welt sind und weil bei beiden nichts beschönigt wird.
Fazit: „Please Unfollow“ bekommt von mir eine klare Leseempfehlung. Vor allem die Rückblenden suchen einem im positiven Sinne heim, weil es aufrüttelt und nachdenklich macht. Es ist auch nicht nur für eine jugendliche Zielgruppe, nein, das Buch kann man problemlos aus allen Altersstufen heraus lesen. Wichtig, wichtig, wichtig!