✎ Judith Reusch - Gretas Männer
Als ich zu „Gretas Männer“ von Judith Reusch griff, hatte ich keine allzu hohen Erwartungen. Familienromane lese ich zwar immer wieder gern, doch nicht jede dieser Geschichten berührt mich wirklich. Dieser ...
Als ich zu „Gretas Männer“ von Judith Reusch griff, hatte ich keine allzu hohen Erwartungen. Familienromane lese ich zwar immer wieder gern, doch nicht jede dieser Geschichten berührt mich wirklich. Dieser Roman wirkte zunächst wie eine weitere Erzählung über generationsübergreifende Konflikte. Dass er mich am Ende so aufwühlen würde, hätte ich nicht gedacht.
Judith Reusch schreibt klar, unaufgeregt und mit einer Wärme, die sich leise, aber nachhaltig entfaltet. Als Hörbuch hat mich der Roman besonders überzeugt. Fanny Bechert und Irina Scholz verleihen den Figuren glaubwürdige Stimmen und transportieren genau die feinen Zwischentöne, von denen diese Geschichte lebt.
Im Mittelpunkt steht Greta, eine Frau, die in ihrem langen Leben unfassbar viel verloren hat und dennoch nie verbittert ist. Vieles von dem, was sie erlebt, hätte andere vermutlich zerbrechen lassen. Greta aber richtet den Blick immer wieder nach vorn. Sie bleibt offen für das Leben, für neue Wege und für die Menschen um sie herum. Diese innere Stärke macht sie zu einer Figur, die mir lange im Gedächtnis bleiben wird.
Besonders bewegt hat mich, wie großzügig Greta liebt. Sie denkt nicht nur an sich selbst, sondern trägt ein Herz in sich, das Platz für andere schafft. Umso schmerzlicher empfand ich den Kontaktabbruch ihrer Tochter Marie. Dieser Bruch zieht sich wie ein stiller Schatten durch den gesamten Roman und zeigt, wie tief Unausgesprochenes und alte Verletzungen in einer Familie wirken können.
Das Ende hat mich sehr traurig zurückgelassen, weil ein zentrales Thema des Buches auch mein eigenes Leben berührt. Manche Erfahrungen lassen sich nicht abschütteln. Sie bleiben, ob man will oder nicht, und man lernt nur, mit ihnen zu leben. Vielleicht hat mich das Buch gerade deshalb so tief getroffen. Es hat alte Wunden gestreift und zugleich die Hoffnung geweckt, dass sich bestimmte Muster nicht zwangsläufig über Generationen hinweg fortsetzen müssen.
Natürlich lebt die Geschichte von Geheimnissen, Missverständnissen und jahrzehntelangem Schweigen. Diese Motive kennt man aus vielen Familiengeschichten. Judith Reusch gelingt es jedoch, daraus eine berührende und vielschichtige Erzählung zu machen. Durch Greta, ihre Enkelin Lola und die wechselnden Perspektiven entsteht ein eindringliches Bild davon, wie eng Erinnerung, Schuld und Liebe miteinander verknüpft sind.
Besonders positiv ist mir aufgefallen, dass die männlichen Figuren mit großer Fairness gezeichnet werden. Obwohl Greta schwere Verluste erlebt, werden ihre Ehemänner nicht zu Karikaturen gemacht. Sie bleiben glaubwürdige, liebevolle Menschen mit Ecken und Kanten.
Zugleich zeigt Judith Reusch Mutterschaft in ganz unterschiedlichen Facetten. Sie erzählt von Fürsorge, Überforderung, Erwartungen und den Verletzungen, die sich tief zwischen Mütter und Töchter schieben können. Gerade diese Vielschichtigkeit verleiht dem Roman zusätzliche emotionale Tiefe.
Für mich ist „Gretas Männer“ ein berührender Familienroman über eine außergewöhnliche Frau, die trotz aller Verluste nie aufgehört hat zu lieben. Eine Geschichte, die traurig macht, lange nachhallt und daran erinnert, wie wichtig es ist, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen, bevor das Schweigen zu groß wird.
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