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Veröffentlicht am 23.05.2025

Ein ruhiger Generationsroman voller Tiefe und emotionaler Komplexität

Halbinsel
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Kristine Bilkau ist so eine Meisterin darin, ruhige Texte voll menschlicher Tiefe und Nahbarkeit zu schreiben, dass es mich nach „Nebenan“ nun schon zum zweiten Mal von den Socken gehauen hat.

Dieser ...

Kristine Bilkau ist so eine Meisterin darin, ruhige Texte voll menschlicher Tiefe und Nahbarkeit zu schreiben, dass es mich nach „Nebenan“ nun schon zum zweiten Mal von den Socken gehauen hat.

Dieser Roman ist eine Mutter-Tochter-Geschichte und so viel mehr. Er ist eine Erzählung über die Verantwortung älterer Generationen gegenüber den jüngeren und eine Ode an zwischenmenschlichen Respekt. Annett ist, als ihre Tochter Linn nach einem Zusammenbruch ihren Job kündigt und wieder zu ihr zieht, nicht nur mit ihren Erwartungen an Linn konfrontiert, sondern reflektiert dadurch ausgelöst auch über ihre eigenen Lebenswünsche. Dabei ist sie ausgesprochen authentisch, ohne je ihrer Tochter gegenüber abwertend zu sein. Im Endeffekt ist Annett (und damit offenbar auch Bilkau selbst) für mich wie ältere Generationen sein sollten: reflektiert und emotional zugänglich.

Schon vor der Lektüre habe ich Bilkau in einem Interview so respektvoll über junge Menschen und deren Herausforderungen in der heutigen Zeit sprechen hören, dass ich sie direkt ins Herz geschlossen habe. Und „Halbinsel“ unterstreicht ihre Einstellung noch einmal ganz deutlich. Es sollte natürlich keiner Komplimente bedürfen, wenn Menschen mit mehr Lebensjahren nicht überheblich auf jüngere Generationen gucken und dann auch noch ihre Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft anerkennen. Und doch ist das einfach nicht oft der Fall. Ich habe selten eine Autorin gelesen, die nicht nur gut über ihre eigene Generation, sondern auch so menschlich und greifbar über eine jüngere schreiben kann. Dadurch konnte ich mit beiden Figuren gleichermaßen mitfühlen und hatte keine Chance, in eine einseitige Solidarität zu verfallen.

Bilkaus Sprache ist präzise, leise und zart, mit einem Hauch Melancholie, aber nie verträumt. Mich zieht es immer wieder hinein in diese norddeutschen Geschichten, weil sie mich mit ihrer Tiefe begeistern, ohne zu sehr aufzuregen. Das kann dazu führen, dass manche die Handlung zu plätschernd finden. Als eine Person, die sich bei banalen Geschichten schnell langweilt, kann ich das überhaupt nicht bestätigen. Was an Drama „fehlt“, wird durch emotionale Komplexität dreimal wieder rausgeholt.

Ich kann meiner Begeisterung für diese Autorin unmöglich angemessene Worte verleihen. Ihre Erzählungen sind von einer solchen Prägnanz und Aktualität, dass sie mich niemals kalt lassen. Lest ihre Bücher, wenn ihr zwischenmenschliche Geschichten sucht, die besonders bei jüngeren Menschen wie eine Umarmung wirken können, weil die Autorin sich über ihre Erzählerin auch mit jungem Widerstand solidarisiert.
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„Wer kann mit Gewissheit sagen, dass die Älteren in der Überwindung von Krisen besser geschult sind als die Jüngeren? Wie krisenfest ist ein Erwachsener, der an einem beliebigen Morgen am Straßenrand steht und angesichts einer Gruppe von Menschen, die mit ihrem Protest andere Menschen am Weiterfahren hindern, einer jungen Frau gegen den Kopf tritt?“

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Veröffentlicht am 23.05.2025

Porträt einer Frau zwischen Glamour und Abhängigkeit

Teddy
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Zum Hörbuch: Cathleen Gawlich fand ich als Sprecherin wirklich hervorragend gewählt. Ihre Stimme verkörperte für mich sehr gut, wie ich mir Teddy vorstelle: Eine Frau, die unterschätzt wird, aber eigentlich ...

