Cover-Bild Lügen, die wir uns erzählen
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15,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Kampa Verlag
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 384
  • Ersterscheinung: 17.07.2025
  • ISBN: 9783311151104
Anne Freytag

Lügen, die wir uns erzählen

Helene hätte ihren Mann verlassen sollen. Für Alex. Aber sie hat es nicht getan. Und jetzt hat ihr Mann sie verlassen – weil er sich in eine andere verliebt hat. »Es ist einfach passiert.« Mit diesem Satz zerreißt Georg das Gefüge, das Helene immer versucht hat zusammenzuhalten. Aber vielleicht ist das Ende gar kein Ende? Vielleicht ist es ein Anfang. Etwas, das Helene gebraucht hat, um sich aus dem gesellschaftlichen Korsett zu befreien, aus ihren ewigen Versuchen, den Bildern einer Frau zu entsprechen: als Ehe- und Karrierefrau, als Mutter und Tochter …

Was bedeutet es eigentlich, eine Frau zu sein? Diese Frage begleitet Helene, während sie beginnt, ihren eigenen Weg zu gehen.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.07.2026

Vom ewigen Anpassen hinter dem schönen Schein

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Anne Freytags Buch "Lügen, die wir uns erzählen" ist so eindrücklich geschrieben, total greifbar, aber eben auch unheimlich schwer im Herzen. Die Autorin nutzt hier oft eine so bildhafte Sprache, dass ...

Anne Freytags Buch "Lügen, die wir uns erzählen" ist so eindrücklich geschrieben, total greifbar, aber eben auch unheimlich schwer im Herzen. Die Autorin nutzt hier oft eine so bildhafte Sprache, dass man gar nicht anders kann, als mitzufühlen. Die Melancholie der Protagonistin Helene und ihr Entwicklungsweg sind berührend, wenn auch hin uns wieder etwas wiederholend.

Zitat: „Ich übersetzte, vermittelte, rieb mich auf – und geriet dann ins Kreuzfeuer. Einer der beiden schickte mich vor, der andere knallte mich ab.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 32)

Die Autorin:

Anne Freytag widmet sich nach einem holprigen Start mit BWL-Studium mitten in der Wirtschaftskrise, über 100 Absagen und Umwegen über Boutique-Jobs und Grafikdesign seit 2013 ganz dem Schreiben. Dass dieser Schritt genau richtig war, beweisen zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen für ihre Werke, darunter gleich zweifach für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Heute lebt und arbeitet die Autorin in München, wo auch ihre Romane "Lügen, die wir uns erzählen" und "Blaues Wunder" entstanden sind.

Der Inhalt:

Eigentlich wollte Helene ihren Mann schon vor Jahren für ihre große Liebe Alex verlassen, doch am Ende ist es Georg, der sie für eine andere sitzenlässt und ihr Leben mit einem simplen „Es ist einfach passiert“ zum Einsturz bringt. Was sich wie das absolute Ende anfühlt, kann für Helene jedoch ein dringend benötigter Befreiungsschlag sein. Der Ausbruch aus dem engen gesellschaftlichen Korsett, in dem sie als Tochter, Mutter, Ehe- und Karrierefrau immer nur versucht hat, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Nun hat sie die Möglichkeit die alten Rollenbilder hinter sich zu lassen, zu ergründen, was sie selbst genau will und sich ein eigenes Ich und ein eigenes Heim aufzubauen.

Gedanken zum Roman:

Schon das Cover fängt die Stimmung perfekt ein: Man sieht eine nackte Frau in den Laken liegen. Ein Arm hängt schlapp nach unten, der andere liegt über den Augen. Da kommen sofort diese pure Erschöpfung, die Trauer sowie Melancholie rüber. Und trotzdem sind die Farben drumherum kräftig und lebendig – ein krasser Kontrast, der neugierig macht.

Zitat: „Innerlich schrie ich mir die Seele aus dem Leib. Ich schrie mich heiser, weinte, aber man sah es mir nicht an. Mein Gesicht, war wie immer, die Wimpern getuscht, die Lippen rot, das Haar glänzend.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 86)

Im Mittelpunkt steht Helene. Eine Frau, die eigentlich ihr ganzes Leben lang nur nach Liebe, Zuneigung und Wertschätzung gesucht hat. Und was hat sie dafür getan? Sich angepasst. Immerzu. Erst als Tochter an ihre Mutter. Später dann in die Rolle der Ehefrau komplett an ihren Mann Georg. Und daraufhin schlüpfte sie in die Rolle der Mutter und Karrierefrau. Überall beeinflusst durch die Menschen, die sie umgeben und nicht mit dem Blick ins eigene Innere.

Zitat: „Wenn Alex und mich eines verband, waren es Abschiede. Abschiede und Liebe. Das waren wir.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 305)

Ihre emotionalen Ausflüge aus diesem völlig festgefahrenen Leben sind ihre Erinnerungen an Alex. Er war ihre erste große Liebe. Aber sie hatte damals einfach nicht den Mut, mit ihm etwas Gemeinsames aufzubauen. Aus Angst hat sie dieser Liebe nie richtig nachgegeben. Jetzt schwelt da diese Sehnsucht nach ihm – wobei sie Alex über all die Jahre wahrscheinlich auch extrem idealisiert hat. Auch Alex hängt in der Vergangenheit fest. Und das Tragische ist: Helene lässt sich zwar zu Beginn auf die Beziehung mit ihrem Mann Georg ein, zieht sich dann jedoch irgendwann zurück… dieses ewige Hin und Her, gepaart mit schweren Schicksalsschlägen und der absoluten Unfähigkeit der beiden, miteinander zu reden, bricht der Liebe am Ende das Genick.

Zitat: „Ich hatte alles. Vielleicht war alles zu viel.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 230)

Was mich beim Lesen so richtig gepackt hat, ist, wie bildhaft Helene die ersten Jahre mit den Kindern beschreibt. Man spürt diese bleierne Müdigkeit, die Erschöpfung und die absolute Überforderung fast schon körperlich. Sie war so unfassbar allein. Ihr Mann Georg hat nur im absoluten Notfall mit angepackt – doch erst, wenn sie wirklich schon am Boden lag. Gleichzeitig war es für ihn völlig selbstverständlich, ihre Ressourcen mitzunutzen, wenn sein eigener Terminplan oder seine Fehler es verlangten.

Generell ist Georg ein schwieriger Charakter. Er scheint den Erfolg seiner Frau überhaupt nicht ertragen zu können, obwohl er selbst in seinem Job erfolgreich ist. Helene musste in ihrer Kindheit und Jugend so viel durchmachen, hatte später zwei Fehlgeburten – und er zeigt wenig Empathie. Klar, wir kennen hier nur Helenes Sicht der Dinge, aber es tut trotzdem weh beim Lesen. Georg ruht sich auf seiner gesellschaftlichen Stellung als Mann viel zu lange aus. Und als es ihm dann doch zu viel wurde, nahm er sich einfach eine Freundin.

Zitat: „Weil Nostalgie eine dreckige Lügnerin ist, die alles Vergangene schöner erscheinen lässt, als es tatsächlich war. Georg musste gegen Alex verlieren – er war real, Alex eine Fantasie. Ein endloses Was-wäre-wenn?, ein tiefes Bedauern.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 214)

Richtig spannend – und gleichzeitig total traurig – wird es, als plötzlich Tochter Anna eine eigene Stimme bekommt. Sie hat den emotionalen Kontakt zur Mutter verloren, ist ihr im Grunde aber so ähnlich: Sie will es auch immer nur allen recht machen und fühlt sich von ihrer Mutter überhaupt nicht gesehen. Hier prallen die unterschiedlichen Wahrheiten so richtig aufeinander. Helene versucht krampfhaft, sich zusammenzureißen, während die Tochter sich eigentlich nur wünscht, dass die Mutter mal echte Emotionen zeigt. Gleichzeitig beobachtet man, wie Helene dafür mit ihrem Sohn enger zusammenwächst, weil die beiden ein gemeinsames Projekt haben. Was ich mich allerdings wirklich gefragt habe: Warum sieht Anna eigentlich nicht, wie falsch ihr Vater den eigenen Bruder behandelt? Dass nicht der Bruder der „Böse“ ist, sondern der Vater das Problem hat? Das hat mich echt ein bisschen fassungslos gemacht.

