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Veröffentlicht am 12.06.2021

Facettenreicher Thriller aus Hamburg

Abgründige Wahrheit
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In Hamburg geht es wieder rund. Kein Wunder, hat Journalist und Autor Eric Teubner doch ein neues Buchprojekt gestartet. Teubner hat sich kürzlich durch “Blue Note Girl”, eine Biografie über eine verschwundene ...

In Hamburg geht es wieder rund. Kein Wunder, hat Journalist und Autor Eric Teubner doch ein neues Buchprojekt gestartet. Teubner hat sich kürzlich durch “Blue Note Girl”, eine Biografie über eine verschwundene Sängerin, einen Namen gemacht.

Sein neues Werk dreht sich um den kürzlich verstorbenen Hamburger Verleger Heinrich Michaelsen. Im Auftrag von dessen Tochter Daniela durchforstet er unter anderem Dokumente, Zeitschriften, Familienfotos und interviewt mehrere ihm nahestehende Personen.

Ohne scheinbaren Zusammenhang zu Teubners Geschichte bekommt auch die Polizei jede Menge Arbeit. Verstümmelte Frauenleichen und ermordete Jugendliche lassen Hamburgs Straßen nicht mehr sicher erscheinen. Hängt das alles zusammen und wenn ja, hat Eric Teubner hier etwas ausgelöst oder ist alles nur Zufall?

Die Polizei tappt im Dunklen, sicher ist nur, dass ein Mitgrund für die aktuellen Ereignisse wohl mehrere Jahrzehnte zurückliegt.

Bernd Richard Knospe fügt “Abgründige Wahrheit” nahtlos dort an, wo der Vorgängerroman geendet hat. Geschickt spinnt er die Geschichte um Protagonist Eric Teubner weiter, der in “Blue Note Girl” Hauptfigur und Autor zugleich war.

Wer den 2018 erschienen Krimi nicht gelesen hat, dem entgehen zwar die feinen Anspielungen, aber “Abgründige Wahrheit” lässt sich natürlich auch ohne Probleme eigenständig lesen. Was man als Leser aber dafür mitbringen sollte, sind starke Arme (580 Seiten bringen ein bisschen was auf die Waage) und ebensolche Nerven.

Knospe scheut nicht davor zurück, an passenden Stellen auch derbe Sprache und explizite Schilderungen zu verwenden. Die Geschichte wird dadurch aber nie niveaulos sondern facettenreicher.

Die teilweise sehr langen Kapitel mit dadurch bedingten häufigen Schauplatzwechsel wirken sich nicht immer ganz vorteilhaft auf den Spannungsbogen aus, aber es lohnt sich auf jeden Fall dranzubleiben. Durch die Wechsel hat der Leser immer wieder einen Vorsprung gegenüber der Polizei und kann manches Undenkbare erahnen, allerdings kann der Thriller trotzdem am Ende mit ein paar überraschenden Enthüllungen punkten.

Veröffentlicht am 09.06.2021

Zerstörerischer Hass

Rattenkönig
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Nachdem die Stockholmer Draufgänger Vanessa Frank und Nicolas Paredes in Chile einiges auf den Kopf gestellt haben (siehe “Feuerland”) lassen sie es zuhause erst einmal ruhig angehen.

Doch nichts da, ...

Nachdem die Stockholmer Draufgänger Vanessa Frank und Nicolas Paredes in Chile einiges auf den Kopf gestellt haben (siehe “Feuerland”) lassen sie es zuhause erst einmal ruhig angehen.

Doch nichts da, Pascal Engman hat andere Pläne für das ungleiche Paar. Die Ermittlerin vom Morddezernat und der Ex-Elitesoldat bilden immer dann eine erfolgreiche Zweckgemeinschaft, wenn das Verbrechen es erfordert.

Vanessa wird zu einem scheinbar leicht aufklärbaren Frauenmord gerufen. Der Ex-Freund, ein krankhaft eifersüchtiger Gefängnisinsasse mit Freigang, ist der logische Täter. Alles scheint auf ihn hinzuweisen.

Doch dann gibt es weitere Taten an Frauen und Vanessa und ihrem Team kommen Zweifel. Jedes Mal scheint ein dem Opfer nahestehender Mann der Täter zu sein, alle leugnen. Gibt es einen Serienmörder? Doch die Frauen haben nichts gemeinsam.

