Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.08.2025

Bedrückende Stellung eines japanischen Mädchens

Das gelbe Haus
0

Es ist sehr bedrückend, diesen Roman zu lesen. In ihm geht es um eine Reihe junger Japaner, die kurz vor der Jahrtausendwende am Rande der Gesellschaft in Tokio leben und – chancenlos, wie sie vor allem ...

Es ist sehr bedrückend, diesen Roman zu lesen. In ihm geht es um eine Reihe junger Japaner, die kurz vor der Jahrtausendwende am Rande der Gesellschaft in Tokio leben und – chancenlos, wie sie vor allem aufgrund ihrer Herkunft sind – zu Randfiguren der Gesellschaft werden. Schnell geraten sie in kriminelle Kreise, die von mafiösen Strukturen, organisierter Kriminalität, Drogen, Frauenhandel, Kartenbetrug jedweder Form gekennzeichnet sind. Nie hätte ich vermutet, dass es in dem doch als reiches Land geltenden Japan derartig in der Gesellschaft zugeht. Detailliert eingewoben werden die Lebensgeschichten einiger Romanfiguren, allen voran die der Protagonistin Hana, mit der man eigentlich nur Mitleid empfindet. Ohne Abschluss verlässt sie die Schule, setzt alle ihre Kräfte ein, Geld zu verdienen und für ihr weiteres Leben zu sparen. Doch immer wieder steht sie nach einer Zeit mittellos da, weil ihr die Ersparnisse entweder gestohlen werden oder sie sie Dritten aus ihrem Umfeld zur Behebung diverser Schwierigkeiten überlässt. Zugleich würde man sie am liebsten aber auch tüchtig durchprügeln, damit sie merkt, wie sie sich ausnutzen lässt, weil sie so lebensuntüchtig und geschäftsunerfahren ist. Wie auch sonst in vielen Büchern aus dem asiatischen Raum wird auch vorliegend thematisiert, wie patriarchalisch die Gesellschaftsstrukturen sind und wie unterwürfig noch immer die Frauen. So interessant der Roman auch ist, so langatmig erscheint er gelegentlich, weil sich Einiges in Hanas Leben mehrmals wiederholt. Hervorzuheben ist, dass der Buchtitel so treffend zum Inhalt passt. Die Farbe Gelb hat für Hana eine besondere Bedeutung genau wie ein Haus, in dem sie erstmals nach Art einer Familie mit vermeintlichen Freundinnen zusammenlebt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.08.2025

Berührende Familiengeschichte

Zwischen uns liegt August
0

Dieser Roman ist äußerst berührend, sollte aber vielleicht nicht in einer Phase gelesen werden, in der die Lesenden sich in Trauer befinden oder gegen schwere Erkrankungen ankämpfen. Der Autor widmet ihn ...

Dieser Roman ist äußerst berührend, sollte aber vielleicht nicht in einer Phase gelesen werden, in der die Lesenden sich in Trauer befinden oder gegen schwere Erkrankungen ankämpfen. Der Autor widmet ihn seiner Mutter. Und auch von ihr handelt er im Wesentlichen. Abgewechselt wird zwischen zwei Erzählsträngen – in der Gegenwart am Geburtstag der Mutter in Deutschland, der angesichts ihrer fortgeschrittenen Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung vermutlich ihr letzter sein wird und den die engste Familie gemeinsam begeht, und während einiger Monate des Jahres 1973 in Aydin/Türkei, als die Mutter junge Erwachsene ist, die politischen Umbrüche in ihrer Heimat erlebt und bald dem in Deutschland als Gastarbeiter tätigen Vater folgen wird.
Leider bleibt Vieles von der Familiengeschichte bruchstückhaft bzw. wird „unterschlagen“ (etwa die offenbar eigene Therapiebedürftigkeit des Sohnes/Autors, der Werdegang der Familie in den vergangenen 50 Jahren). Ich hätte gerne manche Einzelheit gewusst. Zudem erschwerte mir das Lesen ein wenig, dass sehr viele türkische Vokabeln und ganze Sätze verwendet wurden, deren Bedeutung ich mir nur selten selbst erschließen konnte. Ein letzter Kritikpunkt betrifft den Umstand, dass fundierte Kenntnisse von der politischen und gesellschaftlichen Lage in der Türkei Anfang der 1970er Jahre vonnöten sind. Ohne diese lassen sich in Bezug genommene Namen von Parteien, Politikern und ihren Programmen nicht so recht verstehen. Sehr gefallen haben mir die vielen türkischen Spezialitäten und Speisen, die erwähnt wurden.
Insgesamt ein interessantes Buch, das Lesende mit Interesse an Familiengeschichten vor anderem kulturellen Hintergrund ansprechen dürfte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.08.2025

Bewegende Familiengeschichte

Meine Mutter
0

Wow, was für eine Familiengeschichte! Immer wenn ich die Romane bekannter Autoren lese, in denen diese über ihre Familie schreiben, staune ich, was für einen geradezu abenteuerlichen Background sie meistens ...

