Profilbild von milkysilvermoon

milkysilvermoon

Lesejury Star
offline

milkysilvermoon ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit milkysilvermoon über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.03.2026

Wenn die Zeit zum Stillstand kommt

Real Americans
0

Silvester im Jahr 1999 in New York City: Die 22-jährige Lily Chen, die Tochter der chinesischen Einwanderer May und Charles, arbeitet nach ihrem Studium in Manhattan als unbezahlte Praktikantin in einem ...

Silvester im Jahr 1999 in New York City: Die 22-jährige Lily Chen, die Tochter der chinesischen Einwanderer May und Charles, arbeitet nach ihrem Studium in Manhattan als unbezahlte Praktikantin in einem Medienunternehmen. Bei einer Firmenfeier lernt sie zufällig Matthew (27) kennen. Er ist attraktiv und charmant. Was er Lily zunächst nicht sagt: Er ist Erbe des Pharmaimperiums Maier. Doch trotz ihrer Unterschiedlichkeit finden beide zusammen. 21 Jahre später lebt Lily mit ihrem Sohn Nick zurückgezogen auf einer Insel - ohne Matthew. Was ist geschehen?

„Real Americans“ ist ein Roman von Rachel Khong.

Die Geschichte umfasst 54 Kapitel, die sich auf drei Teile erstrecken. Letztere sind aus der Perspektive von drei verschiedenen Protagonisten erzählt, beginnend mit Lily. Die Handlung spielt vorwiegend, aber nicht nur in den USA und China. Dabei umspannt die Geschichte die Zeit der 1960er-Jahre bis 2030, also ungefähr sieben Jahrzehnte.

Zwei Frauen und ein Mann sind die zentralen Figuren des Romans: die drei Generationen der Familie Chen. Es sind Großmutter, Tochter und Enkel. Insbesondere den zwei Frauen kommen wir nahe. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr deutlich und sind nachvollziehbar. Aber auch Enkelsohn Nick wird mit psychologischer Tiefe und Authentizität gezeichnet.

In der Geschichte stecken mehr als eine Handvoll Themen. Es geht um Herkunft, Identität, Zugehörigkeit, Rassismus, Klassizismus, Integrität, Ethik, Sinnsuche und Migration. Dabei wird vor allem eine Frage aufgeworfen: Was macht uns zu dem, was wir sind? In diesem Zusammenhang wird einerseits der Einfluss der Familie beleuchtet: in soziologischer und biologischer Hinsicht. Andererseits spielt die Nationalität ebenfalls eine Rolle: Ab wann darf man sich als „echter Amerikaner“ bezeichnen?

Als bereichernd habe ich empfunden, etwas über Maos Kulturrevolution zu lesen. Kritisch setzt sich der Roman auch mit dem „American Way of Life“, dem „American Dream“ und kapitalistischen Auswüchsen auseinander.

Auf den mehr als 500 Seiten ist die Geschichte unterhaltsam und kommt größtenteils ohne Längen und Redundanzen aus. Zwar beinhaltet die Handlung ein, zwei übernatürliche Elemente und wirkt zum Teil ein wenig konstruiert. Das hat mein Lesevergnügen jedoch kaum geschmälert.

Die Sprache des Romans ist anschaulich und angenehm lesbar, zwar nicht hochliterarisch, aber auch nicht zu plump. Die deutsche Übersetzung von Tobias Schnettler ist äußerst solide und nur an wenigen Stellen etwas holprig.

Das deutsche Covermotiv mit der stilisierten Auster wirkt edel und sehr ansprechend. Tatsächlich passt es auch aus inhaltlicher Sicht gut zum Roman. Der Titel ist aus dem amerikanischen Original übernommen.

Mein Fazit:
„Real Americans“ von Rachel Khong ist ein vielseitiger, kurzweiliger und aufschlussreicher Roman, der zudem einen hohen Unterhaltungswert hat. Definitiv lesenswert!

Veröffentlicht am 22.03.2026

Sichtbare und unsichtbare Narben

Das schönste aller Leben
0

Ihre ersten Lebensjahre verbringt Vio, eigentlich Viola, im rumänischen Teil des Banats. Doch nach dem Sturz der Diktatur flieht sie im Jahr 1990 als Sechsjährige mit ihrer Mutter Rosalie, Vater Franz, ...

