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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2025

Kriegsängste

Blinde Geister
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Angesichts des Umstands, dass derzeit ein Krieg in Europa geführt wird, ist dieser Roman sehr aktuell.
Es geht um die Familie der Ich-Erzählerin Olivia, die ca. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ...

Angesichts des Umstands, dass derzeit ein Krieg in Europa geführt wird, ist dieser Roman sehr aktuell.
Es geht um die Familie der Ich-Erzählerin Olivia, die ca. 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Ihr Vater, der Soldat im Krieg war, leidet Zeit seines Lebens unter schweren Traumata und ist wahnhaft bestrebt, seine Frau und Kinder zu schützen. Dazu begeben sich alle auf sein Geheiß regelmäßig in den Keller ihres Hauses und bunkern Vorräte. Die Mutter ist bedacht, ihre Töchter vor dem Verhalten des Vaters zu schützen und drängt beide schon früh zum Auszug, was gerade Olivia verkennt und als „Rauswurf“ aus dem Nest deutet. Sie entwickelt schwere Angststörungen, muss sich wiederholt in die Psychiatrie begeben. Ihren Lebenslauf von Ausbildung über Ehe und Geburt einer eigenen Tochter bis in ihre 60er Jahre können wir verfolgen.
Trotz der eher bedrückenden Thematik liest sich das Buch angenehm. Allerdings enthält die Geschichte viele Zeitsprünge, so dass es nicht immer einfach ist, sich zeitlich zu orientieren. Ich empfehle es Lesenden von Familiengeschichten.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

Nachwenderoman

Adlergestell
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Dieser Roman ist wirklich lesenswert und ist vor allem jenen zu empfehlen, die an der Wiedervereinigung Deutschlands und den Schicksalen der Ostdeutschen interessiert sind.
Eine namenlos bleibende Erzählerin ...

Dieser Roman ist wirklich lesenswert und ist vor allem jenen zu empfehlen, die an der Wiedervereinigung Deutschlands und den Schicksalen der Ostdeutschen interessiert sind.
Eine namenlos bleibende Erzählerin schildert ihre Kindheit zu Beginn der 1990er Jahre am Rande Ostberlins mit Blick auf die längste Straße Berlins, eben das sog. Adlergestell. Immer wieder blendet sie auf die Gegenwart 25 Jahre später vor. Das eigentlich Faszinierende ist, dass sie auch auf die Lebensläufe vieler Personen aus ihrem Umfeld eingeht – ihrer zwei besten Freundinnen und deren Eltern, ihrer Mutter, ihrer Großtante, ihrer Nachbarin, ihres späteren Lebensgefährten usw. Jede Person hat ein individuelles Schicksal mit unterschiedlicher Betroffenheit durch die deutsche Geschichte. Gemeinsam ist aber allen, dass sie zu den Verlierern ihrer jeweiligen Zeit gehören. Es geht auch nicht nur um das Erleben der Wendezeit, sondern zugleich um andere Zeitabschnitte in der deutschen Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg, wie etwa die Judenverfolgung oder das Anwerben von Gastarbeitern. So wird der Roman sehr informativ und deshalb wertvoll. Positiv herausgestellt sei noch ein besonderes Gestaltungsmittel, dessen sich die Autorin bedient. Durchzogen ist das Buch von jeweils zwei schwarzen Seiten, auf denen meistens Werbung für West- oder Ostprodukte wiedergegeben wird. Das ruft schöne Erinnerungen hervor, etwa an Produkte wie Fairy Ultra, Spee, Merci, Jacobs Kaffee. Die Farbe schwarz hat ohnehin eine metaphorische Bedeutung in der Geschichte wie auch das Symbol des Adlers, die sich jeder selbst erschließen möge.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Lesenswerte skurrile Geschichte

Das glückliche Leben
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David Foenkinos ist ein französischer Bestsellerautor. Erst mit diesem wirklich schönen Buch bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Für mich ist er ein typisch französischer Autor. Sein Erzählstil ist so ...

