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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.10.2025

Finster und beklemmend

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Dies ist ein finsteres, sehr beklemmendes Buch. So könnte unser Leben tatsächlich aussehen, in näherer Zukunft sogar: Die Welt kocht, es brennt überall und immer mehr Vögel sterben aus. Was soll man dann ...

Dies ist ein finsteres, sehr beklemmendes Buch. So könnte unser Leben tatsächlich aussehen, in näherer Zukunft sogar: Die Welt kocht, es brennt überall und immer mehr Vögel sterben aus. Was soll man dann machen, wenn man ein Teenager ist, dem die Perspektiven abhandenkommen? Dann gehen am Samstag die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft.

Das macht Maja mit ihrer kleinen Schwester, sogar im Lifestream, als ihren ganz persönlichen Protest gegen alles, ihre übergriffigen Mütter, die ihr Leben zum Mumfluencen benutzen, den Weltuntergang und überhaupt. Wenn es laut knallt merkt man noch, dass man lebendig ist.

Era dagegen versucht zu dokumentieren. Sie führt Buch über jeden Vogel, der gerade ausgestorben ist und will Erinnerungen festhalten. Das Recherchieren hat sie von ihrer Mutter gelernt, genau wir den Hang zur Einsiedelei. Warum sie ihr Tinyhouse aus Holz direkt an den Waldrand bauen mussten, wo doch die allgemeine Brandgefahr inzwischen Alltag ist, das bleibt ihr Geheimnis. Das ist im Grunde auch meine Kritik an diesem Buch. Hier ist sehr viel mutwillig konstruiert, die Figuren recht scherenschnittartig, mehr Bilder als lebendige Protagonisten.

Man sollte sich gut überlegen, ob man dieses Buch lesen möchte. Es ist gnadenlos, hoffnungslos und sehr beklemmend, liefert eindringlichen Frust ohne jeden Hoffnungsschimmer. Das hat mir nicht gefallen, aber beeindruckend ist es schon. Es ist auf jeden Fall ein gutes Buch, auch wenn ich es nicht meiner Freundin empfehlen würde.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Ein Buch mit viel Luft

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Erster Eindruck: Das ist ein Buch mit ganz viel Luft. Hier hat man sich wirklich Mühe gegeben, den Text auf mehr als 200 Seiten zu strecken, die Schrift ist riesig und die vielen kurzen Kapitel haben viel ...

Erster Eindruck: Das ist ein Buch mit ganz viel Luft. Hier hat man sich wirklich Mühe gegeben, den Text auf mehr als 200 Seiten zu strecken, die Schrift ist riesig und die vielen kurzen Kapitel haben viel Platz.

Der Text selbst ist schlicht und hat eine ganz eigene Poesie. Die Sprache ist knorrig, direkt, geradeaus und damit sehr norddeutsch.

Es geht um eine Bauernfamilie, die einen kleinen Hof an der Nordsee betreibt. In kurzen Passagen reist man durch mehrere Generationen, die Orientierung ist nicht einfach. Man weiß nicht immer gleich, von wem die Rede ist, aber es gibt Gemeinsamkeiten: Es ist immer jemand absonderlich, es gibt immer Problemkinder und Lieblingskinder. Oft ist sogar das Problemkind das Lieblingskind, das die ganze Liebe und Aufmerksamkeit der Mutter bekommt. Es gibt Krieg und es werden Schafe geschlachtet, manch einer verlässt das Dorf und lebt anderswo weiter.

Das ist zweifellos Kunst und gut gemacht, mir war es aber auf Dauer zu fragmentarisch. Die karge Sprache wirkt irgendwann monoton, selbst wenn immer wieder zur Auflockerung Listen wie ein Gedicht dargeboten werden. Auch die Handlung geht gleichförmig dahin, da kommt der Krieg und geht.

Dieses Buch hat auf jeden Fall sehr eigenen Charme, konnte mich dann aber doch nicht sonderlich fesseln.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Informativ und inspirierend

Peggy Guggenheim
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Peggy Guggenheim hat in Venedig ein einzigartiges Museum für moderne Kunst hinterlassen. Wie es dazu kam kann man in diesem Buch lesen. Dieses Museum ist ihr Lebenswerk.

