Profilbild von marcello

marcello

Lesejury Star
offline

marcello ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit marcello über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.07.2023

Verbessert durch hohe Authentizität

Stay Here - New England School of Ballet
0

Den ersten Band der Reihe von Anna Savas an der New England School of Ballet habe ich in einer Leserunde kennenlernen dürfen und da waren wir uns doch allgemein einig, dass es zu wenig Thematik Tanzschule ...

Den ersten Band der Reihe von Anna Savas an der New England School of Ballet habe ich in einer Leserunde kennenlernen dürfen und da waren wir uns doch allgemein einig, dass es zu wenig Thematik Tanzschule und Tanzen waren. Dementsprechend war ich gespannt, was nun in Band 2 passiert und man muss sagen, Savas hat ein Muster. Sie schafft ein interessantes Setting, hält sich aber lieber außerhalb davon auf. Ich bin absolut für kreative Freiheiten und dass man als Autor und Autorin dahin die Gedanken leiten muss, wo sie selbst hinwollen und nicht wo sie hinsollen. Wenn man so eine Reihe aber eine Thematik mitgibt und auch die Cover in dieser Stilistik hält, die unweigerlich an das Ballett erinnert, dann ist das ein Spiel mit den Erwartungen, wo man nur verlieren kann.

Dennoch fand ich „Stay Here“ besser als den Auftakt, weil ich mich an den Themen und der Sensibilität der Umsetzung nicht gestört habe. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass es eine höchst authentische Geschichte war, die speziell Raynes Trauerprozess und ihre und Eastons Selbstzweifel sehr intensiv und nachvollziehbar in Szene gesetzt hat. Ich habe mich auf jeden Fall beiden Figuren sehr verbunden gefühlt und ich habe auch von Anfang an den Eindruck vermittelt bekommen, dass zwischen ihnen wirklich etwas Besonderes entsteht und die Liebe sehr intensiv ist. Dennoch war es schon sehr ironisch, dass eben in Band 1 die Kritik da war, dass es zu wenig Ballett war und jetzt war es sogar noch weniger, weil es eben nicht Raynes Traum ist und sie sich über die Schule nur ihrer Mutter nah fühlen wollte. Auch wenn die Thematik also wieder marginal da war, so ist Raynes Bezug zum Sport nachvollziehbar gewesen. Sie hat zeitlebens mit ihrem Vater die Liebe zur Musik geteilt und ihre Mutter aus ihrer Perspektive dabei ein wenig im Stich gelassen und will das nun nachholen, weil sie mehr Angst hat, sie zu vergessen. Aber eine Leidenschaft lässt sich eben nicht erzwingen. Deswegen fand ich es sinnbildlich, dass letztlich der Contemporary in Rayne so viel ausgelöst hat, weil es dort eben nicht um Perfektion und schön aussehen geht, sondern um Gefühle und diese frei zu vertanzen. Es war eine schöne Symbolik und die Idee mit dem Musikvideo war eine echt tolle Idee.

Die Musik als zweites Thema war natürlich so oder so nicht abwegig, denn ohne Musik kein Ballett, so einfach ist das. Dementsprechend hat Savas eine passende Verbindung gesucht und gefunden. Dennoch fiel mir wieder auf, dass ein wenig die Konsequenz in der Darstellung der Themen fehlte. Ich hätte die Choreographie zu dem Musikvideo gerne mit mehr Bildern angereicht gehabt, umgekehrt hätte ich mich auch nicht beschwert, wenn der Schreibprozess des Songs intensiver gewesen wäre. Das fehlt mir immer besonders auf, wenn ich eben merke, dass diese Prozesse die Figuren sehr gut einfangen würden. Zwar habe ich Rayne und Easton als Figuren wirklich gut verstanden, aber das wurde eben meist alles über die Gespräche zusammen abgefangen und gemeinsame Tätigkeiten wären eine schöne Ergänzung gewesen. Bei Easton und seiner Band sowie dann auch die Involvierung von Rayne, ich musste irgendwie an „Daisy Jones & The Six“ denken. Das hatte viele ähnliche Vibes und das ist als Kompliment gemerkt. Gerade die Dynamik der Jungs untereinander, das kam toll rüber, aber auch wie selbstverständlich Rayne dann mit ein paar Neckereien eingebunden wurde. Das war einfach ein sehr sympathischer Haufen.

