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Veröffentlicht am 31.12.2024

Familiendrama mit Thrillerelementen und mangelhafter Auflösung des eigentlich spannend aufgebauten Szenarios

Happy New Year – Zwei Familien, ein Albtraum
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Nina und Fredrik feiern wie jedes Jahr Silvester bei ihren Freunden Lollo und Max in größerer Runde. Richtige Freude will dabei aber nicht aufkommen, denn jedes Pärchen hat seine eigenen Probleme und letztlich ...

Nina und Fredrik feiern wie jedes Jahr Silvester bei ihren Freunden Lollo und Max in größerer Runde. Richtige Freude will dabei aber nicht aufkommen, denn jedes Pärchen hat seine eigenen Probleme und letztlich hat man sich bis auf das Zurschaustellen des Erreichten nur wenig zu sagen.
Während die Erwachsenen die Stimmung mit ordentlich Alkohol anheizen, dürfen die beiden siebzehnjährigen Töchter im Haus von Nina und Fredrik ihre eigene Party feiern. Nina hatte von vornherein bedenken und am nächsten Tag wird bestätigt, dass die Party besser nicht hätte stattfinden sollen. Lollos und Max' Tochter Jennifer hat nicht wie vereinbart bei Smilla übernachtet und ist nicht zu erreichen.Während nach Jennifer gesucht wird, kriselt es weiter in beiden Familien.

"Happy New Year" wird abwechselnd aus den Ich-Perspektiven von Nina, Fredrik und Lollo erzählt. Die Kapitel sind kurz und handeln am Silvesterabend und den Tagen danach, wobei es auch einzelne Rückblenden in die Vergangenheit mit dem Fokus auf die junge Jennifer gibt.

Der Roman ist mit dem ungeklärten Verbleib Jennifers und den Reaktionen der Erwachsenen darauf spannend aufgebaut und mutet wie ein Thriller an. Die Stimmung ist der Jahreszeit entsprechend unterkühlt und düster. Die Charaktere sind verzweifelt und wütend, haben sich emotional von einander entfernt und versuchen beharrlich die Fassade von Freundschaft und Harmonie aufrechtzuerhalten.
Lollo wirft Max vor, dass ihm das Verschwinden von Jennifer gleichgültig ist, Nina befürchtet, dass ihr Mann sie betrügt und Fredrik leidet unter Schuldgefühlen und Panikattacken.

Auch wenn von Anbeginn deutlich wird, dass Jennifer und Fredrik etwas zu verbergen haben, ist das Ausmaß nicht bekannt und Fredrik als Schuldiger am Verschwinden so auffällig, dass man nicht daran glauben mag.
Im weiteren Verlauf erfährt man wenig über die Ermittlungen der Polizei, durch die Suche von Lollo kommen jedoch Details über Jennifer ans Licht, die eine Seite offenbaren, die nicht einmal ihre Eltern kannten.

Kein Charakter ist sympathisch, sondern reine Nervenbündel, mit denen man nicht befreundet sein möchte. Welche Dramen sich innerhalb der Familien abspielen und was in der Silvesternacht mit Jennifer passiert ist, ist grundsätzlich spannend zu entschlüsseln.
Die Auflösung, die dann eher unvermittelt und mangels Polizeisicht nur unzureichend erklärt wird, unbefriedigend. Jennifers Geheimnis ist letztlich so prägnant, dass ihre Eltern längst hätten argwöhnisch sein müssen und Frederiks Verhalten im Vergleich dazu viel zu sehr in den Mittelpunkt gerückt wurde.
"Happy New Year" ist ein Familiendrama mit Thrillerelementen, das zeigt, wie viel Aufmerksamkeit Kinder brauchen, wie Menschen sich entfremden, ohne es zu merken und wie zerbrechlich Familien und Freundschaften sind.

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Veröffentlicht am 29.12.2024

Spannendes, nicht zu komplexes Konstrukt um Schicksal, Vorhersehung und Zeitreisen - philosophisch angehaucht und am Ende ohne logische Erklärung.

