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Veröffentlicht am 06.10.2025

Mutige Frauengeschichte

Atmosphere
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Auch wenn ich beileibe noch nicht alles von Taylor Jenkins Reid gelesen habe, so habe ich sie mit allen Neuerscheinungen immer auf dem Schirm. Selbst wenn stilistisch immer etwas sehr Typisches für die ...

Auch wenn ich beileibe noch nicht alles von Taylor Jenkins Reid gelesen habe, so habe ich sie mit allen Neuerscheinungen immer auf dem Schirm. Selbst wenn stilistisch immer etwas sehr Typisches für die Autorin zu erkennen ist, so finde ich umgekehrt, dass sie mit ihren Geschichten immer etwas sehr Spezielles erzählt, sodass jedes für sich unverwechselbar ist.

Das gilt auch extrem für „Atmosphere“. Entweder Reid probiert sich über die Art aus, wie sie etwas erzählt, Stichwort „Daisy Jones and the Six“, oder aber sie erschafft Welten, in denen kämpferische Frauenfiguren ihren Weg finden müssen. „Atmosphere“ hat mich sehr an den oscarprämierten Film „Hidden Figures“ erinnert, aber quasi als Nachfolger. Im Film wurde die leider eher unbekannte Geschichte von drei Schwarzen Frauen erzählt, die in den 1950er und 1960er Jahren für die NASA gearbeitet haben. Reid wiederum verlegt ihr Geschehen in den 1980er, also auf jeden Fall 20 Jahre später. Hier haben wir es mit einer komplett fiktionalisierten Geschichte zu tun, wenn es historisch auch korrekt ist, dass in den 80ern immer mehr Frauen Teil von Space-Programmen wurde. Sie wurden nur nie so berühmt wie ihre männlichen Gegenstücke. Aber „Atmosphere“ zeigt für mich auch deutlich auf, dass es nie darum ging, die Ersten für etwas zu sein, sondern sich die eigenen Träume zu erfüllen.

Ich habe mich informiert, dass Reid für ihr insgesamt schon neuntes Buch viel Recherche betrieben hat und das ist dem Buch auf jeden Fall anzumerken. Auch wenn ich wahrlich keine Expertin bin, aber da wird bereits mit der Beschreibung einer Katastrophensituation in den Roman starten, war ich sofort drin. Auch später gibt es viele Beschreibungen, die man nicht einfach aus dem Ärmel schütteln könnte. Dementsprechend war Reid hier sehr bemüht, alles so getreu wie möglich abzubilden. Ich finde auch, dass ihre Beschreibungen bei mir echtes Kopfkino ausgelöst haben. Sicherlich hat auch geholfen, dass ich „Atmosphere“ als Hörbuch hatte und Sandra Voss mich als hauptsächliche Stimme von Joan durch das Geschehen geleitet hat. Sie hat eine Portion Emotionalität in die besonders dramatischen Momente eingebracht, die die Bilder im Kopf sicherlich befeuert hat. In jedem Fall ist das Astronauten-Dasein eine gute Wahl gewesen, weil wirklich nur ein sehr kleiner Anteil von Menschen überhaupt daran beteiligt ist (mal sehen, wie das mit dem Raumtourismus durch Bezos, Musk und Co. noch weitergeht) und weil es daher auch einfach spannend ist, in diese Welt einzutauchen. Wir bekommen auch echt viel geboten. Neben diesem dramatischen Einsatz, der die Geschichte rahmt, ist es auch Joans Ausbildung und das habe ich gerne mitverfolgt.

