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Veröffentlicht am 20.03.2025

Wüstentochter

Stadt der Hunde
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Als sie achtzehn war, ist die Tochter des Gehirnchirurgen Jaap Hollander in der Wüste Negev verschwunden. Seit dieser Zeit reist Jaap immer wieder nach Israel, um vielleicht doch noch eine Spur von ihr ...

Als sie achtzehn war, ist die Tochter des Gehirnchirurgen Jaap Hollander in der Wüste Negev verschwunden. Seit dieser Zeit reist Jaap immer wieder nach Israel, um vielleicht doch noch eine Spur von ihr zu finden. Daheim in den Niederlanden konzentrierte er sich vor seiner Pensionierung auf die Arbeit. Weder seiner Frau noch seiner Tochter gegenüber war er besonders emphatisch. Und nun bekommt er während seines Aufenthaltes in Israel einen ungewöhnlichen Auftrag. Er soll eine überaus schwierige Operation an einem jungen Hoffnungsträger durchführen. Die Bitte kommt von höchster Stelle. Ein Erfolg ist nahezu unmöglich.

Welche Tragik, eine junge Frau und ihr Freund verschwinden spurlos. Die Eltern kommen nicht über den Verlust ihrer einzigen Tochter hinweg. Eine Ehe, die sowieso auf tönernen Füßen stand, zerbricht vollends. Jaap unternimmt alles, um seine Tochter zu finden. Doch die wenigen Spuren führen nicht zu ihr. Die offiziellen Ermittlungen sind schon lange eingestellt. Könnte die Operation, genauer das Geld, welches bei einem Erfolg gezahlt werden soll, eine Möglichkeit sein, Lea doch noch zu finden?. Jaap sieht die Chance und trotz der schlechten Prognose wagt er die Operation.

Der Roman ist im Original Ende November 2023 erschienen. Bis auf die abschließenden Worte ist es also vermutlich vor dem hinterhältigen Überfall geschrieben worden. Jaaps Aufenthalte in Isreal sind daher wohl ruhiger und unbesorgter als sie es gewesen wären, wäre die Handlung später angesiedelt. Auch gewisse Ereignisse hätten später so nicht stattgefunden. Der Traum vom Frieden hätte danach wahr werden können, hätte sich die Welt nicht anders entwickelt. Jaap kommt erst nach dem Verschwinden seiner Tochter auf eine Art zu sich, eine verpasste Chance. Auf eine andere Art nähert er sich ihr erst in Israel. Der brillante Chirurg verhält sich als Mensch nicht so brillant. Sein Leben verändert sich durch die Suche nach seiner Tochter, doch kann es noch ein Glück geben. Jaap erreicht eine Einfachheit und Zufriedenheit mit Wenigem, die ihn wenigstens im Gefühl zu seiner Tochter führen könnte. Mitunter wirkt dieser Roman beinahe phantastisch und manches bleibt in der Schwebe. Doch mit der melancholischen Grundstimmung, die sich nach und nach zu einer gewissen ruhigen Gelassenheit wandelt, löst der Roman beim Lesen ein gutes Gefühl aus.

Veröffentlicht am 16.03.2025

Der Preis

Die Tasche
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Die Schule hat einen Preis für Integration bekommen und an diesem Nachmittag soll er bei einer feierlichen Veranstaltung in der Schulaula verliehen werden. Mohammed als Vorzeigeschüler soll den Preis entgegennehmen. ...

Die Schule hat einen Preis für Integration bekommen und an diesem Nachmittag soll er bei einer feierlichen Veranstaltung in der Schulaula verliehen werden. Mohammed als Vorzeigeschüler soll den Preis entgegennehmen. Davon ist der Oberstufenschüler allerdings nicht begeistert, weil er auch nicht findet, dass die Integration an der Schule besonders gelungen ist. Deshalb will er den Nachmittag schwänzen, was garnicht seine Art ist. Dummerweise hat er seine Sporttasche in der Schule liegen lassen. Und eine weitere Tasche ganz ähnlicher Art geistert durch die Schule. Gespannt sind eher die Lehrer auf die Verleihung des Preises, dar eine große Ehre für die Schule darstellen soll.

Was geht ab an der Schule? Vor allem, welche Strömungen gibt es, von denen die Lehrer nichts wissen. Da war die Sache mit den Schuhen, bei denen Mohammed und seine Freunde bezichtigt wurden, sie geklaut zu haben. Keiner hat ihnen geglaubt, dass sie nichts getan haben. Nichtmal die Vertrauenslehrerin Frau Schäfer hat sie richtig verteidigt. Die mit ihrer Fernbeziehung. Kein Wunder, dass Mohammed nicht mit ihr auf die Bühne will, oder? Und wieso hat Emilia die gleiche Tasche wie Mohammed. Emilia kann ganz schön im Verborgenen wirken, ihre Mutter merkt wirklich überhaupt nichts.

Nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2025 ist diese szenische Lesung des gleichnamigen Jugendromans, der ab zwölf Jahren empfohlen wird. Berichtet wird von einem Standpunkt aus nach den Ereignissen. Aufzeichnungen von Mohammed, Instagramfeeds, Gespräche, Interviews und so weiter. Das macht die Geschichte sehr spannend. Schnell spürt man, dass sich da etwas zusammenbraut. Man fühlt die sich aufbauende Beklemmung. Manchmal wundert man sich, dass die Lehrer nichts merken. Wenn sie nichts merken wollen, wundert man sich eher nicht. Mit Vorverurteilungen sind sie schnell bei der Hand an der Schule. Warum bekommen sie also einen Preis? Und wieso bemerkt keiner die ungute Einstellung von Emilia und ihren Kumpanen. Irgendwann beginnt man sich auf die Lippen zu beißen, weil man es vor Spannung, aber auch vor Sorge kaum noch aushält. Die wachsende Anspannung wird sehr eindrucksvoll dargestellt von Mo Issa, Max Hegewald, Via Ikeli und Luise von Finckh.

Eine echte Lese- beziehungsweise Hörempfehlung, die sehr zum Nachdenken anregt. Jeder sollte nachdenken. Ein tolles Buch/Hörbuch für Diskussionsrunden und Schulklassen.

Veröffentlicht am 15.03.2025

In einer kleinen Stadt

Hast du uns endlich gefunden
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Der junge Edgar wächst bei seiner Familie im beschaulichen ostwestfälischen Herford auf. Ganz so beschaulich vielleicht nicht, denn sein Vater ist der Leiter des örtlichen Jugendgefängnisses. Dort gibt ...

Der junge Edgar wächst bei seiner Familie im beschaulichen ostwestfälischen Herford auf. Ganz so beschaulich vielleicht nicht, denn sein Vater ist der Leiter des örtlichen Jugendgefängnisses. Dort gibt der Vater regelmäßig Klassikkonzerte, der Vater am Klavier als Begleitung eines Sologeigers. Für die jugendlichen Gefangenen wird gespielt, aber auch für die Bekannten der Familie, natürlich nicht gleichzeitig. Es könnte recht idyllisch sein, doch Edgars Familie ist nach dem Krieg aus Ostpreußen geflohen und die Ereignisse des Krieges sind auch im Jahr 1960 nicht vergessen. Der junge Edgar bekommt aus den Gesprächen der Eltern einiges mit, aber wenn er es wagt nachzufragen, bekommt er manchmal nur ungenügende Antworten.

Die Kindheit in der Nachkriegszeit, die sich eigentlich schon dem Ende entgegen neigt, ist nicht immer einfach. Die Kinder sollen nicht immer alles mitbekommen. Doch Edgar und seine drei Brüder sind ja nicht alle gleich alt und so wissen die Älteren manchmal mehr. Hin und wieder traut sich Edgar auch, direkt zu hinterfragen. Vieles muss sich der Junge jedoch zusammenreimen oder auch zusammenerleiden, denn besonders der Vater hat seine eigenen Methoden. Doch auch die tragischen Momente in der Familiengeschichte erschließt sich Edgar nach und nach.

Mit Neugier geht man an dieses Buch heran. Schließlich kennt man die Nachkriegsgeschichten in den eigenen Familien. Auch wenn die eigenen Erlebnisse später einsetzen, so besteht doch ein großes Interesse daran, wie ein Kind, das etwas früher groß wird, sie Zeit erlebt hat. Und dann liest man von Erlebnissen, die schwierig zu ertragen sind. Wenn man sich nach der Vergangenheit der eigenen Eltern oder Großeltern fragt, kann man hier den Hauch einer Antwort bekommen. Die Erlebnisse des jungen Edgar sind zum einen wie die eines jeden Kindes, fröhlich, von Neugier geprägt und dem Willen des Jungen, sich seine Wünsche zu erfüllen. Doch es gibt auch dunkle Momente, in denen er besonders unter seinem Vater zu leiden hat. Es ist eben nicht alles überwunden, es ist noch da und es ist bis in die Gegenwart nicht weg. Wenn dies beschrieben wird, ist man gefangen und auch etwas abgestoßen. Allerdings fragt man sich bei manchen Gedanken, ob sie dem Buch nicht so zusätzliches Gewicht verleihen sollten. Das bringt einen ein wenig raus. In Erinnerung bleiben werden jedoch die beklemmenden Momente in einem nicht existenten Idyll.

Veröffentlicht am 14.03.2025

Der Podcast

Blutsbande
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Zu Alec Salters fünfzigstem Geburtstag soll eine große Party stattfinden. Die Einzige, die nicht auftaucht, ist Alecs Frau Charlie. Am meisten Sorgen macht sich Charlies Tochter Etty. Noch während die ...

Zu Alec Salters fünfzigstem Geburtstag soll eine große Party stattfinden. Die Einzige, die nicht auftaucht, ist Alecs Frau Charlie. Am meisten Sorgen macht sich Charlies Tochter Etty. Noch während die Party läuft, ruft sie bei der Polizei an. Die tut ihre Besorgnis ab, schließlich ist Etty erst fünfzehn und Charlie auf ihre Art bekannt. Es ist die Weihnachtszeit 1990, während der Frauen und Kinder nicht so viel zählen. Erst über dreißig Jahre später beginnt einer von Ettys damaligen Kumpeln mit einem Podcast über die Ereignisse. Damit werden alte Wunden wieder aufgerissen. Die Kinder von Alec Salter sind auch wieder vor Ort. Ihr an Demenz leidender Vater soll ins Pflegeheim und das Haus soll verkauft werden.

Dass es sich bei diesem Roman um den Start einer Reihe handelt, merkt man lange nicht. Die Handlung setzt im Jahr 1990 ein und das Verschwinden von Charlotte Salter beherrscht das Leben im Ort. Zunächst wird es abgetan, auch weil ihr Mann eher abfällig reagiert. Als dann eine weitere Person zu Tode kommt, scheint die Sache klar, wenigstens für die Polizei. Doch die Kinder von Charlie haben ihr Verschwinden auch nach über dreißig Jahren nicht verwunden. Erst als Alec nicht mehr alleine bleiben kann, kommen sie wieder in Glensted zusammen. Morgen, der journalistisch tätig ist, beginnt mit der Produktion seines Podcasts.

