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Veröffentlicht am 27.10.2021

Liebe in Zeiten des Bürgerkrieges

Das Flüstern der Feigenbäume
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Während des Bürgerkriegs auf Zypern verlieben sich Defne und Kostas ineinander. Da sie Türkin und er Grieche ist, ist eine solche Liebe damals nicht nur ungehörig, sondern lebensgefährlich. Die beiden ...

Während des Bürgerkriegs auf Zypern verlieben sich Defne und Kostas ineinander. Da sie Türkin und er Grieche ist, ist eine solche Liebe damals nicht nur ungehörig, sondern lebensgefährlich. Die beiden werden während der Unruhen getrennt und sehen sich erst fünfundzwanzig Jahre später wieder. Trotz vieler Jahre des Getrenntseins ist die Anziehung zwischen den beiden sofort wieder da. Kostas will, dass Defne ihn nach England begleitet, wo er seit seiner Abreise von Zypern lebt. Die Vergangenheit aber lässt sich so leicht nicht abschütteln.

Ich habe das Buch beendet und bin traurig darüber, dass es zu Ende ist. Traurig, weil diese Erzählung eine so unglaublich aufregende, unterhaltsame, ungewöhnliche und phantastische Leseerfahrung war, die mir viele tolle Lesestunden beschert hat. Springend zwischen den Zeiten setzt sich nach und nach die Geschichte von Defne und Kostas, aber auch die von Zypern zusammen. Wie außergewöhnlich dieses Buch ist, merkt man schon daran, dass eine Erzählstimme dem Feigenbaum zuzuordnen ist. Dem Feigenbaum? Ja, genau, denn dieser Feigenbaum hat in über hundert Jahren seines Daseins viel gesehen und gehört, woran er uns teilhaben lässt.

Es geht um Heimat, Wurzeln, Herkunft und Familie. Es geht um Glauben und Aberglauben, Frieden und Krieg. Es geht um die Natur und das Klima, die Zerstörung der Welt. Menschen, Pflanzen, Bäume und Insekten, all das kommt im Buch vor. Kaum ein Thema, das die Autorin nicht einbindet in diese phantastische und aussergewöhnliche Mischung aus historischen Fakten, Sagen, Fabeln, Mythen und Märchen, Legenden, Religionen und Traditionen, Weisheiten und Sprichwörtern. Dazu eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen aus unterschiedlichen Welten, aus verschiedenen Kulturen, mit anderen Sprachen und manchmal auch konträrer Sicht. Eine Liebe, die nicht sein durfte, nicht sein konnte und die trotzdem passiert ist.

Ich habe sehr viel gelernt über die Geschichte von Zypern, aber auch unglaubliche Fakten über Bäume, Insekten und überhaupt die Natur erfahren. Ohne einen erhobenen Zeigefinger hat die Autorin mein Augenmerk auf viele Probleme gelenkt, die mir unbekannt waren und meine Sicht zum Beispiel auf Bäume für immer verändern werden. Eine wunderbare, herzerwärmende Geschichte, von der ich nicht wollte, dass sie endet. Ich habe nicht nur mein Monatshighlight, nein, ich habe mein absolutes Jahreshighlight gefunden. Von mir gibt es 10 Sterne von 5 und eine unbedingte Leseempfehlung. Lest dieses Buch! Es wird euch hoffentlich genauso bezaubern wie mich.

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Veröffentlicht am 25.10.2021

Wenn der Vater mit dem Sohn…

Erstaunen
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Robbie ist ein besonderes Kind, er ist hochbegabt und weist Asperger-Züge auf, manch ein Arzt weist auf ADHS hin. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk seiner toten Mutter weiterzuführen und alles ...

Robbie ist ein besonderes Kind, er ist hochbegabt und weist Asperger-Züge auf, manch ein Arzt weist auf ADHS hin. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk seiner toten Mutter weiterzuführen und alles zu tun, um die Natur zu retten. Robbies Vater Theo, von Beruf Astrobiologe, versucht nach dem Tod seiner Frau alles, damit Robbie unbeschwert aufwachsen kann. Der Umgang mit Robbie ist nicht immer einfach, was im Zusammenleben von Vater und Sohn manchmal, in der Schule aber oft zu Problemen führt. Trotzdem tut Theo alles, damit Robbie eine tolle Kindheit hat und will es unbedingt vermeiden, ihn mit Psychopharmaka ruhig zu stellen, wie von vielen Seiten gefordert wird.