Das andere Tal
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Die 16-jährige Odile Ozanne ist eine Einzelgängerin und schließt erst in ihrem Abschlussjahr an der Schule Freundschaft zu Klassenkameraden. Darunter ist Edme, in den sie sich verliebt. Doch als sie sieht, ...

Die 16-jährige Odile Ozanne ist eine Einzelgängerin und schließt erst in ihrem Abschlussjahr an der Schule Freundschaft zu Klassenkameraden. Darunter ist Edme, in den sie sich verliebt. Doch als sie sieht, dass Edme von zwei Menschen mit Masken beobachtet wird, weiß sie, dass etwas Schlimmes passieren wird. Sie könnte Edme warnen, doch das ist in diesem Ort im Tal strengstens verboten und könnte Odiles Zukunft sabotieren, die gute Chancen hat, in das Conseil, den mächtigen Rat, aufgenommen zu werden.
Odile lebt in einem Ort, der streng bewacht wird. An den Grenzen im Osten und Westen patrouilliert die Gendarmerie, um zu verhindern, dass die Menschen diese übertreten. Denn in den Tälern rechts und links von ihnen findet die Vergangenheit und die Zukunft im Abstand von 20 Jahren statt und ein Grenzübertritt könnte verheerende Folgen für die Gegenwart haben.
20 Jahre später ist Odile selbst eine Grenzsoldatin und hadert noch immer mit ihrer damaligen Entscheidung.

"Das andere Tal" ist ein dystopischer Roman, der sich mit der Frage von Zeitreisen beschäftigt und ein interessantes, philosophisches Gedankenexperiment entwickelt. Odile ist die Hauptfigur, aus deren Perspektive dieses düstere Szenario einer Gesellschaft beschrieben wird, in der es strenge Regeln gibt und in welcher das Individuum nicht zählt.

Während der erste Teil nach der überwundenen Ausgrenzung und der Aussicht auf eine elitäre Karriere verheißungsvoll ist, ist der zweite Teil ernüchternd von einem grauen Alltag und der Einsamkeit von Odile geprägt. Doch auch als Erwachsene erhält sie die Chance auf einen Aufstieg, wäre nicht wieder die Verlockung, die Vergangenheit durch eine Reise in den Westen zu verändern.

Der Roman über parallelen Zeitebenen und einer unter bestimmten Umständen erlaubten Durchlässigkeit der Grenzen ist originell. Die Stimmung ist düster und die Gesellschaft erinnert an eine Diktatur.
Auch wenn die Geschichte ruhig und schon fast sachlich erzählt wird, erzeugt sie Dramatik und Spannung, da nicht absehbar ist, wohin diese führen wird.

Die innere Zerrissenheit Odiles, wenn sie vor Entscheidungen gestellt wird, ist spürbar belastend. Odile steht wiederholt zwischen ihrem Pflichtbewusstsein und der Prämisse, die strengen Regeln zu befolgen und der Angst, durch Entscheidungen Veränderungen in einer anderen Zeitebene herbeizuführen, die nicht auszudenken, gar lebenszerstörende Folgen haben könnten.
Der Roman beschreibt ein spannendes, nicht zu komplexes Konstrukt, dem es durch die Passivität Odiles zeitweise ein wenig an Lebendigkeit fehlt und in dem es keine echten Helden gibt. Die Frage, inwieweit wir unser Schicksal verändern können oder ob letztlich doch alles genauso vorherbestimmt ist, ist genauso philosophisch zu beantworten, wie die Frage "Was war zuerst da: Huhn oder Ei?". Da die Hauptfigur in der Gegenwart auf ihr zukünftiges Ich trifft, das sich durch ihr Einschreiten in der Vergangenheit aber gar nicht so hätte entwickeln können, hat mich das Buch am Ende nicht ganz überzeugen können. Aber vermutlich gibt es für solche Fragen des Zeitparadoxes keine logische Erklärung.

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Veröffentlicht am 27.12.2024

Auftakt einer Dilogie auf zwei Zeitebenen: große Träume, Liebe und Intrigen, Kampf um Selbstbestimmung, toxische Beziehungen und Neuanfänge - Potenzial wird vor allem in der Gegenwart nicht ausgeschöpft

Der Unendlichkeit so nah
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Emma ist Geowissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen und ihrem Traum, Astronautin zu werden, nahe. Es fehlt nur noch ein erfolgreicher Schritt zum Bestehen des ...