Wow, was für eine Familiengeschichte! Immer wenn ich die Romane bekannter Autoren lese, in denen diese über ihre Familie schreiben, staune ich, was für einen geradezu abenteuerlichen Background sie meistens haben. So ist es mir auch jetzt wieder mit dem vorliegenden Buch von Bettina Flitner ergangen. Diese ist Fotografin und langjährige Lebensgefährtin/Ehefrau von Alice Schwarzer. Doch darum geht es hier gar nicht, wird nur in ein, zwei kurzen Sätzen ganz am Ende überhaupt andeutungsweise angeschnitten. Vielmehr verarbeitet sie vorrangig die Geschichte ihrer Mutter und der mütterlichen Linie, nachrangig auch die Linien der eingeheirateten Männer. Die weit verzweigte, gebildete und gut situierte Familie hat ihre Wurzeln in Schlesien im heutigen Polen vor über 100 Jahren und gelangte in den Nachkriegswirren nach Westdeutschland. Allein schon der historische Hintergrund und die Beschreibung des Lebens einer Arztfamilie in den seinerzeit zum Deutschen Reich gehörenden Gebieten sind interessant. Was die Geschichte darüber hinaus so besonders macht, ist der Umstand, dass es in der Familie zahlreiche Suizide gab, beginnend mit dem der Urgroßeltern in der alten Heimat und nach weiteren dann auch den der eigenen Mutter im Jahr 1984, dem vermutlich tiefe Depressionen von Kindheit an zugrunde lagen. Ihn verarbeitet die Autorin sehr berührend, so dass es ihr schließlich auch wieder gelingt, in Liebe auf die Mutter zurückzublicken, nachdem ihr Verhältnis in vielen Jahren zwischen Kindheit und jungem Erwachsenenleben ohne große Bindung war. Schön ist, dass trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas auch der Humor nicht zu kurz kommt. Ein Beispiel hierfür ist etwa, wie die Autorin von einer (vermutlich entwicklungsgestörten) Großtante spricht – sie habe einen Sprung in der Schüssel. Bemerkenswert finde ich, wie modern die gesamte Familie in Liebesdingen war. Geliebte waren während des gesamten Zeitraumes an der Tagesordnung.
Ein sehr empfehlenswertes Buch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.08.2025

Kriegsängste

Blinde Geister
0

Angesichts des Umstands, dass derzeit ein Krieg in Europa geführt wird, ist dieser Roman sehr aktuell.
Es geht um die Familie der Ich-Erzählerin Olivia, die ca. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ...

Angesichts des Umstands, dass derzeit ein Krieg in Europa geführt wird, ist dieser Roman sehr aktuell.
Es geht um die Familie der Ich-Erzählerin Olivia, die ca. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Ihr Vater, der Soldat im Krieg war, leidet Zeit seines Lebens unter schweren Traumata und ist wahnhaft bestrebt, seine Frau und Kinder zu schützen. Dazu begeben sich alle auf sein Geheiß regelmäßig in den Keller ihres Hauses und bunkern Vorräte. Die Mutter ist bedacht, ihre Töchter vor dem Verhalten des Vaters zu schützen und drängt beide schon früh zum Auszug, was gerade Olivia verkennt und als „Rauswurf“ aus dem Nest deutet. Sie entwickelt schwere Angststörungen, muss sich wiederholt in die Psychiatrie begeben. Ihren Lebenslauf von Ausbildung über Ehe und Geburt einer eigenen Tochter bis in ihre 60er Jahre können wir verfolgen.
Trotz der eher bedrückenden Thematik liest sich das Buch angenehm. Allerdings enthält die Geschichte viele Zeitsprünge, so dass es nicht immer einfach ist, sich zeitlich zu orientieren. Ich empfehle es Lesenden von Familiengeschichten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.08.2025

Nachwenderoman

Adlergestell
0

Dieser Roman ist wirklich lesenswert und ist vor allem jenen zu empfehlen, die an der Wiedervereinigung Deutschlands und den Schicksalen der Ostdeutschen interessiert sind.
Eine namenlos bleibende Erzählerin ...

Dieser Roman ist wirklich lesenswert und ist vor allem jenen zu empfehlen, die an der Wiedervereinigung Deutschlands und den Schicksalen der Ostdeutschen interessiert sind.
Eine namenlos bleibende Erzählerin schildert ihre Kindheit zu Beginn der 1990er Jahre am Rande Ostberlins mit Blick auf die längste Straße Berlins, eben das sog. Adlergestell. Immer wieder blendet sie auf die Gegenwart 25 Jahre später vor. Das eigentlich Faszinierende ist, dass sie auch auf die Lebensläufe vieler Personen aus ihrem Umfeld eingeht – ihrer zwei besten Freundinnen und deren Eltern, ihrer Mutter, ihrer Großtante, ihrer Nachbarin, ihres späteren Lebensgefährten usw. Jede Person hat ein individuelles Schicksal mit unterschiedlicher Betroffenheit durch die deutsche Geschichte. Gemeinsam ist aber allen, dass sie zu den Verlierern ihrer jeweiligen Zeit gehören. Es geht auch nicht nur um das Erleben der Wendezeit, sondern zugleich um andere Zeitabschnitte in der deutschen Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg, wie etwa die Judenverfolgung oder das Anwerben von Gastarbeitern. So wird der Roman sehr informativ und deshalb wertvoll. Positiv herausgestellt sei noch ein besonderes Gestaltungsmittel, dessen sich die Autorin bedient. Durchzogen ist das Buch von jeweils zwei schwarzen Seiten, auf denen meistens Werbung für West- oder Ostprodukte wiedergegeben wird. Das ruft schöne Erinnerungen hervor, etwa an Produkte wie Fairy Ultra, Spee, Merci, Jacobs Kaffee. Die Farbe schwarz hat ohnehin eine metaphorische Bedeutung in der Geschichte wie auch das Symbol des Adlers, die sich jeder selbst erschließen möge.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere