Profilbild von walli007

walli007

Lesejury Star
offline

walli007 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit walli007 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.03.2025

Dies ist kein Liebeslied

Die Liste
0

Noch knapp ein Monat bis zur Hochzeit. Ola und Michael freuen sich darauf und feiern in einem Club. Am nächsten Morgen bricht ihre Welt auseinander, denn es taucht eine Liste auf Social Media auf, mit ...

Noch knapp ein Monat bis zur Hochzeit. Ola und Michael freuen sich darauf und feiern in einem Club. Am nächsten Morgen bricht ihre Welt auseinander, denn es taucht eine Liste auf Social Media auf, mit neben etlichen anderen Männern auch Michael bezichtigt wird, übergriffig geworden zu sein. Weder Ola noch Michael bekommen zunächst etwas davon mit, obwohl die Liste viral geht. Ola ist die erste, die ihre Nachrichten liest und sie ist entsetzt. Das kann einfach nicht wahr sein, oder? In Ola kommen Zweifel auf. Und dann verlangt auch ihre Chefin, sie soll einen Bericht über die Liste für das Online-Magazin schreiben.

Was geschieht mit einer Beziehung in einer solchen Situation? In Ola kommt schon der Gedanke auf, die Hochzeit abzublasen. Aber das wäre doch eine Vorverurteilung. Schließlich beteuert Michael, dass er nie einer Frau gegenüber ausfällig geworden ist. Aber das Misstrauen ist da. Einiges, was auf der Liste behauptet wird, stimmt. Heißt das, alles stimmt? Michael sollte einfach seine Unschuld beweisen. Etwas zu beweisen, was man nicht getan hat, ist allerdings nicht unbedingt einfach. Und sowohl Ola als auch Michael stehen aufgrund ihres Berufes, sie als feministische Journalistin, er als relativ erfolgreicher Moderater, zwar nicht an vorderster Front in der Öffentlichkeit, aber eben doch.

Schnell kann ein zuversichtliches Dasein auf den Kopf gestellt werden. Wie so häufig, spielt das Internet, die Sozialen Medien eine unrühmliche Rolle. Natürlich hat ein Mensch die Liste gepostet. Eine Person, die sich wohl keine Gedanken über die Konsequenzen gemacht hat. Zwischen Ola und Michael wird Misstrauen gesät. Und viele haben etwas zu dem Thema zu sagen. Wenn vielleicht so eine Liste grundsätzlich nicht falsch ist, was ist, wenn doch jemand fälschlich beschuldigt wird? Wie kann man die Aussagen verifizieren? Wäre es nicht besser, man prüft den Wahrheitsgehalt, bevor etwas veröffentlicht wird? Die Folgen sind schließlich unabsehbar. Gerade im Moment gewinnt dieser Roman noch mehr an Aktualität. Zwar werden feministische Themen durch das Vordringen alter Männer zurückgedrängt. Aber die Debatte um das Internet, in dem die Nettikette über Bord geworfen wurde und jede Wahrhaftigkeit als Einschränkung der Pressefreiheit deklariert wird, gewinnt immer mehr an Brisanz. Allerdings eher in Offline-Publikationen, bei denen Regeln noch etwas gelten. Ein Liebesroman ist dieses Buch nicht, eher eine Beschreibung, wie unbedachte Worte ein Eigenleben bekommen und dadurch mehr kaputt geht als vielleicht beabsichtigt war.

Veröffentlicht am 05.03.2025

True Crime

Kaltblütig
0

Die Clutters waren eine angesehene Familie, die Eltern und ihre vier Kinder. Die älteste Tochter war schon verheiratet, die zweite verlobt und die Hochzeit sollte bald stattfinden. Die beiden jüngeren ...