So stark das Buch emotional ist, hatte es für mich auch ein paar Schwachstellen. Die Sprünge in der Zeitlinie fand ich manchmal echt schwer einzuordnen. Da wären ein paar einfache Jahreszahlen zwischendurch wirklich hilfreich gewesen, um sich besser zurechtzufinden. Außerdem war es mir an manchen Stellen einfach zu wiederholend und langgezogen. Da hätte man das Ganze hier und da ruhig ein bisschen kürzen können, um den Fluss nicht zu verlieren.

Fazit:

"Lügen, die wir uns erzählen" ist ein Buch, das wehtut, das wütend macht und das zum Nachdenken anregt. Es zeigt schonungslos, was passiert, wenn wir uns selbst für andere aufgeben und in den Lügen leben, die wir uns tagtäglich selbst erzählen. Anne Freytag arbeitet extrem gut und eindrücklich heraus, wie die Rolle der Frau und Mutter in unserer Gesellschaft oft aussieht. Dieses ständige Zurückstecken, die absolute Selbstverständlichkeit, mit der diese Last bei der Frau abgeladen wird, während der Mann sein Leben mit kaum einer Veränderung weiterlebt. Am Ende bleibt oft nur der Rückzug, die Kapitulation und eine tiefe Enttäuschung. Ein wirklich radikaler, feministischer Roman, der diese Missstände schonungslos aufzeigt. Trotz kleinerer Längen absolut lesenswert!

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Veröffentlicht am 07.03.2026

Ein besonders Buch

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Ich lese eigentlich fast immer Romance, aber irgendwie hat dieses Buch meinen Namen gerufen ich musste es einfach lesen. Am Anfang hatte ich gar keine Lust darauf, weil es eben keine Romance ist, sondern ...

Ich lese eigentlich fast immer Romance, aber irgendwie hat dieses Buch meinen Namen gerufen ich musste es einfach lesen. Am Anfang hatte ich gar keine Lust darauf, weil es eben keine Romance ist, sondern etwas ganz anderes. Aber dann habe ich 10 Seiten gelesen… dann 20… dann 30… und plötzlich konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Das Buch ist auf seine ganz eigene Art spannend, und ich liebe es unnormal. Die Geschichte ist besonders, weil sie nicht von einer normalen Trennung handelt, sondern von etwas ganz anderem – ich kann es gar nicht richtig beschreiben.
Es ist auch anders als viele andere Bücher, denn es hat kein klassisches Happy End (finde ich). Aber genau das hat mir irgendwie noch besser gefallen.
Der Anfang war für mich etwas schwierig zu verstehen, aber irgendwann hat alles Sinn ergeben.
Ich würde das Buch jedem empfehlen, der mal etwas anderes lesen möchte als Romance.

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Ganz große Empfehlung!

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„Es ist einfach passiert“: Ein Satz, der das Leben von Helene komplett aus den Bahnen wirft. Ihr Mann trennt sich von ihr, doch was dann folgt, ist keine klassische Trennungsgeschichte, sondern vielmehr ...

„Es ist einfach passiert“: Ein Satz, der das Leben von Helene komplett aus den Bahnen wirft. Ihr Mann trennt sich von ihr, doch was dann folgt, ist keine klassische Trennungsgeschichte, sondern vielmehr eine Reise in Helenes Vergangenheit. Sie betrachtet ihre getroffenen Entscheidungen mit einem ganz neuen Blick und auch die Entscheidungen, die sie nicht getroffen hat, beginnt sie zu hinterfragen. Dabei kommt immer wieder die Frage auf, wie viel ihres Lebens sie tatsächlich aus freien Stücken so gewollt hat und wie vieles sie aufgrund von gesellschaftlichen Erwartungen getan hat.