Im Jahr 2022 rollt Detective Inspector Maud O’Connor den Fall neu aufrollen. Und wie sie an das Vorhaben herangeht, ist wirklich beeindruckend und spannend. Sie als Außenstehende und Frau muss sich erstmal bei den örtlichen Polizisten durchsetzen. An dieser Haltung hat sich in dreißig Jahren nicht so viel geändert. Die dilettantische Ermittlung aus den Neunzigern geradezubiegen im Rahmen eines aktuellen Falls ohne die Ortspolizei allzu sehr anzugehen, ist alles andere als einfach. Man kann sehr gut verstehen, dass Maud manchmal einfach die Wahrheit sagen möchte und bewundert ihre Selbstbeherrschung. Wenn es doch im Privaten auch so gut liefe. Berührend ist auch wie Etty und ihre Brüder mit der Schwere umgehen, die das Verschwinden ihrer Mutter verursacht hat. Und irgendwann ist es soweit, dass Maud eine Ahnung bekommt, was damals tatsächlich geschehen ist. Ab dem Punkt muss man den Roman einfach inhalieren und mit einem Wow! beschließen.

4,5 Sterne

Veröffentlicht am 11.03.2025

Auf leisen Sohlen

Ein ungezähmtes Tier
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Sophie wohnt mit ihrem Mann Arpad in dem schönen Teil des Viertels. Nur wenige Minuten entfernt leben Greg und Karine, in einem nicht so eleganten Viertel. An ihrem 40. Geburtstag möchte Sophie eine besondere ...

Sophie wohnt mit ihrem Mann Arpad in dem schönen Teil des Viertels. Nur wenige Minuten entfernt leben Greg und Karine, in einem nicht so eleganten Viertel. An ihrem 40. Geburtstag möchte Sophie eine besondere Feier veranstalten. Doch sie fühlt sich in ihrem Haus beobachtet. Die Gelegenheit, die Ermittlung aufzunehmen, nimmt Greg wahr. Dieser arbeitet als Polizist bei einer Sondereinheit. Doch er hat auch noch andere Hintergedanken. Auch Arpad hat durchaus etwas zu verschweigen. Zwei oberflächlich betrachtet glückliche Paare. Doch wie so oft ist nicht alles Gold, was glänzt.

Auf mehreren Zeitebenen wird von den handelnden Personen berichtet. Über Jahre geht es zeitweise zurück und manchmal auch nur ein paar Tage. Ausgangspunkt ist der Bericht von einem Überfall am 22.Juni 2022. An diesem Tag soll ein Juwelier beraubt werden. Was hat zu diesem Plan geführt? Und wer ist der Täter? Man erfährt, wie Arpad und Sophie sich kennengelernt haben. Wie ihre Ehe verlief, wie sie sich über ihre Kinder freuen. Doch auch die geheimen Wünsche kommen zutage und auch das, was eigentlich verborgen bleiben sollte. In der Gegenwart verfolgt Greg seine eigenen Ziele und versucht, seine Ergebnisse für sein berufliches Fortkommen zu nutzen.

Dieses Hörbuch wird sehr angenehm und akzentuiert vorgelesen von Torben Kessler. Auch die Zeitangaben werden deutlich hervorgehoben, da diese zum Verständnis der Handlung doch nicht unwichtig sind. Es geht schon reichlich hin und her, was dem Roman Spannung und Tempo verleiht. Diese Komposition lädt zum Miträtseln ein. Was hat wann wozu geführt? Und je mehr man erfährt, desto eher kann es sein, dass sich Sympathien unerwartet verschieben. Man mag den Schluss vielleicht als etwas gewöhnungsbedürftig empfinden, aber das ist bei diesem verwickelten Krimi nur ein kleines Manko. Wenn man nach und nach den Geheimnissen auf die Spur kommt und dabei die eine oder andere Überraschung erlebt, dann möchte man kaum noch auf den Stopschalter drücken. Was hinter verschlossenen Türen geschieht, ist manchmal wirklich nicht das, was man von außen so vermuten würde. Die Illusion einer perfekten Ehe ist eben manchmal nur eine Illusion. Durch seinen besonderen Aufbau bietet dieser Roman eben nicht nur eine Art Sittengemälde, sondern auch einen packenden Spannungsroman.