Das Buch ist aber auch nicht einfach nur eine Astronautengeschichte, weil es um Joan Goodwin mit allen Facetten ihres Lebens geht. Genau das ist auch der Teil, der mich am meisten an Reids Stilistik erinnert hat. Neben ihrem irgendwann entflammten Traum, Astronautin zu werden, ist Joan mitten in einer komplexen Familiensituation, weil ihre Schwester ungeplant schwanger wird, doch im Grunde hätte Joan das Kind auch selbst zur Welt bringen können, weil sie schnell wie die Ersatzmutter agieren muss. Dann haben wir noch Joans sexuelles Erwachen als zweiten großen Schwerpunkt. Joan wirkt durch manche Dinge manchmal etwas naiv, weil sie alt genug ist, um eigentlich schon über andere mehr mitbekommen zu haben, aber es passte für mich ganz gut in die 80er, die mit uns heute, 40 Jahre später, nicht zu vergleichen sind. Gerade die Familiengeschichte ist auch etwas, bei der ich gut nachvollziehen konnte, warum Joan da so blind agiert, weil die eigenen Familienmitglieder diese blinden Flicken gut provozieren können. Aber es war auch großartig, wie alle drei Themenkomplexe immer wieder ineinandergegriffen haben. Es hat mir insgesamt auch gezeigt, dass eine Liebesgeschichte nicht immer alles ist. Überzeugende Charaktergeschichten muss man über ein Gesamtkonstrukt rüberbringen und das war hier definitiv der Fall.

Warum ich jetzt letztlich nicht zu fünf Sternen greife, das liegt vielleicht etwas darin begründet, dass für mich das Tempo der Handlung nicht immer stimmte. Reid wollte einen längeren Zeitraum erzählen, was auch absolut richtig war. Aber es war für mich zu sehr im Ungleichgewicht, wo sie wie viel Zeit aufgewendet hat. Gerade im ersten Drittel gab es Stellen, die etwas kürzer hätten sein können, während es am Ende übertrieben schnell ging. Ich hätte keinesfalls verlangt, die Handlung grundsätzlich länger zu gestalten, nein, es war gewichtig genug, aber das Verhältnis untereinander, das war ausbauwürdig.

Fazit: Reid hat mich wieder gepackt bekommen, weil auch „Atmosphere“ eine dichte Erzählung ist, die mit vielen Facetten überzeugt. So mag ich mutige und individuelle Frauengeschichten am liebsten. Auch wenn die erzählten Zeiten gemischt mit Zeitsprüngen besser hätten ausbalanciert werden können, ist es eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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Veröffentlicht am 30.09.2025

Von Außenseitern zu Helden

Heart of the Damned – Ihr Versprechen ist sein Untergang
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Ich fange wirklich viele Rezensionen damit an, wie viele deutsche Autoren ich mit schönen Covern schon im Auge behalten habe, aber konkret gelesen habe ich von ihnen bis zum berühmten Buch X nichts. Bei ...

Ich fange wirklich viele Rezensionen damit an, wie viele deutsche Autoren ich mit schönen Covern schon im Auge behalten habe, aber konkret gelesen habe ich von ihnen bis zum berühmten Buch X nichts. Bei Julia Pauss gilt das ebenfalls. Ich habe ihre anderen Bücher schon wahrgenommen, aber das Cover für ihre erste Romantasy „Heart of the Damned“ hat einfach nochmal richtig rausgestochen, sodass ich zugegriffen habe.

Ich habe den Auftakt der Dilogie als Hörbuch gehabt. Während ich Rebecca Veil schon öfters gehört habe und ihre Stimme auch sehr angenehm empfinde, muss ich nun schon zum zweiten Mal sagen, dass Fynn Engelkes als Hörbuchsprecher, gerade für romantische Inhalte, für mich nicht funktioniert. Es ist das zweite Mal nach „Foul Play“ von Laura Willud, dass ich ihn im Ohr habe und auch dort habe ich mich schon kritisch geäußert. Hauptknackpunkt ist für mich, wie Engelkes alle andere Charaktere intoniert, außer die Rolle, die er konkret darstellt. Das wirkt so künstlich und vor allem für die weiblichen Charaktere. Es war schon verrückt, wenn ich gerade Veil als Scarlett im Ohr hatte, dann wechselt die Perspektive und Engelkes gibt den Passagen der Figur etwas mit, was überhaupt nicht übereinstimmt und was wie eine Persiflage wirkt. Zum Glück waren die intensivsten Szenen alle aus Scarletts Sicht geschrieben, aber es gab genug Momente, in denen mich über die Art des Erzählens geärgert habe und dadurch den Faden beim Hören verloren habe. Das muss einfach nicht sein. Die Stimme funktioniert bei dieser Art von Geschichten für mich einfach nicht.

