Profilbild von BookRomance

BookRomance

Lesejury Profi
offline

BookRomance ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit BookRomance über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2025

Kunstvoll, aber distanziert

Was ich von ihr weiß
0

Jean-Baptiste Andreas Roman Was ich von ihr weiß nimmt sich viel vor: Er erzählt die Lebensgeschichte des Bildhauers Mimo, seine künstlerische Entwicklung, seine Beziehung zur freiheitsliebenden Viola ...

Jean-Baptiste Andreas Roman Was ich von ihr weiß nimmt sich viel vor: Er erzählt die Lebensgeschichte des Bildhauers Mimo, seine künstlerische Entwicklung, seine Beziehung zur freiheitsliebenden Viola und bettet all das in den historischen Kontext Italiens im 20. Jahrhundert ein. Doch trotz dieser vielversprechenden Ausgangslage gelingt es dem Buch nicht immer, eine fesselnde Erzählung daraus zu machen.

Ein zentrales Problem ist das Erzähltempo. Mit über 500 Seiten zieht sich die Handlung stellenweise erheblich. Insbesondere die detaillierten Beschreibungen, die sicher gut recherchiert sind, dominieren den Text so sehr, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen, allen voran die zu Viola, manchmal zu kurz kommen. Viola wird als faszinierende, unkonventionelle Frau eingeführt, bleibt jedoch oft auf Distanz – sowohl zu Mimo als auch zum Leser. Da der Roman aus seiner Perspektive erzählt wird, bleibt sie eine Figur, die er beobachtet, aber deren innere Welt weitgehend verborgen bleibt. Der deutsche Titel Was ich von ihr weiß scheint genau darauf hinzuweisen: Es ist letztlich nur das, was Mimo von ihr versteht, nicht was sie wirklich ausmacht.

Auch die Liebesgeschichte folgt bekannten Mustern: Ein armer, aber talentierter Künstler trifft auf eine reiche, rebellische Adelige, die sich gegen gesellschaftliche Zwänge auflehnt. Diese Konstellation hätte durchaus Potenzial, doch es fehlt an Überraschungen oder emotionaler Tiefe, die sie über das Klischeehafte hinausheben würden. Die Begegnungen zwischen Mimo und Viola sind oft flüchtig, ihr Verhältnis schwankt zwischen Nähe und Distanz, doch wirklich greifbar wird ihre Verbindung selten.

Ein weiteres Manko ist die Einbettung in die historischen Ereignisse. Zwar wird der Aufstieg des Faschismus thematisiert, doch bleibt er oft eine Kulisse für Mimos persönliche Geschichte, anstatt wirklich in die Handlung integriert zu werden. Während Viola früh die Zeichen der Zeit erkennt, scheint Mimo oft nur reaktiv zu agieren. Hier hätte eine stärkere Auseinandersetzung mit der politischen Dimension der Epoche dem Roman mehr Tiefe verleihen können.

Positiv hervorzuheben ist Andreas Schreibstil. Seine Sprache ist bildhaft und poetisch, ohne ins Überladene abzudriften. Wer sich für kunstvolle Beschreibungen begeistern kann, wird hier auf seine Kosten kommen. Doch wer auf eine packende, emotionale Erzählung hofft, könnte sich an der Langatmigkeit und der distanzierten Figurenzeichnung stören.

Insgesamt ist Was ich von ihr weiß ein ambitionierter Roman mit einer interessanten Grundidee, der jedoch in der Umsetzung nicht immer überzeugt. Die Geschichte verliert sich zu oft in Details und bleibt emotional auf Distanz. Wer sich für das Thema Bildhauerei interessiert und ein Faible für langsame, atmosphärische Erzählungen hat, könnte hier fündig werden – wer jedoch eine fesselnde, tiefgehende Charakterstudie oder eine intensive historische Auseinandersetzung sucht, wird möglicherweise enttäuscht sein.

Veröffentlicht am 30.03.2025

Zwischen Kunst und Skandal

Der ewige Tanz
0

Steffen Schroeders „Der ewige Tanz“ beleuchtet das Leben der Tänzerin Anita Berber, die in den 1920er Jahren als eine der auffälligsten Figuren der deutschen Kunstszene galt. In einem Berliner Krankenhaus ...

Steffen Schroeders „Der ewige Tanz“ beleuchtet das Leben der Tänzerin Anita Berber, die in den 1920er Jahren als eine der auffälligsten Figuren der deutschen Kunstszene galt. In einem Berliner Krankenhaus im Jahr 1928, gezeichnet von Krankheit und der Last ihres exzessiven Lebens, blickt Berber auf ihre Jugend, ihre Beziehung zu ihrer Mutter, die Einsamkeit, die sie als Künstlerin begleitete, und ihre größten Erfolge zurück. Durch diese Rückblicke entwirft Schroeder das Porträt einer Frau, die den Tanz zur Kunst erhob und dabei immer wieder zwischen Bewunderung und Skandal hin- und herschwankte.