Emma ist Geowissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen und ihrem Traum, Astronautin zu werden, nahe. Es fehlt nur noch ein erfolgreicher Schritt zum Bestehen des schwierigen Auswahlverfahrens. Ihre Eltern, insbesondere ihre Mutter, die seit jeher andere ambitionierte Pläne für die hochbegabte Tochter hatte, sind verhalten begeistert. Emmas Freund, der ihre Arbeit schon immer herabwürdigte und Emma mehr als Mutter seiner Kinder sieht, hat kein Verständnis für ihr Vorhaben und stellt ihr ein Ultimatum.
Durch einen Zufall lernt Emma die ältere Becky kennen, die ebenfalls die Chance hatte, ins Weltall zu gelangen und wird von ihr zu einer willkommenen Auszeit auf Maui eingeladen. Dort kämpft Beckys Sohn Elias, ein Ingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik, für den Bau eines Teleskops auf Hawaii, der von den Einwohnern abgelehnt wird.
Über 100 Jahre zuvor verliebt sich Marie in den Musikanten Johannes und ahnt nicht, dass ihre beste Freundin Susanna dabei ist, diese Liebe zu manipulieren.

"Der Unendlichkeit so nah" ist der Auftakt einer Buchreihe (Dilogie?), was mir vor dem Lesen nicht bewusst war. Die Geschichte handelt auf zwei Zeitebenen und wird dabei aus fünf Perspektiven geschildert, wobei die beiden weiblichen Hauptfiguren Marie und Emma die Hauptanteile ausmachen. Insbesondere in der Vergangenheit ist die Liebesgeschichte der Hauptfiguren zentral, wobei von Anbeginn klar ist, dass es sich bei Maries Freundin Susanna um eine Vorfahrin von Emma handelt, womit die Handlungsstränge für die Leser logisch verbunden sind.

In der Vergangenheit überfordert jedoch anfangs die Vielzahl der Personen, die erwähnt wird, aber im weiteren Verlauf für die Handlung keine Rolle mehr spielt.

Die Geschichte entwickelt sich gemächlich und es dauert, bis sich Emma und Elias begegnen und näher kommen. Noch länger dauert es, bis sie beide das "tragische Familiengeheimnis" entdecken, weshalb der Klappentext schon zu viel verrät. Auch der Stammbaum in der Klappe des Buches ist ein Spoiler zur Handlung, da die Familienkonstellation zu viel von der Entwicklung der Liebesgeschichte der Vergangenheit preisgibt.
Überhaupt ist die Geschichte sehr auf die romantischen Gefühle der Figuren und die sich daraus ergebenden Probleme reduziert. Emma und Elias haben als Geowissenschaftlerin mit dem Fokus auf Klimaforschung und Elias als Ingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik so interessante Berufe, die für die Handlung nur für das Kennenlernen wesentlich sind. Einen Eindruck vom Arbeitsplatz oder der Tätigkeit erhält man nicht. Dagegen hat man den schönen Schauplatz Maui durch Beschreibungen von Flora und Fauna bildhaft vor Augen und erfährt nebenbei Details zur Mentalität der Einwohner.

Neben den beiden Liebesgeschichten handelt der Roman vor allem in der Gegenwart von toxischen Beziehungen, schwierigen Mutter-Tochter-Verhältnissen, von Erwartungen anderer, die mit den eigenen Träumen kollidieren sowie von Selbstbestimmung und Neuanfängen.

Die Hintergründe zu den Personen sind spannend und originell, der Verlauf der Handlung leider weniger. Die Vergangenheit dreht sich im Kreis und die Dramatik, die erzeugt wird, ist sehr vorhersehbar. Am Ende wird die Geschichte zwar interessanter, entwickelt sich bei der Problembewältigung aber rasend schnell. Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart bzw. der beiden Familien von Emma und Elias wird mit dem Faktor Zufall begründet, was der Geschichte etwas an Glaubwürdigkeit nimmt. Auch ist am Ende fraglich, was eigentlich das Familiengeheimnis sein soll.
Die Gegenwart hat Potenzial, das nicht ausgeschöpft wird, stellt zwar eine beruflich starke Frau in den Vordergrund, die für ihr Erreichtes jedoch stark verunsichert ist und letztlich auch wieder nur romantischen Gefühlen erliegt.