Sie war ein amerikanische Tochter ...

Peggy Guggenheim hat in Venedig ein einzigartiges Museum für moderne Kunst hinterlassen. Wie es dazu kam kann man in diesem Buch lesen. Dieses Museum ist ihr Lebenswerk.

Sie war ein amerikanische Tochter aus gutem Hause, reich, jüdisch und literaturinteressiert. In den 1920er Jahren war sie jung und ging auf in der Pariser Boheme. Sie lernte Künstler kennen, die damals noch niemand kannte, die heute weltberühmt sind. Und sie fing an, Bilder zu kaufen, um diese Künstler zu unterstützen.

In den 1940ern galten diese Bilder bei Nazis als entartete Kunst. Peggy schaffte es, ihre ganze Sammlung nach Amerika zu retten, eröffnete eine Galerie in New York und wurde zur Anlaufstelle für Surrealisten oder Expressionisten aus aller Welt.

Mit diesem Buch bekommt man das Leben dieser besonderen Frau wundervoll präsentiert. Es besticht durch eine dezente, edle Aufmachung, wirkt wertvoll, und liebevoll zusammengestellt. Viele tolle Fotos ergänzen perfekt den Text.

Das Buch konzentriert sich auf Peggys Werk und lässt ihre Persönlichkeit und ihr Privatleben dabei ein wenig außen vor, das finde ich etwas schade. Eigentlich lese ich genau deshalb eine Biografie. Auch bekommt man zwischendurch immer wieder lange Listen der Berühmtheiten, die Peggys Weg gekreuzt haben, das ist aufschlussreich aber auch ermüdend.

Viel gelernt habe ich trotzdem. Es war ein toller Ausflug in eine exotische Kunstwelt voller Visionäre und Exzentriker, in der Frauen eigentlich keine Rolle spielten und in der sich Peggy Guggenheim trotzdem behauptet hat. Ich bin jetzt sehr inspiriert und möchte nach Venedig fahren.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Spannende Romanbiografie, leicht nebulös

Prinzessin Alice
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Dass es Alice von Battenberg, Mutter von Prinz Philip, Schwiegermutter von Queen Elisabeth, Großmutter des jetzigen Königs Charles III, überhaupt gab, weiß ich nur, weil ich The Crown bis zum Schluss gesehen ...

Dass es Alice von Battenberg, Mutter von Prinz Philip, Schwiegermutter von Queen Elisabeth, Großmutter des jetzigen Königs Charles III, überhaupt gab, weiß ich nur, weil ich The Crown bis zum Schluss gesehen habe. Sie war eine tragische Gestalt, wohl beinahe ein Familiengeheimnis.

Hier lernt man sie ein klein wenig kennen, auch wenn das Buch keine komplette Romanbiografie ist. Es beleuchtet einen Teil von Alice Leben, ein wenig jedenfalls. Vieles bleibt schwammig, weil Alice selbst erzählt und Alice‘ Wahrnehmung eben bisweilen schwammig ist.

In ihren jungen Jahren war sie eine Märchenprinzessin, klug, schön, reich, zwar gehörlos, aber sie konnte in mehreren Sprachen Lippenlesen. Sie heiratete Prinz Andreas von Griechenland, aber ihre zunehmende Religiosität hat die Beziehung nicht ausgehalten. Sie passt nicht mehr in die Norm, wird Freud zur Behandlung überantwortet, wird weggesperrt, experimentellen Kuren unterzogen, bis sie es schafft, sich davon zu befreien. Besser geht es ihr danach nicht. Sie sieht die Welt mit anderen Augen, ob trotz oder wegen der Kur weiß sie selbst nicht. Wahrscheinlich weiß es Gott, wer sonst.

