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Veröffentlicht am 22.05.2025

Kinderwunschbehandlung in Südkorea

Hello Baby
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Südkorea ist das Land mit der niedrigsten Geburtenrate weltweit, 2022 lag sie bei nur 0,78 Kindern pro Frau. In diesem Roman einer Südkoreanerin, die selbst von dem Thema betroffen ist, Erfahrung mit Kinderwunschkliniken ...

Südkorea ist das Land mit der niedrigsten Geburtenrate weltweit, 2022 lag sie bei nur 0,78 Kindern pro Frau. In diesem Roman einer Südkoreanerin, die selbst von dem Thema betroffen ist, Erfahrung mit Kinderwunschkliniken hat und der es leider nicht gelungen ist, Mutter zu werden, bekommen wir einige Einblicke in mögliche Gründe dafür und in die südkoreanische Gesellschaft insgesamt.

Es wird eine Gesellschaft geschildert, die einerseits sehr leistungsorientiert ist und den arbeitenden Menschen enorm viel Einsatz und ein hohes Ausmaß an Arbeitsstunden abverlangt, andererseits aber gerade im familiären Bereich noch sehr traditionell ist. Das zeigt sich zum Beispiel daran, welche enorme Bedeutung bei einem Paar die Schwiegereltern der Frau - also die Eltern des Mannes - und deren Wünsche und Erwartungen zu haben scheinen.

Manches junge Paar lebt sogar gemeinsam mit den Schwiegereltern, was, wie eine der fiktiven Romanfiguren sagt, bedeuten kann, mehr Zeit mit der Schwiegermutter zu verbringen als mit dem eigenen Mann, der viel arbeitet und auch beruflich oft auf längeren Reisen ist. Diese Schwiegereltern scheinen es oft auch zu sein, die unglaublichen Druck auf das Paar und insbesondere auf die junge Frau ausüben, Nachkommen - und zwar möglichst schnell zumindest auch einen männlichen - zu produzieren, und die oft davon ausgehen, dass es auf jeden Fall an der Schwiegertochter und nicht an dem eigenen geliebten Sohn liegen müsse, wenn es nicht gleich klappt.

Auf der anderen Seite ist Südkorea eben auch hochentwickelt und modern, viele junge Menschen haben die Universität absolviert und es gibt hochmoderne Kinderwunschkliniken. Die Tragik fast aller in diesem Buch vorkommenden Paare ist, dass diese Kinderwunschklinik erst relativ spät besucht wird: meistens erst Mitte/Ende 30 oder gar erst Anfang 40, wenn die Chancen auf eine erfolgreiche Schwangerschaft auch mit dieser Unterstützung altersbedingt leider schon recht niedrig sind.

Warum das so ist, wird einem auch klar, wenn man das Buch liest: zwar haben die meisten Paare sich durchaus schon einigermaßen jung und auf der Universität kennen gelernt und sind schon seit langer Zeit zusammen. Aber die südkoreanische Gesellschaft an sich scheint sehr kinderfeindlich zu sein, und das gilt noch einmal mehr für den Bereich der hochqualifizierten Frauen, so scheint mir. Es scheint normal zu sein, jahrzehntelang in einer Beziehung zu sein, aber überhaupt keine Kinder zu wollen, oder erst sehr spät.

Wenn eine Frau mal schwanger wird, kann sie nicht mit dem Wohlwollen von Seiten der Firma rechnen: es wird erwartet, dass sie bis kurz vor der Geburt beruflich die volle Leistung erbringt, sich nichts anmerken lässt, danach nur kürzestmöglich in Mutterschutz geht und auf keinen Fall das volle Ausmaß an erlaubter Elternzeit ausnützt. Aber selbst dann wird sie schief angesehen dafür. Die Entscheidung einer hochqualifizierten jungen Frau in Südkorea, Mutter zu werden, scheint also noch einmal schwieriger zu sein als bei uns in Europa. Zusätzlich besteht die enorme Gefahr, danach komplett aufs berufliche Abstellgleis geschoben und in eine sehr traditionelle Mutterrolle, im Extremfall im Haushalt der eigenen Schwiegereltern, gedrängt zu werden.

All diese ausführlich von mir geschilderten Hürden stellen den Hintergrund dar, warum eben die Mehrzahl der sechs im Buch vorkommenden Frauen sich erst so spät mit dem Thema beschäftigt und die Unterstützung der Kinderwunschklinik braucht - und selbst diese in den meisten Fällen nichts mehr bringt. Wir lernen sechs Frauen kennen, die alle zwischen Mitte 30 und etwa Mitte 40 sind und sich im Kontext der Kinderwunschbehandlung kennen gelernt haben. Es sind überwiegend sehr gut qualifizierte, beruflich erfolgreiche Frauen, etwa eine Anwältin und eine Tierärztin mit eigener Praxis.