Zwei Bände stehen in der Reihe nun noch aus und die große Frage ist wirklich, wird es wirklich noch eine Ballettreihe? Wird das Tanzen so in den Mittelpunkt gerückt, dass es dann auch einer meiner ersten Gedanken ist, wenn ich anschließend noch dran denke? Bei Lia könnte ich es mir auf jeden Fall wirklich gut vorstellen, da sie eine typische Primaballerina zu sein scheint, die auch meisten mit dem Erwartungsdruck zu kämpfen hat. In diesem Band bekommen wir aber mehr Vorarbeit in Richtung Skye geleistet und ich bin schon sehr gespannt. Zwar kann man bei ihr erahnen, dass die Thematik auch wegführen könnte, aber es ist ersichtlich, dass es bei ihr noch viel zu entdecken gibt. Ich bleibe also an der Reihe dran, aber meine Erwartungen sind inzwischen ganz andere als anfangs.

Fazit: „Stay Here“ spielt ein bisschen alibimäßig an der New England School of Ballet, aber eigentlich ist das vorherrschende Thema diesmal Musik und Trauer sowie Selbstzweifel. Ich habe mich inhaltlich absolut abgeholt gefühlt und eine sehr authentische Darstellung mit hohem Wiederkennungsfaktor bekommen, aber Ballett war wieder nicht viel. Gut, dass Anna Savas eine gute Erzählerin ist, die diesmal mit ihrer Geschichte auch alles besser auffangen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.07.2023

Mit Schwächen zum Happyend geführt

Zerbrich uns. Nicht.
0

Nachdem ich „Vergiss uns. Nicht.“ nach der langen Wartezeit wirklich sehr genossen habe, war ich natürlich gespannt, wie das Happyend von Gavin und April nun über die Bühne geht. Eine gewisse Skepsis war ...

Nachdem ich „Vergiss uns. Nicht.“ nach der langen Wartezeit wirklich sehr genossen habe, war ich natürlich gespannt, wie das Happyend von Gavin und April nun über die Bühne geht. Eine gewisse Skepsis war schon angebracht, denn dieser Konflikt, auf dem Band 1 endete, war jetzt nicht unbedingt mein Highlight, weswegen ich mir vorstellen konnte, dass der Umgang damit schwierig werden könnte.

Zunächst aber mein Highlight: Gavin hat seine eigene Stimme bekommen! Laura Kneidl hat es mit der männlichen Perspektive bislang nicht so gehabt, aber sie ist für „Zerbrich uns. Nicht“ absolut die richtige Wahl, denn April und Gavin reden zunächst so wenig miteinander, aber bei ihm passiert parallel so viel, dass es wichtig war, das aufzufangen und nicht nur aus einer dritten Perspektive zu erleben. Zumal durch Gavin auch ein wichtiges Thema repräsentiert wurde und seine eigenen Gedanken so hautnah zu erleben, hat die Darstellung wertvoller gemacht. Er ist also der Gewinner des Abschlussbands, während April für mich eher die Verliererin ist. Leider. Nachdem sie am Ende des ersten Teils so ausgeflippt war, war zu erahnen, dass der Konflikt zwischen ihr und Gavin nicht mal eben aus dem Weg geschafft wird. Wie partout April aber darauf bestanden hat, dass er sich ihr gegenüber nicht erklären darf, unverständlich. Es wird noch lächerlicher, als sie dann Luca aber losschickt, weil es widersinnig ist. Denn je mehr Gavins Perspektive kennen, desto wahrscheinlicher ist es doch, dass es irgendwann an sie herangetragen wird. Zudem ist eine solche Verdrängung nie gesund und ich fand auch nicht, dass es in April Leben ein bestimmtes Muster gab, dass das auch gerechtfertigt hätte. Später regt sie sich auch auf, wie viel Zeit ihre Mutter ihr mit Gavin genommen hat, dabei hat sie sich den wichtigsten Teil selbst genommen.