Kommen wir jetzt aber zum Inhalt. Romantasy hatte ich dieses Jahr noch nicht viel, dementsprechend hat mich das auf jeden Fall gereizt, aber ich fand es auch cool, weil der Markt sonst eher international in dem Genre besetzt ist, wir aber jetzt hier eine deutschsprachige Autorin haben. Ich kann auch gleich sagen, dass mich der Inhalt und die Aussicht, dass es in zwei Bänden über die Ziellinie kommen wird, sehr überzeugt. Denn das Tempo ist durchgängig hoch. Der Cliffhanger sitzt perfekt und es ist jetzt schon klar, dass genug Potenzial für einen zweiten Band da ist, ohne dass wir aber die Längen eines Zwischenbandes vermuten müssen. Das macht mich echt etwas aufgeregt. Auch wenn im Bereich Romantasy sicherlich viele Parallelen zu entdecken sind, so finde ich die ‚Zwangsehe‘ hier als Trope mit Scarletts Fähigkeiten extrem spannend. Der Anfang hat dadurch gleich mit Ausrufezeichen gearbeitet und wir sind schnell an einem Punkt gewesen, an dem man am Haken war.

Was ich aber als Kritik an dieser Stelle zwischen schieben möchte, das ist das World Building. Das ist für mich eigentlich immer der Aspekt, der zwischen fünf und vier Sternen unterscheidet, wenn ansonsten alles stimmt. Ich habe keine große Vorstellungskraft, gerade bei Fantasy brauche ich Hilfestellung. Ich brauche keinesfalls eine runtergebetete Einführung, aber ich profitiere auf jeden Fall davon, wenn relativ früh immer wieder was eingebunden wird, um mir die Welt sortieren zu können. Natürlich gibt es auch immer das Hindernis, dass man Enthüllungen haben möchte und darf als Autor dann an dieser Stelle nicht zu früh preisgeben. Es ist also ein Spagat, aber hier fand ich es insgesamt recht wenig. Ich habe die Welt für mich als relativ simpel abgespeichert und trotzdem hatte ich diverse Fragen im Kopf, wie wohl was wie passiert ist, was sind die Grenzen etc. In den Büchern hat man oft auch Landkarten, vielleicht sogar ein Glossar, was bei Hörbüchern so nie ideal abgebildet werden kann. Aber das war für mich eine Bewertungsaspekt, der mich neben der männlichen Hörbuchstimme auch beschäftigt hat.

Kommen wir nun aber wieder zurück zu dem, was funktioniert. Ich fand es gut, dass es relativ wenig Figuren insgesamt gab. Das war leichter zu sortieren und es hat dennoch gereicht, um die Handlung spannend zu gestalten. Auch die verschiedenen Arten von Beziehungen kam zur Geltung. Von Beziehungen mit vielen Vorurteilen, die sich positiver entwickeln, umgekehrt gefestigte Beziehungen, die Risse bekommen. Sofortige Seelenverwandtschaft. Es gab da viele Schichten. Scarlett und Ren funktionieren für mich auch als Helden der Geschichte. Scarlett als eher Antagonistin eingeführt, die aber ein Heldensein in sich hat, das immer wieder rausgekitzelt wird und umgekehrt Ren, den wir durch Scarletts Augen eigentlich eher suspekt betrachten, der aber aufgrund seiner Liebe für seine Heimat und sein Verantwortungsgefühl etwas anrührt. Mir hat auch das Miteinander sehr gut gefallen und dass beide jeweils für sich ihre großen Momente hatten, ohne sich immer gegenseitig retten zu müssen. Beide sind stark für sich und das zieht sie untereinander wohl auch an. Wie gesagt, es endet alles wirklich ideal. Es hat sich so viel aufgebaut und die Geschichte hat mit vielen verschiedenen Arten von Antagonisten gearbeitet. Die unsichtbaren, die Feinde in einem selbst und am Ende dann eben jemand, der sicherlich viel den zweiten Band dominieren wird. Dazu die ganzen Geheimnisse. Hier hat mich genug bei der Stange gehalten und ich bin sehr sicher, dass der zweite Band das auffangen wird, was hier initiiert wurde.

