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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.03.2026

Interessante Ausgangslage, aber zu nüchtern-distanziert weitergedacht

Toyboy
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Das Debüt von Jonas Theresia hat mich stark an ähnliche Bücher junger, männlicher, politisch links anmutender Männer erinnert (zuletzt bspw. an „Super einsam“). Und sie eint leider alle etwas, das ich ...

Das Debüt von Jonas Theresia hat mich stark an ähnliche Bücher junger, männlicher, politisch links anmutender Männer erinnert (zuletzt bspw. an „Super einsam“). Und sie eint leider alle etwas, das ich in Büchern einfach nicht so gern mag - eine nüchterne Erzählweise mit emotionaler Distanz und skurril-trippigen Elementen.

Das ist mir auch bei diesem Werk wieder zum Verhängnis geworden, sodass ich ziemlich lange und mit großen Pausen an ihm gelesen habe. Ich konnte einfach keine Verbindung zum Protagonisten herstellen. In manchen Szenen blitzte seine Emotionalität auf, aber viel zu schnell härtete der Charakter sich wieder ab.

Dabei gab es auf dem Klappentext durchaus Elemente, die mich sehr interessiert haben. Die 6arbeitskomponente bei Männern spricht mich an und die wackelnde Beziehung zum jüngeren, sozial abgeschotteten Bruder hätte viel Potenzial gehabt, mich emotional zu ergreifen. Aber beides wurde für mich nicht zufriedenstellend umgesetzt. Der Job wirkte ziemlich fad und irgendwie irrelevant, die Beziehung ging mir nur selten unter die Haut. Levins Unsicherheit im Umgang mit seinem Bruder Gregor hat mich manchmal wirklich berührt, aber insgesamt einfach zu selten.

Und ich muss ehrlich sagen, dass diese Art Erzählung beginnt mich etwas zu langweilen. Warum bleibt es so oberflächlich, warum wird mehr Wert auf eine ziemlich trippige, weirde Szene am Ende gelegt als auf den emotionalen Ausbau des Protagonisten? Mich hat die Geschichte somit leider mehr deprimiert als berührt oder unterhalten.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Ein inhaltlicher Donnerschlag - aber sprachlich wirklich (!) anspruchsvoll

Die Routinen
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Ich war so begeistert von den ersten Besprechungen und dem Inhalt des Romans, dass ich ihn unbedingt lesen wollte. Und er ist für mich unheimlich schwer zu greifen, weil da zwei sehr widersprüchliche Bewertungen ...

Ich war so begeistert von den ersten Besprechungen und dem Inhalt des Romans, dass ich ihn unbedingt lesen wollte. Und er ist für mich unheimlich schwer zu greifen, weil da zwei sehr widersprüchliche Bewertungen in mir sind.

Das Werk ist sprachlich unglaublich anspruchsvoll! Poetisch-verschnörkelt und zugleich roh reiht Son Lewandowski ihre Worte aneinander. Sie springt so rasant zwischen Realem und Fiktivem, zwischen konkreter Handlung und Gedankenschnipseln, dass der Text oft unmöglich zu greifen ist. Mit Sprachstilen, die schon kompliziert sind, habe ich es wirklich überhaupt nicht. Ich brauche eine direkte Sprache ebenso wie eine klare Struktur.

Doch während ich bei anderen Büchern an dieser Stelle schon längst abgebrochen hätte, hat mich Lewandowski irgendwie doch halten können und ich verstehe es zwar nicht, rechne es ihr aber hoch an. Was ich ebenso bemerkenswert finde, ist die Nähe zum Thema, die die Autorin hier schafft. Würde ich es nicht besser wissen, würde ich sicher davon ausgehen, dass sie selbst Kunstturnerin war. Sie schreibt so dermaßen detailliert über diese Welt, dass ich nur meinen Hut ziehen kann vor ihrer Rechercheleistung.

Einerseits erzählt Lewandowski die fiktive Geschichte der Turnerin Amik, webt in diese aber gleichzeitig reale Ereignisse mit ein. Ob Nadia Comăneci, Olga Korbut, Dominique Moceanu, Kerri Strug oder Simone Biles - über Zitate und Berichte werden ihre Erlebnisse eingebunden in eine fundierte Systemkritik. Diese formuliert die Autorin jedoch selten für uns aus, bleibt vage und wird doch deutlich genug.

Es geht um ein System, dass Leistung über absolut alles stellt, Essstörungen sowie Missbrauch auf verschiedenen Ebenen Tür und Tor öffnet, alles Weibliche gleichermaßen voyeuristisch zur Schau stellt wie verachtet. Einige Sätze der Autorin waren schlicht ein Donnerschlag, so poetisch sie manchmal auch daherkamen. Ich hatte oft das Gefühl, der Handlung nicht wirklich folgen zu können, und trotzdem immer wieder Tränen in den Augen oder brennende Wut in der Brust.