„Mein Junge war ein Universum im Miniaturformat, eines, das ich niemals ergründen würde. Jeder von uns ist ein Experiment, und wir wissen nicht einmal, was mit diesem Experiment erforscht werden soll.“ (Seite 12)

Es ist schwer für mich, dieses Buch zu bewerten. Der Klappentext hat mich sehr neugierig gemacht und ich wollte den Autor, von dem ich noch kein Werk kenne, unbedingt kennenlernen. Aber fangen wir von vorne an. Wie Theo mit Robbie umgeht, auf seine Bedürfnisse, Wünsche und Besonderheiten eingeht, das liest sich so schön, dass es eine Freude ist. Natürlich hat Theos Geduld auch Grenzen, nicht immer klappt reibungslos, was sich doch so einfach anhört, aber Aufgeben ist keine Option. Robbies Mutter hat sich unter anderem für bedrohte Tierarten eingesetzt, war Naturschützerin aus Überzeugung, und Robbie eifert ihr nach. Theo unterstützt dies, so gut er kann, und so erfahren wir einiges darüber, was auf unserer Erde so schrecklich schiefläuft. Das ist interessant, aber auch erschreckend. Daneben ist Theo mit Herz und Seele Astrobiologe und dieser Umstand nimmt im Buch viel Raum ein, was mich zum größten Kritikpunkt am Buch bringt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es seitenweise um Planeten und fremde Galaxien geht, dass die berufliche Seite von Theo immer wieder thematisiert wird, sein Werdegang, seine wissenschaftlichen Forschungen so oft Gegenstand der Erzählung sein würden. Vieles habe ich nicht verstanden, vieles hat mich nicht interessiert. Dieses Thema hat im Gegenteil dazu geführt, dass ich immer wieder aus der eigentlichen Story herausgerissen wurde. Dies führt dazu, dass ich zwiegespalten bin, was das Buch angeht. Die Passagen über Theo und Robbie waren toll; diese Vater- und Sohn-Beziehung hat der Autor wunderbar geschildert, was mich begeistert hat. Der Rest aber? Darf ich etwas schlecht bewerten, weil ich es nicht verstehe? Ich denke nicht. Dennoch wollte ich einen Roman lesen und keine wissenschaftliche Abhandlung. So nehme ich die goldene Mitte und vergebe drei Sterne.

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Veröffentlicht am 20.10.2021

Eine Kleinstadt und drei Schicksale

Im letzten Licht des Herbstes
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Clara ist sieben, als ihre Schwester nach einem Streit mit der Mutter verschwindet. Sie wartet seitdem am Fenster darauf, dass Rose wiederkommt. Das Nachbarhaus ist verwaist, seit die Bewohnerin, die über ...

Clara ist sieben, als ihre Schwester nach einem Streit mit der Mutter verschwindet. Sie wartet seitdem am Fenster darauf, dass Rose wiederkommt. Das Nachbarhaus ist verwaist, seit die Bewohnerin, die über siebzigjährige Elizabeth Orchard, im Krankenhaus liegt. Clara hat Mrs. Orchard versprochen, sich in deren Abwesenheit um ihren Kater Moses zu kümmern, dafür besitzt sie einen eigenen Schlüsselbund. Als eines Tages ein Fremder ins Haus von Mrs. Orchard einzieht, ist Clara entsetzt. Wer ist dieser Mr. Kane und wann kommt Mrs. Orchard wieder, das sind neben dem Verschwinden der Schwester Fragen, die Clara beschäftigen.

Aus drei Perspektiven wird die Geschichte erzählt. Da ist die kleine Clara, deren Gedanken kindlich und oft chaotisch sind. Daneben Elizabeth, die im Krankenhaus liegt und ihre Gedanken mit ihrem verstorbenen Mann teilt. Und da ist Liam, dem Mrs. Orchard ihr Haus geschenkt und den sie in ihrem Testament als Alleinerben bestimmt hat. Liam, der, frisch von seiner Frau getrennt, alle Brücken hinter sich abgerissen und in die Kleinstadt gereist ist, um ein Erbe anzunehmen von einer Frau, die er das letzte Mal als Kleinkind von vier Jahren gesehen hat.

