Der erste Schein kann trügen
Bauleiter Owen Elliot wartet schon seit über einer Stunde bei der abgelegenen Ruine von Schloss Gair. Seine potenzielle künftige Auftraggeberin scheint nicht viel von Pünktlichkeit zu halten. Als Saskia ...
Bauleiter Owen Elliot wartet schon seit über einer Stunde bei der abgelegenen Ruine von Schloss Gair. Seine potenzielle künftige Auftraggeberin scheint nicht viel von Pünktlichkeit zu halten. Als Saskia Tilbury-Martin endlich auftaucht, bestätigt sie Owens Vorurteile. Fettes BMW-Cabrio, teures Business-Kostüm und High Heels. Sie hat die Ruine samt großem Grundstück gekauft und plant jetzt Gair zu sichern und schonend zu renovieren. Keiner der Handwerker, die sie bisher gefragt hat, wollte sich auf das ambitionierte Vorhaben einlassen. Owen findet Saskias Plan reizvoll und er benötigt dringend einen Auftrag. Als sie ihm ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann - zehntausend Pfund Vorschuss - übernimmt er den Job trotz Vorbehalte gegenüber seiner neuen Chefin.
Die Autorin und Journalistin Sharon Gosling hat mit „Der vergessene Wald“ einen atmosphärischen Roman über eine vom Leben gezeichnete junge Frau geschrieben, die einen Neustart wagt. Meine Erwartungen hat das Buch erfüllt und mich gut unterhalten.
Zunächst wirkt Saskia wie eine taffe, selbstbewusste Frau, die genau weiß, was sie will. Erst nach und nach wird klar, warum und vor wem sie von London nach Cumbria geflüchtet ist. Nach Gair ihrem Sehnsuchtsort, wo sie zusammen mit ihrem geliebten Vater wunderbare Tage verbracht hat. Obwohl eine Baugenehmigung vorliegt und die Planungsbehörde alle notwendigen Unterlagen hat, regt sich Widerstand gegen Saskias Vorhaben. Die örtliche historische Gesellschaft vermutet römische Ruinen unter dem Fundament von Gair und lässt sich von dieser fixen Idee nicht abbringen. Die ständigen Anfeindungen schweißen Saskia und ihren Bauleiter zwangsläufig enger zusammen. Owen erkennt mit der Zeit, dass sein erster Eindruck von der Chefin falsch war. Doch die Schwierigkeiten häufen sich und Saskias Traum droht zu scheitern.
Mir gefallen Goslings Charaktere. Die so selbstbewusste Saskia ist in Wahrheit unsicher und musste sich immer gegen ihre manipulative Mutter behaupten. Der frühe Tod ihres Vaters hat sie zu falschen Entscheidungen veranlasst mit entsprechenden Folgen. Doch seit Jahren hat Saskia ihr Leben im Griff und bekommt jetzt das Erbe ihrer Großeltern ausbezahlt. Sie glaubt, mit der Restaurierung von Gair ihre Aufgabe im Leben gefunden zu haben und den Traum ihres Vaters zu realisieren. Owen fällt es schwer, sich einzugestehen, dass seine in jungen Jahren geschlossene Ehe gescheitert ist. Unbedingt wollte er seiner kleinen Tochter Hannah ersparen, was die eigene Kindheit geprägt hat. Doch er muss die Realität erkennen und akzeptieren. Sein cooler Freund Stuart und Vivian, Saskias Begleiterin seit Kindertagen, sind weitere wichtige und sympathische Protagonisten. Das trifft auf Saskias Mutter Elsa nur teilweise zu. Wichtig für die Geschichte ist sie. Denn sie versteht es meisterhaft, die eigene Tochter kleinzumachen und ihr Schuldgefühle und Zweifel einzuimpfen.
Die Erzählung wird wechselweise aus Owens und Saskias Perspektive erzählt, was der Geschichte gut bekommt. Beide finden in dieser Erzählung zu sich selbst. Sie lernen aus Fehlern und erkennen ihren Weg. Die zarte Romanze ist das Sahnehäubchen der Geschichte, aber nicht mehr. Inzwischen erzählt die Autorin, welch zerstörerische Folgen Vorurteile, unreflektierte Vorbehalte gegenüber Fremden und die strikte Ablehnung neuer Ideen haben können. Doch sie berichtet auch über die Stärke der Empathie, die heilsame Kraft der Natur und die Vorzüge eines friedlichen Miteinander.
Stets präsent ist ein weiterer wichtiger Protagonist, der eigentlich die Hauptrolle spielt. Gair, ein verzauberter Ort mit magischer Atmosphäre und märchenhafter Ausstrahlung. Mit seiner schiefen, alten Eiche im Zentrum, die allen Widrigkeiten getrotzt hat und immer noch da ist.
Ich kann diesen Wohlfühlroman trotz kleiner Längen zwischendurch als Sommerlektüre empfehlen.