Die Clutters waren eine angesehene Familie, die Eltern und ihre vier Kinder. Die älteste Tochter war schon verheiratet, die zweite verlobt und die Hochzeit sollte bald stattfinden. Die beiden jüngeren Kinder Tochter und Sohn lebten noch daheim. Sie waren beliebt in der Gemeinde Holcomb des Jahres 1959 und doch wurden sie einfach umgebracht. Kaltblütig erschossen. Zunächst gab es keine Hinweise auf die oder den möglichen Täter. Deshalb geriet zunächst der Freund der jungen Nancy in Verdacht. Er hatte seine Liebste am Abend besucht und war so kurz vor der Tatzeit noch auf der Farm.

Der Autor Truman Capote hat sich hier einer Tat gewidmet und sie akribisch nachgezeichnet, die tatsächlich geschehen ist. Der Tatsachenroman, der sich daraus entwickelt hat, könnte ein neues Genre begründet haben. Die Tat ist ausgesprochen grausam und erscheint völlig sinnlos. Mr. Clutter war dafür bekannt, dass er kaum Bargeld bei sich trug. Ein Raubmord hätte also keine große Beute gebracht. Also kann nur ein persönliches Motiv in Betracht kommen? Schließlich war Mr. Clutter gegen eine dauerhafte Beziehung Nancys zu ihrem Freund. Erst nach wirklich genauer Untersuchung fällt auf, dass doch ein paar Dinge aus dem Haus fehlen. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel.

Bei Truman Capote handelte es sich um einen genialen Autor. Zwar ist eher sein Werk „Frühstück bei Tiffany“ bekannt und das wahrscheinlich auch eher in der verfilmten Version, aber auch der vorliegende Bericht besticht durch seine präzise Sprache. Es werden einem die Menschen nahe gebracht. Zunächst die unbescholtene Familie Clutter, rechtschaffene Leute, die geplant hatten zu leben und nicht zu sterben. Doch auch die Täter lernt man kennen. Zwangsläufig können sich nicht sympathisch werden, denn mit ihrer grausamen Tat haben sie dieses Recht verwirkt. Auch wenn ihr Leben nicht immer einfach war, rechtfertigt doch nichts diese sinnlosen Morde. Gleichzeitig verfolgt man, mit welcher Hartnäckigkeit die Polizeibeamten versuchen, die Killer ausfindig zu machen. Obwohl es sich um einen Tatsachenbericht handelt, ist die Schilderung sehr spannend. Mit ein paar Bildern, die im Internet zu finden sind, kann man sich das Geschehen noch besser vorstellen. Auch dieses Buch des Autors wurde verfilmt.

Veröffentlicht am 03.03.2025

Tief verwurzelt

Der verschwundene Buchladen
0

Endlich hat Martha sich von ihrem Ehemann getrennt. Mit letzter Kraft hat sie es nach Dublin geschafft und sich auf eine Stelle als Haushälterin beworben. Ms Bowden scheint recht exzentrisch zu sein und ...

Endlich hat Martha sich von ihrem Ehemann getrennt. Mit letzter Kraft hat sie es nach Dublin geschafft und sich auf eine Stelle als Haushälterin beworben. Ms Bowden scheint recht exzentrisch zu sein und doch richtig. Vor dem Haus lernt Martha den Doktoranden Henry kennen, der nach einem verschwundenen Buchladen sucht. Die beiden sind sich sofort sympathisch. Marthas großer Traum ist es, zu studieren. Sie weiß nur noch nicht, wie sie das mit der Lektüre schaffen soll, denn sie hat eine seltsame Scheu davor zu lesen. Vielleicht hat Henry eine Idee, wie sie die Sache angehen kann.

Martha und Henry sind nicht unbedingt freigiebig was gewisse Informationen angeht. Ihr Weg ist dadurch nicht so geradlinig wie anderenfalls möglich. Doch ihre Suche nach der Geschichte von Opaline, die auf einer anderen Zeitebene erzählt wird, schweißt sie zusammen. Opaline sollte in den 1920ern gegen ihren Willen verheiratet werden. Im Gegensatz zu vielen anderen jungen Frauen wehrt sie sich dagegen und flieht nach Paris. Dort lernt sie eine Welt der Bücher kennen, die die Erfüllung der meisten ihrer Träume bedeuten könnte. Werden Martha und Henry es schaffen, Opalines Weg zu den Büchern zu verfolgen?

