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Veröffentlicht am 26.06.2025

Der Taucher

Twist
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Der Journalist Anthony Fennell war früher auch als Romancier bekannt. Nach ersten Erfolgen hat er allerdings nichts mehr zustande gebracht, was er hätte zur Veröffentlichung geben wollen. Nun hält er sich ...

Der Journalist Anthony Fennell war früher auch als Romancier bekannt. Nach ersten Erfolgen hat er allerdings nichts mehr zustande gebracht, was er hätte zur Veröffentlichung geben wollen. Nun hält er sich mit Reportagen über Wasser. Sein neuester Auftrag führt ihn im Jahr 2019 an die Afrikanische Küste. Dort soll er an Bord eines Kabelreparaturschiffes gehen, um über die Arbeit der Mannschaft zu berichten. Auf der Georges Lecomte lernt er den Missionschef John Conway kennen, der ebenso aus Irland stammt wie Fennell. Dass die modernsten Datenströme über prosaische Seekabel laufen und diese durch äußere Einflüsse oder überhaupt auch brechen können, lernte Fennell erst durch die Recherche.

Auch wenn die Handlung im Jahr 2019 einsetzt, ist das gewählte Thema aus heutiger Sicht sehr interessant. Inzwischen musste man sich damit beschäftigen, was unter der Meeresoberfläche so alles liegt und was eben auch kaputt gehen kann, sei es durch Verschleiß oder durch mutwillige Zerstörung. In diesem Roman kann man auch erfahren, dass es Probleme auch schon vor diesen unruhigen Zeiten gab und wie sie angegangen wurden. Anthony Fennell empfindet schnell Sympathie für John Conway, wohl wegen der gemeinsamen Heimat. Und so gewinnt er Einblick in die Arbeit auf dem Schiff und auch in Conway Leben.

Dieses Hörbuch wird gekonnt vorgetragen von Robert Frank. Er bringt einem die handelnden Personen nahe. Fennell und Conway haben jeweils ihren eigenen Blick aufs Leben. Eine gewisse Melancholie umweht ihre Gedanken, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Fennells Schreiben ist zum Broterwerb geworden. Bei Conway, der auch Apnoetaucher ist, bekommt man doch manchmal den Eindruck, dass ihm die Tiefe der See mehr gibt als die Menschen oberhalb des Meeresspiegels. Zwar entwickelt der Roman auch Spannungselemente, doch hat man eher ein ruhiges literarisches Denkspiel über Seekabel, ihre Bedeutung und die speziellen Menschen, die sich um sie kümmern. Das ist fesselnd geschrieben und fasziniert auch beim Hören. Hervorzuheben ist auch die Covergestaltung, durch die man einen Eindruck vom Aufbau solcher Seekabel gewinnt.

Veröffentlicht am 25.06.2025

Schokolade

Bretonische Versuchungen
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Kommissar Dupin will, genauer gesagt, hat die Anweisung, endlich seine Phobie gegen Aufenthalte auf dem Meer zu überwinden. Er steht quasi schon mit einem Bein auf dem Boot als sein Telefon läutet. Er ...

Kommissar Dupin will, genauer gesagt, hat die Anweisung, endlich seine Phobie gegen Aufenthalte auf dem Meer zu überwinden. Er steht quasi schon mit einem Bein auf dem Boot als sein Telefon läutet. Er könnte kaum glücklicher sein. Das Glück währt allerdings nicht lange, denn es gab einen Mord. Die Mitinhaberin einer Confiserie ist in einem Bottich mit flüssiger Schokolade ertrunken. Ein grausamer Tod. Dupin und seine Kollegin Nolwenn eilen an den Tatort. Die Verstorbene und ihre zwei Geschwister führten die für ihre hervorragenden Schokoladenkreationen bekannte Firma. Schnell stellt sich heraus, dass es in letzter Zeit Unstimmigkeiten in der Firma gab.

In seinem vierzehnten Fall taucht Kommissar Dupin gemeinsam mit seinem Team in die geheimnisvolle Welt der Schokoladenherstellung ein. Da gibt es mehr zu erfahren als er geahnt hat und auch mehr zu verkosten. Die Schokolade ist viel mehr und kann auch viel mehr. Zart schmelzend zergeht sie im Mund und entfaltet ihre vielfältigen Aromen. Unglaublich, dass einer Produzentin solcher Köstlichkeiten jemand nach dem Leben trachten könnte. Und dennoch ist der Mord geschehen. Zunächst müssen natürlich die überlebenden Geschwister befragt werden. Und auch die engsten Mitarbeiter könnten vielleicht etwas zu verbergen haben. Bis auf weiteres ist für Dupin jeder Gedanke an Schlaf gestrichen.

