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Veröffentlicht am 17.05.2026

Beste, lustigste und herzigste RomCom seit Langem!

Annie Knows Everything
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Ich habe nur einen Wunsch: Bitte lasst Rachel Wood niemals wieder aufhören, Bücher zu schreiben! Diese RomCom mit sehr klarem Fokus auf Comedy war absolut perfekt und ein Lichtblick in einer Zeit, in welcher ...

Ich habe nur einen Wunsch: Bitte lasst Rachel Wood niemals wieder aufhören, Bücher zu schreiben! Diese RomCom mit sehr klarem Fokus auf Comedy war absolut perfekt und ein Lichtblick in einer Zeit, in welcher der Romance-Part dieses Genres einen für mein Empfinden immer dominanteren Raum einnimmt.

Annie ist eine wundervoll geschriebene Protagonistin. Sie ist authentisch, unfassbar witzig, aber eben auch schlagfertig und proaktiv. So schafft sie es, ohne jegliche IT-Kenntnisse in die Data-Strategy-Abteilung ihrer Firma versetzt zu werden, nachdem sie dort plötzlich ihren eigentlichen Job verloren hat. Ihr neuer Abteilungsleiter Connor spiegelt auf so unbeschreiblich liebenswerte Weise ihren Humor und macht das Lesen zur einem vollendeten Genuss. Der Banter zwischen den beiden ist so pointiert wie ich es selten gelesen habe und ganz nebenbei ist Connor eben auch eine Green Flag, die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen kann.

Die Lovestory zwischen den beiden spielt wie gesagt gar nicht so die zentrale Rolle. Und alles, was sich um die Entwicklung ihrer Beziehung dreht, ist geprägt von erwachsenem Miteinander und ehrlicher Kommunikation - lieben wir doch! Nebenbei versucht Annie noch ihre Schwester vor deren scheinbar völlig unpassenden Verlobten Dan zu retten und nimmt da auch so einige Fettnäpfchen mit.

Der Roman ist temporeich geschrieben, ich habe jedes Wort eingesaugt und die Seiten nur so dahinrinnen sehen. Annie, aber eben auch Connor und allgemein das ganze DatStrat-Team sind so lieb - ich kann nicht glauben, dass dies Rachel Woods Debüt ist! Sie beweist damit nämlich bereits, dass Wohlfühlromane auch ohne kindische Kommunikationsprobleme spannend und überaus unterhaltsam sein können.

Wer eine witzige Geschichte sucht, deren Romance-Anteil nicht die Hauptrolle spielt und stattdessen viel Platz macht für absolut runde, liebenswerte und glaubwürdige Figuren, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Dann erfahrt ihr außerdem, wofür SQL laut Annie steht. 😅

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Veröffentlicht am 17.05.2026

Ein bereicherndes und schmerzhaft ehrliches Debüt

Das schönste aller Leben
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Betty Boras ist wohl vielen in der Bookstagram-Bubble ein Begriff und umso höher waren auch meine Erwartungen an das Debüt der Autorin. Glücklicherweise konnten die in voller Höhe erfüllt werden.

Zuerst ...

Betty Boras ist wohl vielen in der Bookstagram-Bubble ein Begriff und umso höher waren auch meine Erwartungen an das Debüt der Autorin. Glücklicherweise konnten die in voller Höhe erfüllt werden.

Zuerst einmal bin ich begeistert davon, wie Boras mit ihrer Sprache umzugehen weiß. Ihre Worte sind bewusst gewählt und treffen präzise ins emotionale Zentrum ihrer Leser:innenschaft. Dabei wandert die Autorin sprachlich genau an der Grenze von feiner Poesie und direktem Ausdruck, was ich sehr genossen habe. Sie schweift nicht zu malerisch ab, hat mich aber dennoch zum aufmerksamen Lesen angehalten, woran sich ein anspruchsvolles Werk in meinen Augen erkennen lässt.

Spätestens in der Danksagung wird klar, dass Boras sich hier sehr nah an ihrer eigenen Biografie bewegt und das spiegelte sich deutlich in der Authentizität der Erzählung wider. Auf zugängliche und interessante Weise habe ich so etwas gelernt über die Geschichte des Banat und damit auch des späteren Rumäniens. Nach der Lektüre hatte ich dann direkt Lust, noch mehr dazu zu recherchieren und genau dafür liebe ich Bücher.

Die feministische Komponente der Geschichte ist fein herausgearbeitet. Besonderes lobenswert finde ich jedoch, wie sich durchaus gängige Reflexionen zum gesellschaftlichen Schönheitsideal fließend verbinden mit Migrationsgeschichte, Rassismus und transgenerationaler Weitergabe. Vio ist als zentrale Figur der Gegenwart komplex und war für mich als Leserin enorm gut greifbar. Sie wird auf zwei Zeitebenen erzählt und macht so deutlich, wie ihre Kindheitserfahrungen und damit auch die Handlungen ihrer Eltern sich auf ihre eigene Mutterschaft auswirken, ohne dabei jemals scharf zu werten.

Ergänzt wird der Roman um die Perspektive Theresias, die im 18. Jhd. mit patriarchal-kirchlicher Objektifizierung und Entrechtung zu leben versucht, dabei aber auch weiblichen Zusammenhalt erfahren darf. Für ihre Kapitel habe ich eine Weile gebraucht, weil die Autorin auf jeden Fall mündige Leser:innen anspricht, die sich vom dosierten Einstreuen historischer Begriffe und Sprache nicht überfordern lassen. Dennoch schafft es Boras, stets verständlich zu bleiben und die beiden Frauen am Ende zart miteinander zu verknüpfen.

Meine einzige Kritik zielt darauf ab, dass die Wechsel der Perspektiven teils sehr rasant waren und ich einige Seiten lesen musste, bis ich verstanden habe, dass die Vio- und die Ich-Kapitel die gleiche Person an unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens betreffen. Doch insgesamt betrachtet ist das Werk sprachlich, inhaltlich und emotional so gut zusammengestellt, dass ich wirklich bereichert aus der Lektüre gehe und das Buch von Herzen empfehlen möchte.

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Veröffentlicht am 16.05.2026

Ein lose gestrickter, wichtiger Roman mit Anspruch

Liefern
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Tomer Gardi war mir zuvor kein Begriff und ich weiß auch nicht, ob ich seine zukünftigen Werke weiterverfolgen werde, obwohl „Liefern“ einen durchaus wertvollen Beitrag in der literarischen Welt darstellt. ...

Tomer Gardi war mir zuvor kein Begriff und ich weiß auch nicht, ob ich seine zukünftigen Werke weiterverfolgen werde, obwohl „Liefern“ einen durchaus wertvollen Beitrag in der literarischen Welt darstellt. Sprachlich war er jedoch anspruchsvoll geschrieben und hat mir deshalb einiges an Fokus abverlangt.

Die sechs Episoden hängen inhaltlich nicht wirklich zusammen, nehmen immer neue Menschen und Städte in den Blick. Lose verbunden werden sie durch etwas, das viel zu selbstverständlich zum modernen Stadtbild zu gehören scheint: die sogenannten Rider der diversen Lieferdienste. Was scheinbar ebenso selbstverständlich zu deren Arbeitsrealität gehört, thematisiert Gardi fast wie nebenbei in seinen essayhaften Texten.

Ich mochte diesen nebensächlichen Anschein, der fast spielerisch die Realität hervorhebt. Hier mal schnell noch ein Essen bestellt, weil der Tag wieder zu wenige Stunden hatte, dort den Einkauf wegen des schlechten Wetters nach Hause bringen lassen - über die Personen, die diese Wege übernehmen, machen wir uns wohl nur in den seltensten Fällen wirklich Gedanken.

Genau dazu verleitet uns der Autor allerdings hier deutlich, ohne dabei allzu wertend zu sein. Manchen mag das zu schonend vorkommen, für mich war es ausreichend. Denn aus seinen Worten spricht sehr wohl eine kritische Komponente, die in mir stark resoniert hat. Über die kapitalistische Ausbeutung der Rider hat mensch vielleicht schon mal etwas gehört, Gardi gibt ihnen darüber hinaus aber auch ein interessantes Profil. Die Leben und Erfahrungen der Rider im Buch stehen für sich und sind so divers wie die Personen selbst. Ihr Beruf ist ein Teil dieser Leben, der gleichermaßen wichtig wie nebensächlich erscheint.