Die Geschichte wird hierbei in mehreren Zeitebenen und auch aus zwei Perspektiven erzählt, der von Helene und ihrer pubertierenden Tochter Anna. Zwei starke Protagonistinnen, deren Emotionen der durch das Papier mitgefühlt werden und für mich fast greifbar wirkte.
Für mich hätte die Perspektive der Tochter etwas mehr Raum verdient.


⭐️ F A Z I T

Ein berührender, realitätsnaher Roman, der die Rollenbilder und unausgesprochenen Wahrheiten ans Licht bringt und so die familiären Konflikte wunderbar aufzeigt, der zum Nachdenken anregt - auch für mich als Nicht-Mutter!
Von mir gibt’s eine klare Empfehlung und 4 ⭐️ !

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Georg und Helene

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Ehrliche Einblicke in eine (gescheiterte) Ehe
Nach „Das Blaue Wunder“ von @anne.other.freytag wollte ich unbedingt einen ihrer früheren Romane lesen. Ganz anders war der dann, aber richtig gut!
📖Als Helenes ...

Ehrliche Einblicke in eine (gescheiterte) Ehe
Nach „Das Blaue Wunder“ von @anne.other.freytag wollte ich unbedingt einen ihrer früheren Romane lesen. Ganz anders war der dann, aber richtig gut!
📖Als Helenes Mann Georg sich von ihr trennt und zu seiner neuen Freundin, einer Yogalehrerin, zieht, bleibt nur der Sohn bei ihr wohnen- die Tochter entscheidet sich, bei ihrem Vater zu leben. Die zweifache Mutter blickt nun intensiv auf ihre Ehe zurück. Dabei wird ihr klar, dass sie selbst durchaus auch schon mal geplant hatte, Georg zu verlassen (wegen ihres ehemaligen Freundes Alex), es aber nie getan hat. Helene fängt an, sich zu sortieren, kauft spontan ein Haus im Nichts und versteht sich (ihre Kinder und ihre Beziehungen) selbst immer besser.
⭐Ich mag den Stil, in dem Anne Freytag ihre Geschichten erzählt. Sie schreibt klar, ungeschönt (aber schön), direkt und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten.
Das gefällt mir.
⭐Es war spannend zu lesen, wie Helenes Mut wächst und dabei über verpasste Chancen genauso nachdenkt wie bleibende Werte.
⭐Ich mochte die wechselnden Erzählperspektiven, die einen umfassenden Einblick in die gesamte Familiensituation gaben und die Charaktere, die jede und jeder für sich gute Gründe für ihr Verhalten haben,
💬 „Dann bist also jetzt du das Opfer?“, frage ich. „Weil ich dich seinetwegen nicht verlassen habe?“

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Veröffentlicht am 14.06.2025

"Eine perfekte Lüge mit lächelnden Gesichtern"

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"Es ist beeindruckend, wie gut man sich in Kleidung und hinter Make-Up verstecken kann. Wie glücklich zwei unglückliche Menschen aussehen können. Wir hätten mich auch überzeugt - eine perfekte Lüge mit ...

"Es ist beeindruckend, wie gut man sich in Kleidung und hinter Make-Up verstecken kann. Wie glücklich zwei unglückliche Menschen aussehen können. Wir hätten mich auch überzeugt - eine perfekte Lüge mit lächelnden Gesichtern."

Eigentlich wollte damals Helene ihren Mann Georg verlassen. Nach zahlreichen erfolglosen Versuchen, ein Kind zu bekommen war ihre Beziehung festgefahren, ihre Ehe unglücklich. Und eigentlich gab es da schon immer Alex, Helenes große Liebe von früher. Fast hätte Helene Georg für ihn verlassen - aber genau dann wird sie doch schwanger und bleibt bei Georg. Mit Alex im Herzen.