Fazit: „Heart of the Damned“ von Julia Pauss hat mich insgesamt auf jeden Fall überzeugt. Das World Building ist vielleicht etwas knapp und bei der Hörbuchversion hat mich die männliche Stimme etwas vertrieben, aber rein inhaltlich habe ich charakterlich, von den Wendungen und der Spannung her viel geboten bekommen. Das Niveau wird im Abschluss sicherlich bestätigt werden.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Rousseaus vs. Ellis

Variation – Für immer oder nie
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Während ich bei Rebecca Yarros‘ Fantasyreihe rund um die Drachenreiter noch nicht vorangekommen bin, so sind mir ihre Romance-Bücher doch immer wieder gerne untergekommen, weil sie einiges auspackt an ...

Während ich bei Rebecca Yarros‘ Fantasyreihe rund um die Drachenreiter noch nicht vorangekommen bin, so sind mir ihre Romance-Bücher doch immer wieder gerne untergekommen, weil sie einiges auspackt an Drama und Intensität.

Ich war auf „Variation“ sehr gespannt, auch weil der Titel bereits sehr auf den Inhalt anspielt, denn es spielt zum großen Teil in der Ballett-Welt. Ich mag dieses Setting richtig gerne, weswegen ich beispielsweise bei der Reihe von Anna Savas immer mal gemeckert habe, weil Ballett da auch schon mal untergegangen ist. Hier war das keinesfalls so, denn die Rousseau-Schwestern, ihre Mutter und wie alle in der Ballett-Welt ihre Bestimmung suchen, das ist ein großer Schwerpunkt. Es werden in der Company die schlechten Seiten gut herausgearbeitet, genauso wird aber beleuchtet, was einen zum Tanzen verführt. Es ist also die Einbettung eines Themas, wie ich es am liebsten habe. Weder schwarz, noch weiß, einfach herrlich grau.

Umgekehrt hatte das zur Folge, dass für mich die Rousseaus sehr viel dominanter waren als die Familie Ellis, also vom männlichen Protagonisten Hudson alle Verwandten. Gerade am Anfang war eher er als Rettungsschwimmer dominanter, aber dann hat sich die Handlung im völligen Ungleichgewicht entwickelt. Wir haben regelrechte Phasen, in denen ein Kapitel nach dem anderen von Allie rausgehauen wird. Auch wenn ihre Seite immer interessant war, aber ich hatte sofort Fragezeichen, was ist gerade bei Hudson los, was fühlt er? Wenn ich beide Perspektiven habe, dann muss es sich auch einfach gerecht anfühlen und das war hier leider nicht der Fall. Zumal dann Hudson einfach zu einer Randfigur verkommt, was er nicht verdient hat, weil es die Geschichte von beiden sein sollte. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Fragen zu Juniper, aber auch zu Gavin als Bruder sich gar nicht richtig entwickeln konnten, geschweige denn dass es überhaupt Antworten gab. Gerade Juniper bringt die ganze Handlung überhaupt in den Gang, wirkt für Alter auch schon extrem reif, nur um dann nur noch eine Rolle zu sein, um die sich alles dreht, aber eigentlich auch gar nicht.