So sehr ich die politische Dimension dieses Werks mochte, so herausfordernd fand ich den Sprachstil. Tomer Gardi erzählt alles andere als stringent, er springt nicht nur zwischen den einzelnen Episoden, sondern teilweise auch mittendrin von Figur zu Figur. Das erfordert ein aufmerksames Lesen und ich musste mich immer wieder zur Ordnung rufen, weil mein Gehirn versucht hat, den verbindenden roten Faden zwischen den Charakteren zu finden. Dass es ihn nicht so wirklich gibt und sie ein Teil ihrer Realität dennoch verbindet, fand ich ebenso faszinierend wie anstrengend. Am Ende verbindet der Autor vereinzelt Geschichten miteinander, was auf mich aber manchmal etwas erzwungen wirkte und weitere wichtige Themen wie White Saviorism und Rassismus ein wenig in den Hintergrund drängte.

In den einzelnen Abschnitten konnte ich mich oft auch irgendwann einfinden in die Erzählung und für den hohen Anspruch liest sich der Text erstaunlich gut. Ich hätte mir allerdings trotzdem etwas mehr Zugänglichkeit und Präzision gewünscht. Schade fand ich zudem, dass die Fülle der Figuren den Aufbau einer emotionalen Beziehung zu ihnen verhinderte. Seine politische Schlagkraft entfaltet der Roman im Subtilen, was nicht verkehrt ist, mich aber dennoch überwiegend mit ein paar Fragezeichen zurücklässt.

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Veröffentlicht am 12.05.2026

Starker, bissiger und gesellschaftskritischer Start - dann kitschige Selbstfindungsreise

Mit anderen Augen
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Ich bin herb enttäuscht, anders kann ich es nicht sagen. Die Literatur aus dem Diogenes-Verlag ist mir bisher sehr positiv im Gedächtnis geblieben und „Mit anderen Augen“ hat SO unglaublich stark begonnen, ...

Ich bin herb enttäuscht, anders kann ich es nicht sagen. Die Literatur aus dem Diogenes-Verlag ist mir bisher sehr positiv im Gedächtnis geblieben und „Mit anderen Augen“ hat SO unglaublich stark begonnen, dass ich mir sicher war, ein weiteres Highlight in den Händen zu halten. Doch spätestens ab der Mitte wechselte der Roman seinen Ton so gravierend, dass ich nur noch kopfschüttelnd davor saß.

Die Autorin ist vor allem im ersten Drittel sehr reflektiert, bindet bspw. neurodivergente, queere und behinderte Menschen ganz organisch und sensibel in die Geschichte ein. Gleichzeitig gibt sie ihrer Protagonistin einen bissigen, ironischen Ton, den ich mindestens genauso sehr mochte wie die ganz starken Freundinnenschaften. Die Erzählung steckte anfangs voller weiblicher Solidarität und Wut.

Doch dann passierte etwas, das ich Jane Tara nur schwer verzeihen kann. Der Ton wechselte so radikal, dass ich manchmal dachte, die Autorin wurde auf halber Strecke ausgetauscht. Tilda verliert jegliche strukturelle Komponente aus dem Blick (etwa die zuvor angesprochene Gender Health Gap) und begibt sich stattdessen auf eine spirituell gefärbte Selbstfindungsreise. Dass sie überdurchschnittlich privilegiert ist und dadurch Zugang zu Ressourcen hat, die viele andere Frauen nicht haben, wird gekonnt ignoriert. Stattdessen liebt sie sich einfach selbst und schafft es, mit einer intensiven Meditation ihr bislang unerkanntes Kindheitstrauma zu bearbeiten.

