Wo Nähe zur Gefahr wird
Petra Dvořáková erzählt in Die Krähen die Geschichte eines Mädchens, das in einer Familie aufwächst, in der Gewalt und Angst zum Alltag gehören. Aus der Sicht des Kindes und der Mutter entsteht ein vielschichtiges Bild davon, wie Beziehungen zugleich Halt versprechen und zerstören können. Mit feinem Gespür für Zwischentöne und psychologische Tiefe entfaltet der Roman ein bedrückendes, zugleich berührendes Panorama eines Lebens im vermeintlich sicheren Raum der Familie. Eine eindrucksvolle Stimme der tschechischen Gegenwartsliteratur, übersetzt von Hana Hadas.
Erschienen im Vorfeld des Gastlandauftritts Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026, steht dieses Buch exemplarisch für die literarische Vielfalt und erzählerische Kraft der tschechischen Gegenwartsliteratur. Der Anthea Verlag begleitet mit seinem Programm den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Tschechien und macht herausragende Stimmen der Region einem deutschsprachigen Publikum zugänglich
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In dem Roman geht es um eine Hauptfigur, die sich Ihren innen Abgründen und Dämonen stellen muss. Die Stimmung in dem Buch ist düster, melancholisch und traurig. Die Welt ist ein düsterer Ort. Man kann ...
In dem Roman geht es um eine Hauptfigur, die sich Ihren innen Abgründen und Dämonen stellen muss. Die Stimmung in dem Buch ist düster, melancholisch und traurig. Die Welt ist ein düsterer Ort. Man kann sich sehr gut reinfühlen, weil die Emotionen und Gefühlszustände tiefgründig und real beschrieben werden. Die Krähen kommen immer wieder in dem Buch vor und sind auch Symbol auf dem Cover, was im übertragenen Sinne die Protagonistin darstellen soll inmitten von vielen Krähen. Der Roman ist sehr ergreifend und düster und man hat wirklich zu tun danach. Das Mädchen tut einen unendlich leid. Als Mutter kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, wie man so über sein Kind denken kann. Die Suche nach Hoffnung ist ein zentrales Motiv und ich liebe die poetische und bildgewaltige Sprache. Der Roman ist schwere Kost wie ich finde, aber auch sehr emotional und tiefgründig. Mich hat der Roman sehr berührt und ich finde insbesondere das Buch sehr hochwertig gestaltet sogar beim Aufschlagen ist ein Innendekor vorhanden. Für Fans von melancholischen Geschichten mit Tiefgang.
Baruna lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in einem Haus direkt an einem Park. Hier in den hohen Bäumen vor ihrem Fenster baut eine Krähe gerade ein Nest. Baruna beobachtet die Krähe ...
Baruna lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in einem Haus direkt an einem Park. Hier in den hohen Bäumen vor ihrem Fenster baut eine Krähe gerade ein Nest. Baruna beobachtet die Krähe von ihrem Fenster aus und zeichnet sie sogar, denn ihr größter Wunsch ist es Malerin zu werden und auch die Krähe beobachtet ihrerseits das Mädchen, das andere, ältere Mädchen, den Vater, die Mutter und hört das Schreien, das Streiten, das Weinen.
In ihrem Buch hat die Autorin einen eher ungewöhnlichen Ansatz gewählt, in dem sie die Krähe im Baum vorm Fenster quasi als neutralen Beobachter ins Spiel bringt. Jedem Kapitel des Buches sind eine schöne Zeichnung und ein paar Worte zu dem Vogel voran gestellt. Die Krähe ist ein bisschen der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, eine Art verbindendes Element und letztlich auch eine Metapher für die Wünsche und Sehnsüchte der kleinen Baruna.
