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Veröffentlicht am 29.01.2026

wunderbar lichtdurchflutete Geschihcte

Tage des Lichts
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📖 In „Tage des Lichts“ von @meganfnhunter geht es um Ivy, die in den 1930er-Jahren in England in einer künstlerischen, freigeistigen Familie in gehobenen Verhältnissen aufwächst. Ein Osterwochenende endet ...

📖 In „Tage des Lichts“ von @meganfnhunter geht es um Ivy, die in den 1930er-Jahren in England in einer künstlerischen, freigeistigen Familie in gehobenen Verhältnissen aufwächst. Ein Osterwochenende endet mit einem einschneidenden Verlust, der ihr Leben nachhaltig prägt. In einzelnen Momentaufnahmen über mehrere Jahrzehnte hinweg folgt man Ivy durch Beziehungen, Ehe, Mutterschaft und alte Bindungen, die sie nie ganz loslassen.
⭐Die Struktur des Buches hat mir super gefallen. Der Roman ist in sechs Teile gegliedert, die sechs (Schlüssel-)Tage im Leben der Protagonistin in den Vordergrund rücken- anfangs liegen einige Tage/Wochen dazwischen, später dann auch Jahre. Dadurch begleitet man Ivy in einschneidenden Situationen genauso, wie im alltäglichen Leben, das trotz aller schmerzlicher Fragen immer weitergeht.
⭐Die Stimmung des Romans spiegelt mit ihrem zarten, ruhigen, unaufgeregten und sanften Ton äußerst gelungen Licht und Schatten im Leben von Ivy.
⭐Ich mochte die latent präsente Frage, die mich still durch den Roman getragen hat: die Beschäftigung mit der Überlegung, wie Entscheidungen, die man trifft, das Leben beeinflussen, wie man da landet, wohin man so richtig bewusst vielleicht nie abgebogen ist. Aber auch, wie extrem bewusste Entscheidungen den Gang des Lebens weiter beeinflussen.
⭐Die Klosterepisode hätte ich nicht erwartet, kann ich aber mittlerweile gut einordnen. Einziger Kritikpunkt: es werden sehr viele „Lippen geschürzt“. 😉
Eine Leseempfehlung für alle, die atmosphärische, nachdenkliche und zarte Geschichten über lang nachwirkende Gefühle lieben. Absoluter Bonus: der Roman spielt in Sussex!
💬 „ […] ihr Leben war eingeengt; ohne, dass sie es gemerkt hatten, hatte es diese konventionelle Form angenommen.“

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Veröffentlicht am 28.01.2026

ungewöhnliche Perspektive

Der andere Arthur
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Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp verlässt sein Haus nicht mehr. Der Grund: sein extremes Übergewicht. Ohne Sozialkontakte, in einem gänzlich verwahrlosten Haus lebt er Tag für Tag als Außenseiter ...

Der ehemalige Literaturprofessor Arthur Opp verlässt sein Haus nicht mehr. Der Grund: sein extremes Übergewicht. Ohne Sozialkontakte, in einem gänzlich verwahrlosten Haus lebt er Tag für Tag als Außenseiter vor sich hin. Ohne Highlights. Als er dann einen Brief seiner ehemaligen Studentin und Freundin Charlene erhält, ändert sich einiges. Charlene wiederum führt mit ihrem Sohn Kel ein Leben, das für den 17-jährigen angehenden Baseballprofi alles andere als leicht ist.
Was mir extrem gut gefallen hat, ist die Perspektive, aus der Arthur Opp sein Leben erzählt. Ich habe noch nie vorher einen Text aus der Sicht eines extrem übergewichtigen Menschen gelesen und finde es super, dass Liz Morre einen Blickwinkel einzunehmen, der bestimmt für einige Leser:innen als eher irritierend empfunden wird. Dese Einblicke in das Leben mit einem sehr immobilen Körper und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, haben meinen Horizont echt erweitert.
Die parallele Geschichte von Kel und seiner Mutter Charlene erzählt von einem Leben mit Alkoholismus, von Hoffnung und Niederlagen, von sportlichem Ehrgeiz, vom Aufwachsen im „falschen“ Viertel und vom Weitermachen unter widrigen Bedingungen.
Yolandas Rolle als Haushaltshilfe, unterstützende, gleichzeitig aber auch hilfsbedürftige junge Frau und ihr unbefangener Umgang mit dem sozial isolierten Arthur tut der Geschichte gut und bewahrt sie vom Abrutschen ins zu Melancholische.
Ich mag die Sprache von Liz Moore, die Übersetzung von Cornelius Hartz und die Tatsache, dass ich „Der andere Arthur“ genauso flüssig und ohne Absetzen lesen wollte, wie „The God of The Woods“, obwohl ich tatsächlich am Ende dieses Romans irgendwas vermisst habe. Das ging mir bei „The God of the Woods“ nicht so- vielleicht auch, weil ich das Ende hier besser gelungen fand als bei Arthur.