So sehr in der Ballett-Welt alles stimmte, so mehr habe ich gleichzeitig auch gemerkt, dass „Variation“ sich in der Liste der Standalones erstmal hinten einreihen muss. Ich habe zum Lesen schon unglaublich lange gebraucht, weil der Funke zu keiner Zeit restlos überspringen wollte. Es gab im Alltag immer Wichtigeres und das spricht nicht für das Buch. Endgültig klar wurde mir mein Urteil dann im hinteren Teil, als ich immer mehr auch dachte, gewisse Aspekte einfach nicht zu verstehen. Yarros hat einige Themen sehr ominös beschrieben, um Rätsel aufzugeben. Aber auch das passte für mich nicht in die Handlung, weil das Buch in der Art auch mit offenen Karten funktioniert hätte. So hatte ich eher den Eindruck, ich habe was verpasst, nur um dann ganz spät durchzublicken. Wenn man es wie ich gewöhnt ist, bei Yarros mehr zu fühlen als zu denken, dann war das echt Kontrastprogramm. Eine völlige Enttäuschung ist „Variation“ damit aber nicht. Es gab durchaus sehr schöne Stellen. Das ganze Ausflugwochenende war toll und es gab auch zwischendurch genug Sequenzen, die stimmten, sogar auch außerhalb des Liebespaares. Aber es war für die vielen Seiten insgesamt zu wenig.

Fazit: „Variation“ hat für mich den Funken nicht ausgelöst. Leider. Ich habe zwar zwischendurch durchaus Highlights bekommen, aber das große Korsett stimmte nicht. Die Handlung hat sich zu sehr in Einseitigkeiten verloren und mich dadurch nicht mehr mit allem mitreißen können.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Weihnachten mit der Lupe zu suchen

Good Spirits
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In den Supermärkten tauchen schon die Weihnachtssüßigkeiten auf, die neue Adventskalenderideen sind überall zu entdecken und trotz all dieser Vorboten ist es für mich im September doch eigentlich noch ...

In den Supermärkten tauchen schon die Weihnachtssüßigkeiten auf, die neue Adventskalenderideen sind überall zu entdecken und trotz all dieser Vorboten ist es für mich im September doch eigentlich noch etwas früh für Weihnachtsgedanken. Dennoch hat mich „Good Spirits“ angezogen, vielleicht weil mich das Cover an einem kalten Tag erwischt hat, denn ich war sofort interessiert. Die Autorin, B. K. Borison, ist in Deutschland auch keine Unbekannte. Ihre Cover habe ich öfters schon mal gesehen, gelesen habe ich bislang aber noch nichts von ihr. Aber mit so einem weihnachtlichen Standalone kann man ja nichts falsch machen.

Ich habe „Good Spirits“ als Hörbuch gehabt und bin dadurch von Martha Kindermann und Tobias Zorn durch die Geschichte geleitet worden. Gegen beide Stimmen hatte ich nichts, auch weil sie das reifere Alter von Nolan und Harriet für mich gut verkörpert haben. Dementsprechend ging der Hörgenuss mit den Stimmen im Ohr sehr flott und angenehm. Dieser Aspekt war also gut, aber inhaltlich muss ich einfach sagen, dass ich aufgrund des Covers und des Klappentextes wohl Erwartungen aufgebaut habe, die einfach nicht eingehalten werden konnten. Eine Liebesgeschichte habe ich erwartet und auch bekommen. Aber wegen der Geist-Thematik, die etwas Übernatürliches hat und der Weihnachtszeit habe ich so eine typische RomCom erwartet, die alle Klischees erfüllt und mich Ende September schon wie ein Weihnachtsgeist einfängt. Ich fand aber, dass es wenig Weihnachten gab und dazu auch wenig Humor.

Es gab sicherlich Momente, die zum Lachen einladen sollten, gerade bei den ersten Begegnungen, aber so vom Lesen kam der Spaß einfach nicht rüber, auch weil Nolan als heimsuchender Geist erstmal nicht so sympathisch rüberkommt. Er wirkt wirklich eher wie das Spukgespenst zu Halloween, dementsprechend ist er schon der Erste, der die erhoffte Stimmung zerstört. Relativ schnell hatte ich auch das Gefühl, dass die Liebesgeschichte extrem schnell vorangetrieben wird und dann noch gepaart mit expliziten Szenen, die ebenfalls viel Erzählzeit eingenommen haben. Das wird vermutlich generell dem Stil von Borison entsprechen und ich finde es in Weihnachtsgeschichten auch nicht fehl am Platz, aber die Mischung macht es. Umgekehrt positiv ist, dass die Erinnerungen in Harriets Leben helfen herauszufinden, was ihre Geschichte ist, was alles schief gelaufen ist, warum sie ist, wie sie ist und was möglicherweise Lösungen für sie sind. Das hatte durchaus viel Tiefgang. Ihre Familiengeschichte war authentisch, wenn auch nicht schön, aber man hat da mitfühlen können.

Dann wären wir noch bei Weihnachten. Ja, es spielt in der Adventszeit. Ja, Zuckerstangen spielen eine extrem dominante Rolle, aber das war es auch schon. Das Herausfinden, was Harriet angeblich Böses getan hat, hat sehr viel Raum eingenommen und dann schließlich die Liebesgeschichte und so hätte die Handlung eigentlich egal wann spielen können. An Weihnachten muss Weihnachten auch wichtig sein. Natürlich kann man argumentieren, dass letztlich Weihnachten-typische Botschaften rübergekommen sind, aber das gilt für viele Liebesgeschichten, dementsprechend war mir das zu wenig.

Fazit: „Good Spirits“ sollte die Chance bekommen, mich als erstes Buch der Saison auf Weihnachten einzustimmen, aber da sind meine Erwartungen völlig am letztlichen Ergebnis vorbeigegangen. Die Geschichte hatte durchaus Tiefgang und auch die Themenauswahl gefiel mir, aber es war zu wenig Humor, zu wenig Weihnachten und ein Aufbau einer Liebesgeschichte, die mir zu schnell ging. Da bleibe ich doch lieber erstmal in Herbststimmung.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Schmerzhaftes Mitfühlen

Lost Girls − Breathing for the First Time
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Nikola Hotel gehört zu den deutschen Autoren, deren Bücher ich schon echt oft gesehen habe, aber ich habe mich angesichts des Überangebots noch nicht näher mit ihr beschäftigt. Jetzt kam mir der erste ...

Nikola Hotel gehört zu den deutschen Autoren, deren Bücher ich schon echt oft gesehen habe, aber ich habe mich angesichts des Überangebots noch nicht näher mit ihr beschäftigt. Jetzt kam mir der erste Band der neuen Reihe „Lost Girls“ als Hörbuch vor die Nase. Die ganze Farbgestaltung ist herrlich intensiv, sodass ich gleich angezogen war. Aber auch der Klappentext hat neugierig gemacht, sodass ich gleich an Antonia Wesseling denken musste, die ich ebenfalls dieses Jahr für mich entdeckt habe und die sich einer Liebesgeschichte auch nicht einfach nur gemütlich gewidmet hat, sondern mit einer Thematik, die richtig nachdenklich macht.

Wesseling hatte sich in „Loverboy“ mit der gleichnamigen Betrugsmasche beschäftigt, Hotel wiederum gibt hier sehr intensive Einblicke in eine Beziehung mit schlimmem häuslichem Missbrauch. Hier war eine Triggerwarnung wirklich extrem nötig, denn große Teile bilden diese Beziehung ab. Ich muss auch sagen, dass es durch das Hörbuch auch eine ganz andere Dynamik für mich hatte. Beim Lesen bin ich darauf angewiesen, was bei mir alles im Kopf ausgelöst wird, was konkrete Bilder verursacht, was einfach nur Gefühle erweckt etc. Aber beim Hörbuch kommt ein gewaltiger Unterschied hinzu, denn die Erzählstimmen können zusätzlich etwas verursachen. Hier haben wir mit Dagmar Bittner, die für uns zu Darcy wird und sie hat es eindeutig geschafft, dass ich wirklich oft sehr gelitten haben. Es gab wirklich bedrohliche Szenen, in denen regelrecht mein Stresspegel nach oben schoss. Dann wiederum gab es einfach Gedankenspiralen, die mir für Darcy so weh taten. Also wirklich, das Hörbuch hat für mich dieses Buch intensiver gemacht, ich kann mir aber umgekehrt vorstellen, wenn man sich angesichts der Thematik ohnehin schon unsicher ist, dass man lieber per Lesen reinschnuppert.