Das war aber nicht alles in Bezug auf April, was mich etwas mehr beschäftigt hat. Zunächst löblich, Kneidl wagt sich an das Thema Asexualität. Doch mich konnte die Umsetzung nicht überzeugen. Das mag nun daran liegen, dass ich erst im vergangenen Jahr „Loveless“ von Alice Oseman gelesen haben und so automatisch ein Vergleich entsteht. Oseman hat quasi eine Bibel für Asexualität an die Hand gegeben und ich habe unfassbar viel gelernt. Auch bei Kneidl lernt man viel, keine Frage, denn wir begleiten April schließlich bei ihren Recherchen. Schaue ich mir aber die Dilogie im Gesamten an, dann finde ich, dass in Band 1 zu wenig dafür getan wurde. Gavins Geschichte ist konsequent aufgebaut worden, während es bei April eher aus dem Nichts kam. Selbst wenn sie sich sonst für keinen Jungen/Mann interessiert hat, aber warum auch nicht, sie liebt eben Gavin. So muss ich einfach sagen, dass es wirkte, dass das Thema eingebaut wurde, gute Recherche, dann zweimal ein Outing, aber mehr Auswirkungen habe ich nicht gemerkt. Es war mir einfach zu wenig und ich kann jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen, weil es dann völlige Spoiler sind, aber in dem Kontext fand ich auch einige nachfolgende Szenen nicht in Ordnung.

Man merkt also, Kneidl hat „Zerbrich uns. Nicht“ für mich etwas komplizierter gemacht, indem sie gewisse inhaltliche Entscheidungen getroffen hat, die ich sehr kritisch sehe. Das ändert aber nichts daran, dass ich dennoch eine einnehmende Liebesgeschichte erlebt habe, die konsequent und auch immer wieder mit Highlights gepickt aufwarten konnte. Beispielsweise ein wichtiges Freundinnengespräch zwischen April und Sage, ganz großartig. Aber auch das Projekt SHS, eine tolle Sache. Dass auch im Freundeskreis noch einiges vorangetrieben wurde, ebenfalls sehr löblich und mitreißend. Vielleicht fehlte mir immer noch ein bisschen, dass man für die Figuren eine Zukunftsperspektive sieht, weil das Geschehen zu sehr im Hier und Jetzt verankert war, aber dennoch konnte ich in diesem Jetzt auch gut mitleiden und mitfühlen und das ist immer wichtig.

Fazit: „Zerbrich uns. Nicht“ bringt eine schöne Liebesgeschichte zu einem Ende, dennoch gab es vor allem in Bezug auf April einige Handlungsweisen, aber auch persönliche Ergründungen, die mir nicht zugesagt haben. Da mag ich Band 1 also wirklich lieber. Dennoch bin ich insgesamt froh, dass Laura Kneidl nach all den Jahren die Inspiration hatte, die Geschichte von April und Gavin zu erzählen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.07.2023

Nun auch vom Saum infiziert

Vergissmeinnicht - Was bisher verloren war
0

Nachdem 2021 von Kerstin Gier nach langer Wartezeit der Auftakt zur „Vergissmeinnicht“-Geschichte erschien, war meine Freude groß. Tatsächlich hat mich der erste Band dann aber nicht gut überzeugen können. ...