"Ich ließ Alex nicht los, vielleicht weil ich nicht wusste, wie. Als hätte ich immer an ihm festgehalten, solange ich ihn kannte, über Landesgrenzen und Jahre hinweg. Während ich das dachte, beschlich mich das Gefühl, dem Falschen zu gehören. Dass ich nicht zu jemandem, sondern jemandem gehörte m Auf dem Papier war ich Georgs Frau. Erst diese Tatsache machte mich in Alex' Armen falsch. Als hätte eine einzige Unterschrift mich zum Eigentum eines anderen gemacht."

Nun sind Georgs und Helenes beiden Kinder im Teenageralter und Georg verlässt Helene für eine andere: "Es ist einfach passiert."
Georg zieht mit der Tochter Anna zu seiner neuen Freundin, Helene kauft ein renovierungsbedürftiges Häuschen, in der sie mit Sohn Jonas zieht. Gleichzeitig mit der Hausrenovierung beginnt auch eine Runderneuerung von Helenes Leben. In Rückblicken wird von ihrer Vergangenheit erzählt, von den Fehlgeburten und Versuchen, schwanger zu werden. Von ihrer Überforderung als Mutter und gleichzeitig berufstätige Frau. Von ihrer eigenen Kindheit mit ihrer gefühlskalten Mutter (das fand ich besonders heftig).

"'Mutter hat alles um sich herum kontrolliert ', sagt Henri. 'Sie war die manipulativste Person, der ich je begegnet bin. Ich habe keine Ahnung, wer ich ohne sie bin', sagt er. 'Es ist, als hätte sie mich gemacht."
Ich kenne dieses Gefühl - den Blick in den Spiegel. Die Rückversicherung, die man sucht, weil man keine Ahnung hat, wer man ist. Weil man sein gesamtes Leben auf ein Gegenüber gepolt war, das einem den Weg gewiesen hat. Wie ein Kompass, und sie war der Norden - nur dass ich in den Süden wollte. So weit weg von ihr wie möglich."

"In dieser Zeit dachte ich oft an meine Mutter, daran, was sie wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass ich eine Kinderfrau brauchte, um mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Ich habe es ohne Unterstützung geschafft, sagte sie gehässig in meinem Kopf, worauf ich in Gedanken erwiderte: Und ich ohne deine Liebe."

Auch ihre Tochter Anna kommt in einigen Kapiteln zu Wort, diese fand ich gut, aber nicht so gelungen wie die Abschnitte aus Helenes Perspektive.

"Und in dem Moment denke ich an mich auf diesem Sessel, und mir wird schlagartig klar, dass ich nicht mehr dieselbe Frau bin. Als wäre ich mir mit den Jahren unerkannt näher gekommen, als hätte ich Schicht für Schicht abgetragen. Damals jung und schön und sportlich, ein Gesicht ohne Falten, vom Leben nicht gezeichnet, aber auch nicht davon durchdrungen."

Gegen Ende hin gibt es ein paar kleine Schwächen, besonders was die Erklärung bezüglich Georgs Verhalten Jonas gegenüber angeht, Annas veränderter Denkweise Helene gegenüber, aber auch insgesamt flaut die Story etwas ab bis hin zum (vielleicht) unerwarteten Ende.

Insgesamt hat mich jedoch Anne Freytags Erzählstil wieder begeistert. Ich mag ihre Art zu schreiben sehr: mal emotional, mal humorvoll, teils auch bitterböse - und immer treffend.
Allerdings hatte ich zuvor ihr aktuelles Buch "Blaues Wunder" gelesen, welches für mich ein absolutes Highlight war. An dieses kommt "Lügen, die wir uns erzählen" leider nicht ganz heran. Dennoch kann ich es empfehlen und vergebe 4⭐️

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