Ihre ersten Lebensjahre verbringt Vio, eigentlich Viola, im rumänischen Teil des Banats. Doch nach dem Sturz der Diktatur flieht sie im Jahr 1990 als Sechsjährige mit ihrer Mutter Rosalie, Vater Franz, Großmutter Margarethe und ihrem Großvater nach Deutschland. Obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist, fällt es ihr nicht leicht, sich anzupassen und mit den Hiesigen mithalten zu können. Zudem sind die Erwartungen ihrer Eltern sehr hoch. Dennoch kämpft sie sich durch. Als junge Mutter gerät ihre Welt erneut ins Wanken: Nach einem Unfall trägt ihre zweijährige Tochter Sophie Narben davon. Wie soll ihr Kind mit diesem Makel ein glückliches Leben führen können? Dass Schönheit allerdings auch ihre Schattenseiten hat, muss Theresia Meininger in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfahren: Sie wird von Wien ins Banat verschleppt…

„Das schönste aller Leben“ ist der Debütroman von Betty Boras.

Eingeleitet mit einem Prolog, setzt sich der Roman aus kurzen Kapiteln zusammen. Erzählt wird auf drei zeitlichen Ebenen und aus mehreren Perspektiven. Dazu gehört auch eine ungewöhnliche Perspektive: die der „Banater Erde“.

Dass der Roman autofiktionale Elemente enthält, ist vor allem bei der Figur Vio ersichtlich. Sie wird mit viel psychologischer Komplexität und äußerst authentisch dargestellt. Ihre Gedanken und Gefühle lassen sich hervorragend nachvollziehen, ihr Verhalten ist durchweg stimmig. Auch die übrigen Charaktere werden lebensnah gezeichnet.

Auf der inhaltlichen Ebene beinhaltet die Geschichte drei zentrale Themenbereiche: Schönheit(sideale), Herkunft/Heimat und Mutterschaft. Dabei streift der Roman auch die Frage nach Identität, die Rolle von Migration und die Definition eines selbstbestimmten Lebens. Die Mischung verleiht ihm einen Facettenreichtum, ohne die Kapitel zu überfrachten. Immer wieder geht die Geschichte in die Tiefe, regt zum Nachdenken an und setzt feministische Impulse.

Auf den nur etwas mehr 230 Seiten kommt der Text ganz ohne Längen und Redundanzen aus. Die Handlung bietet einen Unterhaltungswert und immer wieder berührende Momente. Die Geschichte bleibt bis zum Schluss glaubwürdig. Interessante historische Details fügen sich auf harmonische Weise ein.

Überzeugt hat mich auch die sprachliche Varianz der verschiedenen Perspektiven. Mal wirkt der Text fast poetisch, mal schnörkellos, aber immer eindringlich.

Das Covermotiv ist nicht nur hübsch, sondern mit der Spiegelung, die für einen Bruch sorgt, auch sehr durchdacht. Die Darstellung der Banater Landschaft ist thematisch äußerst passend. Auch der Titel ist eine gute Wahl.

Mein Fazit:
„Das schönste aller Leben“ ist ein gelungener und unbedingt empfehlenswerter Roman. Nach ihrem vielversprechenden Debüt ist zu hoffen, dass wir in Zukunft mehr von Betty Boras lesen dürfen. Ein Highlight im Frühjahr 2025!

Veröffentlicht am 21.03.2026

Das Licht in allen Dingen

Tage des Lichts
0

Ostersonntag im Jahr 1938 auf dem Landsitz Cressingdon in der englischen Grafschaft Sussex: Ivy, jüngstes Mitglied einer angesehenen Familie von Künstlern, ist 19 Jahre alt und unschlüssig, was sie mit ...

Ostersonntag im Jahr 1938 auf dem Landsitz Cressingdon in der englischen Grafschaft Sussex: Ivy, jüngstes Mitglied einer angesehenen Familie von Künstlern, ist 19 Jahre alt und unschlüssig, was sie mit ihrer Zukunft anfangen soll, als ein dramatisches Erlebnis passiert. Ihr älterer Bruder Joseph, der der Familie gerade erst seine Freundin Frances vorgestellt hat, ertrinkt beim gemeinsamen Baden mit Ivy in einem Fluss. Ein Vorfall, der sie ihr ganzes Leben beschäftigen wird…

„Tage des Lichts“ ist ein Roman von Megan Hunter.