Mit viel Drive und dem ihm eigenen, klaren, kompakten Stil führt der ehemalige Journalist Pascal Engman durch seinen Thriller. In der Geschichte, in der es auch durchaus hart und blutig zugeht, beleuchtet er nicht nur die Seite der Polizei sondern natürlich besonders authentisch jene Rolle, die die Medien in print und online in solchen Situationen spielen (können).

Nebenbei schafft er es, wie auch schon in Band 1 um Frank und Paredes, ein - nicht nur schwedisches - Gesellschaftsthema aufzugreifen. Was passiert mit Menschen, für die die Resozialisierungsmaßnahmen nach der Haft nicht funktionieren?

Ein Schweden-Thriller über tief verwurzelten Hass und zweite Chancen.

Veröffentlicht am 03.06.2021

Cold Case im kalten Norden

Nordwestzorn
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Fall zwei für Anna Wagner und Hendrik Norberg. Die gebürtige Münchnerin hat es geschafft und leitet im hohen Norden eine eigene Vermisstenstelle, sie greift alte und aktuelle Fälle mit vermissten Personen ...

Fall zwei für Anna Wagner und Hendrik Norberg. Die gebürtige Münchnerin hat es geschafft und leitet im hohen Norden eine eigene Vermisstenstelle, sie greift alte und aktuelle Fälle mit vermissten Personen auf.

Norberg leitet die Polizeistation St. Peter-Ording und unterstützt Wagners Ermittlungen bei Bedarf. Und den gibt es oft. Auch im aktuellen Krimi wieder. Schließlich will Anna klären, was 16 Jahre zuvor im beschaulichen Küstenort passierte.

Ein Junge, auf Klassenfahrt, lief weg und wurde nie mehr gefunden. Es gab keine Leiche und auch bei den damaligen Ermittlungen gibt es Ungereimtheiten.

Im leichten, unaufdringlichen Erzählstil führt Svea Jensen durch den eisigen Nordseewinter und die gelungene Krimigeschichte. Für diese ist auf den 380 Seiten mehr Platz, denn die Figuren werden nicht mehr so umfangreich beleuchtet wie in Band 1 (Nordwesttod).

Man kann die Bücher natürlich andersherum lesen, die persönliche Entwicklung und ein paar Nebenschauplätze sind aber natürlich in der richtigen Reihenfolge besser erklärt.

Die Kapitel sind angenehm kurz bis mittellang, Schauplatzwechsel innerhalb gut gekennzeichnet und es ist jeweils vermerkt, wenn ein neuer Tag beginnt. Wer Zeit Lust hat, kann so täglich genau so viel lesen, wie auch Anna, Hendrik und Kollegen an einem Tag ermitteln.

Aber natürlich lässt sich die Geschichte auch schneller verschlingen - die beiden haben sich zudem weitere Fortsetzungen redlich verdient. Auf viele weitere geklärte Fälle!


Svea Jensen ist ein Pseudonym von Angelika Svensson.

Veröffentlicht am 28.05.2021

Fast wie in Echtzeit

Der Fall des Präsidenten
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Mehr als 600 Seiten stark ist dieser fiktive Thriller von Marc Elsberg. Diese Menge will gut gefüllt sein und um über diese lange Zeit Spannung zu halten oder immer wieder neu aufbauen zu können, muss ...

Mehr als 600 Seiten stark ist dieser fiktive Thriller von Marc Elsberg. Diese Menge will gut gefüllt sein und um über diese lange Zeit Spannung zu halten oder immer wieder neu aufbauen zu können, muss einfach alles stimmen.

Das war für mich hier nicht immer der Fall. Die Geschichte rund um einen US-amerikanischen Ex-Präsidenten, der sich wegen seiner Kriegsführung und bestimmter Befehle offiziell verantworten muss, beginnt sehr vielschichtig.

Der Internationale Strafgerichtshof (Sitz in Den Haag) - im Buch meist englisch mit ICC abgekürzt - ist den meisten Europäern wohl spätestens seit dem öffentlichen Suizid von Slobodan Praljak bekannt. Im Buch hier erfahren wir etwas mehr darüber, wie die Dinge vor einer solchen Gerichtsverhandlung laufen könnten.

Der ICC gelangt an Beweise gegen den Ex-Präsidenten und sammelt auch selbst Zeugenaussagen, Bilder, alles was nötig ist um letztlich eine Festnahme durchführen zu können. Auf dem Weg zu einem Vortrag in Athen klicken die Handschellen, doch das ist nur der fulminante Auftakt zu einer langwierigen Odyssee für alle Beteiligten.

Ein griechisches Gericht muss erst darüber entscheiden, ob alles korrekt ablief und ob der Verhaftete tatsächlich auch nach Den Haag ausgeliefert werden kann.