Da es sich (überraschenderweise) um einen Mehrteiler handelt, ist die Geschichte nicht beendet, die wesentlichen Teile jedoch abgeschlossen oder können vorausgeahnt werden. Ob ein zweiter Band deshalb unbedingt notwendig ist ob nicht einfach ein ausführlicher Epilog für ein befriedigendes Ende ausreichend gewesen wäre, sei dahingestellt.
Ein Erscheinungstermin für Band 2 ist bisher nicht bekannt.

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Veröffentlicht am 22.12.2024

Humorvolle Liebesgeschichte mit einem ernsten Kern zur bewussten Nutzung des Internets. Das wahre Leben wartet offline!

Auf dich war ich nicht vorbereitet
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Daisy Hobson arbeitet als Kundenbetreuerin in einer Marketingagentur und ist rund um die Uhr online. Als sie vor einem Tinder-Date spontan einen Tweet für ihre Follower absetzt, merkt sie erst am nächsten ...

Daisy Hobson arbeitet als Kundenbetreuerin in einer Marketingagentur und ist rund um die Uhr online. Als sie vor einem Tinder-Date spontan einen Tweet für ihre Follower absetzt, merkt sie erst am nächsten Morgen, dass sie noch im Account ihres Arbeitgebers eingeloggt war. Ihre anzügliche Nachricht war vor dem Löschen bereits viral gegangen und Daisy wird fristlos entlassen.
Ohne Job und gerade bei einer Freundin einquartiert, ist Daisy am Ende. Ihre Schwester Rosie zwingt sie zu einer Digital-Detox-Kur und entführt sie regelrecht aus London. Den Detox-Aufenthalt hatte sich Daisy allerdings anders vorgestellt. Auf Handy-Entzug auf dem Land sind die einzigen Lichtblicke ein attraktiver Franzose und der schroffe Nachbar, der sich mehrfach als Daisys Lebensretter hervortut.

"Auf dich war ich nicht vorbereitet" ist eine humorvolle Liebesgeschichte mit einem ernsten Kern.
Auch wenn die Hauptfigur Daisy in Bezug auf ihre Internetsucht überzeichnet dargestellt ist, ist die Geschichte liebenswert und unterhaltsam zu lesen. Der Kontrast zwischen Stadt und Land ist anschaulich dargestellt. Daisy wird von London und dem Leben mit ihren Social Media-Accounts in einen Ort versetzt, wo die Uhren anders ticken und wo ein Breitbandinternetanschluss keine Selbstverständlichkeit ist. Abgelenkt von der Unterstützung ihrer Schwester und den attraktiven Männern um sie herum, vermisst sie ihr Handy nach einiger Zeit schon kaum noch.
Durch das ungewohnte Zusammenleben kommt Daisy ihrer Schwester näher und findet sogar Freude am altmodischen Briefeschreiben, was ihren Flirt zu ihrem Nachbar weiter fördert. Doch ihr Leben in London und die Folgen ihres Tweets kann sie nach einem mehrwöchigen Abstand nicht länger ignorieren und muss sich der Realität stellen.

Trotz der insgesamt humorvollen Stimmung, die durch Daisys Ungeschicke und die Neugier der Dorfbewohner forciert wird, wird der ernste Hintergrund von Daisys ungeplanter Auszeit nichts ins Lächerliche gezogen. Auf brutale Art und Weise muss Daisy lernen, dass das Internet nichts vergisst und welche Folgen (unüberlegte) Postings beruflich und privat haben können. Auch hilft ihr die Situation zu erkennen, wer wahre Freunde sind und dass man ohne Bildschirmpause die wesentlichen Dinge aus dem Auge verliert.
Daisys Wandel ist nachvollziehbar, macht sie sympathischer und auch ihr privater und beruflicher Neuanfang ist realistisch dargestellt.

