Von frechen Kerlen und anderen Nachtschwärmern in Berlin
Direkt zu Beginn des Buchs Berliner Bohème, im Bebra Verlag erschienen, wird der Leser in die Berliner Nächte der 1920er Jahre entführt. Die von der Journalistin Gabi Wuttke (Deutschlandfunk Kultur) zusammengestellten ...
Direkt zu Beginn des Buchs Berliner Bohème, im Bebra Verlag erschienen, wird der Leser in die Berliner Nächte der 1920er Jahre entführt. Die von der Journalistin Gabi Wuttke (Deutschlandfunk Kultur) zusammengestellten Texte des rasenden Reporters Egon Erwin Kisch lassen einen in das „Tanz auf dem Vulkan“-Gefühl der Weimarer Republik eintauchen. Kisch erzählt herrlich launig unter anderem über die wandernden Nachtklubs, die damals nach der gesetzlichen Sperrstunde um ein Uhr illegal in Wohnungen abgehalten wurden. Kisch schreibt: Tausende von Leuten sehen sich um diese Stunde aufs Pflaster gesetzt und müssen nach Hause gehen, obwohl sie dazu gar keine Lust haben.
Die Leser erfahren, dass Schlepper eingesetzt werden, die die Tanzwilligen gegen Geld zu den geheimen Treffen lotsen. Es herrscht eine Mischung aus Glamour, Verruchtheit und Absinth-Kultur. Man tanzt Swing, Charleston, Tango. Künstler, Intellektuelle und Dandys treffen sich, um zu debattieren und zu feiern. Kischs kurze eindrückliche Reportagen zeichnen sich durch Recherche vor Ort aus. Meist berichtet er über Alltagsabenteuer, aber auch über soziale Missstände. Er hat sich beim Schreiben Jack London und Émile Zola zum Vorbild genommen und Literaturgeschichte studiert. Zeitgenossen wie Alfred Döblin haben ihn als Schriftstellerkollegen geschätzt.
Der Autor malt mit Worten und gestaltet seine Texte erzählerisch. In dem Pappband mit Halbleinen und Prägung begleitet Kisch zum Beispiel eine Polizeistreife, hält sich in Cafés und Tanzdielen auf, wundert sich über exzentrische Mode, bei der sich Männer wie Frauen kleiden und Frauen wie Männer, liest die Inserate im Blatt der Heiratslustigen und beschreibt eine Fahrt mit der Untergrundbahn. Er sitzt in dem Sprechzimmer eines Nasenchirurgen, geht ins Theater, zum Sechstagerennen und zur Volkshochschule, besucht eine Vorlesung von Einstein und ein Leichenschauhaus.
Kisch gilt als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus. Seine Texte wurden von den Nazis als Asphaltliteratur diffamiert und während der Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 und in der Folgezeit verbrannt. Er war gebürtiger Prager Jude und Kommunist und wurde im Februar 1933 aufgrund seiner politischen Haltung und Herkunft verhaftet und dann am 11. März 1933 nach Prag abgeschoben. Später lebte er in Paris, nahm am spanischen Bürgerkrieg teil und emigrierte in die USA und nach Mexiko, bevor er 1946 nach Prag zurückkehrte.
Fazit: Es lohnt sich in jedem Fall, das schön gestaltete Büchlein zu lesen. Wer Kisch kennenlernen will, dem ist die Textsammlung zu empfehlen, in dem auch Briefe an seine Freundin und Mutter enthalten sind. Wuttke ordnet die Texte in einem Nachwort ein. Aber auch Kennern ist der Schmuckband ans Herz zu legen.