Die ungewöhnliche Struktur des Romans ist sehr durchdacht: Erzählt wird die Geschichte in sechs Teilen, die jeweils an einem Tag im April in den Jahren 1938, 1944, 1956, 1965 und 1999 spielen. Dabei zeigt sich, dass die symbolträchtige Zeit um Ostern immer wieder zu Wendepunkten und einschneidenden Veränderungen für Ivy geführt hat. Die Handlung umfasst somit ihr Leben von 19 bis 80 Jahren. Erzählt wird die Geschichte in chronologischer Reihenfolge und durchgängig in personaler Perspektive aus Ivys Sicht.

Die Protagonistin ist eine sehr spezielle Figur. Sie wird mit psychologischer Tiefe dargestellt. Ihr Charakter wirkt in sich schlüssig, obgleich ich nicht alle ihre Entscheidungen komplett nachvollziehen und ihre Gefühle oftmals nicht nachempfinden konnte.

Das fiktive Personal um Ivy ist an die britische Bloomsbury-Gruppe angelehnt, wie die Autorin in ihrer kurzen Nachbemerkung dokumentiert. Ivys Mutter Marina orientiert sich an der Malerin Vanessa Bell, Ivy selbst an deren Tochter Angelica Grant und ihr späterer Ehemann Bear an David „Bunny” Garnett. Wer den Roman mit einem gewissen Vorwissen darüber als eine Hommage an die Familie lesen kann, dürfte von Vorteil sein. Ohne diesen Hintergrund habe ich mich allerdings zu Beginn schwer damit getan, das Beziehungsgeflecht zu entwirren.

Der Fokus des Romans liegt auf den Überlegungen und Gedanken Ivys. Dabei nimmt Spirituelles sehr viel Raum ein. Die permanente Suche nach Transzendenz, der Hang zu Esoterik und der Wechsel zwischen Zuwendung und Abkehr beim Thema Religiösität haben es mir erschwert, einen Zugang zu der Geschichte zu finden.

Überzeugen konnte mich dagegen die Beschreibung und Entwicklung der Verbindung zwischen Ivy und Frances. Diese und andere queere Beziehungen werden glaubwürdig dargestellt.

Durch die Verdichtung auf sechs Tage ist die Geschichte zwar alles andere als handlungsarm. Auf den knapp 300 Seiten kommt es aber dennoch zu Redundanzen und langatmigen Passagen.

Der Text ist voller Poesie und außergewöhnlichen Metaphern. Insgesamt hat mich der Roman auf der sprachlichen Ebene allerdings enttäuscht. Das Wort Licht und dessen Synonyme tauchen nicht nur im Titel, sondern fast auf jeder Seite auf, zum Teil sogar mehrfach, sodass immer wieder schräge, teils absurde oder unsinnige Bilder entstehen. Daher hat sich bei mir zunehmend Überdruss bereitgemacht hat.

Mein Fazit:
Der neue Roman von Megan Hunter bietet nicht nur Licht, sondern auch Schatten. Mit „Tage des Lichts“ verfolgt die Autorin zwar einen interessanten und besonderen Ansatz. Dennoch hat mich die Geschichte leider nicht erreicht.

Veröffentlicht am 19.03.2026

Vier weibliche Lebenswege

Niemands Töchter
0

Alma ist alleinstehend und eine erfolgreiche Programmdirektorin, die sich nun jedoch in einer Sinnkrise befindet. Die ehemalige Balletttänzerin Isabell hadert hingegen mit ihrer Rolle, seitdem sie Mutter ...

Alma ist alleinstehend und eine erfolgreiche Programmdirektorin, die sich nun jedoch in einer Sinnkrise befindet. Die ehemalige Balletttänzerin Isabell hadert hingegen mit ihrer Rolle, seitdem sie Mutter geworden ist. Auch Almas Mutter Gabriele und Marie, die ebenfalls einer älteren Generation angehört, waren lange auf der Suche nach ihrem Platz im Leben…

„Niemands Töchter“ ist der Debütroman von Judith Hoersch.

Nach dem einleitenden Prolog setzt sich der Roman aus mehr als 70 kurzen Kapiteln zusammen. Die Handlung spielt hauptsächlich in Berlin und in der Osteifel. Sie umfasst den Zeitraum von Juni 1981 bis März 2020, also fast vier Jahrzehnte. Dabei gibt es immer wieder Zeitsprünge nach vorne und zurück, sodass sich die Chronologie der Ereignisse nur stückweise entfaltet.