Der Roman liefert interessante Einblicke in Berbers Leben und die Atmosphäre der Weimarer Republik. Es wird nicht nur das Streben nach Selbstbestimmung und Anerkennung thematisiert, sondern auch die schwierige Balance zwischen Kunst, Ruhm und den persönlichen, oft destruktiven Exzessen, die Berber begleiteten. Die zahlreichen Begegnungen mit prominenten Persönlichkeiten der Zeit – darunter Otto Dix und Marlene Dietrich – verleihen der Erzählung einen historischen Kontext und unterstreichen Berbers Bedeutung als Künstlerfigur.

Allerdings bleibt die Erzählung in ihrer Tiefe und Komplexität etwas auf der Strecke. Der Roman konzentriert sich mehr auf die Fakten und Ereignisse des Lebens von Anita Berber und weniger auf eine tiefere Auseinandersetzung mit ihren inneren Konflikten und der Tragik ihrer Existenz. Der Leser erhält viele historische und biografische Details, doch eine emotionale Nähe zu Berber bleibt oftmals aus.

Schroeders Schreibstil ist präzise und lässt sich gut lesen, doch die Erzählweise wirkt gelegentlich etwas distanziert und geht nicht in die Tiefe, die eine so komplexe Persönlichkeit wie Anita Berber eigentlich verdient hätte. Die Ereignisse und Reflexionen über ihr Leben sind gut recherchiert, aber die Erzählung könnte sich an manchen Stellen mehr auf die Atmosphäre und die Entwicklung der Hauptfigur konzentrieren.

„Der ewige Tanz“ bietet dennoch einen spannenden Überblick über das Leben einer faszinierenden Persönlichkeit und ist für Leser, die an der Weimarer Republik und an der Kunstszene jener Zeit interessiert sind, durchaus empfehlenswert. Wer sich jedoch eine intensivere, emotionalere Auseinandersetzung mit Anita Berber und ihrer Kunst erhofft, könnte das Buch als etwas zu oberflächlich empfinden.

Veröffentlicht am 30.03.2025

Verloren im Faktenmeer

Heimweh im Paradies
0

„Heimweh im Paradies“ verspricht eine atmosphärische Reise in das kalifornische Exil großer deutscher Intellektueller, allen voran Thomas Mann. Was man jedoch bekommt, ist ein Buch, das in seiner nüchternen ...

„Heimweh im Paradies“ verspricht eine atmosphärische Reise in das kalifornische Exil großer deutscher Intellektueller, allen voran Thomas Mann. Was man jedoch bekommt, ist ein Buch, das in seiner nüchternen Faktenfülle und seinem bemüht kunstvollen Stil kaum über das Niveau einer Aneinanderreihung biografischer Notizen hinauskommt.

Martin Mittelmeier hat zweifellos akribisch recherchiert – das zeigt sich in der Vielzahl an Anekdoten und historischen Details, die er zusammenträgt. Leider bleibt es genau dabei: Das Buch ist mehr ein Register der Ereignisse als ein erzählerisches Werk mit Atmosphäre oder innerem Spannungsbogen. Der Leser wird Zeuge dessen, was Thomas Mann im Exil tat, mit wem er verkehrte, wann er welchen Vortrag hielt – doch das Wie, das Erleben, das menschliche Drama dahinter, bleibt blass. Dialoge? Fehlanzeige. Stattdessen werden Beobachtungen nüchtern wiedergegeben.

Der Stil des Autors wirkt teils gekünstelt, was den Text häufig schwerfällig und verkopft erscheinen lässt. Besonders Leser, die sich nicht tief im philosophisch-literarischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts auskennen, könnten sich rasch verloren fühlen. Die Folge: ein Buch, das intellektuell fordern möchte, aber emotional kaum berührt.

Dabei hätte das Thema Potenzial: Die Begegnungen der Exilanten, die Spannungen zwischen Künstlern und politischen Flüchtlingen, die Frage nach Kunst und Verantwortung in Zeiten der Diktatur – all das ließe sich packend, lebendig und aufwühlend erzählen. Stattdessen liest sich das Buch streckenweise fast wie ein Pflichttext, nicht wie eine lebendige literarische Auseinandersetzung.

Wer ein Faible für biografische Daten und intellektuelle Name-Dropping-Exkurse hat, wird hier bedient. Wer jedoch auf eine fesselnde, literarisch anspruchsvolle und gleichzeitig zugängliche Darstellung des Exils hofft, dürfte enttäuscht sein. Heimweh im Paradies verpasst die Chance, mehr als bloße Exilchronik zu sein – und bleibt letztlich ein trockenes Stück Literaturgeschichte.

Veröffentlicht am 01.03.2025

Familiengeheimnisse und der Preis des Reichtums

Die Fletchers von Long Island
1

Taffy Brodesser-Akner entwirft in ihrem Roman Die Fletchers von Long Island das vielschichtige Porträt einer reichen, jüdisch-amerikanischen Familie, die von einem traumatischen Ereignis aus den 1980er-Jahren ...