In der Welt von Kommissar Dupin führt man sich immer beinahe wie zu Hause. Man sieht das Meer, den Strand, die idyllischen Orte. Man riecht förmlich den Duft der Schokolade, man bekommt Appetit bei den Beschreibungen der köstlichen Speisen. Besonders interessant sind die Ausführungen über den Anbau, die Ernte, den Transport der Kakaobohnen und die Herstellung der Schokolade. Ob es allerdings so realistisch, dass der leitende Ermittler so völlig auf Schlaf verzichtet? Und wäre es nicht auch spannend, wenn gewisse Ereignisse im Zusammenhang mit dem Genuss der Schokolade einen Zusammenhang mit dem Fall ergeben hätten. Und doch ist die Lektüre ein echter Genuss. Man freut sich, Dupin, Nolwenn und die anderen wiederzutreffen. Bei den Beschreibungen des Essens läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Und es wächst die Sehnsucht, sich die Orte mal im Rahmen eines Urlaubs anzuschauen. Diese Reihe darf gerne noch lange weitergehen.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Familie forever

Nacht der Verräter
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Nachdem bei einem Einsatz eine Kollegin des Polizisten Max Bauer getötet und er selbst schwer verletzt wurde, kann er keinen Streifendienst mehr erledigen. Seit seiner relativen Genesung arbeitet Max im ...

Nachdem bei einem Einsatz eine Kollegin des Polizisten Max Bauer getötet und er selbst schwer verletzt wurde, kann er keinen Streifendienst mehr erledigen. Seit seiner relativen Genesung arbeitet Max im Innendienst. Eine große Hilfe ist ihm seine Frau Julia. Sie hat ihre Tochter Emilia mit in die Ehe gebracht. Die Brüder von Max sind Julia etwas suspekt, dennoch erklärt sie sich bereit, zu einer Party mitzukommen. Im Laufe der Feier verschwindet Julia spurlos. Max ist verzweifelt. Welchen Grund kann Julia für ihr Handeln gehabt haben? Sofort macht sich Max auf die Suche. Als Polizist weiß er, dass jede Minute zählt.

Aus dem Kosmos der Düsseldorfer Polizei findet man hier einen Fall, der sich ganz anders entwickelt als gedacht. Natürlich bedeutet es nichts Gutes, wenn ein Mensch einfach so verschwindet. Freiwillig wird Julia nicht gegangen sein. Nie hätte sie ihre Tochter zurückgelassen. Max steht vor einem Rätsel. Sie waren doch glücklich. Auch die Kollegen können nicht viel helfen. Schließlich ist Julia erwachsen und kann selbst bestimmen, wo sie sein will. So schnell wird dann keine Vermisstenanzeige aufgenommen. Auch ist gerade ein Mord geschehen, der die Ressourcen der Kollegen bindet. Verständlich. Erschreckend für Max, er kannte das Opfer.

Es handelt sich nicht um einen Politthriller wie man sie von dem Autor kennt. Eher findet man einen rasant geschriebenes Rätsel, bei dem vieles hinterher anders ist als man vorher gedacht hat. Durch die meist relativ kurzen Kapitel bekommt die Handlung noch mehr Tempo als sie sowieso schon hat. Man lernt Max’ Familie aus ganz verschiedenen Blickwinkeln kennen und staunt manchmal nicht schlecht. Vielleicht schüttelt sich der Autor manchmal einfach was aus dem Ärmel. Das hat nicht die Tiefe der Politthriller, mit denen er aktuelle Themen aufgreift, doch man ist gut unterhalten, fällt hin und wieder vom Glauben ab und merkt garnicht wie die Zeit vergeht.

Veröffentlicht am 21.06.2025

Besser?

Kein Teil der Welt
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Esther ist noch klein als Lidia und ihre Tochter Sulamith in die Gemeinschaft kommen. Die beiden Mädchen verstehen sich sofort gut. In der Schule merken sie zwar, dass sie in der Gemeinschaft der Zeugen ...

Esther ist noch klein als Lidia und ihre Tochter Sulamith in die Gemeinschaft kommen. Die beiden Mädchen verstehen sich sofort gut. In der Schule merken sie zwar, dass sie in der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas einiges anders machen, aber das macht ihnen nichts aus. Sie haben ja sich. Auch als Jugendliche gilt das noch. Jedenfalls bis Sulamith anfängt über das System nachzudenken und den jungen Daniel kennenlernt. Sulamith beginnt immer mehr Fragen zu stellen, die die Gemeinschaft nicht beantworten kann oder auch nicht beantworten will. Und wegen Daniel kommt sich Esther manchmal vor wie das fünfte Rad am Wagen.

