Zwei Seiten einer Medaille tiefgründig dargestellt
I Was Born for This (deutsche Ausgabe)„I Was Born For This”, ein Alice Oseman-Roman aus dem Jahr 2018, ist nun auch endlich in die deutsche Sprache übersetzt worden und angesichts der faszinierenden Themen, die die junge Autorin bislang für ...
„I Was Born For This”, ein Alice Oseman-Roman aus dem Jahr 2018, ist nun auch endlich in die deutsche Sprache übersetzt worden und angesichts der faszinierenden Themen, die die junge Autorin bislang für Jugendliche und junge Erwachsene konzipiert hat, bin ich immer wieder neu gespannt, was sie sich diesmal ausgedacht hat. Diesmal haben wir zwei Teilgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die dann aber zusammengeführt werden, dennoch jeweils für sich etwas ganz Eigenes erzählen.
Würde man den Klappentext sonst lesen, würde man wahrscheinlich vermuten, ah, Rockstar-Romance. Angel schwärmt für Musiker Jimmy und hat die zufällige Begegnung mit ihm, die für beide eine stürmische Liebesgeschichte auslöst. Aber nein, Oseman macht kein Standard, weswegen „I Was Born For This” eine ganz andere Geschichte erzählt, bzw. wie eingangs erwähnt gleich zwei Geschichten. Fangen wir bei Angel an, die ihr Leben als völlig durchschnittlich empfindet und nur so gerade eben einen durchschnittlichen Abschluss geschafft hat. Doch das Leben will sie hinter sich lassen und sie lebt voll und ganz für The Ark, die Rockband, die sie ganz in ihren Anfängen entdeckt hat und die sie über all die Jahre hinweg begleitet hat. Es sind aber nicht nur sie und ihre Musik und Texte, sondern es ist auch die Fangemeinschaft, die ihr endlich Zugehörigkeit lehrt und sie voll und ganz ausfüllt. Ich fand das Thema Fan-Dasein hier extrem spannend verarbeitet, denn es werden die düsteren sowie die positiven Seiten gleichermaßen beleuchtet, aber es wird auch erklärt, was es für Fans eben bedeutet, eine solche Leidenschaft zu haben und wie es Lebensretter und Stoppschild zugleich sein kann. Ich fand das Thema aber auch deswegen so interessant, weil „Heartstopper“-Hauptdarsteller Kit Connor sich aufgrund der Fangemeinschaft outen musste. Oseman hatte dieses Buch zwar schon davor geschrieben, aber so ist es quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung geworden, was auch wieder beweist, wie nah Oseman an den Themen ist und wie realistisch sie sie rüberbringt.
Angel ist eben der Fan und ich fand sie sehr authentisch dargestellt, denn sie hat sich durch die Band etwas aufgebaut, was sie von ihrem High School-Leben und auch von zuhause so nicht kannte. Auf die Band konnte sie zwischenmenschliche Beziehungen projizieren, die sie selbst noch nicht kennt, sich aber erträumt und in der Gemeinschaft entdeckt sie Ansätze von dem und das Konzert bietet die Möglichkeit, diese endlich auch im realen Leben auszuleben. Dennoch war bei Angel sehr wichtig, dass sie einen inneren Kompass hat und es wird verdeutlich, dass es ihr Glauben ist. Ich hatte, nachdem angedeutet worden war, dass sowohl Angel als auch Jimmy gläubige Menschen sind, vermutet, dass es ein großes Thema war. Das war es nun nicht, aber unterschwellig eben schon, denn es ging darum, dass jeder an etwas glauben muss und will und wenn es kein religiöser Glaube ist, dann ist es eben ein Schauspieler, eine Band etc. Angel hat aber ihren Glauben, sie hat schon eine Erdung, selbst wenn sie das nicht immer so empfinden kann. Dadurch weiß sie aber auch Grenzen einzuhalten, weswegen sie, als sie als Fan auf die Band trifft, als Fan quasi wegtritt und als Mensch agiert. Sie erkennt, Jimmy und seine Bandkollegen sind wie sie selbst und so kann sie sich immer mehr dem realen Leben stellen.
Ebenso wichtig war aber auch die Geschichte von Jimmy, der Themen wie Depressionen und Angststörungen mit sich bringt, aber auch die gesamte Band repräsentiert die Schattenseiten des Ruhmes. Es war dann auch das völlige Gegenteil, wie das Fan-Dasein betrachtet wird. Nach draußen wird immer wieder betont, dass alle Fans geliebt werden, denn ohne sie wären sie eben nichts, aber innerlich existiert eine Heidenangst. Innerlich gibt es auch Vorwürfe, weil man kaum das wirklich eigene Leben kann, sondern nur das, was von den Fans auf sie projiziert wurde. Auch hier war es aber wichtig, dass es nicht einseitig negativ war, sondern dass sie Band dann in Angel und Juliet andere ‚Fans‘ kennenlernen. Ich fand diese Zusammenführung der Geschichten und dass es nie eine Liebesgeschichte war, echt toll und ich bin regelrecht durch das Buch geflogen. Vermutlich meine schnellste Lektüre des Jahres, weil es so gut war. „Loveless“ bleibt zwar unerreicht, aber „I Was Born For This“ ist auch sehr wichtig und sehr gut gemacht.
Fazit: „I Was Born For This” ist keine Rockstar-Romance, sondern es werden zwei Geschichten erzählt, die quasi zwei Seiten einer Medaille sind: berühmt und Fan sein, aber drum herum wurde noch viel mehr verpackt. Bei der Vielfalt und bei der Tiefgründigkeit konnte ich wieder nicht aufhören.