Zum Hörbuch: Cathleen Gawlich fand ich als Sprecherin wirklich hervorragend gewählt. Ihre Stimme verkörperte für mich sehr gut, wie ich mir Teddy vorstelle: Eine Frau, die unterschätzt wird, aber eigentlich genau weiß, was sie will. Außerdem ist es ihr eindrucksvoll gelungen, anderen Figuren eigene Stimmen zu verleihen. Zusätzlich mochte ich die leichte Sassyness, mit der gesprochen wurde - das passte gut zum scheinbar Glamourösen der Handlung. Die Kapitel sind dank der Datumsangaben und auch der Einordnung des Jetzt sehr gut voneinander trennbar. Ein tolles Hörerlebnis!

Zum Buch selbst: Ich bin in meiner Einschätzung zur Protagonistin und zur Handlung selbst wirklich unentschlossen. Ich fand, dass der Handlungsaufbau schlau konstruiert ist - und zwar insofern, dass Teddy sehr lang die Spannung aufgebaut lässt und uns trotzdem am Anfang gleich klar wird, dass irgendetwas passiert ist. Dazu muss ich aber auch sagen, dass mir die Handlung zumindest im letzten Drittel doch etwas zu lang war, was mich im Hörbuch nicht großartig gestört hat, aber im Buch wahrscheinlich schon.

Mir fällt mein Urteil deshalb so schwer, weil Teddy keine einfache Figur ist. Sie wirkt, und das gilt auch fürs Hörbuch, interessanterweise gleichzeitig total naiv und kindlich, aber auch ziemlich abgebrüht. Sie scheint einerseits ein glamouröses Leben zu wollen und beneidet berühmte Persönlichkeiten um ihren Status, ihre Kleidung, ihr Make-Up und ihr Leben im Allgemeinen. Andererseits möchte sie vielleicht auch einfach ein gutes Leben führen und ist gar nicht so scharf auf den Ruhm?

Die Handlung spielt ja vor allem in den 60er-Jahren. Es geht viel um Politik, Diplomatie, Spionage sowie die Beziehung zwischen den USA und Russland. Und vor allem geht es um Männer. Teddy fällt da als Protagonistin ziemlich raus, wobei sie doch durchaus auch einige Attribute hat, die ich verglichen mit anderen Figuren als männlich beschreiben würde. Dazu möchte ich gar nicht so viel im Detail sagen, da lohnt sich auf jeden Fall die Lektüre selbst. Da es eine Männerwelt ist, erfahren wir beim Lesen auch Einiges an sexistischen Kommentaren, Einschränkung der körperlichen Selbstbestimmung von Frauen und allerlei andere „Nettigkeiten“ dieser Zeit. Das hat mich phasenweise ganz schön wütend gemacht, doch dadurch, dass Teddy sich an alldem nicht wirklich zu stören scheint, war ich emotional einfach deutlich weniger involviert als ich es hätte sein können.

Ich denke, das Buch ist vor allem etwas für Menschen, die sehr gern Bücher mit starkem Charakterfokus lesen und sich auch an einer glamourösen und intrigenreichen Welt erfreuen. Die ganzen politischen Verstrickungen fand ich im Hörbuch manchmal etwas schwer zu erfassen, finde sie aber grundlegend sehr spannend. Manche Enthüllungen am Ende kamen mir irgendwie zu unspektakulär daher, vor allem verglichen mit ihrem vorherigen Spannungsaufbau. Ich kann abschließend weder sagen, dass ich total von den Socken noch dass ich enttäuscht bin. Für mich ein sehr solides Buch mit äußerst spannenden Elementen, welches ich gerne gehört habe und durchaus auch empfehle, das mich aber zumindest auf emotionaler Ebene zu wenig gecatcht hat, als dass es mich noch länger beschäftigen würde.

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Veröffentlicht am 23.05.2025

Gut gemeint, aber leider flache und stereotype Umsetzung

Not Your Type
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Ich habe bereits nachfolgende Bücher von Alicia Zett gelesen, die waren allerdings alle aus dem Young-Adult-Bereich und diese haben mir auch deutlich besser gefallen. Mein persönlicher größer Kritikpunkt ...