Eine Welt, in die Außenstehende nur wenig Einblick haben. Eine abgeschiedene Gemeinschaft, die diejenigen verstößt, die über den Tellerrand hinausblicken wollen. Was macht es mit denen, wenn ein Gemeindemitglied es wagt, selbst zu denken und die Glaubenssätze in Zweifel zu ziehen? Ein Geschiebe und Gezerre beginnt. Eine Zeit in der es auch für Esther nicht leicht ist. Sie will, dass ihre Freundin bleibt, sie will aber auch, dass es ihrer Freundin gut geht. Und irgendwann kurz nach der Grenzöffnung landet Esther mit ihren Eltern in der ehemaligen Heimat ihres Vaters, wo eine neue Gemeinde aufgebaut werden soll.

Gerade zu Beginn dieses Romans fühlt man sich doch ein wenig fremd. Mit den Ritualen, Gebräuchen oder Lehrsätzen dieser Wachturm-Gesellschaft hat man sich noch nicht befasst und hat es auch nicht vor. Dennoch ist das Buch interessant, weil es zum einen einen gewissen Einblick gibt und auch an den inneren Kämpfen besonders von Sulamith, aber auch Esther teilhaben lässt als diese beginnen zu zweifeln. Wie die Gemeindemitglieder, zu denen ja auch die Eltern gehören, doch sehr intensiv darauf bestehen, dass von der Welt nichts Gutes ausgeht. Es stößt einen schon ab, auch wenn man versteht, dass die Eltern ihre Kinder bei sich behalten wollen. Bleiben Kinder aber nicht eher, wenn man sie gehen lässt? Das scheint etwas zu sein, was diese allzu engen Gemeinschaften nicht sehen wollen. Da bleibt man doch lieber in dieser Welt und sagt sich, gut den Roman gelesen zu haben.

Veröffentlicht am 19.06.2025

Das Messer

Die feindliche Zeugin
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In einem Londoner Park wird ein weißer Krankenpfleger erstochen. Mehre Mensch geben an, die Tat beobachtet zu haben. Der junge Schwarze Emmett Hamilton wird an der Seite des Opfers buchstäblich mit blutigen ...

In einem Londoner Park wird ein weißer Krankenpfleger erstochen. Mehre Mensch geben an, die Tat beobachtet zu haben. Der junge Schwarze Emmett Hamilton wird an der Seite des Opfers buchstäblich mit blutigen Händen aufgegriffen und verhaftet. Die junge Anwältin Rosa Higgins bekommt von dem Solicitor Craig Rowlins den Auftrag, den jungen Mann zu vertreten. Wenn Rosa denkt, weil sie selbst schwarz ist, würde sie schnell einen Zugang zu ihrem Mandanten finden, hat sie sich allerdings getäuscht. Außer der Beteuerung, er habe die Tat nicht begangen, sagt Emmett nicht viel. Und viele Indizien sprechen gegen ihn.

Wird das System einen fairen Prozess erlauben? Wird ein Weißer umgebracht und ein Schwarzer neben ihm aufgefunden, kommt dann unweigerlich der Gedanke auf, das muss der Mörder sein? Man bekommt fast den Eindruck. Wenn es dann auch noch Zeugen gibt, scheint die Sache gelaufen. Emmett wird angeklagt und in Untersuchungshaft genommen. Er bleibt jedoch bei seiner Aussage, dass er kein Mörder ist. Rosa hat es mit der Verteidigung nicht ganz leicht. Obwohl Emmett eher schweigsam ist, glaubt sie ihm, dass er keinen Menschen töten würde. Sie macht sich deshalb auf den Weg, mehr über die Ereignisse an dem fraglichen Tag herauszufinden.

Die Autorin ist selbst Juristin und Anwältin, sie weiß dementsprechend, wovon sie schreibt. Ihre Sachkenntnis sticht aus ihren Worten hervor. Die Anwältin Rosa kommt selbst aus einfachen Verhältnissen, sie kann sich in Emmett hineinführen. Als Leser fällt einem das etwas schwerer. Dennoch erkennt man, dass es Vorverurteilungen gibt und nach und nach verspürt man den Wunsch, Rosa möge etwas finden, womit sie Emmett helfen kann. Immer größer wird auch die Spannung, schließlich läuft das Verfahren und die Zeit für Emmett wird knapp. Neben ihrer Tätigkeit als Anwältin ist Rosa Mercedes Higgins auch Tochter, Enkelin und Schwester. Dieser private Rahmen macht sie authentisch und sympathisch. Man selbst zweifelt manchmal an der Gerechtigkeit im Rechtssystem, doch die Hoffnung, dass es Gerechtigkeit geben kann, versiegt nie ganz.

Beim Anblick des Covers bekommt man sowohl einen guten Eindruck von der britischen Welt der Gerichte als auch eine kleine Vorstellung von der Anwältin Rosa.