Jahre später
WestendDer pensionierte Polizeibeamte Gereon Rath ist inzwischen 74 Jahre alt und lebt zurückgezogen in einem Berliner Seniorenheim. Viele Kontakte hat er nicht mehr. Deshalb ist er sehr überrascht, als er Besuch ...
Der pensionierte Polizeibeamte Gereon Rath ist inzwischen 74 Jahre alt und lebt zurückgezogen in einem Berliner Seniorenheim. Viele Kontakte hat er nicht mehr. Deshalb ist er sehr überrascht, als er Besuch von dem Privatdozent Hans Singer erhält. Dieser erklärt, er forsche zu der Arbeit der Berliner Polizei während der Weimarer Republik, des dritten Reichs und der Bundesrepublik. Rath sei einer der wenigen, die jede dieser Regierungsformen im aktiven Dienst erlebt habe. Rath fühlt sich geschmeichelt. Allerdings fragt er sich bald, ob es wirklich nur um eine Forschungsarbeit geht.
Wie vom Autor versprochen, folgt hier eine kleine Zugabe zu seiner Reihe um Kommissar Gereon Rath. Dieser langweilt sich ein wenig im Seniorenheim und ist recht neugierig auf die Fragen des Dozenten Hans Singer. Angesprochen auf seine Arbeit unter dem Nazi-Regime, wiegelt Rath erstmal ab. Er war kein Nazi und überhaupt er hat immer neutral ohne Ansicht der Person ermittelt. Und viele seiner Kollegen waren auch keine Nazis. Er reagiert, wie die meisten damals, die sich nicht stellen wollten. Aber dennoch entwickelt sich ein Gespräch zwischen Rath und Singer. Denn auch Raths Kenntnis von der Nachkriegszeit hat Lücken, die Singer erstaunlicherweise füllen kann. Und über alles will Singer auch nicht sprechen.
Sowohl als illustrierte Buchausgabe als auch als szenische Lesung hat diese etwas längere Kurzgeschichte ihren Reiz. Besonders die szenische Lesung, die von Walter Kreye (Gereon), Leslie Malton (Charlie), Timo Weisschnur (Hans) und Julian Mehne (Erzähler) ganz hervorragend intoniert werden, ist ein tolles Erlebnis. Die wunderbare Arbeit der Schauspieler führt dazu, dass man das Hörbuch (ca. zwei Stunden) an einem Tag durchhören möchte.
Dazu trägt natürlich auch die Geschichte bei, die Volker Kutscher erzählt. Man erfährt einiges darüber, wer den Krieg überlebt hat. Man hört von alten Bekannten. Von denen, die man in positiver Erinnerung hatte und auch von den anderen. Und es entwickelt sich ein spannender Plot, der einige Überraschungen bereit hält. Und irgendwie ist es wieder ein typischer Gereon Rath. Rath kann einfach.nicht aus seiner Haut. Wer diese Reihe gerne las, wird ihr noch eine Weile hinterhertrauern. Denn natürlich könnte man sich einiges vorstellen, dass hätte erzählt werden können. Dennoch schließt man diese kleine - man könnte sagen - Belohnung für die Treue, mit einer Phantasie, die einen lächeln lässt.