Als Leser hätte mich diese “finale” Verhandlung viel mehr interessiert, aber der Thriller dreht sich ausschweifend um alles, was in Griechenland (mit gelegentlichen Abstechern in die USA und nach Deutschland sowie zur EU-Politik) passiert.

Die Tage nach der Verhaftung, die Auseinandersetzungen im Gericht, die Besprechungen und der Umgang der Öffentlichkeit inner- und außerhalb Griechenlands werden so minutiös erzählt, dass man fast das Gefühl hat, alles in Echtzeit zu lesen. Genauso wie in der Handlung im Ganzen betrachtet nicht viel vorwärts geht, scheint auch das Lesezeichen keine große Sprünge machen zu können.

Wirklich fesselnde Spannung kam bei mir nur zu Beginn und gegen Ende wieder auf, dazwischen ziehen sich die vielen Seiten eher langsam dahin. Obwohl man als Leser hauptsächlich die Perspektive der Vertreterin des ICC vor Ort, Dana Marin, hautnah mitbekommt, gibt es auch Einblicke in die Strategie der Gegenseite und in allerlei andere Schauplätze.

Das macht die Geschichte einerseits natürlich greifbarer, aber dadurch kommen auch sehr viele Namen, Figuren vor, die man immer wieder neu einordnen können muss wenn sie plötzlich wieder zur Sprache gebracht werden.

Die Schauplätze wechseln generell auch nicht nur mit den Kapiteln, sondern auch innerhalb, nur durch einen größeren Absatz gekennzeichnet. Das erfordert gute Konzentration und kann leicht unübersichtlich wirken.

Ich kann nur erahnen, dass hinter “Der Fall des Präsidenten” sehr sehr viel juristische Recherchearbeit steckt und habe Hochachtung vor dieser Arbeit. Aufgrund der so positiven Stimmung zu Elsbergs bisherigen Büchern (von denen ich auch noch einige lesen möchte), hat mich dieser Thriller hier leider etwas enttäuscht. Über lange Strecken konnte mich die Handlung nicht recht mitreißen und ich habe relativ lange gebraucht um das Buch zu beenden.

Veröffentlicht am 25.05.2021

Ein Plädoyer für Empathie und Egalität

Die Katzen von Shinjuku
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“Ein poetischer Roman über zwei Außenseiter und die Liebe zu Katzen” heißt es hier auf der Buchrückseite. Man muss nicht zwingend selbst ein Außenseiter sein um an Durian Sukegawas Geschichte Freude zu ...

“Ein poetischer Roman über zwei Außenseiter und die Liebe zu Katzen” heißt es hier auf der Buchrückseite. Man muss nicht zwingend selbst ein Außenseiter sein um an Durian Sukegawas Geschichte Freude zu haben. Wer Katzen mag, ist natürlich im Vorteil.

Aber der Roman ist noch so viel mehr - vollgepackt mit japanischer Kultur und Gesellschaftskritik und vielen Gedichten. Einiges davon mutet für uns in Europa seltsam an, zudem spielen die Begegnungen noch zur Zeit von Festnetztelefonie und Faxgeräten.

Seita Yamazaki, ein junger Mann in seinen Zwanzigern, hadert mit seinem Job, seiner Wohnsituation und irgendwie allem drumherum. In dieser Phase entdeckt er durch Zufall eine ganz bestimmte Kneipe und damit einen Ort, wo er sich zuhause fühlt. Die anderen Gäste haben alle so ihre Macken und nach einiger Zeit freundet er sich auch mit der Kellnerin an.

Durian Sukegawa erschafft einen gut geölten Mikrokosmos rund um die Bar und Seitas Erzählungen. Er blickt auf diese schwierigen Wochen zurück, das Buch ist aus der Ego-Perspektive verfasst. Ohne es direkt anzusprechen, legt er gekonnt den Finger in die Wunden der (japanischen) Gesellschaft. Er beleuchtet den Umgang mit “Abnormem”, hierarchische Strukturen und zeigt wohin Verzweiflung münden kann, wenn Menschen sich anderen nicht anvertrauen können.

Seitas Ansichten, die japanischen Dialoge und Eigenheiten sind teilweise sehr ungewöhnlich für europäische Leser. Eine Übersetzung ist auch meist ein Kompromiss, weil die Sprachen so unterschiedlich sind. Aber wer sich auf dieses lyrische, spezielle Weltbild einlassen kann, erfährt auch vieles über die Kultur und die Menschen dort.