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Veröffentlicht am 10.07.2025

Der Wilde Mann

Susanna
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Mit fünf Jahren sticht Susanna dem Wilden Mann mit ihrem Finger ein Auge aus. Von der ersten Seite dieses Romans an wird deutlich, dass wir es mit einer ausgewöhnlichen Protagonistin zu tun haben. Capus ...

Mit fünf Jahren sticht Susanna dem Wilden Mann mit ihrem Finger ein Auge aus. Von der ersten Seite dieses Romans an wird deutlich, dass wir es mit einer ausgewöhnlichen Protagonistin zu tun haben. Capus erzählt die Lebensgeschichte von Susanna Faesch, die in (Klein-)Basel in der Schweiz ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Für die Beschreibung dieser sehr sittenstrengen, monotonen und geradezu sterbenslangweiligen Gemeinschaft läßt sich Capus recht viel Zeit; hier lernen wir auch Maria, Susannas Mutter genau kennen, die schließlich ihre Koffer packt und mit der einzigen Tochter nach New York auswandert. Hier wird aus Susanna sehr früh eine beliebte Porträtmalerin, die sich besonders auch für Native Americans interessiert. Schließlich reist sie mit Mitte Vierzig nach Dakota, lernte Sitting Bull kennen und fertigt mehrere Porträts von ihm an. Soweit das historische Grippe, aus dem Capus einen Roman mit sehr vielen interessanten Details gemacht hat.

Er stellt die "alte" und die "neue" Welt gegenüber, flicht verschiedene Konflikte innerhalb Europas ein, beschreibt den Einzug der Moderne durch die Eisenbahn, die Glühbirne, die Elektrifizierung, die Einwandererareale in Brooklyn, die Geistertänze und schließlich die Kämpfe mit und die Massaker an den Native Americans.

Capus wählt einen distanzierten Ton für seinen Roman, der sich dadurch verstärkt, dass der Erzähler häufig aus der Geschichte hervortritt und kommentiert. Es steck unheimlich viel drin in diesem Text. Wie bei einem Kaleidoskop, das bei jeder kleinen Drehung ein neues Muster zeigt, finden wir ständig neue, interessante Elemente, die man weiterverfolgen möchte, doch schon kommt das nächste Muster.

Gewünscht hätte ich mir, dass die Begegnung mit Sitting Bull etwas mehr Raum bekommen hätte, schließlich wirbt der Klappentext genau damit. Als Susanna sich auf den Weg nach Dakota macht, hat das Buch aber plötzlich nur noch 50 Seiten, da war ich etwas enttäuscht. Am Ende, wenn man die Geschichte nochmal rekapituliert, passt es aber doch, denn Susanna steht im Mittelpunkt dieser Entwicklungsgeschichte. Sehr gut gefallen hat mir, wie sich der Kreis am Ende schließt und Bezug auf den Beginn des Romans nimmt, mit einem "Wilden Mann" und mit einem Tanz. Einem, der nur "wild" ist innerhalb der erlaubten, strengen Tradition und einem anderen Tanz, der einer Befreiung gleichkommt und zu einer Tragödie führt.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Schnitzeljagd

Todesmal
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Der exzentrische BKA-Profiler Maarten S. Sneijder in seinem fünften Fall, den er zunächst gar nicht übernehmen will. Die ältere Nonne, die mehrere Morde ankündigt, will nur mit ihm sprechen. Gibt es da ...

Der exzentrische BKA-Profiler Maarten S. Sneijder in seinem fünften Fall, den er zunächst gar nicht übernehmen will. Die ältere Nonne, die mehrere Morde ankündigt, will nur mit ihm sprechen. Gibt es da eine Verbindung? Die Neugier siegt und so ermitteln Sneijder und sein Team gegen die Zeit, denn jeden Tag soll es ein weiteres Opfer geben. Und die Mordserie beginnt extrem grausam.