Taffy Brodesser-Akner entwirft in ihrem Roman Die Fletchers von Long Island das vielschichtige Porträt einer reichen, jüdisch-amerikanischen Familie, die von einem traumatischen Ereignis aus den 1980er-Jahren – der Entführung des Familienvaters Carl Fletcher – geprägt ist. Jahrzehnte später zeigt sich, wie dieses Erlebnis nicht nur Carl, sondern auch seine Frau Ruth und die drei Kinder nachhaltig beeinflusst hat. Mit einem scharfen Blick für gesellschaftliche Dynamiken und einem Hauch von bitterbösem Humor beleuchtet Brodesser-Akner die Schattenseiten von Privilegien und den Nachwirkungen familiärer Traumata.

Die Handlung beginnt temporeich mit der Entführung Carls und ihrer unmittelbaren Folgen, bevor sich der Roman stärker auf die Lebenswege der drei Kinder Beamer, Nathan und Jennifer konzentriert. Dabei behandelt Brodesser-Akner große Themen wie generationenübergreifendes Trauma, den American Dream, familiäre Dysfunktionalität und soziale Ungleichheit. Der Erzählton schwankt zwischen satirischem Humor und tiefgründigen Reflexionen, was den Roman sowohl unterhaltsam als auch nachdenklich macht.

Die Charaktere sind gut gezeichnet, wenn auch nicht immer sympathisch. Beamer, ein erfolgloser Drehbuchautor, Nathan, ein neurotischer Anwalt, und Jennifer, die mit ihrem Platz in der Welt hadert, kämpfen allesamt mit den Erwartungen, die ihre privilegierte Herkunft an sie stellt, sowie mit den unausgesprochenen Folgen der Entführung ihres Vaters. Trotz ihrer individuellen Konflikte und Geheimnisse wirkt manches vorhersehbar, und einige Episoden – besonders Beamers Exzesse mit Drogen und Affären – ziehen sich zu sehr in die Länge.

Der Roman ist sprachlich gelungen und bietet viele scharfsinnige Beobachtungen über Reichtum und die damit verbundene Isolation, doch die 600 Seiten hätten gut von einer strafferen Struktur profitiert. Manche Szenen wirken überflüssig und die Thematisierung der Entführung bleibt stellenweise mehr Aufhänger als zentraler Aspekt der Geschichte. Dennoch überzeugt der Roman durch seinen satirischen Witz, die bittersüße Absurdität und die universellen Fragen, die er aufwirft: Wie sehr prägt uns unsere Herkunft? Und können Privilegien ein Segen und Fluch zugleich sein?

Die Fletchers von Long Island ist ein ambitionierter Familienroman, der sich mit den großen Themen des Lebens befasst und dabei unterhält und nachdenklich macht. Trotz einiger Längen und stellenweiser Vorhersehbarkeit ist es ein lesenswerter Roman für alle, die vielschichtige Familiengeschichten und Gesellschaftskritik schätzen.

Veröffentlicht am 24.02.2025

Jugend am Abgrund

bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann
0

Oliver Lovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" will atemlos und brutal ehrlich sein – eine schonungslose Momentaufnahme jugendlicher Rastlosigkeit und Perspektivlosigkeit in Oslo. Die ...

Oliver Lovrenskis "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" will atemlos und brutal ehrlich sein – eine schonungslose Momentaufnahme jugendlicher Rastlosigkeit und Perspektivlosigkeit in Oslo. Die vier Freunde, die zwischen Drogen, Gewalt und einer tiefen, fast verzweifelten Loyalität zueinander gefangen sind, werden als verlorene Seelen einer reichen, aber gleichgültigen Gesellschaft gezeichnet.

Das Buch besticht durch seinen fragmentarischen Stil und eine konsequente Kleinschreibung, die den Eindruck eines rohen, spontanen Erfahrungsberichts verstärkt. Doch genau hier liegt auch eine der Schwächen: Während die Sprache die ungeschliffene Realität widerspiegeln soll, bleibt sie oft floskelhaft und stilisiert. Die Kapitel sind extrem kurz, was zwar die Rastlosigkeit der Charaktere transportiert, andererseits aber auch Tiefe und Reflexion verhindert.

Thematisch bewegt sich das Buch auf vertrautem Terrain: Drogen, Gewalt, kaputte Familien, toxische Männlichkeit und das Gefühl, nicht dazuzugehören. Doch es bleibt oft an der Oberfläche. Die Charaktere verschwimmen ineinander, ihre Schicksale berühren, ohne wirklich unter die Haut zu gehen. Was bleibt, ist ein raues, wütendes Buch, das wichtige Themen anschneidet – aber nicht immer die emotionale Tiefe erreicht, die es anstrebt.

"bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" ist in temporeiches, stilistisch auffälliges Debüt, das die Schattenseiten einer Jugend im Ausnahmezustand beleuchtet – aber oft mehr Lärm macht, als es wirklich erzählt.