Nachdem 2021 von Kerstin Gier nach langer Wartezeit der Auftakt zur „Vergissmeinnicht“-Geschichte erschien, war meine Freude groß. Tatsächlich hat mich der erste Band dann aber nicht gut überzeugen können. Kritisiert hatte ich eine zu freigiebig erzählte Welt, die keine Grenzen zu haben scheint, keine klare Linie, wohin die Geschichte will und einen etwas chaotischen Schreibstil. Ja, ich finde es zwei Jahre später auch unglaublich, dass ich all das mal zusammen zu einem Buch von Kerstin Gier untergebracht habe. Band 2 mit dem Untertitel „Was bisher verloren war“ habe ich dennoch lesen wollen.

Die gute Nachricht ist, ich bin wirklich galaktisch viel besser mit der Welt des Saums klarkommen und erkenne inzwischen einen deutlich roteren Faden. Zwar ist für mich immer noch nicht recht zu erkennen, ob es einen finalen dritten Band gibt, oder ob die Pläne noch viel weiter reichen. Das spricht immer noch dafür, dass es für mich vermittelt keinen klaren Schluss gibt. Dennoch hat mich das beim Lesen diesmal nicht so gestört, denn es klappt im Hier und Jetzt diesmal zu gut, als dass meine Gedanken da einen kritischen Ausflug tätigen wollten. Aber ich gehe dennoch davon aus, dass nach einem dritten Band Schluss sein wird. Sollte sich Gier auch für diesen nochmal bessern, dann kommt das Beste einfach ganz am Ende. Aber zurück zum zweiten Band: wir lernen zwar noch einige neue Charaktere kennen und zwar die Organisation, zu der Quinns verstorbener Vater Yuri angehörte, aber dennoch merkt man ansonsten, dass die Handlung sich jetzt gesetzt hat und dass es vor allem darum geht, zu den bekannten Figuren mehr herauszufinden und dann im Saum noch spezielle übernatürliche Wesen kennenzulernen, die dann unterschiedliche Gefahrenstellen darstellen. So ergibt sich aber ein gut strukturierter Handlungsbogen, der gerade am Ende auch eine tolle Spannung aufbaut.

Auch der Schreibstil zeigt sich deutlich verbessert. Ich hatte auch den Eindruck, dass Gier es diesmal alles etwas cleverer gelöst hat. Die Handlung basiert nicht mehr so sehr auf berichteten Erlebnissen, sondern man ist immer live dabei, was einfach viel spannender ist. Zwar gibt es immer noch das Element, dass wir zeitlich nochmal zurückspringen, aber das ist dann so geschickt gelöst, dass es wie ein herausforderndes Puzzle wirkt, wo man begeistert mitknobelt. Das funktioniert diesmal aber auch besser, weil nicht nur Quinn die Abenteuer erlebt, sondern weil Matilda zunehmend gleichberechtigt wird. Ich hatte zwar nicht das Gefühl, dass sie im ersten Band auf dem Abstellgleis war, aber dadurch, dass sie an die uns bekannte Realität gebunden war, war ihr Aktionsradius einfach etwas kleiner und im Vergleich hat Quinn dann einfach mehr erlebt. Diesmal wird es ausgleichender, weil erstens die Spannungsmomente wieder in unsere Welt geholt werden und weil dann zweitens Matilda ihren Weg in den Saum findet. Das ist wirklich das Beste, was der Geschichte passieren konnte. Wir haben nun höchst unterschiedliche Wege, die wir kennen, wobei Quinn und Matilda noch die harmlosesten Wege haben, aber es wird sehr spannend, wie sich das alles im dritten Band ausspielt, weil da nun wohl alle Möglichkeiten auf dem Tisch sind.