Wie gewohnt gibt es einen kniffeligen Fall, der voller Rätsel und Geheimnisse steckt und der bei den Todesarten nicht mit fiesen Details spart. Kurze Kapitel, Zeit- und Ortswechsel sorgen für Dynamik. Insgesamt wirkt der Fall aber recht konstruiert und dieser Band ist für mich einer der schwächeren der Reihe. Die Figuren des Misanthropen Sneijder und seiner "Normalo"-Kolleg*innen, allen voran Sabine Nemez, sind aber dennoch eine Bereicherung des Thriller-Regals. Ich mag der Serie wirklich gerne und nachdem ich meine Lücke mit diesem Band füllen konnte, stehen jetzt schon die nächsten beiden Teile der Reihe im Regal.

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Veröffentlicht am 20.06.2025

Die Suche

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid
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Im Vordergrund scheint die Suche nach einem Bild zu stehen, von dem Senta einst nur notierte: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Was es mit diesem Bild auf sich hat, das erfährt ...

Im Vordergrund scheint die Suche nach einem Bild zu stehen, von dem Senta einst nur notierte: Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Was es mit diesem Bild auf sich hat, das erfährt man im Laufe der Geschichte, wenn wir der jungen Berlinerin Hannah über die Schulter schauen. Auch Hannah sucht etwas und das ist nicht in erster Linie das Bild, sondern etwas, von dem sie gar nicht weiß, was es ist. Da ist eine Leere, eine Unruhe und gleichzeitig ein Auf-der-Stelle-treten in ihr. Hannahs hochbetagte Großmutter Evelyn lebt in einer Seniorenresidenz und ihre Enkelin besucht sie eher widerwillig. Das Verhältnis zu einander ist nicht besonders herzlich. Als Evelyn den Brief einer israelischen Anwaltskanzlei erhält, in dem sie als Alleinerbin eines verschollenen jüdischen Kunstvermögens bezeichnet wird, fällt Hannah aus allen Wolken.

Gemeinsam mit Hannah, die mental durch die Affäre mit ihrem verheirateten Doktorvater gebeutelt ist, und einem Historiker begeben wir uns nun auf die Reise in die Vergangenheit, zunächst in das Berlin der 1920er Jahre und zu Senta.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Er liest sich ganz wunderbar, hat gut erdachte, lebendige Charaktere und ist auch noch spannend. Natürlich wird hier das Rad nicht neu erfunden und ein paar Klischees gibt es auch, aber die Geschichte vermag wirklich zu fesseln. Die Sprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart führen die losen Enden immer weiter zusammen und geben der Handlung gleichzeitig Tempo. Das Ende hätte ich mir gerne anders gewünscht, aber so ist das Leben.

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Veröffentlicht am 20.06.2025

Jim erzählt

James
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"Huckleberry Finn" (1885) gehört zu den Klassikern der US-amerikanischen Literatur. Dieser Roman verkaufte sich von allen Werken Mark Twains am besten, das Buch ist und bleibt jedoch nicht frei von Kritik. ...

"Huckleberry Finn" (1885) gehört zu den Klassikern der US-amerikanischen Literatur. Dieser Roman verkaufte sich von allen Werken Mark Twains am besten, das Buch ist und bleibt jedoch nicht frei von Kritik. Neben dem historischen Vorwurf, es wäre recht derb, steht der Roman in der zeitgenössischen Kritik vor allem unter dem Vorwurf des Rassismus.

Percival Everett hat dieses Element in seiner "Adaption" von Huckleberry Finn ins Zentrum gestellt, indem die Hauptperson nun der Sklave Jim ist. Aus seiner Sicht wird die Geschichte ähnlich, neu und doch ganz anders erzählt. Zunächst bleibt Everett recht eng an seiner Vorlage. Im zweiten Teil wird die Handlung erzählt, die wir als Huck-Leser nicht aus erster Hand kennen, denn Jim und Huck werden getrennt und Mark Twain bleibt natürlich bei seinem Ich-Erzähler Huck. Der letzte Teil schließlich entfernt sich komplett von der Vorlage und erzählt eine ganz andere Geschichte.

