Vielschichtige und differenzierte Betrachtung eines aktuellen Phänomens
Barbara Haas ist eine österreichische Journalistin und Podcasterin. In diesem Buch widmet sie sich einem spannenden Phänomen des aktuellen Zeitgeistes: den sogenannten "Tradwives": reichweitenstarken Influencerinnen, ...
Barbara Haas ist eine österreichische Journalistin und Podcasterin. In diesem Buch widmet sie sich einem spannenden Phänomen des aktuellen Zeitgeistes: den sogenannten "Tradwives": reichweitenstarken Influencerinnen, überwiegend aus dem englischsprachigen Raum, die inszeniert durch aufwendig produzierte Bilder und Videos das inszenieren und propagieren, was sie als traditionelles Hausfrauenleben verkaufen.
Dabei gelingt es der Autorin sehr gut, mit dem schönen Schein aufzuräumen: hinter dem hübsch inszenierten Social-Media-Auftritt steckt hochprofessionelle Arbeit und meist ein Unterstützungsteam. Mit einem tatsächlichen Leben ausschließlich als Hausfrau und Mutter hat das wenig zu tun, somit wird scheinheilig für etwas geworben, das man selbst so nicht lebt.
In den verschiedenen Kapiteln zeigt die Autorin klug und sorgfältig recherchiert die Hintergründe der Tradwives-Bewegung auf: sie zeigt anhand geschichtlicher Entwicklungen, dass die nur auf Haushalt und Kindererziehung fokussierte Frau menschheitsgeschichtlich insgesamt betrachtet immer ein Randphänomen gewesen ist und beschreibt die christlich-konservativ und meist politisch dem rechten Spektrum zugehörigen Hintergrundmilieus der Bewegung.
Auch die Geschichten einzelner erfolgreicher Influencerinnen in diesem Bereich, kritisch betrachtet, sind Thema des Buches, genauso wie jene von Frauen, die aus dem Milieu ausgestiegen sind und darüber berichtet haben. Sehr gut gefallen hat mir, dass auch darauf eingegangen wird, welche problematischen gesellschaftlichen Tendenzen - etwa der unrealistisch überhöhte Anspruch an Frauen, in absolut allen Lebensbereichen glänzen zu müssen - dazu beitragen können, dass die Tradwives von manchen jungen Frauen als durchaus attraktives Ausstiegsszenario angesehen werden.
Eine besondere Bereicherung in dem kurzen, aber inhaltsvollen, Büchlein ist auch das Interview mit der Mutter der Autorin, die sie ironisch "Tradwife 1.0" nennt, da sie in der Landwirtschaft gearbeitet und daneben eine große Kinderschar groß gezogen hat. Die kluge und lebenserfahrene ältere Frau hat einen pragmatisch-nüchternen Blick auf das Zeitgeistphänomen.
Insgesamt ist der Autorin mit diesem Buch eine unterhaltsame und zugleich lehrreiche Aufarbeitung eines aktuellen Social-Media-Trends und seiner Schattenseiten gelungen. Ich kann das Werk allen, die sich dafür interessieren, sehr empfehlen: es liest sich schnell und leicht, und dabei lernt man so einiges Neues und bekommt interessante neue Denkanstöße, auch dafür, wie wir eine für alle, aber insbesondere für Frauen, attraktive Gesellschaftsvision gestalten könnten, in der es solche Ausstiegssehnsüchte nicht mehr braucht.