Ich fand es auch diesmal sehr angenehm, dass Quinn und Matilda nach einer raschen Versöhnung zwar süß verliebt sein dürfen, dass die Geschichte aber ansonsten doch sehr erwachsen wirkt. Sie sorgen sich jeweils umeinander und das ist wohl völlig normal, aber es wird nicht noch künstliches Drama aus den Händen gesaugt (Eifersucht etc.), sondern es wird mehr an einem Strang gezogen. Zumal die beiden Figuren dann auch so ergänzend sind. Matilda ist eben eher die Wissenschaftlerin, die, die richtigen Fragen stellt und die mehr eine Kombinationsgabe hat. Quinn ist wirklich eher der impulsive Abenteurer, weswegen es nun umso besser ist, dass beide im Saum wirken können, selbst wenn Quinn von Matildas Art und Weise noch nicht wirklich weiß. Neben den beiden ist aber auch Jeanne ein großer Gewinn für die Geschichte. Sie wird mehr beleuchtet und sie zeigt sich dadurch als Figur, die immer unberechenbar bleiben wird, die als Verbündete aber immer der Ass im Ärmel sein kann. Auch ansonsten zeichnet sich immer deutlicher ab, welche Figuren wichtig sind und die werden intensiver beleuchtet. Das ist sehr angenehm, denn je mehr man in die Geschichten und die Figuren investiert ist, desto mehr gebunden ist man alles. Nach diesem Band will ich auf jeden Fall weiterlesen und ich finde auch, dass dazu ein vorzüglicher Epilog beiträgt!

Fazit: „Vergissmeinnicht – Was bisher verloren war“ ist für mich eine klare Steigerung in der Geschichte von Kerstin Gier rund um den Saum und seine Figuren und Gestalten. Zwar scheint es immer noch kein absehbares Endziel zu geben, aber an Spannung, an Tiefe, an Relevanz und an Begeisterung gab es so viele Verbesserungen, dass ich diesmal ungerne aus der Geschichte gegangen bin. Ich freue mich auf Band 3!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.06.2023

Tolle Ergänzung zur Serie

Queen Charlotte – Bevor es die Bridgertons gab, veränderte diese Liebe die Welt
0

Anfang Mai 2023 startete auf Streamingdienst Netflix mit "Queen Charlotte: Eine Bridgerton-Geschichte" ein Spin-Off zu der beliebten Serie "Bridgerton", die sich im Zentralen um acht Bridgerton-Geschwister ...

Anfang Mai 2023 startete auf Streamingdienst Netflix mit "Queen Charlotte: Eine Bridgerton-Geschichte" ein Spin-Off zu der beliebten Serie "Bridgerton", die sich im Zentralen um acht Bridgerton-Geschwister dreht, die nacheinander ihr jeweiliges Liebesglück finden. Vorlage ist dort eine Buchreihe nach Julia Quinn. Shonda Rhimes, die mit ihrem Produktionsstudio Shondaland die Welt für Netflix erschaffen hat, hat ebenso auch die Idee entwickelt, ein Prequel auf die Beine zu stellen, die sich der jungen Königin Charlotte widmet und wie sich diese in König George verliebt. Für die Buchfans als Geschenk haben sich Rhimes und Quinn dann auch zusammengetan und haben eben diese Vorgeschichte auch abseits der Drehbücher niedergeschrieben. Für die deutschen Fans ist dieser Roman auch zeitnah zur Serie veröffentlicht worden. Nachfolgend werfe ich nun einen Blick darauf, ob sich Unterschiede auftun, ob das Buch eher als ergänzend und eigenständig einzuschätzen ist und ob es für die Julia Quinn-Fans den bekannten Stil bietet.