Alle diese Fragmente, Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ergeben erst allmählich ein Gesamtbild. Die Idee ist toll, aber leider ist die Umsetzung schwach. Schon am Anfang verliert sich die Story in Belanglosigkeiten, ein wenig Langeweile kommt bei mir auf. Ein Blatt hier, ein Baum da, dort ein paar Berge, blablabla. Da ist einerseits zwar die Neugier, endlich zu erfahren, warum Elizabeth so an Liam hängt, andererseits dümpelt die Erzählung so lange vor sich hin, dass dies fast nebensächlich wird. Als dann die Lösung präsentiert wird, die Wahrheit endlich ans Licht kommt, geschieht dies so unspektakulär nebenbei, dass die Brisanz dieser Enthüllung vollkommen untergeht. Das letzte Drittel wird hastig abgearbeitet, fast so, als müsste nun in kürzester Zeit das Buch beendet werden. Das fand ich sehr schade und bleibe enttäuscht zurück. Von mir gibt es drei Sterne.

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Veröffentlicht am 18.10.2021

Maarten S. Sneijders persönlichster Fall

Todesschmerz
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Als die deutsche Botschafterin und ihr Sicherheitschef in Norwegen sterben, werden BKA-Profiler Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez nach Norwegen geschickt, um der norwegischen Polizei beratend zur Seite ...

Als die deutsche Botschafterin und ihr Sicherheitschef in Norwegen sterben, werden BKA-Profiler Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez nach Norwegen geschickt, um der norwegischen Polizei beratend zur Seite zu stehen und die Morde aufzuklären. Sneijder passt dies gar nicht, ist er doch gerade damit beschäftigt, einen Verräter in den eigenen Reihen zu suchen. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, da die norwegische Polizei die Zusammenarbeit behindert. Die Lage spitzt sich zu, als das restliche Team von Sneijder nach Norwegen geschickt, ein gefährlicher Mann auf die Ermittlungen aufmerksam und ein Mitglied von Sneijders Teams lebensgefährlich verletzt wird.

Dies ist der 6. Fall von Sneijder und Nemez und für mich persönlich der beste Teil der Reihe. In diesem Buch ist die Spannung konstant so hoch, dass es eine Freude ist, durch die immerhin 590 Seiten zu rauschen. Zusätzlich zum laufenden Fall erfahre ich in Rückblenden, was Wochen vorher passiert ist. Dies führt aber nicht etwas dazu, dass ich der Auflösung auch nur eine Spur näher komme, weil der Autor es einfach glänzend versteht, mich auf falsche Fährten zu schicken. Immer wenn ich sicher bin, zu verstehen, was passiert ist, wendet sich das Blatt und ich staune, wie raffiniert ich an der Nase herumgeführt wurde. Dieser Fall ist rasant, interessant und packend, aber dazu sehr emotional, denn ohne Personenschäden läuft es auch diesmal nicht ab. Mehr möchte ich nicht schreiben, denn zu groß ist die Gefahr, zu viel zu verraten. Verraten möchte ich an dieser Stelle nur, dass der nächste Teil bereits für September 2022 angekündigt ist und das ist hinsichtlich des Endes eine wunderbare Nachricht!

Für Fans des Autors ist dieses Buch ein Hochgenuss, allen anderen empfehle ich, schon wegen der Entwicklung der Charaktere, die Reihenfolge einzuhalten, wenn auch jedes Buch ohne Vorkenntnisse gelesen werden könnte. Allerdings verpasst ihr dann eine tolle Buchreihe und das wäre schade. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass der Humor göttlich ist! Ich wurde schon lange nicht mehr so gut unterhalten durch einen Thriller, vergebe 5 Sterne mit Sternchen und spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus. Lest es und ihr werdet es lieben!

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Veröffentlicht am 14.10.2021

Ein Schicksal von vielen. Grace.