Die Geschichte wird abwechseln aus der Sicht von Baruna selbst erzählt und abwechseln aus der ihrer Mutter. Baruna erzählt von ihrem Alltag in der Schule, von der Verliebtheit in den neuen Lehrer, vom verhalten ihrer Schwester ihr gegenüber, von ihrer Gefühlswelt und natürlich von den Ereignissen in der Familie. Man erfährt, wie sie Athmosphäre im Haus erlebt, wie sie sich selbst und ihre Körperlichkeit wahrnimmt und welche Wünsche und Träume sie hat. Ihre Mutter erzählt ebenfalls vom Familienalltag, davon wie schwierig Baruna ist und wie einfacher und verständiger doch die ältere Tochter, durch ihre Augen erfährt der Leser viel über die Dynamik zwischen den Eheleuten und über das Verhältnis der Eltern zu ihren Töchtern.
An dieser Stelle ist wohl eine Triggerwarnung angebracht, denn die Geschichte Barunas ist eine, die geprägt ist durch Unverständnis und Gewalt, Gewalt in physischer, psychischer und leider auch sexueller Form. Gewalt, ausgeübt von beiden Elternteilen, wobei wohl am perfidesten ist, dass sie Mutter hier nicht selbst handgreiflich gegen ihre Tochter wird, sondern den Vater instrumentalisiert und ihn quasi dazu treibt. Der Leser ist eigentlich von der ersten Seite an bei der sensiblen, unverstandenen Baruna und man fragt sich nicht nur einmal, wie Eltern so sein können. Die Autorin gibt durch die Sichtweise der Mutter natürlich hierzu eine Erklärung, man wird Zeuge davon, wie die Mutter die Situation für sich empfindet, wie sie Dinge vor sich rechtfertigt, wie sie Angst, Wut, Überforderung und Eheprobleme auf das Kind projiziert und Baruna so zum Prellbock macht. Das Kind tut einem unendlich leid, ist sie doch den Erwachsenen, die sie eigentlich behüten und lieben sollten ungeschützt ausgeliefert, ihren Eltern.
Verständnis findet Baruna nur ausserhalb der Familie, durch den neuen Lehrer, der sie ermutigt, der sie ernst nimmt, der ihr Talent erkennt und fördert. Mit der Schule bringt die Autorin eine weitere Instanz in die Geschichte, denn natürlich bleibt die Gewalt, der Baruna zu Hause ausgesetzt ist nicht unbemerkt. Und hier kommt dann ein heikler Punkt zur Sprache, die Lehrerinnen sprechen das Kind natürlich auf das häusliche Geschehen an, setzten die Kleine dabei aber sehr unter Druck, verunsichern sie und geben sich recht schnell mit ihrer Aussage zufrieden, dass sie sich all das nur ausgedacht hätte. In gewisser Weise hat man als Leser hier das Gefühl, die Lehrerinnen suggerieren dem Kind die Antwort, die für Alle mit den wenigsten Schwierigkeiten verbunden ist, will doch niemand fälschlicherweise den Vorwurf der Kindesmisshandlung in den Raum stellen.
Die Autorin regt mit diesem Szenario natürlich auch ganz bewusst zum Nachdenken an. Was würde man selbst in einer solchen Situation tun. Natürlich steht das Wohl eines Kindes immer an erster Stelle, aber steht eine Anschuldigung erstmal im Raum, ist es schwierig für alle Beteiligten, sollte sich diese als unbegründet erweisen.
"Die Krähen" ist ein sehr emotionaler Roman, der aber trotzdem mit einer gewissen Distanz erzählt wir. Als Leser ist man, genau wie die Krähe, nur Beobachter, man wünscht sich zwar, dass die Nöte der kleinen Baruna endlich gesehen werden, das sie Hilfe bekommt, man hat von seinem Posten vor dem Fenster aber keine Möglichkeit einzugreifen. Man wird Zeuge des Unaussprechlichen, ohne etwas dagegen tun zu können und muss die Geschichte in ihrer letzten traurigen Konsequenz hinnehmen.
Mich hat das wunderschön gestaltete Buch sehr berührt. Es ist nur schwer zu ertragen, beschreibt aber eine Thematik, die auf jeden Fall Aufmerksamkeit bekommen muss, denn nur so kann sich etwas ändern.
Was für ein Buch. Was für eine Welt. Was für ein Leid.
Selten hat mich eine Geschichte so erschüttert und sprachlos gemacht.
Petra Dvořáková führt ...
„Die Krähen“ von Petra Dvořáková /
Verlag: Anthea
Was für ein Buch. Was für eine Welt. Was für ein Leid.
Selten hat mich eine Geschichte so erschüttert und sprachlos gemacht.
Petra Dvořáková führt uns in eine Familie, die nach außen normal wirkt, zwei kleine Mädchen, bürgerliches Leben, ein scheinbar geordnetes Zuhause.
Doch hinter dieser Fassade lauert Lieblosigkeit und Gewalt.
Und es trifft immer Bára.
Bára ist nicht so brav und ordentlich wie ihre Schwester. Sie denkt anders, bewegt sich freier, malt mit Hingabe und lässt Farben sprechen, wo Worte versagen. In der Schule wird sie gelobt, bekommt gute Noten, doch auch das scheint die Mutter zu erzürnen.
Als der Kunstlehrer ihr Talent bemerkt und versucht, sie zu fördern, weckt das nur noch mehr Misstrauen und Wut zu Hause. Er ahnt, was hinter den Mauern geschieht, will helfen, will beschützen, doch gegen das Schweigen kommt er kaum an.
Der Schmerz, die Gewalt, das Schweigen, all das sickert in jede Seite dieses Buches. In Báras Zeichnungen und Aufsätzen spiegelt sich ihre Erlebnisse. Ein Aufsatz, ein Schrei nach Hilfe und doch folgt kein echtes Handeln.
Alle sehen, alle wissen und trotzdem bleibt Bára allein. Und es wird schlimmer!
Die Mutter lässt ihre Wut an ihr aus, der Vater „züchtigt“, wenn die Mutter es verlangt und wenn niemand hinsieht, überschreitet er andere Grenzen.
Nur die Krähen, stumme Zeugen auf den Ästen gegenüber, sehen alles. Sie verstehen nicht, aber sie sehen. So wie auch wir als LeserInnen sehen und uns fragen müssen, warum so oft nichts geschieht.
Dieses Buch macht das Atmen schwer. Es schmerzt, und gerade deshalb ist es so wichtig. Es zwingt uns hinzusehen, wo wir sonst vielleicht wegsähen, und zeigt, welche Folgen es hat, wenn Wegsehen zur Gewohnheit wird. Wer wegschaut und nicht handelt, trägt einen Teil der Schuld mit.
Petra Dvořáková schreibt mit einer Klarheit, die fast weh tut. Ohne Pathos, ohne Beschönigung, mit einer schonungslosen Genauigkeit, die einem unter die Haut geht.
Ein Bild von Ohnmacht, Schmerz und der Sehnsucht nach Liebe zeigt uns die Autorin mit diesem schmalen Buch und seinem gewaltigen Inhalt.
Die Krähen ist kein leichtes Buch. Aber ein notwendiges. Es bleibt, lange nachdem man die letzte Seite geschlossen hat; wie ein Echo, das mahnt, nicht zu schweigen, nicht fortzusehen, sondern zu handeln. Sofort!
Eine klare Leseempfehlung.
Ich habe dieses Buch mit schwerem Herzen und offenen Augen gelesen.
Sehr betroffen lässt dieser zeitgenössische Roman seine Leser zurück. Das Thema ist häusliche Gewalt gegen Kinder. Leider ist so etwas auch heutzutage kein Einzelfall, und sie hat viele Gesichter.
Das ...
Sehr betroffen lässt dieser zeitgenössische Roman seine Leser zurück. Das Thema ist häusliche Gewalt gegen Kinder. Leider ist so etwas auch heutzutage kein Einzelfall, und sie hat viele Gesichter.
Das muss auch die pubertietende Heldin Barbora leidvoll erfahren. Nach außen hin ist ihr liebloses Elternhaus intakt. Die Eltern sind weder asozial noch Alkoholiker. Sie haben gute Berufe, ein Haus und ein Auto, ganz normaler Durchschnitt also.
Doch hinter der unauffälligen Fassade brodelt es gewaltig. Beide Elternteile üben Gewalt gegen die jüngere Tochter auf ihre Art aus.