Zunächst oute ich mich mal als größerer Fan von der Serie als von der Buchreihe. "Bridgerton" ist insgesamt breiter in den Geschichten erzählt und auch die einzelnen Themen strahlen mehr Relevanz aus. Damit ist nicht nur gemeint, dass in eine historische Zeit hinein Diversität reingebracht wird, sondern auch so sucht sich die Serie Themen, die gesellschaftlich von Bedeutung sind und die Vergangenheit mit der Moderne verbinden. Dennoch habe ich die Buchreihe auch gerne gelesen, zumal Quinn auch einen sehr angenehmen Schreibstil hat, der speziell über Humor zu punkten weiß. Daher war ich auf dieses Buch wirklich sehr gespannt, denn es war unweigerlich klar, dass sich Quinn auch in eine Abänderung ihrer Welt hineinfinden muss, bei der ein Schwerpunkt darauf liegt, dass die Königin als schwarze Frau nach England kommt. Das wäre ein Umstand gewesen, den es sonst bei Quinn und ihren Regency-Romanen wohl niemals so gegeben hätte. Deswegen kann ich auch klar für die Quinn-Fans sagen: es ist anders. Würde nicht der Name der Autorin darauf stehen, dann würde man es wohl nicht erkennen. Letztlich ist es auch schwierig, wie genau dieses begleitende Buch entstanden ist. Ob Rhimes die Drehbücher zur Verfügung gestellt hat, die Quinn dann in eine Romanform erweitert hat? Oder wie genau sah die Zusammenarbeit aus? Schwierig abzuschätzen. Da auch viele Dialoge aus der Serie sofort wiederzuerkennen sind, spricht vieles dafür, dass Quinn nur drum herum ihren Stil aufziehen konnte. Die Serie berücksichtigt die inneren Monologe nicht, das bleibt also dem Buch vorbehalten und dort höre ich auch am ehesten Quinn heraus. Insgesamt verbirgt sich hinter der Konzeption aber vor allem Shonda Rhimes, das muss man klar sagen.

Als Fan des Prequels habe ich das Buch insgesamt dennoch gerne gelesen. Die Parallelen zwischen der sechsteiligen Serie und diesem Buch sind zwar wirklich enorm, was für mich nun kaum Neues bedeutete, aber dennoch finde ich die Absicht gut. Denn nicht jeder verfügt über ein Netflix-Abo und kann so dennoch Teil an dieser Geschichte über eine junge Königin Charlotte sein. Wenn man denn dann damit leben kann, dass es nicht 100% Julia Quinn und ihre Stilistik ist. In der Gesamtsicht ist das Buch aber auch keine Kopie. Zum einen gibt es kleinere Handlungsbögen aus der Serie, die überhaupt keine Berücksichtigung finden. Stichwort Agathas Affäre als Witwe sowie Agatha und Violet in der Zeitebene der "Bridgerton"-Handlung. Vor allem der letztere Aspekt ist aber wirklich gut zu verschmerzen. Das war für mich schon der schwächste Teil der Serie und ihn nun für den Roman gestrichen zu sehen, das hat mich kaum geärgert. Geschichten auf dem Bildschirm und auf den Seiten sind einfach zwei verschiedene Ebenen und ich vermute auch, dass gewisse Handlungsmomente in Romanform noch weniger Sinn ergeben hätte. In dem Sinne wurde eine gute Entscheidung getroffen. Ganz neu ist im Grunde nichts, aber dennoch hat der Roman auch einen großen Mehrwert und das ist der zuvor schon angesprochene innere Monolog. Seien es nun Charlotte und George selbst, aber auch Agatha und Augusta sowie Reynolds und Brimsley, man hat ihnen zu unterschiedlichsten Momenten in den Kopf gucken können und das war ein großer Gewinn. In Serienform haben sich mir die Charakterzüge und die Gedankengänge natürlich auch erschließen können, aber einiges basiert dann doch eher auf Vermutungen oder auf Schlussfolgerungen. Daher sind klar ausgesprochene Gedanken ein zusätzliches Geschenk. Speziell interessant fand ich das bei George, wenn er seine Episoden hatte, oder wenn man so tiefer in Agathas Leben hineinblicken konnte.