Der Roman nimmt die Internetmanie aufs Korn und ist eine emphatische Mahnung, genau zu überlegen, was man im Internet preisgibt und ob überhaupt so viel Zeit am Bildschirm und virtuell verbracht werden muss. Das echte Leben wartet offline und reale Freunde sind letztlich wertvoller als oberflächliche Internetkontakte.

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Veröffentlicht am 19.12.2024

Recht ist nicht immer gerecht - fesselnder, vielschichtiger Mix Kriminalroman und Justizthriller, basierend auf einem wahren Fall.

Zeit der Schuldigen
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Im November 1981 wird die 17-jährige Nina Markowski vergewaltigt und brutal mit 22 Messerstichen getötet. Als Tatverdächtiger wird der 14 Jahre ältere Volker März aufgrund von Indizien verhaftet und wegen ...

Im November 1981 wird die 17-jährige Nina Markowski vergewaltigt und brutal mit 22 Messerstichen getötet. Als Tatverdächtiger wird der 14 Jahre ältere Volker März aufgrund von Indizien verhaftet und wegen Mordes verurteilt, das Urteil allerdings wenig später aufgrund eines Formfehlers aufgehoben. Nina hatte sich mit Volker angefreundet und mehrmals getroffen, bevor sie sich in einen Jungen in ihrem Alter verliebte und die Verbindung zu Volker wenige Tage vor ihrem Tod abbrach.
Dem leitenden Kriminalkommissar Klaus Margraf lässt der ungelöste Fall auch nach seiner Pensionierung keine Ruhe. In einem Zivilrechtsprozess wird das Verfahren aufgrund von DNA-Spuren neu vor Gericht aufgerollt.
40 Jahre später möchte Kriminalkommissarin Anne Paulsen für Gerechtigkeit sorgen und Volker März zu einem Geständnis zwingen.

"Zeit der Schuldigen" basiert auf realen Ereignissen und nimmt Bezug auf den Mordfall an Frederike von Möhlmann, der in einem Nachwort erläutert wird. Im Kern des Romans geht es neben der abscheulichen Tat um Art. 103 Abs. 3 GG (Ne bis in idem), dass niemand wegen derselben Tat mehrfach bestraft werden darf.

Die Geschichte ist spannend aufgebaut und handelt auf zwei Zeitebenen. Sie gibt damit Einblicke in das Leben des Opfers und der Angehörigen, die polizeilichen Ermittlungen, den Gerichtsprozess und die Folgen.
Es ist eine Zeitreise in die 1980er-Jahre, in der die technischen Möglichkeiten der Beweisführung noch deutlich eingeschränkt waren. So werden auch Zweifel gehegt, ob der einzige Verdächtige, der seine Unschuld beteuert, der Täter ist.

Durch die unterschiedlichen Perspektiven des Hauptermittlers Margraf, des Vaters des Opfers, von Nina selbst und 40 Jahre später der Kriminalkommissarin Paulsen ist die Geschichte vielschichtig und abwechslungsreich geschildert. Die Charaktere und ihre Motive sind authentisch und nachvollziehbar, selbst wenn sie nicht den geradlinigen Weg gehen. Ihr Zusammenspiel und der Zusammenhalt, der sich aufgrund der ungewöhnlichen Situation ergibt, ergänzen den Sumpf aus Schuld und Sühne um ein Quäntchen Hoffnung.

Anhand dieses (fiktiven) Falls sind zudem die Raffinessen und Fallstricke unseres Rechtssystems durch den Autor, der selbst Jurist ist, verständlich und alles andere als trocken dargelegt.

"Zeit der Schuldigen" ist ein fesselnder und vielschichtiger Mix aus Kriminalroman, True Crime und Justizthriller, der Fragen zu Gerechtigkeit, Schuld und Sühne aufwirft, wobei durch insbesondere durch den Akt der Selbstjustiz Emotionen geweckt werden, die am deutschen Rechtssystem zweifeln lassen. Abhängig vom Blickwinkel ist Recht nicht gleichzusetzen mit Gerechtigkeit und was wiegt schwerer: Rechtsfrieden und Rechtssicherheit für die Allgemeinheit oder die Vollziehung der gerechten Strafe im Einzelfall?

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