„5. Mein Haus ist in einem sehr schlimmen Zustand.
6. Ich auch.“

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Veröffentlicht am 24.01.2026

atmosphärischer Natur- und Liebesroman

Der Gesang der Flusskrebse
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Stand lang Regal, jetzt hab ich’s gelesen:
Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, @hanserblau, 457 Seiten
Kya lebt, nachdem die Mutter, die Geschwister und schließlich auch der Vater die Familie verlassen ...

Stand lang Regal, jetzt hab ich’s gelesen:
Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, @hanserblau, 457 Seiten
Kya lebt, nachdem die Mutter, die Geschwister und schließlich auch der Vater die Familie verlassen haben, ganz allein im Marschland. Obwohl sie nicht zur Schule geht, lernt sie durch ihren Freund Tate lesen und schreiben. Das „Marschmädchen“ erfährt in ihrer Isolation Ablehnung und Hohn der Bewohner des kleinen Ortes. Als dann schließlich Chase, mit dem Kya eine Zeitlang zusammen war, tot aufgefunden wird, wird sie schnell verdächtigt, einen Mord begangen zu haben.
Das Buch erinnerte mich von Anfang an in seiner Erzählweise an Harper Lees „To Kill a Mockingbird“. Vielleicht, weil die Übersetzer des Romans auch schon Werke von Harper Lee übersetzt haben? Das würde den einzigartigen Ton erklären.
wie Kya ihr Leben alleine wuppt und sich schon als kleines Mädchen selbständig und selbstbewusst in ihrem Leben einrichtet, fand ich sehr beeindruckend. Auch, dass
sie mit Jumpin und seiner Frau stillen Support und Zuverlässigkeit findet, fand ich tröstlich zu lesen. Ich mochte diese beiden liebenswerten und herzensguten Charaktere von Anfang an.

Trotzdem war es schmerzhaft zu lesen, was der frühe Verlust der Mutter und das Fehlen von Familienstrukturen mit Kya machen. Sie verliert ihr Urvertrauen, sie hat unglaubliche Probleme zu vertrauen und fürchtet das Verlassenwerden mehr als die Einsamkeit.
Sehr raffiniert: der Plot-Twist 2009!
Ich hab das Buch gerne gelesen, es hat mir gut gefallen, aber im direkten Vergleich zu Harper Lee fand ich Harper Lee doch einen Ticken besser.
Auf alle Fälle aber eine schön erzählte, im Gerichtsverfahren wirklich spannende, insgesamt zarte und nachdenkliche Geschichte über eine starke Außenseiterin, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt.
„ […] Wesen, die so zurückgezogen leben, geraten schnell in Vergessenheit.“

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Veröffentlicht am 15.01.2026

tolles Buch eines tollen Gegenwartsautors!

Abschied(e)
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📖Das Buch beginnt wenig zimperlich und fast ein bisschen abstoßend, wenn man kein Fan von makabren Auflistungen medizinischer Besonderheiten ist.
Nach einer spannenden Auseinandersetzung mit dem IAM (Involuntary ...