Zum Glück gibt es aufmerksame Lehrkräfte, die versuchen, dem bedauernswerten Mädchen zu helfen. Ob das vollständig gelingt, bleibt offen. Hoffen wir das Beste für Barbora und alle anderen geschundenen und gedemütigten Kinder.
Mir gefällt das Buch sehr gut, denn es ist angenehm zu lesen und greift ein ganz wichtiges Thema auf.
[TW: physische, psychische und 6ualisierte Gewalt gegen Kinder]
„Die Krähen“ war mein erstes tschechisches Werk, weshalb ich so gar nicht wusste, was mich sprachlich erwartet. Und ich wurde hier wirklich ...
[TW: physische, psychische und 6ualisierte Gewalt gegen Kinder]
„Die Krähen“ war mein erstes tschechisches Werk, weshalb ich so gar nicht wusste, was mich sprachlich erwartet. Und ich wurde hier wirklich positiv überrascht, wenngleich meine Gefühle zum Romaninhalt so gar nicht positiv waren. Petra Dvořáková schreibt nämlich gleichermaßen einfühlsam und nüchtern über ein Thema, das mich an einer sehr wunden Stelle getroffen hat.
Ich war hin und weg davon, wie leichtfüßig sich dieses Werk lesen lässt, obwohl es emotional so schwer ist. Die Seiten flogen nur so dahin, obwohl ich zwischenzeitlich die Zähne zusammengebissen habe vor schmerzhaftem Mitgefühl. Diese beeindruckende Balance spricht für ein literarisches Talent, das ich nun auf jeden Fall im Blick behalte.
Der Roman springt zwischen den Perspektiven von Mutter und Tochter. Auch die sprachliche Differenzierung gelingt der Autorin hier wirklich makellos. Die kindliche Sicht auf die erfahrene Gewalt, die damit einhergehenden Schuldgefühle und das gleichzeitige Unverständnis tun unglaublich weh, weil sie so authentisch sind. Kinder sind schutzbedürftig und machen keine Fehler, für die Erwachsene sie beschuldigen oder, noch schlimmer, bestrafen dürfen. Das allein ist schon schrecklich genug zu lesen. Bára bemüht sich nach Kräften, ihren Eltern keinen Grund mehr zu geben für deren Wut und scheitert natürlich daran, weil sie keine Schuld trägt. Eine Befreiung aus der Situation erscheint aufgrund von Abhängigkeit und Manipulationsstrategien aussichtslos.
Doch die Ergänzung um die mütterliche Perspektive, teilweise triefend vor Abneigung, macht die Lektüre umso schlimmer. Die Autorin spricht der Mutter zwar auch ihre eigenen Hürden im Leben zu, nimmt sie jedoch nie aus der Verantwortung. So gelingt es auch, dass ich für manche Wut (bspw. dem Kindsvater gegenüber) zwar Verständnis aufbringen konnte, die Mutter aber nie als Opfer ihrer Umstände gesehen habe. Wer hier das Opfer ist, wird schnell klar und die geschilderte Mobbingdynamik innerhalb der Familie tut wirklich, wirklich weh.
Sprachlich ist das Werk eindringlich und gleichzeitig nüchtern-distanziert. Die Autorin hat es geschafft, die Figuren hier wirklich selbst erzählen zu lassen, was trotz der damit einhergehenden Distanziertheit hoch emotional ist. Ich denke, noch mehr Nähe und Details hätte ich auch gar nicht ausgehalten. Die Geschichte bietet eine Projektions- und Identifikationsfläche für die eigenen Erfahrungen und das macht ihre Stärke aus. Die kurzen Abschnitte aus Sicht der Krähen runden die Handlung ab und gehen trotz ihrer Abstraktheit manchmal regelrecht durch Mark und Bein.
Ich bin wirklich beeindruckt und empfehle den Roman ausdrücklich. Er trifft punktgenau das richtige Maß an Nähe zur Handlung, sodass der Schmerz beim Lesen aushaltbar und reflektierbar bleibt. Das Ende ist dagegen fast unbefriedigend offen, aber genau das ist leider oft der Punkt dieser Gewalt.