Ich habe bereits nachfolgende Bücher von Alicia Zett gelesen, die waren allerdings alle aus dem Young-Adult-Bereich und diese haben mir auch deutlich besser gefallen. Mein persönlicher größer Kritikpunkt liegt direkt in der unausgereiften Konstruktion von Charakteren und Sprache.

Die Charaktere sind ja alle aus dem Bereich „New Adult“, also in diesem Fall in ihren Zwanzigern. Ich finde aber Verhalten und Erzählstil viel mehr dem YA-Bereich zugehörig und das hat mich schon ziemlich genervt. Die Zwanziger sind für mich zwar immer noch ein Altersspektrum, in dem Menschen sich selbst finden und viele Unsicherheiten haben, aber hier fühlte es sich oft schon noch sehr jugendlich an.

Ursprünglich hätte ich trotzdem gesagt, dass ich die Charaktere überwiegend sympathisch fand. Beim Reflektieren über die Bewertung habe ich aber noch einmal festgestellt, dass es doch einige problematische Stereotype im Buch gibt, auf die bereits in anderen Rezensionen hingewiesen worden ist. Da ich die Autorin wie gesagt von späteren Werken her kenne und auch ihren persönlichen Lebensweg etwas verfolgt habe, bin ich mir sicher, dass sie das Buch heute anders schreiben würde. Trotzdem muss klar gesagt werden, dass das hier einfach wirklich keine gute Repräsentation von trans Personen ist.

Auch in der Handlung gab es für mich einige logische Fehler. Es hat mich schon direkt am Anfang genervt, wie absolut unglaubwürdig der Beginn des Roadtrips und Fynns Erscheinen ist. Und dann tröpfelt mir die Handlung auch zu sehr vor sich hin und besonders Marie und Fynn tänzeln viel zu lang um sich herum. Das Buch hätte für mich locker 150 Seiten weniger haben können.

Ich werte es als einen gut gemeinten ersten Versuch, der doch noch Einiges an Luft nach oben hat. Ich persönlich würde von der Autorin wahrscheinlich auch zukünftig eher YA lesen, wenn ich das gerade suche.

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Eine flache, unnatürliche Geschichte, die mich sehr enttäuscht hat

30 Days, 10 Dates & 1 Drama
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Es tut mir wirklich aufrichtig leid, weil ich die Werke von Jungautor*innen und im Speziellen queere Geschichten so ungern schlecht bewerten will - aber das Buch war eine herbe Enttäuschung für mich.

Der ...

Es tut mir wirklich aufrichtig leid, weil ich die Werke von Jungautor*innen und im Speziellen queere Geschichten so ungern schlecht bewerten will - aber das Buch war eine herbe Enttäuschung für mich.

Der Trope "Friends to Lovers" ist einer meiner liebsten und dann noch als queere Geschichte - meine Erwartungen waren hoch und ich habe eine cozy Romance erwartet. Doch für mich hakte es an so vielen Stellen, dass ich schon nach dem ersten Drittel genervt war und ab der Hälfte nur noch quergelesen habe, weil ich wissen wollte, wie sich die Beziehung zwischen den beiden Freundinnen intensiviert.

Da komme ich gleich zum ersten Punkt: Die Chemie passte für mich einfach GAR nicht. Selbst die Freundinnenschaft war für mich emotional flach, es wurde viel beschrieben, aber gefühlt habe ich da beim Lesen nichts - erst recht keine Anziehung! Das kam für mich so unglaublich aus dem Nichts (wobei ich natürlich wusste, was auf mich zukommt), dass ich wirklich sauer darüber war, wie unnatürlich sich das angefühlt hat.

Das war auch ein generelles Problem des Textes. Daisy ist sehr verkopft, das ist auch nicht grundsätzlich ein Problem für mich. Aber die Autorin hat für mich einfach viel zu viel auserzählt. Blicke, Gesten, Tonlagen - all das immer wieder auszuschreiben, machte den Roman für mich zu einer Herausforderung. Ich habe mich immer wieder gefühlt, als wäre ich 7 Jahre alt und müsste alles ganz genau erklärt bekommen. Und nicht falsch verstehen - Jugendliteratur hat absolut ihre Berechtigung, ich lese sie auch gerne. Aber wir haben hier 21-jährige Protagonistinnen, da muss auch der Erzählstil entsprechend angepasst werden. Ich habe schon YA-Romane gelesen, die emotional vielschichtiger waren und die Lesenden selbst zum Mitdenken/-fühlen angeregt haben.