David Foenkinos ist ein französischer Bestsellerautor. Erst mit diesem wirklich schönen Buch bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Für mich ist er ein typisch französischer Autor. Sein Erzählstil ist so ruhig, unterlegt mit feinem Humor, passend zu diesem der Geschichte zugrunde liegenden ernsten Thema, das Verlust und Neuanfang behandelt. Es ist ein Buch für alle, die schon einmal daran gedacht haben, ein Neuanfang im eigenen Leben wäre doch eine gute Sache. Genau so ergeht es dem Protagonisten Éric, der mit seiner Karriere und seiner familiären Situation hadert. Er macht auf einer Reise in Seoul eine derart existenzielle Erfahrung, dass er anschließend sein Lebensglück selbst in die Hand nimmt und einen Neuanfang wagt. Etwas skurril mag es erscheinen, dass er hierfür das Mittel einer gefakten eigenen Beerdigung benutzt. Doch dem ist nicht so und der Autor hat sicherlich entsprechendes Hintergrundwissen benutzt. In Südkorea gibt es nämlich tatsächlich Seminare, bei denen Menschen zwecks Weckung ihres Lebensmutes ihren Tod erfahren und zur Probe in einen Holzsarg steigen, sog. Happy Dying. So verhilft das Buch auch, eine andere Kultur kennenzulernen. Welche Wendungen das bei Éric bewirkt, muss jeder selbst lesen, es lohnt sich. Auch Fans von Liebesgeschichten werden auf ihre Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 06.08.2025

Vermeintlich idyllisches Landleben

Heimat
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In diesem eigentlich sehr bedrückenden Roman beschreibt die Autorin, wie es in unserer Gesellschaft aussehen könnte, wenn rechte Kräfte die Oberhand gewinnen. Ausdrücklich erklärt sie nicht, wo der Plot ...

In diesem eigentlich sehr bedrückenden Roman beschreibt die Autorin, wie es in unserer Gesellschaft aussehen könnte, wenn rechte Kräfte die Oberhand gewinnen. Ausdrücklich erklärt sie nicht, wo der Plot angesiedelt ist. Es dürfte sich aber um eine dörfliche Region im Umkreis von Berlin handeln. Dort wird AfD gewählt und vertreten die Bewohner traditionelle Lebensauffassungen. Das erschließt sich der zweifachen Mutter Jana sehr schnell, als sie, erneut schwanger, mit ihrer Familie ins Eigenheim aufs Land zieht. Sie, die eigentlich immer modern gelebt hat, gerät plötzlich in den sie faszinierenden Sog und Einfluss der ihr zur Freundin werdenden Karolin. Diese ist AfD-Wählerin und lebt völlig traditionell. So lehnt sieht sie etwa ihre Rolle ganz selbstverständlich in der Küche und bei den Kindern, lehnt deren Kindergartenbesuch und Impfungen ab. Vieles in Karolins Leben bleibt allerdings ungeklärt – Ist sie häuslicher Gewalt ausgesetzt? Warum taucht sie immer mal wieder ab? Was war vor ihrer Ehe mit Clemens? Vor allem aber: Was passiert mit ihr am Ende? Überhaupt ist mir das Ende unklar geblieben, möchte aber an dieser Stelle auch keine meiner Vermutungen äußern, um anderen die Spannung beim Lesen nicht zu nehmen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass sich in Janas Leben viel zu rasche Wendungen ergeben, etwa die Trennung von ihrem Partner noch während der Schwangerschaft oder ihre schnelle Überzeugungsgewinnung, das Leben als Alleinerziehende mit drei Kindern auch gut ohne Berufstätigkeit bewältigen zu können.
Für Lesende mit Interesse an Familiengeschichten mit gesellschaftlichem Hintergrund zu empfehlen.

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Eine anspruchsvolle deutsch-japanische Familiengeschichte

Onigiri
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Dieses Buch empfehle ich wärmstens LeserInnen mit Interesse an anspruchsvollen Familiengeschichten.
Protagonistinnen sind die inzwischen betagte und demenzkranke Keiko und ihre Tochter Aki. Keiko ist vor ...

Dieses Buch empfehle ich wärmstens LeserInnen mit Interesse an anspruchsvollen Familiengeschichten.
Protagonistinnen sind die inzwischen betagte und demenzkranke Keiko und ihre Tochter Aki. Keiko ist vor 50 Jahren von Japan nach Deutschland gekommen, wo sie einen deutschen Mann heiratete und bald zur allein erziehenden Mutter zweier Kinder wurde. Zu kämpfen hatte sie mit dem Ende ihrer Beziehung, dem Kulturschock, den dominanten deutschen Schwiegereltern, schließlich mit Demenz. Aki reist mit ihrer Mutter noch einmal nach Japan, bevor diese ihre Heimat für immer vergisst. Auf wechselnden Zeitebenen wird die sehr interessante Geschichte beider Frauen erzählt. Dabei wird der komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung und dem Thema Demenz viel Raum gegeben. Überraschenderweise blüht Keiko in Japan richtiggehend auf, so dass Aki sie von einer völlig neuen Seite kennenlernt. Passend zur japanischen Kultur bleiben die Charaktere distanziert. Lobenswert ist, dass der Buchtitel so schön zur Geschichte passt. Onigiri sind Reisklößchen aus der japanischen Küche, die für Aki eine besondere Bedeutung haben.

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