Am Ende bleibe ich so unschlüssig wie nur irgend möglich zurück. Ich wünsche mir so sehr, dass gesellschaftlich über Leistungssport und sein zerstörerisches System gesprochen wird. Dass Mädchen und junge Frauen sich nicht in missbräuchlichen Strukturen wiederfinden. Und dass dieses Buch die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Aber ich finde es sprachlich auch wirklich so schwer, dass es Hürden hinstellt, wo es keine geben sollte - dafür ist das Thema viel zu wichtig. Ich bewerte dennoch wohlwollend, weil Lewandowski hier ein herausstechendes Stück Literatur geschrieben hat.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Ein greifbares, gut lesbares und wichtiges Memoir

Trotzdem zuhause
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Tupoka Ogette ist zweifelsfrei eine Person, die in Sachen Rassismuskritik eine nicht wegzudenkende Rolle im deutschen Diskurs einnimmt. Ich durfte so viel von ihr lernen und habe schon vorher ihren sehr ...

Tupoka Ogette ist zweifelsfrei eine Person, die in Sachen Rassismuskritik eine nicht wegzudenkende Rolle im deutschen Diskurs einnimmt. Ich durfte so viel von ihr lernen und habe schon vorher ihren sehr verständlichen, menschlichen Ton geschätzt. Der prägt nun auch ihr Memoir und macht es zu einem weiteren Stück Pflichtlektüre.

Es ist kaum begreiflich, was in Ogettes Leben alles so zusammengekommen ist. Sie schildert eine Lebensrealität geprägt von einem „Nicht ganz hier, aber auch nicht ganz da“. Die Feindlichkeit gegenüber ihr als in Ostdeutschland geborenes, mixed-race Kind einer queeren und systemkritischen Mutter ist unermesslich. Die Autorin findet prägnante und emotional greifbare Worte für den Hass, aber auch die Liebe, die sie in ihrem Leben erfahren hat.

Für ihre Leser*innen dürfte es unmöglich sein, keine Emotionen zu empfinden. Mein Herz tat weh bei all den gewaltvollen Erfahrungen und der ein oder anderen von Schuldgefühlen geprägten Anekdote. Dann wieder war es einfach so toll zu lesen, wie liebevoll ihr direktes familiäres und später auch freundschaftliches Umfeld war.

Die Kapitel sind kurz, weswegen sich das Buch noch flüssiger lesen lässt als dank der klaren Sprache sowieso schon. Alle haben ihren Raum und die allermeisten haben mich tief bewegt. Was mir besonders in Erinnerung bleibt, ist die Art, wie Ogette die von ihr erlebte (physische, psychische und 6ualisierte) Gewalt beschreibt. Sie macht subtil und doch mehr als eindrücklich klar, dass gerade letztere nicht selten von eigentlich freundlichen Männern im Nahumfeld ausgeübt wird. Was ihr widerfahren ist und dass es für die Täter keinerlei Konsequenzen zu geben scheint, ist nur zum Schreien und ich kann nur aufrichtig bewundern, dass sie das alles so offen thematisiert.

Das Memoir sollte einfach von allen Menschen gelesen werden, denn obwohl es natürlich um das Leben dieser wichtigen Person geht, bekommen wir so deutlich wie nur möglich Einblicke in das, was bspw. Rassismus in Menschen auslöst. Ich bin beeindruckt von dieser Autorin und habe dank des Lesens ein sehr klares Gefühl dafür bekommen dürfen, warum sie zu dem Menschen wurde, der sie ist.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Ganz wichtiges Fundament, aber in der Ausführung schwer zu folgen

M.O.M.: Mother of Madness
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Ich finde Emilia Clarke ganz zauberhaft (ohne je „Game of Thrones“ geschaut zu haben) und war darüber hinaus auch neugierig auf diesen feministischen Comic - sooo viele gibt es da ja schließlich nicht ...

Ich finde Emilia Clarke ganz zauberhaft (ohne je „Game of Thrones“ geschaut zu haben) und war darüber hinaus auch neugierig auf diesen feministischen Comic - sooo viele gibt es da ja schließlich nicht auf dem Markt.

Die Superheldin ist wirklich witzig und innovativ erdacht. Dass ihre von der Gesellschaft als Schwächen ausgelegten Emotionen zu Superkräften werden, ist klug gemacht. Ich muss allerdings sagen, dass mir der Aufbau nicht logisch genug war. Die Superkräfte erschienen schon einige Male, ohne dass ich verstehen konnte, was ich da sehe. Auch die Handlung rund um die Antagonistin mit ihren kriminellen Machenschaften fand ich zu durcheinander - und ehrlicherweise etwas platt.

