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Veröffentlicht am 19.03.2026

Tauben und Freiheit

Der letzte Sommer der Tauben
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📖 Der 14-jährige Noah lebt für seine Tauben – sie sind sein Rückzugsort, seine Freiheit. Doch als ein radikales Regime die Kontrolle über seine Stadt übernimmt, kippt der Alltag: Verbote, Angst und Überwachung ...

📖 Der 14-jährige Noah lebt für seine Tauben – sie sind sein Rückzugsort, seine Freiheit. Doch als ein radikales Regime die Kontrolle über seine Stadt übernimmt, kippt der Alltag: Verbote, Angst und Überwachung dringen in jede Familie ein. Frauen verlieren ihre Rechte, Freunde verschwinden, und selbst Noahs Tauben geraten ins Visier der neuen Ordnung.
Während Noah versucht, an kleinen Momenten von Normalität festzuhalten, wird er viel zu schnell erwachsen. Die Tauben werden dabei zum Symbol für Freiheit – und für das, was verloren geht.

⭐Ich mochte den ruhigen, fast durchgehend emotional intensiven Erzählstil.
⭐ Besonders berührt hat mich, wie kindliche Perspektive und harte Realität aufeinandertreffen, wie die Einschränkungen das Leben immer mehr reduzieren und Verstöße hart sanktionieren.
⭐Die engen Familienbande, die hier beschrieben werden, ermöglichen ein intensives Eintauchen in eine gänzlich andere Kultur. Besonders spannend fand ich die Einblicke in eine mir eher fremde Alltagswelt, die so selbstverständlich und nah erzählt wird, dass ich schnell darin eintauchen konnte.
Ein leiser, poetischer Coming-of-Age-Roman über Freiheit, Verlust und Widerstand im Alltag eines totalitären Systems. Berührend, bedrückend – und trotzdem voller Hoffnung.

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Veröffentlicht am 19.03.2026

beeindruckende Frau

Eine Hymne an das Leben
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📖 Die Geschichte von Gisèle Pelicot und dem organisierten Missbrauch und der bewussten Vergiftung und Ruhigstellung durch ihren Ex-Ehemanns muss ich sicher nicht noch einmal zusammenfassen. Dank Mme Pelicot ...

📖 Die Geschichte von Gisèle Pelicot und dem organisierten Missbrauch und der bewussten Vergiftung und Ruhigstellung durch ihren Ex-Ehemanns muss ich sicher nicht noch einmal zusammenfassen. Dank Mme Pelicot haben wir alle davon erfahren: Die Täter wurden sichtbar, ihre Taten öffentlich. Das Buch befasst sich zusätzlich zu der Zeit der polizeilichen Aufdeckung des Verbrechens und der Ermittlungen, der Prozessvorbereitung und der -durchführung auch mit der Biographie sowohl der Autorin als auch ihres Ex-Mannes und gibt Einblick in die familiären Strukturen und die Beziehungen zu Kindern und Enkelkindern.
⭐Ich bin sehr beeindruckt, wie resilient diese starke Frau zu sein scheint. Wie sie es schafft, das, was geschehen ist, nicht ihr ganzes Leben zerstören zu lassen.
Und - erstaunlicherweise - auch nicht die komplette Vergangenheit. Sie zieht eine bewusste Linie zwischen guten Zeiten und den monströsen Straftaten ihres Mannes. Ich konnte da erstmal nicht so relaten, war eher wütend, dachte, sie täte besser daran, ihre Vergangenheit mit diesem Menschen komplett aus ihrer Erinnerung zu streichen. Warum sie dies nicht tut, wurde mir nach und nach beim Lesen bewusst. Nach 50 gemeinsamen Jahren wäre es ihr ganzes Leben, das sie dann auslöschen würde- und das würde sie zerstören.
⭐Der Glaube an die Liebe, das Wiedereinlassen auf eine neue Beziehung, das Weiterleben haben mich sehr beeindruckt. Sich nach so vielen schlimmen Jahren bewusst auf das Leben zu konzentrieren, ist unfassbar stark.
⭐ Und wieder wurde mir bewusst, wie heilend Natur ist- die langen Spaziergänge, die Runden in der Natur, die Gisèle Pelicot in ihrer schlimmsten Zeit unternahm, führten zu der Erkenntnis, den Prozess öffentlich zu machen und somit zur Sprecherin aller Opfer zu werden, die sich nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu treten.
Was für eine mutige Frau, was für ein Vorbild, was für eine Kämpferin für Gerechtigkeit. Dringend lesen!

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Veröffentlicht am 19.03.2026

Paris als Kulturzentrum

Die Buchhandlung der Exilanten
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📖 In den Buchläden „Maison des Amis des Livres“ und „Shakespeare and Company“ trifft sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts so ziemlich alle, die in der Kunst- und Literaturszene Rang und Namen ...

📖 In den Buchläden „Maison des Amis des Livres“ und „Shakespeare and Company“ trifft sich in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts so ziemlich alle, die in der Kunst- und Literaturszene Rang und Namen haben (oder später noch bekommen werden). Größen wie Ernest Hemingway, James Joyce, Pablo Picasso, Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir finden sich hier ein, um Bücher zu kaufen, zu „mieten“, zu veröffentlichen und vor allem zu diskutieren. Die Inhaberinnen, Adrienne Monnier und Sylvia Beach verbindet nicht nur ihre gemeinsame Passion für den Buchhandel, sie sind auch privat liiert.