Bei Everett zeigt sich Jim nicht nur als völlig andere Person, sondern ich möchte fast sagen, überhaupt erst als Person. Bei Twain wird Jim häufig als leicht- und abergläubisch, nicht besonders helle, schreckhaft etc. dargestellt. Everett entwirft ein völlig anderes, überraschendes Bild, das uns als Leser*innen den Spiegel vorhält. An dieser Stelle gilt dem Übersetzer Nikolaus Stingl besondere Anerkennung, ohne zu viel verraten zu wollen. Ab dem zweiten Abschnitt verabschieden wir uns auch von dem Idyll, das wir mit Twains geschilderten Abenteuern auf dem Mississippi verbinden. Es wird ungeschönt und brutal über die Situation der versklavten Menschen geschrieben.

Ein Roman, der mich sehr überrascht hat und Huck Finn in einem neuen Licht erscheinen läßt. Ich empfehle, zumindest eine umfassende Zusammenfassung von Twains Werk vorab zu lesen, sofern der Inhalt nicht (mehr) bekannt sein sollte. Der Pulitzer-Preis ist verdient an diesen Roman gegangen.

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Veröffentlicht am 27.05.2025

Die Galionsfigur

Die Frauen von Cornwall
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Der Debütroman der berühmten Rebecca-Autorin Daphne du Maurier! Wegen das malerischen, wirklich wunderschönen Covers und des Titels hatte ich allerdings von Die Frauen von Cornwall etwas Anderes erwartet. ...

Der Debütroman der berühmten Rebecca-Autorin Daphne du Maurier! Wegen das malerischen, wirklich wunderschönen Covers und des Titels hatte ich allerdings von Die Frauen von Cornwall etwas Anderes erwartet.

Gelesen habe ich eine eher düstere Familiensaga über vier Generationen, wobei es durchaus nicht hauptsächlich um die Frauen der Familie Coombe geht. Janet Coombe und ihrem ungestümen Sohn Joseph gehören die ersten beiden Kapitel, die auch den größeren Teil dieses Romans ausmachen. Janets Enkel und dessen Tochter schließen dann den Reigen der Generationen. Die Coombs besitzen eine kleine Werft und ein Handelssegelschiff an der Südküste von Cornwall. Alle Familienmitglieder sind eng mit ihrer kleinen Heimatstadt Plyn verbunden und lieben das Meer und die Küste.

Im Alter von 24 Jahren veröffentlichte du Maurier diese Saga, in der eigentlich alle Zutaten vorhanden sind: Die erste Generation, die in Gestalt von Janet, einer wortwörtlichen Galionsfigur, alle weiteren Generationen beeinflusst; ein intriganter Verwandter, unglückliche Lieben, Leidenschaft, Tod, eine Prise Schauerroman (Gothic novel) und das alles vor einer grandiosen Kulisse.

Leider konnte mich dieses Debüt aber nicht überzeugen. Ich habe es durchaus gerne gelesen, aber immer im Bewusstsein, wer die Autorin ist. Es gibt einige Längen im Roman, Wiederholungen und ein Ungleichgewicht zwischen den Charakteren, die mir nicht immer ganz ausgereift erschienen. Ich konnte ihr Handeln und ihre charakterlichen Veränderungen häufig nicht nachvollziehen. Die intensiven Gefühle zwischen Janet und ihrem Sohn Joseph waren in den ersten zwei Kapiteln ein sehr zentrales Element, mit dem ich jedoch nicht so viel anfangen konnte. Das passte nicht so recht zum Rest des Romans.

Insgesamt ein Generationenroman, den man mit anderen Erwartungen gut lesen kann und der viel von der Schönheit Cornwalls einfängt. Aber ein Debüt, das noch nicht voll zeigt, was die Autorin später konnte. Es gibt zahlreiche Elemente, die z.B. in Rebecca wieder auftauchen und dort wesentlich stimmiger eingebracht werden.

Leider trägt auch der aktuelle Titel dazu bei, den Roman in eine bestimmte Ecke zu drängen, denn der Originaltitel The Loving Spirit, in früheren Ausgaben mit Der Geist von Plyn übersetzt, trifft den Kern des Buches wesentlich besser.

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