So einen verschwundenen Buchladen möchte man auch gerne suchen, das aufwendig gestaltete Cover mit Farbschnitt macht direkt Lust auf den Roman. Von Opalines Schicksal zu lesen, ist manchmal nicht leicht zu ertragen. Sie versucht ihr Leben nicht nach den Konventionen zu leben und muss dabei Rückschläge hinnehmen. Wie hinterhältig und gemein Frauen damals mitunter behandelt wurden. Doch auch Martha ist, was das angeht, nicht auf Rosen gebettet. Man wünscht ihr wirklich, dass sie ihr Leben in den Griff bekommt. Zwar unternimmt ihre Beziehung zu Henry etwas eigenartige Verläufe, dennoch spürt man die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden. Richtig schön und interessant wird es jedoch, wenn es um die Suche nach seltenen oder verloren geglaubten Büchern geht. Da kann man eintauchen und förmlich den Duft von alten Büchern wahrnehmen. Ein schönes und spannendes Buch, dass gerne empfohlen wird.

Veröffentlicht am 01.03.2025

Der Nebel

Der letzte Mord am Ende der Welt
0

In einer postapokalyptischen Welt neben nur noch etwas über hundert Personen auf einer kleinen Insel. Eine geheimnisvolle Barriere schützt sie vor einem tödlichen Nebel. Die Wissenschaftlerin und Lehrerin ...

In einer postapokalyptischen Welt neben nur noch etwas über hundert Personen auf einer kleinen Insel. Eine geheimnisvolle Barriere schützt sie vor einem tödlichen Nebel. Die Wissenschaftlerin und Lehrerin Niema hält das Gemeinwesen zusammen. Emory, die immer Niemas Lieblingsschülerin war, ist noch dabei, ihren Weg zu finden. Auch sie hat schon eine Familie gegründet. Bei einigen Talenten hat sie festgestellt, dass sie diese eher nicht besitzt. Lehrerin zu werden, ist nun fast die letzte Möglichkeit. Doch wofür Emory steht, ist das Stellen von Fragen. Ihr Wissensdurst ist schier unersättlich und sie versucht, die Gedanken in die richtige Reihe zu bringen. Als Niema tot aufgefunden wird, könnte gerade das es sein, was die kleine Gemeinschaft retten könnte.

Die drei Wissenschaftler allen voran Niema führen und leiten die kleine Inselpopulation. Sie geben den Weg vor und die anderen halten sie an die Empfehlungen. Damit führen sie nach der Katastrophe ein zwar hartes und entbehrungsreiches, aber doch angenehmes und sicheres Leben. Durch den hinterhältigen Mord gerät das ganze Gefüge durcheinander. Die Lage wird dadurch erschwert, dass sich keiner an den vorangegangenen Abend erinnern kann. Emory fällt nun die heikle Aufgabe zu, das Rätsel zu lösen. Zeit hat sie dafür nur 107 Stunden, denn mit Niemas Tod ist auch die Schutzbarriere heruntergefahren worden und der Nebel rückt näher.

Welch schönes Idyll könnte der verbliebene Rest der Welt sein, könnte man bei Anblick des farbenfroh gestalteten Covers denken. Man sieht den Leuchtturm, die Seilbahn, ein Boot, eine Hai-Finne. Eine Hai-Finne? Ganz so ungefährlich ist das Leben auf der Insel wohl doch nicht. Doch wie wird Emory mit der Bedrohung, die Gemeinschaft durch den Mord erfährt, fertigwerden? Kann sie dieser Aufgabe überhaupt gewachsen sein? Wer könnte die Macht und die Mittel gehabt haben, eine so gemeine Tat zu begehen? Emory ist eine, die anpackt. Als Leser möchte man sich gerne mit ihr identifizieren, auch wenn man erfährt, dass das aus gewissen Gründen eigentlich nicht geht. Auch einige Ungereimtheiten, die eher auf mathematischer Ebene liegen, werden im Verlauf geklärt. Überhaupt entwickelt sich der postapokalyptische Kriminalfall auf ganz andere Weise als man vermuten könnte. Neben der einfachen Aufklärung eines Mordes, die alles andere als einfach ist, geht es auch um eine Fortentwicklung. Wer sollte in einer Welt das Sagen haben? Und was wäre, wenn es einmal nicht die üblichen Verdächtigen wären? Ein Gedanken-Experiment, das hier gewagt wurde und dem man viel Erfolg wünschen möchte. In der heutigen Zeit beginnt man bald, sich zu fragen, auf welche Insel man fliehen sollte und ob die Gegenwart, den Autor nicht beinahe schon eingeholt hat. Die Schlussfolgerung, die man vielleicht ziehen kann, ist irgendwie hoffnungslos und hoffnungsfroh zugleich. Ein lesenswerter Roman, der sich nicht hundertprozentig einem Genre zuordnen lässt.

Veröffentlicht am 28.02.2025

Die Glückshaube

Demon Copperhead
0

In einem Trailer wird der kleine Demon Copperhead mit einer Glückshaube auf dem Kopf geboren. Seine jugendliche Mutter versucht von den Drogen weg zu kommen. Bald ist Demon hauptsächlich be seinem Freund ...

In einem Trailer wird der kleine Demon Copperhead mit einer Glückshaube auf dem Kopf geboren. Seine jugendliche Mutter versucht von den Drogen weg zu kommen. Bald ist Demon hauptsächlich be seinem Freund Maggot, der bei seinen Großeltern aufwächst. So unglücklich ist er nicht. Doch irgendwann lernt seine Mutter einen Neuen kennen, der es gut versteht, sowohl ihr als auch Demon das Leben zur Hölle zu machen. Leider stirbt seine Mutter bald und für Demon beginnt eine Odyssee durch ein tragisches Leben, in dem es zwar auch mal Aufs aber immer wieder auch Abs gibt.

Dieser rothaarige kleine Junge muss echt einiges aushalten. Vielleicht würden ihn die anderen als Trailer Trash bezeichnen. Doch zum Glück hat er Maggot, mit dem er durch die Gegend zieht. Maggots Mutter sitzt im Gefängnis. Um den Grund dafür ranken sich Geschichten, die es in sich haben. Durch Maggot und dessen Großeltern kommt auch Demon mal raus. Eine große Enttäuschung für Demon ist es allerdings, dass er nicht von Maggots Großeltern aufgenommen wird. Demon ist aber nicht jemand, der einfach aufgibt. Ein ums andere Mal durchsteht er schwierige Zeiten und verliert doch nicht seinen Mut.

Mit diesem Hörbuch begleitet Fabian Busch den jungen und langsam erwachsen werdenden Demon Copperhead einfühlsam durch die Jahre. Die Zeit des Hören fliegt dann nur so dahin. Wenn man ein wenig nachliest oder das Buch auch kennt, kann man bestätigen, dass dieser Roman dem Klassiker David Copperfield von Charles Dickens nachempfunden ist. Auch mit Demon haben wir einen Waisenjungen, der unverschuldet und schwierige und auch für ihn gefährliche Situationen gerät. So manches Mal denkt man, noch schlimmer kann es doch nicht kommen und dann kann es mit dem Hören auch etwas mühsam werden, weil man sich fragt, warum sich Demon auf bestimmte Sachen einlässt oder Angebote nicht annimmt. Doch dann hält man sich an das klassische Vorbild und hofft auf ein versöhnliches Ende. Wie die Autorin die Worte, mit denen sie Demon erzählen lässt, immer altersgerecht verwendet, ist wirklich klasse, Durch dick und dünn - man ist immer ganz nahe bei Demon Copperhead.

Nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2025.