⭐Ich bin froh, dass ich dieses Sachbuch gelesen habe. Ich mochte die beiden Erzählebenen, die das pulsierende Leben der 20er mit den aufkommenden Bedrohungen durch den Zweiten Weltkrieg sehr gekonnt in Kontrast setzen.
⭐Dass die Buchhandlungen der beiden großartigen Frauen zu Orten der Solidarität und Menschlichkeit wurden, die auch verfolgten Menschen Schutz boten, zeigt deutlich, wie mutig die beiden waren, wie sehr sie sich für ihre Mitmenschen und die Freiheit der Kunst und Literatur einzusetzen wagten.
⭐Eine tolle Lektüre auch für alle, die eigentlich nicht zum Sachbuch greifen. Inhaltlich wirklich ein tolles Zeugnis eines literarischen Hotspots in Zeiten des 2. Weltkrieges.

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Spurensuche in Polen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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"[…] meine Mutter und ich waren, so kam es mir vor, ein Oxymoron […]“

Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, S. Fischer, 156 Seiten

Danke für das Leseexemplar @sfischerverlage! Meine ...

"[…] meine Mutter und ich waren, so kam es mir vor, ein Oxymoron […]“

Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, S. Fischer, 156 Seiten

Danke für das Leseexemplar @sfischerverlage! Meine Vorfreude auf das neue Buch von Judith Hermann war riesig und meine Erwartungen wurden so was von erfüllt!

📖 Der Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten reist die Erzählerin auf der Suche nach den Spuren ihres Großvaters nach Radom (Polen). Ihre Mutter scheint jegliche Erinnerung an ihren Vater, einen SS-Soldaten, zu verdrängen. Also macht sich die Autorin mit dem Foto ihres Großvaters selbst auf den Weg. Im zweiten Teil fährt sie von Polen aus weiter nach Neapel und besucht ihre dort wohnende Schwester.
Im dritten Abschnitt schließlich dann das Verschwinden der Schwiegereltern im Vordergrund, das chronologisch weit vor der Reise nach Radom und Neapel liegt.

⭐Ich mag den Stil von Judith Hermann unfassbar gerne. Sie versteht es, so zu formulieren, dass ihre Sätze trotz Einfachheit und ohne Schnörkel den Kern treffen, mehr noch: tief in den Kern des Gedanken eindringen. So on point mit so frischen Bildern und außergewöhnlichen („ein schwindsüchtiges Lämpchen“) Formulierungen zu schreiben, ist wirklich besonders („Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck […]“.)
⭐Auch die Beobachtungen des Geschwisterverhältnisses, die Beschreibung des vorsichtigen Umgangs miteinander, des Sich-Fremdseins, obwohl man sich nahe fühlen möchte, fand ich ausgesprochen gelungen. Überhaupt ist Judith Hermann eine großartige Beobachterin von Alltagssituationen und kleinen Gesten, die sie sprachlich äußerst präzise wiedergibt.
⭐Ihre Radomer Leseliste habe ich zugegebenermaßen fast ehrfürchtig zur Kenntnis genommen- von all den Büchern, die sie erwähnt, kenne ich fast keines 🫣

Ein Buch, das die Familiengeschichte nicht literarisiert, sondern authentisch und ehrlich daher kommt- mit allen fehlgeschlagenen Versuchen, Erinnerungen aus der Vergangenheit zu bergen, die sich manchmal einfach nicht heben lassen (wollen).

gegenwartsliteratur

judithhermann

leseninmünchen

bookstagram #mybookshelf

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Eine Umleitung, ein totes Reh und eine ungeplante Nachtfahrt

Grüne Welle
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📖 Eine Frau (Amy, Künstlerin), fährt nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin nicht etwas nachhause, sondern nach einer Umleitung gefühlt richtungslos durch die Nacht. Sie fährt immer weiter, nimmt zwei ...

📖 Eine Frau (Amy, Künstlerin), fährt nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin nicht etwas nachhause, sondern nach einer Umleitung gefühlt richtungslos durch die Nacht. Sie fährt immer weiter, nimmt zwei Anhalterinnen mit und fährt ein Reh tot. Während der Autofahrt wird peu à peu klar, dass der Ehemann, der da zuhause auf sie wartet, sich gegenüber ihr alles andere als liebend und fürsorglich verhält. Was die Frau mit ihrer immer bewusster werdenden Einsicht anfängt, lohnt sich zu lesen!
⭐Lange erzählt @estherrosaschuettpelz in ihrem Roman immer nur von „der Frau“ und „der Freundin der Frau“. Mein erster Reflex nach drei, vier Seiten war:
“Bitte nicht, das nervt.“ Aber je länger sie die Geschichte erzählt, die Hintergründe sichtbar werden und ich verstehe, worum es hier geht, desto begeisterter war ich vom Erzählstil des Romans. Was für eine tolle Idee, die Protagonistin namenlos starten zu lassen und man erst sehr viel später „per Amy“ ist.
⭐Ich kann gar nicht genau greifen, was mich am Schreibstil der Autorin so begeistert, es ist die Kombination aus vielen Faktoren: die immer wiederkehrende Distanzierung von der Handlung mit der Einflechtung sehr schlauer Gedanken und Bemerkungen, die exzellente Beobachtungsgabe und die daraus resultierenden erstaunlichen Beschreibungen der Personen und ihrer Gedanken, die überraschenden Metaphern und Vergleiche und wunderbare Formulierungen („Müdigkeit als Zufluchtszustand“).
⭐Sehr bereichernd empfand ich die Offenheit und den Einblick in die Gedanken der Frau, aber auch ihre Zweifel und Schuldzuweisungen an sich selbst. Die Konfrontation mit der Realität nach dem Wildunfall nahm hier nochmal richtig Fahrt auf.
Ein sprachlich sehr abwechslungsreicher, überzeugender Roman, der sich genauso unkonventionell wie klassisch dem Thema „Häusliche Gewalt“ annimmt.
💬 „Man kriegt nämlich nicht immer nur, was man verdient.“

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