Wenn Bilder Geschichten erzählen
„Die verborgenen Bilder“ von Maja Ilisch ist ein Kinderroman, der mich wirklich überrascht hat. Auf den ersten Blick wirkt das Buch eher ruhig und auf keinen Fall reißerisch, aber genau darin liegt seine ...
„Die verborgenen Bilder“ von Maja Ilisch ist ein Kinderroman, der mich wirklich überrascht hat. Auf den ersten Blick wirkt das Buch eher ruhig und auf keinen Fall reißerisch, aber genau darin liegt seine Stärke. Hinter der unscheinbaren Oberfläche steckt eine Geschichte mit viel Tiefe, Gefühl und Aussagekraft.
Im Mittelpunkt steht Frieke, die gerade mit der Trennung ihrer Eltern klarkommen muss. Besonders schwer fällt ihr, dass ihr Vater einen neuen Partner hat und sich ihr ganzes Leben plötzlich verändert. Diese Mischung aus Wut, Unsicherheit und Identitätssuche ist sehr nachvollziehbar beschrieben. Gerade dieser familiäre Konflikt macht Frieke zu einer Figur, mit der man sofort mitfühlen kann.
Ein besonderes Highlight ist die Idee mit den Zeichnungen unter der Tapete, durch die Frieke in die Vergangenheit reisen kann. Besonders schön war auch der Austausch mit Maja Ilisch während der Leserunde. Zu erfahren, dass die Idee zu den Zeichnungen sogar von einer echten Entdeckung in ihrer Wohnung inspiriert wurde, und dass sie sich persönlich Zeit für Antworten nimmt, macht die Autorin sehr sympathisch und nahbar. So wirkt der Ausgangspunkt der Geschichte fast magisch, obwohl er eigentlich aus einem ganz normalen Alltag stammt.
Durch die Begegnung mit Ilsabeth in den späten 1920er-Jahren entsteht eine berührende Freundschaft über die Zeit hinweg. Gleichzeitig zeigt das Buch sehr behutsam, wie sich die politische Situation verändert und welche Schatten der Nationalsozialismus wirft. Besonders gelungen finde ich, dass das Thema Antisemitismus und Zivilcourage altersgerecht erzählt wird, ohne die Geschichte zu überfrachten. Die Zeitreise ist dabei nicht nur ein spannendes Abenteuer, sondern auch eine Art „Flucht“ für Frieke, bis sie merkt, dass auch die Vergangenheit nicht so unbeschwert ist, wie sie zunächst denkt.
Was mir besonders gefallen hat, ist die Verbindung verschiedener Themen. Friekes persönliche Identitätsfindung, das Coming-out ihres Vaters und die historische Ebene der Geschichte greifen sehr natürlich ineinander. Dadurch fühlt sich das Buch gleichzeitig persönlich, gesellschaftlich relevant und historisch spannend an.
Für mich ist „Die verborgenen Bilder“ ein sehr starkes Kinderbuch mit viel Herz und wichtiger Botschaft. Ich würde mir wirklich wünschen, dass viele junge Leserinnen und Leser dieses Buch entdecken. Es zeigt, wie Literatur helfen kann, Geschichte zu verstehen, Empathie zu entwickeln und den Mut zu finden, für andere einzustehen.