Die Story hätte wirklich Potenzial gehabt, aber beim Lesen hatte ich nur das Gefühl, dass die gesamte Handlung einfach nur geschrieben werden muss, die Dates schnell abgehakt, damit es dann ganz am Ende auf die eigentliche Sache hinauslaufen kann. Dabei kritisiere ich nicht die Vorhersehbarkeit, die dem Genre absolut angemessen ist, sondern die fehlende Tiefe. Zu Nebenfiguren gibt es eigentlich gar keine Beziehung und das titelgebende Drama... Na, ich weiß ja nicht.

Ich gebe aus reinem Wohlwollen 2 Sterne, obwohl ich das Buch weder als YA- noch als NA-Roman empfehlen kann. Da gibt es deutlich bessere auf dem Markt, so leid es mir für Lea Kaib tut.

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Veröffentlicht am 12.05.2025

Ein unglaubliches Werk, das persönlich erfahren werden muss

In ihrem Haus
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Ich bin lange um die Rezension herumgeschlichen, weil ich meine Faszination für dieses Buch gar nicht wirklich in Worte fassen kann. Dabei bin ich gar nicht so ein großer Fan historischer Romane, aber ...

Ich bin lange um die Rezension herumgeschlichen, weil ich meine Faszination für dieses Buch gar nicht wirklich in Worte fassen kann. Dabei bin ich gar nicht so ein großer Fan historischer Romane, aber dieser ist einfach ein unglaubliches Werk, das völlig zu Recht für den Booker Prize nominiert war.

Zu Beginn dachte ich noch, das historische Setting um 1960 in den Niederlanden könnte mir zu langweilig sein - mehr hätte ich mich nicht täuschen können! Die Zeit ist meiner Meinung nach sehr akkurat abgebildet und mit der entsprechenden Sprache sowie Atmosphäre habe ich gerne mal meine Schwierigkeiten. Aber Yael van der Wouden hat mich so sehr in den Bann gezogen, dass ich quasi mit angehaltenem Atem gelesen habe.

Isabel wirkte mir am Anfang noch etwas distanziert und das ist sie ja schließlich auch, so isoliert wie sie lebt. Beim Lesen in ihrem Kopf zu sitzen war nicht immer einfach, aber sie kann als Protagonistin die Geschichte wirklich außerordentlich gut tragen. Eva hingegen ist eine unglaublich vielschichtige Figur, die so viel mit sich herumzutragen scheint und sich stückchenweise für uns Lesende entschlüsselt, dass ich nur von ihr schwärmen kann. Und nicht nur die beiden Figuren selbst sind für mein Empfinden makellos geschrieben, auch die Beziehungsdynamik zwischen den zwei Frauen sucht ihresgleichen in der Literatur.

Dabei ist die queere Anziehung mit all ihren Herausforderungen der damaligen Zeit so greifbar und echt beschrieben, dass mein Herz ordentlich mitgelitten hat. Die absolute Ambivalenz der inneren Gefühlswelt hat mich wirklich alles andere als kalt gelassen. Und doch ist der Roman noch so viel mehr, was hier unmöglich spoilerfrei beschrieben werden kann. Deshalb sage ich an der Stelle nur so viel: Das Erbe dieser Nachkriegszeit verwebt Eva und Isabel auf eine Art, die für mich schlicht beispiellos ist.

Eine sanfte und gleichzeitig harte Geschichte, die den Grat entlang möglicher Versöhnung in verschiedener Hinsicht auszuloten versucht und dabei auf mündige Leser*innen angewiesen ist. Denn dieser Pageturner ist keine passive Lektüre, sondern zerrt an den eigenen Überzeugungen. Die Spannung ist subtil und überlädt die feinen Zwischentöne nicht, von der Auflösung war ich trotzdem im positiven Sinne überwältigt.

Eine Ausnahmeautorin, die ich auf jeden Fall weiterverfolgen werde und ein Buch, das ich als eines meiner Jahreshighlights gar nicht ausdrücklich genug empfehlen kann.

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