Ich finde auch, dass der Roman viel zentraler in den Fokus gerückt hat, dass Charlotte eine dunkle Hautfarbe hat und nicht die bemüht hell gehaltene Haut, die vor allem in der Aristokratie jahrhundertelang von großer Bedeutung war, weil sie auch ausstrahlte, nicht auf dem Feld etc. arbeiten zu müssen und so der Sonne ausgesetzt zu sein. In der Serie ist zwar auch offensichtlich, dass Charlottes Hautfarbe Augusta und den Rat erstmal stutzig macht, aber im Roman wird das alles viel konkreter ausgesprochen und diskutiert. Hier empfand ich das Geschehen also nochmal viel gesellschaftskritischer. Auch später Agathas Kampf um ihren Platz um Ton ist argumentativ so viel dichter gestaltet, weil die Themen wirklich auf den Tisch kommen. Ich habe auch noch einiges über Charlottes altes Leben in Deutschland erfahren, aber auch die Geschwisterschar von George, die in der Serie keine Rolle spielt, wird angesprochen. Man merkt also, es gibt noch einige Details, die ergänzend sehr wertvoll sein können und mein Verständnis von der Geschichte noch einmal erweitert haben.

Fazit: "Queen Charlotte", von Shonda Rhimes und Julia Quinn zusammengetragen, ist auf jeden Fall von Mehrwert. Wer bislang nur die Bücher kennt, der wird sicherlich Quinns typischen Stil etwas vermissen und auch in eine fremder erscheinende Welt eintauchen, aber für Serienfans ist es eine wunderbare Ergänzung, weil vor allem der innere Monolog und einige Details ein vollständigeres Bild ergeben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.06.2023

Ungleichgewicht bei den Perspektiven

Let's be bold
0

Ich habe mich von „Let’s be Wild“ von Nicole Böhm und Anabelle Stehl sehr unterhalten gefühlt, weil es die Vibes von „The Bold Type“, der Serie, sehr gut eingefangen hat und weil auch viele wichtige Themen ...

Ich habe mich von „Let’s be Wild“ von Nicole Böhm und Anabelle Stehl sehr unterhalten gefühlt, weil es die Vibes von „The Bold Type“, der Serie, sehr gut eingefangen hat und weil auch viele wichtige Themen angesprochen wurde. Vielleicht wirkt diese Freundesgruppe etwas idealisiert, weil so viel Verständnis untereinander herrscht, während wir wahrscheinlich alle schon oft genug Zurückweisung erlebt haben, aber für mich steht über allen Dingen das Bemühen aufzurütteln und etwas zu erzählen, was hängen bleibt. Auch wenn mit gleich vier Perspektiven definitiv genug Geschichten noch im Köcher gewesen sind, ich finde es sinnig, dass s gesteuert mit zwei Bänden geendet ist, weil das für einen klaren Plan des Autorinnenduos spricht.

Während ich in Teil 1 noch etwas Probleme hatte, mich in die einzelnen Perspektiven einzufinden, ist das in „Let’s Be Bold“ wahrlich kein Kriterium mehr. Auch die Veröffentlichung zwischen den beiden Bänden lag nicht weit auseinander, aber auch so glaube ich, dass die vier unterschiedlichen Charakterköpfe im Kopf geblieben sind, weswegen man in ihr jeweiliges Leben schnell wieder reinfinden konnte. So gelungen das also ist, so sind mir dafür auch neue Schwächen aufgefallen. Leider. Im ersten Band habe ich nicht hinterfragt, ob die vier Perspektiven wirklich gleichmäßig verteilt waren, es fühlte sich einfach so an. Deswegen habe ich mich auch so schwer getan, einen Liebling zu benennen, weil sie alle gleichberechtigt in den Fokus genommen wurden, so dass ich von allen etwas mitnehmen konnte. Diesmal ist mir aber eine Gewichtung doch deutlicher ins Auge gefallen. Der Star dieses Bandes war ohne Frage Tyler, er war sehr dominant in diesem zweiten Band. Zum Glück nicht unangenehm und ohne Frage war er auch mit einer wichtigen Geschichte verbunden, aber es war auffällig. Nach ihrem Umzug ist Ariana beispielsweise völlig untergetaucht. Beruflich ist sie gar nicht mehr ausgearbeitet worden, letztlich wurde noch der Konflikt rund um ihre Familie geklärt, was auch wichtig war, aber selbst ihre Liebesgeschichte mit Layla war eher völlig nebensächlich.