📖Das Buch beginnt wenig zimperlich und fast ein bisschen abstoßend, wenn man kein Fan von makabren Auflistungen medizinischer Besonderheiten ist.
Nach einer spannenden Auseinandersetzung mit dem IAM (Involuntary Autobiographical Memory), einem Phänomen, bei dem man sich durch einen Trigger an alle damit assoziierten Details in chronologischer Reihenfolge im eigenen Leben erinnert (wenig wünschenswert!) und viel Bezug zu Proust leitet Julian Barnes (@julianbarnes.author) zur Geschichte von Stephen und Jean über. Die beiden lernen sich während des Studiums über den Autor kennen, trennen sich und finden schließlich nach 40 Jahren (über den Autor) wieder zusammen.
Romantisch? Wait and see!
Außerdem gibt Barnes einen sehr nahen Einblick in das Leben mit einer unheilbaren, jedoch beherrschbaren Krankheit und beschäftigt sich mit Abschieden (philosophisch und generell), aber auch ganz konkret mit den Abschieden, die sein eigenes Leben (und seinen Tod) betreffen.
⭐Was für ein wertvolles Buch zu so vielen Lebensthemen (u.a. Abschied, Liebe, Selbstreflexion), verfasst von einem großartigen britischen Schriftsteller unserer Zeit. Sprachlich anspruchsvoll, literarisch hochwertig, stilistisch ausgefeilt und eloquent ist dieses als „letztes Buch“ angekündigte Werk schon jetzt ein ganz besonderes Buch meines Lesejahres 2026.
⭐Mit Abschied(e) lässt ein fast 80-jähriger Autor uns an seinen Gedanken über das Leben, die Literatur, die Menschen teilhaben, was ich beim und auch nach dem Lesen immer noch als eine absolute Bereicherung empfinde.
⭐ Danke für die tolle Übersetzung (Gertraude Krueger), insbesondere für die Worte skrofulös, solipsistisch, rekindler, non-rekindler und Detumeszenz! 😄
💬 „ Je länger man lebt, desto monomanischer präsentiert man sich.“

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Georg und Helene

Lügen, die wir uns erzählen
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Ehrliche Einblicke in eine (gescheiterte) Ehe
Nach „Das Blaue Wunder“ von @anne.other.freytag wollte ich unbedingt einen ihrer früheren Romane lesen. Ganz anders war der dann, aber richtig gut!
📖Als Helenes ...

Ehrliche Einblicke in eine (gescheiterte) Ehe
Nach „Das Blaue Wunder“ von @anne.other.freytag wollte ich unbedingt einen ihrer früheren Romane lesen. Ganz anders war der dann, aber richtig gut!
📖Als Helenes Mann Georg sich von ihr trennt und zu seiner neuen Freundin, einer Yogalehrerin, zieht, bleibt nur der Sohn bei ihr wohnen- die Tochter entscheidet sich, bei ihrem Vater zu leben. Die zweifache Mutter blickt nun intensiv auf ihre Ehe zurück. Dabei wird ihr klar, dass sie selbst durchaus auch schon mal geplant hatte, Georg zu verlassen (wegen ihres ehemaligen Freundes Alex), es aber nie getan hat. Helene fängt an, sich zu sortieren, kauft spontan ein Haus im Nichts und versteht sich (ihre Kinder und ihre Beziehungen) selbst immer besser.
⭐Ich mag den Stil, in dem Anne Freytag ihre Geschichten erzählt. Sie schreibt klar, ungeschönt (aber schön), direkt und ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten.
Das gefällt mir.
⭐Es war spannend zu lesen, wie Helenes Mut wächst und dabei über verpasste Chancen genauso nachdenkt wie bleibende Werte.
⭐Ich mochte die wechselnden Erzählperspektiven, die einen umfassenden Einblick in die gesamte Familiensituation gaben und die Charaktere, die jede und jeder für sich gute Gründe für ihr Verhalten haben,
💬 „Dann bist also jetzt du das Opfer?“, frage ich. „Weil ich dich seinetwegen nicht verlassen habe?“

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