Mir war bis zum Ende nicht wirklich klar, was genau passiert ist und wie die Hintergründe sind. Das ist schade, stecken doch so viele wichtige gesellschaftskritische Ansätze in diesem Werk. So kommt weißer sowie Girlboss-Feminismus berechtigterweise ganz schlecht weg und nebenbei werden verschiedene Körpertypen, Ethnien sowie Geschlechter als ein völlig normaler Teil einer pluralen Gesellschaft abgebildet.

Doch auch, wenn ich mich darüber gefreut habe, erscheint mir der Inhalt dieses wunderschönen und passend wild-bunt gestalteten Comics nicht rund. Den Sprechblasen konnte ich wiederholt nicht richtig folgen, Zeit- sowie Ortssprünge haben das weiter erschwert.

Sicherlich ist dies kein Werk für Anfänger*innen in Bezug auf Inhalt und Form, ich möchte trotzdem seinen Platz in der Bücherwelt würdigen und bewerte wohlwollend für die Idee.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Eine Geschichte mit interessanten Figuren, die Ausdauer erfordert

Trag das Feuer weiter
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Ich kenne die beiden Vorgänger der Trilogie nicht und würde mich der allgemeinen Einschätzung anschließen, dass das auch nicht notwendig ist, gerade den Nebenfiguren aber durchaus ein tieferes Profil gegeben ...

Ich kenne die beiden Vorgänger der Trilogie nicht und würde mich der allgemeinen Einschätzung anschließen, dass das auch nicht notwendig ist, gerade den Nebenfiguren aber durchaus ein tieferes Profil gegeben hätte.

Ich hatte über eine ziemlich lange Strecke hinweg ganz schön zu kämpfen mit der Struktur des Buches. Die Erzählperspektiven der Kapitel wechseln, auch hin zu Mehdi, obwohl ich eine Geschichte über Mia erwartet hatte. Auch wenn es natürlich ebenso um seine Vergangenheit geht, die Mias Kindheit und Aufwachsen nun einmal geprägt hat, hätte das vielleicht auch auf eine andere Art erzählt werden können. Immer wieder irritierend war zudem, dass aus den Kapitelüberschriften nicht hervorgeht, wer gerade spricht. Bei so komplexen Büchern kenne ich das anders und ich finde es auch ziemlich hilfreich, um beim Lesen nicht immer wieder zu stolpern.

Der Roman erfordert nicht nur deshalb ein recht aufmerksames Lesen. Auch die Zeiten wechseln durchaus häufig und sorgen zusätzlich zu den vielen erzählenden Figuren dafür, dass sich die Geschichte recht fragmentarisch anfühlt. Erst in der zweiten Hälfte konnte sich für mich so etwas wie ein Lesesog einstellen. Denn erst dann hatten manche Figuren für mich ein greifbares Profil. Besonders die Nebenfiguren verblassen dagegen zunehmend und gerade Aïcha sowie Selma hätte ich wirklich gern ebenso bis zum Ende begleitet.

Das ist deshalb schade, weil Slimani durchaus ein Händchen dafür hat, interessante und ambivalente Figuren zu erschaffen. Mia und Inès sind starke Frauenfiguren, die mich in ihrer jeweiligen Rebellion begeistert haben. Gleichzeitig wurde ich von ihnen auf unterschiedlichen Ebenen berührt. Mia macht eine furchtbare schulische Erfahrung in Bezug auf ihre Homosexualität und erfährt die konkrete Solidarität ihrer ehemals verhassten Schwester, die wiederum ein sexuell sehr aktives Leben führt - mit durchaus fragwürdigen Verbindungen. Aber ich mochte die Zeichnung der beiden, die nicht klassisch gut, sondern eben authentisch ambivalent ist.

Was mich schon enttäuscht hat, war der Fakt, dass Mias auf dem Klappentext sowie den ersten Seiten angesprochener Brain Fog und eine damit eventuell in Verbindung stehende Erkrankung überhaupt nicht relevant ist. Ich habe mir wirklich erhofft, Mia auch in der Gegenwart begleiten zu dürfen, aber dem war nicht so. Deshalb kann ich die Vermarktung des Buches nicht so richtig nachvollziehen und bin entsprechend ernüchtert.

Ein Werk, welches das große Schreibtalent der Autorin zeigt und mir am Ende auch Lesefreude bereitet hat, das aber bis dahin wirklich viel Ausdauer sowie aufmerksames Lesen erfordert und welches mich trotz der Lichtblicke nicht so richtig nachhaltig beeindruckt hat. Da ich logisch aufgebaute bzw. klar strukturierte Familienerzählungen bevorzuge, habe ich mich hier schwerer getan als erhofft.

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