Diese gar nicht mal so unterschwelligen Botschaften halte ich für absolut gefährlich. Beim Lesen wurde ich mit Aussagen konfrontiert, die mir vermitteln, ich solle die Heldin meiner Geschichte sein und nicht das Opfer und außerdem sei ich für meine Traumata ja schon irgendwie selbst verantwortlich. Es ist sicherlich bis hierhin bereits spürbar - so etwas macht mich sehr wütend!

Natürlich ist es wichtig, den eigenen Selbstwert von anderen unabhängig zu definieren. Aber das hat eben Grenzen und dieses toxisch Positive à la „Jeder einzelne Tag ist grandios“ ist lebensfernes Wunschdenken. Auch die anderen Frauen der Geschichte sind eigentlich nur Beiwerk, um die Entwicklung Tildas hin zur tatsächlichen Heldin des Buches zu unterstützen - mit dem absolut perfekten Mann natürlich als Sahnehäubchen.

Der Roman begann so stark und für mich hätte Tilda weiter die ironische, umperfekte Protagonistin bleiben sollen, die sich an ihre Freundinnenschaften hält. Die extreme Introspektion und der Wandel hin zum Spirituellen gefallen mir nicht und ich finde sie auch nicht fair allen Betroffenen sowie weniger Privilegierten gegenüber. Das wäre anders gegangen, aber so enden wir mit einer völlig weichgespülten, unmotivierten Geschichte, die mich absolut verloren hat. Ich bewerte für den starken Anfang und das durchgängig gute Erzähltempo des Romans wohlwollend, inhaltlich hätte ich noch strenger sein können.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Atmosphärische und spannend geplottete Story mit ein paar Kritikpunkten

Die Dinner Party
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Mich reizen Geschichten, die sich von einem bestimmten Ereignis aus entwickeln und die Story von hinten aufrollen. „Die Dinner Party“ versprach mir genau das zu sein und ich habe den Roman auch gern gelesen, ...

Mich reizen Geschichten, die sich von einem bestimmten Ereignis aus entwickeln und die Story von hinten aufrollen. „Die Dinner Party“ versprach mir genau das zu sein und ich habe den Roman auch gern gelesen, obwohl er etwas hinter meinen Erwartungen zurück blieb.

Ich mochte das Pacing des Romans sehr gern. Er deutet an und tritt dann wieder einen Schritt zurück, wagt immer wieder den Blick in die Zukunft wie auch die Vergangenheit. Außerdem war die Betroffenenperspektive wirklich toll herausgearbeitet. Die Therapiegespräche, die inneren Gedanken der Protagonistin und auch Impulse von außen haben mir eine sehr authentische Darstellung der Situation gegeben. Betroffene reagieren eben sehr verschieden - das macht sie jedoch nicht weniger betroffen.

Eines kann ich auf jeden Fall auch sagen: Plotten kann Viola van de Sandt! Anfangs hatte ich noch die Befürchtung, dass mir das Andeuten zu repetitiv ist, aber dann habe ich verstanden, dass es hier um ehrliche Erinnerungslücken der Protagonistin geht. Und den Twist rund um Harry habe ich keinen Millimeter kommen sehen!

Was mir das Lesen aber echt erschwert hat, sind die wahnhaften Abschnitte. Franca verliert sich immer wieder in Gewaltfantasien - u. a. auch dem Kater gegenüber, was ich einfach generell nicht lesen möchte. Ich meine zu verstehen, warum sie diese Fantasien hat, aber mich erinnerte das schon etwas an Body Horror und das ist einfach nicht meins. Realität und Fantasie fließen auch wirklich nahtlos ineinander, was schriftstellerisch klug gemacht ist, meiner Vorliebe für klare Strukturen aber nicht ganz entspricht.

Insgesamt ist es ein extrem atmosphärisches Buch, das die bedrückende Stimmung und die intensive Zuspitzung sehr gut abzubilden vermag. Die Autorin schreibt überwiegend leicht lesbar und balanciert geschickt zwischen dem Detaillierten und dem Unkonkreten. Die etwas wahnhaften Fantasiepassagen waren mir allerdings zu sehr übers Ziel hinaus. Dennoch empfehle ich die wirklich besondere und authentische Betroffenenperspektive des Buches unter klarer Berücksichtigung der Triggerwarnungen.

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