Grace – Vom Preisträger des Booker Prize 2023 ("Prophet Song")
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Am Anfang der großen Hungersnot in Irland kann Sarah nicht mehr alle ihre Kinder ernähren. In ihrer Not schneidet sie ihrer vierzehnjährigen Tochter Grace die Haare ab, zieht ihr Männerkleidung an und ...

Am Anfang der großen Hungersnot in Irland kann Sarah nicht mehr alle ihre Kinder ernähren. In ihrer Not schneidet sie ihrer vierzehnjährigen Tochter Grace die Haare ab, zieht ihr Männerkleidung an und schickt sie auf die Straße, damit sie Arbeit sucht und sich selbst ernährt. Seit dem Sommer des Jahres 1845 sind die Straßen voll mit Hungernden und Grace ist nun eine von vielen. Unbemerkt von der Mutter ist ihr jüngerer Bruder Colly weggelaufen, um sich Grace anzuschließen. Es folgt eine Wanderschaft, bei der es um Leben und Tod geht, in einem Land, das keine Rücksicht nimmt auf die Ärmsten der Armen.

„Was draußen auf die beiden wartet, ist klirrende Kälte, als hätt sie ihnen extra aufgelauert, wie ein Tier, ein gieriges, im Dämmerschein des Morgens, der tief und grob und grau dort hockt. Noch nicht die richtige Winterkälte, obwohl die Bäume sich dicht aneinanderdrängen, alten Männern gleich, die sich zur Strafe nackt ausziehen mussten, und das abgehärmte Land liegt da und wartet.“ (Seite 12)

Grace ist ein widersprüchlicher Charakter, anfangs ist sie kindlich und naiv, mein Mitgefühl ist hoch. Das Leben auf der Straße in dieser schlimmen Zeit verändert sie und stellenweise ertappe ich mich dabei, Abscheu zu empfinden, eine regelrechte Wut auf die junge Frau, die doch einfach nur das Produkt ihres unbeschreiblich grausamen Lebens ist. Ihre zeitweiligen Gefährten aber bleiben für mich blass, was vielleicht beabsichtigt ist, vielleicht auch nicht. Passend zum Land und Zeit ist die Sprache; teils poetisch und anmutig, schnodderig und frech, aber auch altmodisch und anstrengend sind die Sätze, die mir volle Konzentration abverlangen. Es geht um die große Hungersnot, das Leid der Menschen und das Versagen der Regierung, die nicht in der Lage ist, ihrem Volk zu helfen. Eine Zeit, in der es um das nackte Überleben geht, eine Zeit, in der es keine Gnade und kein Mitgefühl gibt, in der sich jeder selbst der nächste ist.

Die Geschichte von Grace steht im Mittelpunkt, darin kommen irische Sagen und Märchen, Lieder und Sprüche, Geister und Wesen aus einer anderen Welt vor. Dies ist natürlich der Zeit geschuldet, wo Aberglaube weit verbreitet war, für mich aber wirkt alles überladen und so, als wollte der Autor so viel wie möglich in die Erzählung reinpacken, dazu historische Fakten mit Fiktion verweben, und leider geht das für mich persönlich gehörig schief. Sperrige Sätze, oft über eine ganze Seite, führen dazu, dass ich nicht weiß, was wahr und was Wahnvorstellung ist. Mystische Ansätze, die aber nie zu Ende geführt werden, verwirren mich immer wieder und führen dazu, dass ich versucht bin, weiter zu blättern, ganze Absätze zu überspringen. Stellenweise ist die Geschichte zwar sehr spannend und fesselt mich ungemein, dann aber folgen Passagen, die ich nicht verstehe, Sätze, die keinen Sinn ergeben. Das letzte Viertel ist für mich eine Qual. Nach fünf Seiten (im wahrsten Sinne des Wortes) sinnlosen Gebrabbel folgen Kapitel, die meine Aufmerksamkeit auf Null runterfahren. Nun fordert die düstere, fast schon depressiv anmutende Erzählung ihren Tribut und ich bin fast schon froh, das Ende erreicht zu haben, das der Story dann letztendlich den Todesstoß verabreicht und mich traurig und enttäuscht zurücklässt. Mich hat das Buch leider nicht erreicht, lediglich der Anfang und der Mittelteil konnten bei mir punkten. Halb zufrieden vergebe ich 3 Sterne.

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