War diese Frau ernsthaft verrückt oder wollte sich ihr versnobtes Umfeld nicht mit ihren Eigenheiten auseinandersetzen? Dieses Buch lässt beide Interpretationen zu, vielleicht ist auch beides irgendwie wahr. Es vermittelt das Bild einer Frau, die nicht von dieser Welt ist, nichts auf Etikette gibt, der die Meinung der Welt über sie egal ist, weil sie höhere Ideale hat, die gleichzeitig egozentrisch und selbstlos sein kann. Es erzählt auch von einer gefährlich patriarchalen Gesellschaft, von royalen Fesseln, vom Leben im goldenen Käfig und wie so ein Käfig auch fallen kann.

Dieses Buch durchlebt man wie einen Traum mit viel Nebel, manches ist klar zu sehen, dann verschwimmt es wieder, manches blitzt kurz auf. Das unterstreicht kunstvoll und plastisch, wie Alice sich gefühlt haben mag, allerdings hätte ich mir ab und an ein paar mehr Fakten gewünscht. Immerhin lädt es zu gründlichem Googeln ein. Ich habe sehr unterhaltsam einiges gelernt.

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Veröffentlicht am 11.09.2025

So höllisch ist Cambridge

Katabasis
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Selten werden Bücher so sehr gehypt, wie die von Rebecca F. Kuang, deshalb lesen wir sie alle, obwohl sie polarisieren, aber man möchte ja mitreden können. Ich kann das, weil ich alle gelesen habe. Die ...

Selten werden Bücher so sehr gehypt, wie die von Rebecca F. Kuang, deshalb lesen wir sie alle, obwohl sie polarisieren, aber man möchte ja mitreden können. Ich kann das, weil ich alle gelesen habe. Die Autorin ist auf jeden Fall originell, klug, humorvoll und vielseitig, und traut sich auch an heikle Themen heran. Hier geht es sogar mitten in die Hölle hinein.

Es beginnt in Cambridge, wo Alice Law analytische Magie studiert. Bei einem Zauberunfall hat sie versehentlich ihren Professor getötet und ist verzweifelt. Das durfte nicht passieren. Kann man ihn zurückholen? Es gibt wissenschaftliche Quellen, die das behaupten. Orpheus war dort und hat berichtet, Dantes Inferno ist auch sehr aufschlussreich. Alice wagt eine Rettungsexpedition in die Hölle und Peter Murdoch, ihr ärgster Konkurrent an der Universität begleitet sie spontan.

Am Anfang war ich sehr begeistert und fand das Buch grandios, herrlicher Humor, jede Menge Spitzfindigkeiten, irrwitzige Theorien zum Tod und dem Leben danach, nur irgendwann wird es dann zu viel. Es ist zu großen Teilen hoch philosophisch, mathematisch, religiös-weltanschaulich-divers. Die Fantasie der Autorin und ihre Unverfrorenheit, Fakten mit Erfundenem so zu kombinieren, dass es hoch wissenschaftlich klingt, ist grandios, aber ich habe es auch gerne, wenn ich ein Buch verstehen kann. Das ganze Szenario ist surreal, trotzdem versuchen Alice und Peter den Weg durch die Hölle wissenschaftlich zu erschließen, sitzen in der Hölle und philosophieren endlos und kryptisch.

Dabei ist diese Hölle ein grausiger Alptraum zum Thema Universität. Sie durchwandern tückische Bibliotheken, treffen die Geister ehemaliger Universitätskollegen, um am Ende in Dis zu landen, der Abteilung für die Endabrechnung, in der man seine letzte Dissertation schreiben muss, um wiedergeboren zu werden.

Das ist natürlich fantasievoll und möglicherweise klopfen sich da Studierende oder Universitätsmitglieder auf die Schenkel: wie witzig, die echte Hölle ist Cambridge! Aber für mich ist der Gag eher lau. Wenn ich schon die Hölle bereise, erwarte ich ein vielfältiges Angebot an Gräueln, das Uni-Leben gehört nicht dazu.

Dieses Buch hat einigen Unterhaltungswert, aber richtig gefallen hat es mir nicht. Nach Yellowface hatte ich mit Genialem gerechnet. Das hier ist fantasievoll und plastisch beschrieben, der Stil ist toll, aber die Logik hakt an allen Enden. Zudem hat es viel zu viele Passagen, in denen die Autorin ihr umfangreiches Wissen ausbreitet, ohne dass es die Geschichte voranbringt. Schade.

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