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Veröffentlicht am 25.05.2025

Freiheit für Mittmann!

Stars
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Carla Mittmann kommt mit ihrem Teilzeitjob im Großkundeservice eines Möbelherstellers gerade so über die Runden, aber sie verabscheut ihre Arbeit. Für Abwechslung in ihrem Leben und etwas Taschengeld sorgt ...

Carla Mittmann kommt mit ihrem Teilzeitjob im Großkundeservice eines Möbelherstellers gerade so über die Runden, aber sie verabscheut ihre Arbeit. Für Abwechslung in ihrem Leben und etwas Taschengeld sorgt ihre Online-Präsenz als Astrologe Cosmic Charly. An einem gewöhnlichen Mittwochmorgen erschüttert ein grauer Pflasterstein Carlas Dasein bis in die Grundmauern. Mit einer Plastikmülltüte und etwas Klebeband ist zwar das Loch im Fenster schnell verschlossen, aber sie gerät ins Grübeln. Wer wirft ihr einen Stein ins Fenster? Das kann nur ein Versehen sein. Doch die Aufschrift „Freiheit für Mittmann!“ unter besagtem Fenster und ein Karton mit 10 000 Dollar vor ihrer Wohnungstür sprechen eine andere Sprache.

„Stars“ ist der erste Roman der Autorin Katja Kullmann, die 2003 den Deutschen Bücherpreis in der Kategorie Sachbuch erhielt.

Was würde ich an meinem Leben ändern, wenn ich nicht für Kost, Logis und andere Dinge arbeiten müsste? Diese Frage stellt sich Carla, als sie die Echtheit der Dollars überprüft hat. Nach der akribischen Berechnung „Wie lange reicht das geschenkte Geld“ und dem Besuch einer Esoterik-Messe, kennt sie die Antwort. Mit ihrer Kündigung, die nach ausgedehnten Krankmeldungen und Abfeiern des Resturlaubs erfolgt, orientiert sie sich neu. Obwohl Carla der Astrologie skeptisch gegenüber steht, beschließt sie aus ihrem Hobby einen Vollzeitjob zu machen. Und prompt hat sie mit ihrem Geschäftsmodell als Astrophilosophin Erfolg.

Sachbuchautorin Katja Kullmann widmet sich in ihrem ersten Roman der Single-Frau reiferen Alters, die nach Abbruch ihres Studiums zwar zurechtkommt, aber mit Erreichen der Midlife-Crisis ins Grübeln gerät und sich fragt: War das alles?

Der Roman ist aus der Perspektive von Carla geschrieben und sie bleibt der einzige Buchcharakter, den wir näher kennenlernen. Zunächst wirkt sie resigniert, antriebslos und gelangweilt. Sie hasst es, Büromobiliar zu disponieren und ihr Freundeskreis existiert praktisch nicht. Da sind nur zwei Kolleginnen aus dem Büro, die am ehesten noch als nähere Kontakte gelten können und Henry für gelegentlichen unverbindlichen Sex. Insgesamt ist Carla eine zwiespältige Protagonistin. Einerseits hinterfragt sie die zwei folgenschweren Ereignisse in ihrem Leben kaum, andrerseits stellt sie einen perfekten Businessplan auf, von dem man durchaus etwas lernen kann.

Die Autorin erzählt flüssig und mit Humor. Das ruhige Erzähltempo hat mich kaum gestört. Eher die fehlenden Verwicklungen und Wendungen, die wenig Spannung aufkommen lassen und zwischendurch zu kleineren Längen führen. Dagegen war der Knaller am Buchende erfrischend. Das Nebenthema Astrologie fand ich gut recherchiert und kompetent gehandhabt. Mir hat gefallen, dass die Autorin darauf verzichtet, Liebhaber der Horoskope zu verunglimpfen. Jeder, wie er mag.

Insgesamt hat mich „Stars“ gut unterhalten. Es war interessant zu lesen, was Carla bewegt und wie ihre Entwicklung verläuft.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

In Brunngries ruht das Verbrechen nie

Prost, auf den Doktor
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Auch Motorradfans schätzen die schöne bayrische Landschaft. So kommt es, dass sich die Nordlichter vom Hamburger Bikerclub „Und Tschüss“ mit den Traunsteiner „MoDo’s!“ nicht auf halber Strecke, sondern ...

Auch Motorradfans schätzen die schöne bayrische Landschaft. So kommt es, dass sich die Nordlichter vom Hamburger Bikerclub „Und Tschüss“ mit den Traunsteiner „MoDo’s!“ nicht auf halber Strecke, sondern lieber im Chiemgau treffen. Das alljährliche Motorradtreffen steht an und soll auf der Sauwiese am Ortsrand von Brunngries gebührend gefeiert werden. Der örtliche Metzger John Parker und sein neuer Grillwagen liefern ein knuspriges Spanferkel und eine feuchtfröhliche Bikerparty steigt. Nach Mitternacht schleichen sich zwei der Teilnehmer heimlich nach Brunngries ins „KRAUSE“, um dort bequemer als im Zelt zu nächtigen. Leider zahlt ein Biker für das bisschen Komfort mit seinem Leben.

„Prost, auf den Doktor“ ist bereits der elfte Band der „Kommissar Tischler ermittelt“- Reihe von Friedrich Kalpenstein. Die Krimis sind leicht erkennbar an der hübschen Dackeldame Resi, die jedes Cover ziert. Ich finde, dieses Mal ist sie besonders gut getroffen. Wer würde nicht zu ihr in die Sprechstunde gehen? Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar, aber wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, kehrt immer wieder nach Brunngries zurück.

Kommissar Tischler und sein Team sehen sich mit einem besonders kniffeligen Fall konfrontiert. Wer bringt schon seinen Hausarzt um? Doch die Ermittlungen fördern Erstaunliches zutage. An Tatverdächtigen besteht bald kein Mangel mehr. Wer wollte Sebastian Burgegger wirklich tot sehen? Wird die T(ischler) U(nd) F(ink)-Methode wieder zum Erfolg führen?

Friedrich Kalpenstein unterhält uns erneut mit einem spannenden Krimi, den er bildhaft, locker und mit einer guten Portion Lokalkolorit erzählt. Der Leser begleitet die Ermittler durch das idyllische Städtchen Brunngries und trifft neben den neuen Protagonisten, alte Bekannte wie den smarten Metzger Parker, das geschäftstüchtige, halbseidene Duo Tereza und Nori, den ambitionierten, korianderaffinen Wirt Horst-Erich, den korrupten Bürgermeister Gemeinwieser und Förster Ferstel mit meiner Favoritin Resi.

Eine meiner Lieblingsszenen ist folgende. Dackeldame Resi zeigt Dobermann Rambo, wo der Barthel den Most holt bzw. wer der erste Hund am Platz ist. Ohne Kampfhandlungen, allein dank ihrer umwerfenden Präsenz und Courage. Jawohl! Der Humor kommt auch sonst nicht zu kurz, ohne die Spannung zu beeinträchtigen.

Die Charaktere entwickeln sich weiter. So hat sich Polizeihauptmeister Felix Fink vom naiven Berufsanfänger zum tüchtigen Ermittler gemausert, dem bei diesem Fall sogar das entscheidende Puzzleteil auffällt. Dagegen ist der Kommissar nicht ganz wie sonst, was ich der Abwesenheit seiner Freundin Britta zuschreibe. Trotzdem löst er zusammen mit Fink den Fall wie gewohnt. Einige Wendungen haben mich vorübergehend in die falsche Richtung ermitteln lassen und das Warum war mir nicht klar, aber zuletzt wurde alles logisch aufgeklärt.

Anrührend fand ich eine der letzten Szenen, in der die Biker und Tischler das Mordopfer mit einem „Last Farewell“ verabschiedeten.

Nach dem Krimi ist vor dem Krimi. In diesem Sinn werde ich in nächster Zeit öfters KRAUSES Biergarten aufsuchen. Bei einem Weißbier und einer korianderfreien Brotzeit prüfe ich dann, wie die Dinge in Brunngries stehen. Denn der nächste Fall wird (hoffentlich) nicht lange auf sich warten lassen.

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Ein neuer Fall für Gruppe 4

Aschesommer
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Mit der Aufklärung der „Krähenmorde“ ist der neuen Gruppe 4, einer Sondereinheit, die für die Aufklärung von Serienstraftaten zuständig ist, ein erster spektakulärer Erfolg gelungen. Bald sehen sich Mila, ...

Mit der Aufklärung der „Krähenmorde“ ist der neuen Gruppe 4, einer Sondereinheit, die für die Aufklärung von Serienstraftaten zuständig ist, ein erster spektakulärer Erfolg gelungen. Bald sehen sich Mila, Jakob und ihr Team mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Professor Daniel Wissmer und eine seiner Studentinnen wurden auf grausame Weise ermordet. „Das Sterben hat begonnen“ diese für die Ermittler am Tatort hinterlassene Botschaft lässt alle Alarmglocken läuten. Tatsächlich werden bald die nächsten Opfer des sogenannten „Aschemörders“ gefunden. Die Gruppe 4 befindet sich in einer ungewohnten Situation. Es scheint offensichtlich zu sein, wer hinter den Morden steckt: Der manipulative, hochintelligente Psychopath Jan-Christian Bode, der mit Wissmer und dem nächsten Opfer, Richterin Elisabeth Wagner, noch eine Rechnung offen hatte. Doch der narzisstische Mörder ist seit acht Jahren in Weilersgrund, einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt eingesperrt. Wer mordet für Bode? Wie konnte er einen Vollstrecker rekrutieren? Und wie kommuniziert er mit dem „Werkzeug“ seiner Rache?

„Aschesommer“ ist nach „Krähentage“ der zweite Thriller aus Benjamin Cors Reihe „Gruppe 4 ermittelt“ mit den Ermittlern Mila Weiss und Jakob Krogh. Die Bände können unabhängig voneinander gelesen werden.

Der Plot von Benjamin Cors neuem Thriller ist hochgradig spannend. Es scheint klar, wer hinter der aktuellen Mordserie steckt, doch dieses Wissen nützt den Ermittlern zunächst wenig. Der verdächtigte Psychopath befindet sich seit Jahren in einer geschlossenen Einrichtung, sicher verwahrt, ohne Besucher und von seinen Mitinsassen gemieden. Bode muss einen Helfer haben. Doch wer kann das sein? Er hat weder Familie noch Freunde und sicher keinen Freigang.

Die Gruppe 4 steht erneut unter Druck. Es sind allerlei Gerüchte im Umlauf, die den Fortbestand des Teams bezweifeln. Außerdem versucht Staatsanwalt Sattmann, die bisherige Doppelspitze auszuhebeln und Jakob Krogh allein zu befördern – gegen dessen Willen. Gerade jetzt sieht sich das Team mit einer Mordserie konfrontiert, die wenig Ermittlungsansätze bietet und gleichzeitig die Medien befeuert. Hinzu kommt, dass Staatsanwalt Sattmann ganz oben auf Bodes Abschussliste stehen dürfte.

Benjamin Cors schreibt gewohnt flüssig und bildhaft. Er versteht es glänzend, das Kopfkino des Lesers zu aktivieren, was nicht immer schöne Bilder hervorbringt. Seine Haupt- und Nebencharaktere überzeugen. Im Mittelpunkt stehen die Kommissare Jakob Krogh und Mila Weiss, Während er der geborene Teamplayer ist, neigt sie zu Alleingängen. Beide verbindet, dass sie Traumatisches erlebt haben.
Der akribische Ludger, die quirlige Lucy, der toughe Tuure und die liebenswürdige Frauke, vervollständigen die Gruppe 4, die mir inzwischen ans Herz gewachsen ist. Es wäre schön, mehr über den Hintergrund der Teammitglieder zu erfahren.
Im Zentrum des Falls, wie die Spinne im Netz, agiert der ehemalige Paläontologieprofessor und Mehrfachmörder Bode. Der charismatische Psychopath, der aus Langeweile seine Mitinsassen in den Selbstmord treibt, erweist sich als hochintelligenter Planer und Manipulator. Seine Hybris zeigt sich u.a. darin, dass er seine Morde nach dem Vorbild der fünf großen Sterben der Erde, also durch Eis, Luft, Feuer, Wasser und Asche begehen lässt.

Mein Fazit
Obwohl der Urheber der Mordserie von Beginn an feststeht, liefert uns dieser Thriller spannende Action, die dank einiger cleverer Schachzüge bis zum Schluss anhält. Dann wird der Fall logisch aufgeklärt und lässt keine Fragen offen. Der Plot hält, was er verspricht und bietet kurzweilige Unterhaltung.

Mir hat gut gefallen, dass die Probleme von Krogh und Weiss nicht mehr so im Mittelpunkt stehen wie noch in „Krähentage“. Dass ein psychopathischer Mörder die beiden als seine Gegenspieler auserkoren hat, verlangt ihnen das Äußerste ab, doch gemeinsam mit ihrem Team können sie Bodes Triumph verhindern. Gleichzeitig zwingt dieser Fall Mila und Jakob dazu, ihre Geheimnisse offenzulegen und sich so allmählich den Dämonen zu stellen.
„Aschesommer“ endet mit einer kleinen Überraschung. Ich hoffe, da ist das letzte Wort noch nicht geschrieben und freue mich schon auf die Fortsetzung.

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Trauma - Ist mein Vater ein Mörder?

Die unsichtbare Hand
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Olivia Dumont verdient ihren Lebensunterhalt als Ghostwriter. Nach einigen erfolgreichen Jahren hat sie eine Verleumdungsklage in gravierende finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Da kommt der Auftrag, ...

Olivia Dumont verdient ihren Lebensunterhalt als Ghostwriter. Nach einigen erfolgreichen Jahren hat sie eine Verleumdungsklage in gravierende finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Da kommt der Auftrag, für den Bestsellerautor Vincent Taylor ein Buch zu schreiben, gerade rechtzeitig. Nur die Tatsache, dass der Schriftsteller Olivias ungeliebter Vater ist, den sie seit vielen Jahren meidet, lässt sie zögern. Als sie erfährt, dass Vincent das seit fünfzig Jahren bestehende Geheimnis über den Mord an seinen Geschwistern Poppy und Danny lüften will, nimmt sie den Auftrag an. Sie ahnt nicht, worauf sie sich einlässt.

Mit „Die unsichtbare Hand“ ist Julie Clark eine spannende Mischung aus Familiendrama und Krimi gelungen. Die in den Jahren 1975 und 2024 spielende Erzählung hat mich rasch in ihren Bann gezogen. Clark erzählt in zunächst ruhigen Bildern, wie ein Trauma eine ganze Familie prägen, ja zerstören kann. Schon als Zehnjährige wird Olivia von ihren Mitschülern mit der Aussage konfrontiert, dass ihr Daddy seine Geschwister ermordet habe. Ein konventionelles Familienleben ist unter diesen Umständen nicht möglich. Die Ehe der Eltern zerbricht früh, Olivia landet schlussendlich im Internat. Die entstandenen Risse in der Vater-Tochter-Beziehung lassen sich nicht mehr kitten. Angetrieben von der Tatsache, dass dies die letzte Gelegenheit sein wird, die Wahrheit zu erfahren, Vincent ist an Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt, stellt sich Olivia einer Situation, die sie über 20 Jahre lang vermieden hat.

Julie Clark schreibt präzise und bildhaft. Anrührend fand ich die Szene, in der Vincent Olivia, eine Schachtel voller Erinnerungsstücke an sie übergibt, die er gehütet hat. Dabei glaubte sie, dass er sie nicht vermisst hat.

Das langsame Erzähltempo, vor allem im Mittelteil, gibt dem Leser Zeit und Gelegenheit, die Protagonisten und die damaligen Umstände kennenzulernen. Der Autorin ist es sehr gut gelungen, die Atmosphäre einer Kleinstadt in den 1970er Jahren einzufangen. Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven (Olivia, Vincent, Poppy) erzählt, was den Protagonisten Tiefe verleiht.

Clarks Charaktere haben mich überzeugt. Sie wirken lebendig und authentisch. Vincent, der auf beiden Zeitleisten eine wichtige Rolle spielt, ist schwierig, schnell wütend, unsicher. Nach dem Tag X hält er das Leben bald nur noch mit Alkohol und Drogen aus. Tochter Olivia fordert die Wahrheit ein, muss aber erkennen, dass sie dieselbe Geheimnistuerei pflegt wie Vincent. Mein Liebling ist die kluge Poppy, die nicht versteht, warum Jungs nichts über Hauswirtschaft zu wissen brauchen und Schulleiter meist männlich sind. Eine Dreizehnjährige, deren Posterhelden, Frauenaktivistinnen, wie Steinem und Friedan sind, die in den 1970er Jahren Furore machten.

Der Kriminalfall beschwört einige beklemmende Szenen, bis letztendlich nach einigen Wendungen ganz unspektakulär die Auflösung erfolgt.

Fasziniert hat mich an der Erzählung ihre Vielschichtigkeit. Wie entsteht ein Familientrauma und was bewirkt es? Wirkt es bis in die nachfolgenden Generationen? Wie zuverlässig ist unser Gedächtnis? Sind unsere Erinnerungen immer wahr oder möglicherweise durch Voreingenommenheit beeinflusst? Vincent hat damit naturgemäß Schwierigkeiten, da er an Demenz erkrankt ist. Aber auch Olivia muss erkennen, dass sie manches vergessen hat, sich an anderes falsch oder verzerrt erinnert. Dazu kommen das ungeklärte True Crime Thema und die spannende Vater-Tochterdynamik. Erwachsene spielen in diesem Buch, zumindest im Zeitstrang von 1975, eine Nebenrolle. Die Bühne gehört den Heranwachsenden.

Mich hat das Buch sehr gut unterhalten und ich empfehle es allen Fans von Familiendramen.

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Veröffentlicht am 09.05.2025

Mann & Müllers zweiter Streich

Unheimliche Gesellschaft
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1933. Nach monatelanger Funkstille erhält der litauische Übersetzer Žydrūnas Miuleris, den der Dichter Thomas Mann beharrlich „Müller“ nennt, einen Hilferuf aus der Schweiz. Der Nobelpreisträger fühlt ...

1933. Nach monatelanger Funkstille erhält der litauische Übersetzer Žydrūnas Miuleris, den der Dichter Thomas Mann beharrlich „Müller“ nennt, einen Hilferuf aus der Schweiz. Der Nobelpreisträger fühlt sich in seinem Exil bedroht und bittet seinen „Watson“ vergangener Tage um Unterstützung. Trotz sehr begrenzter Mittel eilt Žydrūnas mit seinem Hund Ludwik nach Zürich. Dort angekommen, erzürnt ihn der banale Grund für Manns Sorgen: Die Folgen der rücksichtslosen Fahrweise seiner Frau Katia. Doch kaum beginnt Müller nach Frau Manns vermeintlichem Unfallopfer zu suchen, überstürzen sich die Ereignisse. Mit zwei Mordanschlägen auf seinen Hund Ludwik beginnt eine Serie bedrohlicher Ereignisse. Der Dichter und Hundefreund prophezeit: „Wer bereit ist, Hunde zu töten, würde wohl auch vor Menschen nicht haltmachen.“

„Unheimliche Gesellschaft“ ist nach „Gefährliche Betrachtungen“ der zweite Fall des Emittlerduos Žydrūnas Miuleris und Thomas Mann vom Deutsch-Schweizer Autor Tilo Eckardt. Die Bände können unabhängig voneinander gelesen werden. Das Einhalten der Reihenfolge erhöht aber den Lesegenuss.

