Die richtige Perspektive
Die Aosawa-Morde„Ich hoffe, Sie verstehen, dass Wahrheit nichts anderes ist als die Sichtweise auf einen Gegenstand aus einer bestimmten Perspektive.“ Seite 64
Drei Generationen der hochangesehen Ärztefamilie Aosawa ...
„Ich hoffe, Sie verstehen, dass Wahrheit nichts anderes ist als die Sichtweise auf einen Gegenstand aus einer bestimmten Perspektive.“ Seite 64
Drei Generationen der hochangesehen Ärztefamilie Aosawa feiern Geburtstag, als ein unbekannter Mann Getränke liefert, die mit Zyanid versetzt sind. Es sterben siebzehn Menschen, darunter einige Kinder, lediglich Hisako, die blinde Tochter des Hauses, überlebt unversehrt. Der Mörder begeht kurz darauf Selbstmord, aber es bleiben viele Fragen offen und nicht alle sind von seiner Schuld überzeugt.
Das Buch ist ungewöhnlich aufgebaut. Es gibt Interviews mit Angehörigen der Opfer, den Nachbarn, dem damaligen Ermittler und anderen Beteiligten, wobei die Fragen nicht genannt werden. Es sind fast Selbstgespräche, denen ich folge, die Ausführungen springen von hier nach da, manchmal verliert sich die interviewte Person in Belanglosigkeiten, schweift ab, um dann wieder auf den Punkt, nämlich die Tragödie, zurückzukommen. Dazwischen geht es in Romanform weiter, kurze Sequenzen sind es, die diese Gespräche unterbrechen, Zeitungsartikel und Briefe. Erst nach und nach kristallisiert sich heraus, was an jenem Sommertag geschah, der Zweifel an der Täterschaft aber wächst.
Die Erzählweise fand ich ungewöhnlich und faszinierend, allerdings ging für mich dadurch etwas von der Spannung verloren, da die Gespräche immer wieder von der Thematik abwichen. Interessant fand ich, wie unterschiedlich die Personen über das gleiche Ereignis berichteten, manches passte zusammen, vieles widersprach sich. Nicht immer war klar, wer da erzählt, dies ergab sich oft erst im Laufe der Kapitel. Das Puzzle zusammenzustellen, war knifflig und bis zuletzt war ich nicht sicher, was stimmt und was nicht. Wer ein klares Ergebnis mag und lose Fäden meidet, wird enttäuscht, denn am Ende bleibt die Interpretation des Falls dem Leser überlassen. Mich hat dieses ungewöhnliche Buch gut unterhalten, ich vergebe vier Sterne.