Shae war nach Tyler sicherlich die Figur, die noch am meisten ausgearbeitet wurde, aber auch hier war ich etwas überrascht, wie sehr sich der Fokus verschoben hat. Auch wenn ich sie und Cam als Paar wirklich feiere, waren ihre Probleme im Bett etwas überraschend. Dazu dann das Drama mit Emily, was auch wichtig war, was aber noch einen großen neuen Fokus auf ihre Familie richtet, und schwupps kam auch hier das Berufliche sehr kurz. Da Shae mit dem Magazin eine neue wichtige Aufgabe zugeteilt bekommen hat, hätte ich mir eigentlich mehr gewünscht, dass es wie im ersten Band gelingt, wichtige Themen mit dem Job zu verknüpfen und so auch für Öffentlichkeit relevanter zu machen. Insgesamt trifft es wohl das Zwischenfazit sehr gut, dass die Agentur kaum noch eine wichtige Rolle im zweiten Band dargestellt hat, es ging mehr um das Privatleben. Das macht den zweiten Band nicht schlecht zum Lesen, das wäre auch völlig übertrieben, aber wenn man den ersten Band im Hinterkopf hat und unweigerlich Erwartungen entstanden sind, dann denkt man über diese Mängel nach und das nimmt dem Leseprozess automatisch etwas Unbeschwertes. Auch bei Evie kann man das nochmal sehen, die sich auf Platz 3 der Berücksichtigung befindet. Wir haben noch da tolle Shooting im Tanzstudio, aber dann ist auch der Job bei Evie unwichtig. Auch die Familie spielt groß keine Rolle mehr, Marian erleben wir über Tyler, stattdessen haben wir mit Casey eine neue Figur, die zwar sehr sympathisch ist und die perfekt ist, um Evies Sorgen auf den Grund zu gehen, aber auch hier kam alles anders als erhofft.

Abschließend will ich noch was zu den Themen und allgemeinen Eindrücken sagen. Zunächst bleibt einfach der Zusammenhalt wichtig. Ich fand es auch gut, dass so eher absurde Szenen wie mit der Grillzange eingebaut wurden, denn da hatte ich „The Bold Type“ sofort vor Augen. Das waren immer herrliche Momente und die haben auch dieser Buchreihe gut getan, weil sie das Verhältnis untereinander betont haben. Es war wirklich eine tolle Freundesgruppe, die sich immer weiter ausgedehnt hat und überall wirklich tolle Charaktere, die man gerne auch im echten Leben kennenlernen würde. Bei den Themen gibt es auch eine breite Streuung und ich fand vor allem Tyler, der als Mann mit den Nachwirkungen von sexueller Belästigung zu kämpfen hat und Evie, die noch mit fast 30 als Jungfrau gegen Vorurteile ankämpft, sehr gut rausgearbeitet, auch weil wir es zu selten in der Literatur lesen. Das hat mir wieder gezeigt, dass Böhm und Stehl sich ein klares Ziel gesetzt hat, eben dorthin zu gehen, wovor andere sich scheuen, und damit etwas auszusenden. Das ist 1000% bei mir angekommen!

Fazit: Ich habe die vierköpfige Freundesgruppe, die von Nicole Böhm und Anabelle Stehl geschaffen wurde, wirklich sehr genossen und habe mich auch erneut an den Themen und dem Zusammenhalt begeistern lassen können. Dennoch sind die Erwartungen diesmal ein Problem, denn zum einen waren die Perspektiven nicht mehr gleich verteilt und zum anderen ist der Fokus ganz anders als noch in Band 1 gelegt worden, Stichwort Agentur, das hat mich doch manchmal mehr irritiert, als ich eigentlich wollte. Gut, aber es hätte noch viel besser sein können.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere