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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.06.2025

Ein Buch über die Periode – und plötzlich ging’s um viel mehr

Peggys Perioden-Projekt – Paint it red! – Nominiert für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis 2025
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Wie spricht man über die Periode, wenn die eigene Mutter nicht mehr da ist, um einem alles zu erklären? Und sollte es eigentlich nicht ganz normal sein, dass alle etwas dazu sagen können, egal, ob sie ...

Wie spricht man über die Periode, wenn die eigene Mutter nicht mehr da ist, um einem alles zu erklären? Und sollte es eigentlich nicht ganz normal sein, dass alle etwas dazu sagen können, egal, ob sie selbst bluten oder nicht?
Genau diese Fragen stellen sich Leni und Peggy. Inspiriert von Lenis älterer, engagierter Nachbarin starten sie ein Schulprojekt: eine Ausstellung rund um das Thema Menstruation. Was zunächst nach einem typischen Aufklärungsprojekt klingt, entwickelt sich schnell zu etwas viel Größerem. Nicht nur in der Schule, sondern auch in ihrem eigenen Leben.

Peggy verarbeitet noch immer das Verschwinden ihrer Mutter und merkt plötzlich, dass sie beginnt, sich zu verlieben. Leni hingegen ist trans, sie blutet also gar nicht, bleibt von den körperlichen Schmerzen verschont. Und trotzdem: So richtig wohl fühlt sie sich mit diesem „Nicht-Erleben“ auch nicht.
Ich muss zugeben: Anfangs hatte ich Sorge, das Buch würde das Thema zu gewollt oder belehrend behandeln. Auch bei der Idee mit der Ausstellung war ich erst skeptisch. Aber die Beiträge darin haben mich echt überzeugt. Besonders die visuelle Gestaltung hat mich abgeholt: Die Illustrationen der Autorin passen perfekt zum Ton und Inhalt des Romans.

Ein Roman mit vielen verschiedenen Perspektiven gerade zur ersten Periode, mit spannender Handlung, die es noch einmal lesenswerter macht!

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Veröffentlicht am 20.06.2025

People Pleasing in all seinen Facetten

People Pleaser
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Nina geht es gut, wenn sie anderen helfen kann. Sie bringt ihren besten Freund*innen Frühstück mit in die Schule, schreibt Hausaufgaben doppelt ab. Alles, um zu helfen. Vielleicht liegt das auch an ihren ...

Nina geht es gut, wenn sie anderen helfen kann. Sie bringt ihren besten Freund*innen Frühstück mit in die Schule, schreibt Hausaufgaben doppelt ab. Alles, um zu helfen. Vielleicht liegt das auch an ihren bulgarischen Wurzeln: Ihre Mutter hat ihr beigebracht, dass Frauen in ihrer Familie niemals stillstehen dürfen. Ganz anders ihr kleiner Bruder Ivo, der chillt sich durchs Leben, als wäre es ein Vollzeitjob.

Besonders intensiv lebt Nina ihre „Fürsorge“ gegenüber ihrer besten Freundin Theo aus. Doch bei Theo spürt sie auch eine gewisse Distanz, irgendwas ist anders zwischen ihnen. Und dann ist da noch Aleks, der neue Bad Boy in Theos Leben. Nina geht so weit, ihn "retten" zu wollen, ohne zu merken, dass sie dabei ihre eigenen Freundschaften vernachlässigt.


Nina sieht häufig das Problem vor lauter “People Pleasen” nicht, vor allem nicht, dass das “Pleasen” nicht immer positiv ist. Das ist teilweise so unangenehm, wie sie wirklich gar nicht für sich und ihre Bedürfnisse einsteht, dass es weh tut. Gerade dadurch entstehen aber auch spannende Dynamiken, die zum Nachdenken bringen: Was bedeutet Freundschaft eigentlich, wenn nur eine Seite sich öffnet und die andere immer nur hilft? Ist das wirklich fair? Tut Nina Theo damit überhaupt einen Gefallen?
Auch die anderen Figuren greifen diese Dynamik auf und wirken dabei super echt. Wie schon in Kanak Kids bringt Dimitrova auch hier viel Humor rein. So schlagfertig wie Dimitrovas Figuren wäre ich gerne mal!
Der Roman zeigt, wie es ist, wenn man immer nur für andere lebt und dabei sich selbst vergisst. Woher kommt das? Was ist erlernt, was ist vielleicht auch Erwartung von außen? Und wie oft machen wir Dinge für andere, ohne zu fragen, ob sie das überhaupt wollen? Wie wenn man jemandem immer den letzten Keks überlässt, ohne zu wissen, ob der andere überhaupt Appetit hat.

Ein kluger, zeitgemäßer Roman mit viel Gefühl und Witz, der zum Reflektieren einlädt, ohne belehrend zu sein.

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Veröffentlicht am 06.06.2025

Die unverschönte Wahrheit der Märchen und ihrer "Happy ever afters"

Ever & After. Der schlafende Prinz
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Rain White würde sich lieber ihrer Band und den alltäglichen Sorgen widmen, doch als Nachfahrin von Schneewittchen muss sie sich der Tradition stellen, der alle anderen Mädchen entgegenfiebern: dem schlafenden ...

Rain White würde sich lieber ihrer Band und den alltäglichen Sorgen widmen, doch als Nachfahrin von Schneewittchen muss sie sich der Tradition stellen, der alle anderen Mädchen entgegenfiebern: dem schlafenden (toten) Prinzen zu ihrem 18. Geburtstag einen Kuss zu geben. Vor allem ihre Großmutter glaubt fest daran, dass Rain ihn wirklich wachküssen könnte und scheut sich nicht, sie zu ihrer “Bestimmung” zu zwingen.
Plötzlich ist die Welt weniger märchenhaft in unserem klassischen Sinne: Tod, Plagen, Flüche und böse Wesen suchen die Menschen heim. Und genau damit kommt die Geschichte dem eigentlich brutalen Kern von Märchen vermutlich näher als all unsere romantischen Vorstellungen vom Prinzen auf dem weißen Pferd. Dieser Aspekt hat mir auch am besten gefallen. Die Märchen wurden zwar in eine neue Welt übertragen und neu verpackt, aber in ihrem brutalen Kern ernst genommen. Dadurch zeigen sie die Schattenseiten des Lebens und der Welt. “Brutal” sollte man dabei wirklich wörtlich nehmen: Einige Szenen sind sehr blutig und schwer zu lesen.
Ein weiteres Highlight waren für mich die märchenhaften Zitate zu Beginn jedes Kapitels. Sie betonen den Kontrast zwischen der nostalgisch-vertrauten Märchenwelt und der düsteren Realität der Handlung.
Auch in Sachen Romantik bleibt es spannend: Statt eines von Anfang an klaren „Love Interests“ gibt es hier zwei.
Rain selbst bewegt sich ständig zwischen Extremen: Traum und Wirklichkeit, Licht und Schatten, Zweifel und Pflicht. Doch das wirkt nie verwirrend, sondern macht ihre innere Zerrissenheit spürbar
Das Ende hat allem die (Märchen-)Krone aufgesetzt. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht!

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Veröffentlicht am 01.06.2025

Unverstandene Künstler und künstliche Konflikte

A Poet's Heart (Broken Artists, Band 1)
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Eine Romance-Geschichte, die unter dem Trope slow burn fällt und wirklich slow und für mich unauthentisch voranschleicht.

Fenn ist eine extrem wortkarge Figur. Warum das so ist, erfährt man erst spät, ...

Eine Romance-Geschichte, die unter dem Trope slow burn fällt und wirklich slow und für mich unauthentisch voranschleicht.

Fenn ist eine extrem wortkarge Figur. Warum das so ist, erfährt man erst spät, aber die Erklärung ist durchaus nachvollziehbar. Äußerlich wirkt er natürlich absolut makellos, und seine Gedanken kreisen angeblich ausschließlich um tiefgründige Themen. Dass er Musiker ist, macht ihn als einsamen Künstler aus, aber fiktive Musik in Büchern überzeugt mich selten. Auch hier fällt es mir schwer, eine Verbindung zu den Songs aufzubauen, da man nur den Text vor sich hat. Seine englischsprachigen Lieder wirken auf mich eher plump, mit Botschaften, die gefühlt alle „Oh, I wanna talk to you, but I can’t“ aussagen. Dass Yva davon so beeindruckt ist, konnte ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.

Natürlich braucht eine Liebesgeschichte ein Hindernis, das die Figuren zunächst voneinander trennt. Ich hatte allerdings erwartet, dass Yvas traumatisches Erlebnis vom Anfang eine tiefere Rolle spielen würde. Stattdessen gerät es bald in den Hintergrund, was auf mich etwas konstruiert wirkte. Insgesamt fand ich viele Stellen stark kitschüberladen. Auch die Dialoge in den Freundschaften wirkten oft unauthentisch, als würden sie nur dazu dienen, dem Lesepublikum nochmal die Hintergründe zu erklären.

Yva ist recht reflektiert, selbst wenn sie so komische Sachen sagt wie „In seiner Nähe zu sein ist ein Privileg”, sieht sie als Vorzeige-Figur ohne Ecken und Kanten ein, wie toxisch das ist. Es ist aber schön, dass hier eine junge, selbstbewusste Frau im Mittelpunkt steht. Auch das Setting in Stockholm fand ich cool.

Wen all die anderen Punkte nicht stören, wird Freude damit haben. Ich wurde mit dem Roman gar nicht warm, das komische Ende hat es leider nicht retten können.

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Veröffentlicht am 26.05.2025

Düster, dicht und meist durchdacht

Schloss der Lügen
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„Eldridge Hall war auf Lügen gebaut“ – so beginnt der Roman und sofort wird klar, wie brüchig und vielschichtig dieses Lügengebäude ist. Allein deshalb finde ich den deutschen Titel viel treffender als ...

„Eldridge Hall war auf Lügen gebaut“ – so beginnt der Roman und sofort wird klar, wie brüchig und vielschichtig dieses Lügengebäude ist. Allein deshalb finde ich den deutschen Titel viel treffender als den englischen A Multitude of Dreams, denn er bringt das zentrale Thema auf den Punkt: Schein und Wahrheit.
Die Geschichte spielt in einer düsteren, abgeschotteten Welt: Das Königreich Goslind wurde vor Jahren von der Mori Roja, der tödlichen Pest, heimgesucht. Seitdem herrscht auf Eldridge Hall ein bizarrer Alltag: streng geregelt, vollkommen abgeschirmt von der Außenwelt. Niemand verlässt das Schloss, niemand schaut nach draußen. Was passiert, wenn die Vorräte zur Neige gehen, bleibt ungewiss.


Im Mittelpunkt stehen zwei Figuren, deren Fokus kapitelweise wechselt : Prinzessin Imogene, die im goldenen Käfig lebt, und Nico, der draußen überlebt hat, immun gegen die Pest. Als er beginnt, seine Vergangenheit und die offizielle Version der Geschichte zu hinterfragen, stößt er auf eine verstörende Wahrheit: Neben Toten und Überlebenden gibt es auch Wiedergeborene: Mittlerweile blutsaugende Kreaturen.

Eine große Lüge, die mit einer geheimen Identität verknüpft ist, wird recht früh enthüllt, aber ihr voller Umfang entfaltet sich erst nach und nach, was den Spannungsbogen abrundet. Ich habe einige Kritiken gelesen, die den Plot als unlogisch oder unausgewogen bezeichnen, das konnte ich persönlich nicht so nachvollziehen. Klar, manches hätte etwas ausführlicher erklärt werden können, etwa die Herkunft und Natur der Wiedergeborenen, aber insgesamt fand ich die Spannung gut gehalten.
Besonders positiv fand ich, dass das Buch auch gesellschaftlich relevante Themen anspricht, etwa soziale Ungleichheit und Antisemitismus. Das verleiht der Geschichte Tiefe, ohne aufgesetzt zu wirken. Auch der Umgang mit Liebesbeziehungen war für mich erfrischend anders: Es läuft nicht sofort auf die eine große, vorhersehbare Liebe hinaus. Die Figuren begegnen mehreren Menschen, mit denen etwas möglich wäre. Logisch, denn in einer Welt, die von Angst und Isolation geprägt ist, steht Romantik nicht an erster Stelle.
Zugegeben: Ohne den Fantasy-Aspekt hätte mir das Buch vielleicht noch besser gefallen, gleichzeitig wären dann aber auch die Monster, und damit die große, spannende Bedrohung, weggefallen.

Fazit: Wer Geschichten mag, die in einer mittelalterlich angehauchten, düsteren Welt spielen, gerne mit Fantasy-Elementen, aber auch ernsten Themen und glaubwürdigen Figuren, dem*der kann ich Eldridge Hall wirklich empfehlen. Ein Buch, das mehr ist als eine typische Liebesgeschichte und dabei nicht nur an der Oberfläche bleibt. Außerdem ist es ein recht geschlossenes Ende, weil nicht, wie sonst auch gerne üblich, auf eine Trilogie hingearbeitet wird.

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