Zudem wird im Wechsel aus verschiedenen Perspektiven erzählt: der von Marie, Gabriele, Isabell und Alma. Diese Struktur ist gewollt komplex und nicht sofort durchschaubar. Es hält einerseits die Spannung lange aufrecht, ist andererseits zu Beginn jedoch verwirrend.

Die vier Frauen sind die zentralen Figuren des Romans. Ihre Beziehungen und Verflechtungen werden nicht sofort ersichtlich. Die Charaktere sind interessant ausgestaltet und werden größtenteils stimmig gezeichnet.

Der Roman beleuchtet insbesondere die Mutter-Tochter-Thematik und deren Facetten, wobei der Aspekt der Mutterschaft dominiert. Dabei geht es aber auch darum, wie sich (Familien-)Geheimnisse auswirken. Die Geschichte befasst sich zudem mit der Suche nach der eigenen Identität und Herkunft.

Auf den etwas mehr als 370 Seiten ist der Roman überwiegend unterhaltsam und fesselnd. Als berührend habe ich die schicksalhaften Wendungen empfunden, die allerdings zum Teil Traumapotenzial beinhalten und triggern können.

Die Sprache ist anschaulich und angemessen. Die dialektalen Einschübe haben mir gut gefallen. Sie sind authentisch und werden maßvoll eingesetzt.

Die im Titel enthaltene Sprachspielerei erschließt sich nicht auf Anhieb. Die ungewöhnliche und etwas merkwürdige Formulierung passt aus inhaltlicher Sicht allerdings schon.

Mein Fazit:
„Niemands Töchter“ von Judith Hoersch ist ein lesenswertes Debüt, das sowohl inhaltlich als auch strukturell überraschend komplex ist.

Veröffentlicht am 07.03.2026

Innerhalb und außerhalb der Jackentasche

Stock & Stein
0

Stock und Stein leben in der Jackentasche eines Kindes, zusammen mit allerlei Krimskrams wie einer Büroklammer, einer Münze und einem Knopf. Doch heute ist Waschtag und die beiden werden unsanft von einem ...

Stock und Stein leben in der Jackentasche eines Kindes, zusammen mit allerlei Krimskrams wie einer Büroklammer, einer Münze und einem Knopf. Doch heute ist Waschtag und die beiden werden unsanft von einem Erwachsenen vor die Haustür befördert. Was soll nun bloß aus ihnen werden? Die Fantasie von Stock und Stein spielt verrückt…

„Stock & Stein“ ist ein Bilderbuch von Anne-Kathrin Behl, das vom Verlag für Kinder ab vier Jahren empfohlen wird.

Die Geschichte wird auf 24 Seiten erzählt. Dabei dominieren die liebevoll gezeichneten Illustrationen von Anne-Kathrin Behl. Sie sind wunderbar farbenfroh und kreativ. Zugleich wirken sie auf angenehme Weise modern.

Der Textanteil ist so gering, dass das Bilderbuch schon für Dreijährige nachvollziehbar sein dürfte. Der Wortschatz und die Syntax sind gut auf die Altersgruppe abgestimmt. Dabei fällt auf, dass der leicht verständliche Text überwiegend in Dialogen formuliert ist, was an einen Comic erinnert.

Sowohl Stock als auch Stein sind ungewöhnliche und erfrischend originelle Protagonisten. Sie werden sympathisch und niedlich dargestellt. Figuren, die man auf Anhieb ins Herz schließt.

Besonders klasse finde ich, dass das Kind und der Erwachsene nur angedeutet werden. Deren Geschlecht und genaues Aussehen bleiben so diffus, dass sich viele Kinder damit identifizieren können.

Die Geschichte handelt vor allem vom Vorstellungsvermögen. Was könnte den beiden zustoßen, in positiver oder negativer Hinsicht? Welche Pläne könnten sie schmieden? Die Einfälle der beiden sind lustig, teilweise ein bisschen albern, aber durchweg charmant. Die Gedankenexperimente sind daher unterhaltsam und lassen ein echtes Abenteuer nicht vermissen.

Mein Fazit:
„Stock & Stein“ von Anne-Kathrin Behl ist ein einzigartiges Bilderbuch, das mit Witz und Kreativität überzeugt. Sehr empfehlenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Charaktere
  • Cover
  • Illustrationen