Wohl jeder hat in seinem Umfeld wohl schon mal eine Beziehung erlebt, die einen sofort an Toxik denken lassen. Es gibt da viele Stufen, es ist auch nicht immer einseitig, aber man merkt immer wieder, wie wenig Einfluss man von außen nehmen kann, weil da Prozesse ablaufen, in denen man nur abwarten kann, bis die betroffene Person hilfesuchend die Hand ausstreckt. Es ist ähnlich wie Suchtverhalten, aber dennoch anders, aber jedenfalls einfach ein Thema, was einen mitnimmt, unweigerlich. Dementsprechend erstmal Hut ab für die Autorin, die hier den Mut hat, häuslichen Missbrauch nicht nur als kleine Ausgangsgeschichte für eine zweite, gesunde Liebesgeschichte einzuweben, sondern sie im Grunde zum zentralen Thema macht. Ich fand die Figurengestaltung unglaublich intensiv. Selbst Jason als Antagonist war richtig, richtig stark gemacht, weil er mich echt das Schrecken gelehrt hat. Es war schon intensiv, seine ganzen Verhaltensweisen zu interpretieren und miteinander zu verbinden. Das Perfide seiner Taten, seine ganzen Methoden, alles extrem erschreckend. Dieses Buch hätte nicht funktioniert, wenn Jason als Antagonist nicht so stark gewesen wäre. Es ist gut, ihn richtig hassen zu können.

Darcy wiederum hat meine große Bewunderung bekommen. Es ist schwierig, so eine Figur zu gestalten. Denn auf der einen Seite ist klar, dass Szenen passieren werden, wo wenig Verständnis vorhanden sein wird. Aber gleichzeitig und damit auf der anderen Seite hatte sie mich schnell am Haken, weil sie so mutig ist. Es gab auch immer wieder Momente, in denen man gemerkt hat, wie sie in Muster fiel und auch das war überzeugend. Nachdem Darcy sich einmal für sich entschieden hat, gab es dennoch Rückfälle und das war so realistisch. Das echte Leben, aber auch genug ähnliche Geschichten aus Serien und Filmen zeigen, wie echt Hotel es hier gelungen ist, diese Beziehung zu gestalten. Und weil es echt ist, kommt es auch so krass intensiv an. Letztlich haben wir auch Hoffnungsschimmer in dieser Geschichte und das ist für mich vor allem Ellis als Gegengewicht zu Jason. Es war einfach so gut, dass er so anders war. Es war leicht, diese zwei Seiten zu sehen und so auch aufgezeigt bekommen, wie unterschiedlich man als Partner sein kann. Gleichzeitig fand ich es auch wichtig, dass Darcys spätere Freundschaften so viel Raum eingenommen haben. Blake werden wir in Band 2 ohnehin nochmal intensiver kennenlernen. Aber auch insgesamt fand ich es gut, dass Ellis nur eine Figur von mehreren ist und generell der Wert eines wichtigen sozialen Netzwerks um einen herum betont wurden. Ich kann hier wirklich an nichts meckern. Ich bin durchgerast mit Hören und war absolut mitgenommen, in jeder Sekunde.

Fazit: Nikola Hotel hat jetzt erst relativ spät eine Chance von mir erhalten, aber besser spät als nie, denn „Lost Girls – Breathing for the first Time“ war eine echte Entdeckung. Das Thema ist gewagt und wenn man einmal den Sprung ins kalte Wasser wagt, dann muss man es auch konsequent durchziehen und das hat Hotel für mich gemacht. Häusliche Gewalt ist hier der Hauptprotagonist und man muss das für sich natürlich abwägen, aber wenn man sich darauf einlässt, dann ist das ganze Thema extrem genial und intensiv aufgemacht. Hut ab vor dieser Leistung!

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