Drei Jahre nach den verhängnisvollen Geschehnissen an der Kurischen Nehrung und ein Jahr nachdem Frau Bryls Villa Bernstein abgebrannt ist, befindet sich Thomas Mann, in dem von ihm prophezeiten und gefürchteten Exil. Die Gerüchte, dass die Gestapo Regimekritiker aus dem neutralen Ausland heim ins Reich entführen lässt, beunruhigen ihn sehr. Seine Frau sorgt sich um ihre Kinder, die ein geeignetes Druckmittel abgeben würden.

Thomas Manns Furcht vor Entführung ins Deutsche Reich war nicht unbegründet. Nur zwei Jahre später, am Abend des 9. März 1935, wird, mit Berthold Jacob einer der bekanntesten deutschen Journalisten und Pazifisten der Weimarer Republik, in Basel betäubt und über die Deutsch-Schweizer Grenze nach Berlin entführt.

Tilo Eckardt schreibt lebendig und bildhaft. Er passt seine Sprache dem Stil der 1930er Jahren an, was gut funktioniert. Auch das gemächliche Erzähltempo wirkt stimmig, könnte gelegentlich aber etwas flotter sein. Mühelos gelingt es dem Autor, die angespannte Atmosphäre im Mitteleuropa jener Zeit heraufzubeschwören. Wie im ersten Fall stehen der Dichter und sein litauischer Übersetzer im Mittelpunkt der Geschichte. Žydrūnas wirkt reifer, er agiert nicht mehr so unbesonnen wie vor drei Jahren. Inzwischen ist er mit Dalia verlobt und scheint seinen Platz im Leben gefunden zu haben. Thomas Mann wirkt angeschlagen, weil er seine geliebte Heimat zurücklassen musste, als die Demokratie dort endete. Es fällt ihm schwer, sich im Exil zurechtzufinden. Eine Schlüsselrolle kommt in diesem Fall Müllers Hund Ludwik, dem riesigen kaukasischen Owtscharka zu. In den Nebenrollen überzeugen vor allem die Eidgenossen. Meine Favoriten sind Grittli, Dorli und Trudi sowie der aufrechte Lokomotivführer.

Die Ereignisse aus der Rückschau des 101-jährigen Miuleris erzählen zu lassen, erweist sich erneut als kluger Schachzug. Längst ist Müllers fast kritiklose Verehrung Thomas Manns einer realistischeren, oft augenzwinkernden Sympathie gewichen. Mit Humor berichtet er für seinen Urenkel vom damaligen Geschehen, ohne den düsteren Hintergrund zu verschweigen. Der aufkommende Nationalsozialismus und seine weitreichenden Folgen schaffen eine angespannte Atmosphäre und erzielen auch in der Schweiz Wirkung.

Erneut vermischt Tilo Eckardt gekonnt Fakten und Fiktion Wir treffen Zeitgenossen des Dichters wie den Journalisten Konrad Heiden oder das Verlegerpaar Emmie und Emil Oprecht, das seinen Europa-Verlag gründete, um Exilautoren, eine Plattform zu bieten. Wir begleiten Mann & Müller in die „Pfeffermühle“ um ein Kabarettprogramm von Erika Mann mit Therese Giehse zu genießen. Gerade vor dieser Szene erleben wir mit, wie auch in der Schweiz ein selbst ernannter Gauführer versucht, die politischen Verhältnisse zugunsten von Sympathisanten des NS-Regimes zu beeinflussen
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Am Ende des Buches klärt Tilo Eckardt, was bei diesem historischen Kriminalfall auf Fakten beruht und was Fiktion ist.

Auch Manns & Müllers zweiter Fall hat mich gut unterhalten. Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung an Fans von historischen Kriminalromanen und/oder Thomas Mann.

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