Die Frauen gründen eine Gruppe auf KakaoTalk, einem Instant-Messaging-Dienst, der vermutlich WhatsApp ähnelt, und tauschen sich dort über ihre Kinderwunschbehandlungen aus. Bis überraschend eine von ihnen - mit 46 Jahren ausgerechnet die älteste und jene, die vor einem Jahr beschlossen hatte, die Kinderwunschbehandlung aufzugeben - postet, vor kurzem Mama geworden zu sein und alle anderen zur Babyparty einlädt... während gleichzeitig in einer Geburtenstation in der Nähe der Kinderwunschklinik ein Neugeborenes verschwunden ist und verzweifelt gesucht wird.

Sehr emotional ist das Buch nicht geschrieben. Die Geschichten der Frauen werden eine nach der anderen abgehandelt, wir erfahren etwas über ihr Leben und die Hintergründe, die sie in die Kinderwunschklinik geführt haben. Bei fünf der sechs Frauen ist es tatsächlich der akute unerfüllte Kinderwunsch, die sechste möchte mit Social Freezing vorsorgen, um eben später nicht in diese Lage zu geraten, ist aber mittlerweile auch schon Mitte 30. Ihre langjährige Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen.

Wer sich für die medizinischen Hintergründe einer Kinderwunschbehandlung interessiert und bisher nicht viel darüber weiß, kann aus diesem Buch einiges lernen. Es wird sehr detailliert geschildert, welche verschiedenen Ursachen es sowohl auf Seiten der Frau (z.B. PCO-Syndrom) als auch auf Seiten des Mannes (z.B. Azoospermie) für den unerfüllten Kinderwunsch geben kann, welche Behandlungsmöglichkeiten (Insemination, ICSI, IVF,...) es gibt und wie diese bis ins Detail medizinisch ablaufen. Auch Ovulationstests, das Spekulieren über mögliche Einnistungsblutungen, Fehlgeburten usw. spielen eine Rolle. Es geht also wirklich um das ganze Spektrum der Kinderwunschzeit mit medizinischer Unterstützung.

Nebenbei lernt man so einiges über die südkoreanische Gesellschaft, hier eine Textstelle, die beides zeigt: ""Was ist denn ein Abortivei?" fragte Munjeong. "Es kommt zwar zu einer Einnistung in der Gebärmutter, aber das Embryo entwickelt sich nicht weiter. Ich war in der Klinik, um das Herz des Babys zu hören. Es gab eine Fruchtblase, aber ohne Dottersack und Embryo. Es war wie ein leeres Haus. Ein leeres Haus, das zumindest ziemlich geräumig gebaut war. Vielleicht hat das Baby geahnt, dass seine Eltern kein eigenes Haus besitzen, und wollte sich selbst ein ordentliches bauen..." (S. 44)"

Ich persönlich habe das Buch gerne gelesen und interessant gefunden. Die porträtierten Frauen sind mir allerdings alle emotional nicht sonderlich nahe gegangen. Das mag an der eher distanzierten Schilderung liegen, die möglicherweise mit der südkoreanischen Kultur zu tun hat (das kann ich nicht beurteilen, weil ich diese kaum kenne). Und ein bisschen vielleicht auch an den für mich sehr fremdartigen Namen (Hyekyoung, Munjeong, Jeonghyo...), bei denen ich immer wieder mal kurz überlegen musste, von welcher Frau jetzt die Rede ist. Beides kann ich dem Buch nicht vorwerfen, es handelt sich nun mal um ein übersetztes Werk aus einer Kultur, die sich von der europäischen sicher in vielem stark unterscheidet.

Wem würde ich das Buch empfehlen? Tatsächlich all jenen, die sich sowohl für Südkorea als auch für das Thema Kinderwunschbehandlung interessieren, ohne persönlich zu betroffen zu sein. Aus persönlicher Distanz und wenn man mit der eigenen Familiensituation einigermaßen zufrieden ist, ist es ein interessant zu lesendes Buch. Doch wenn jemand persönlich von bisher unerfülltem Kinderwunsch und erfolglosen Kinderwunschbehandlungen betroffen wäre, könnte es schon ein recht deprimierendes Buch sein: kaum eine der porträtierten Frauen erreicht mit der Behandlung ihr gewünschtes Ziel: ein Baby. Wer in Bezug auf dieses Thema also sensibel ist, entscheide sorgfältig, ob es gerade der richtige Zeitpunkt ist, sich so detailliert mit dem Thema in diesem Buch zu konfrontieren.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Liebevoll geschriebenes, praxisorientiertes Buch zur Geburtsvorbereitung

Dein Geburtscoach
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Es gibt mittlerweile so einige Bücher zum Thema Vorbereitung auf eine gute Geburt am Markt. Viele davon sind von Hebammen oder Doulas geschrieben, und die allermeisten von Frauen. So finde ich es erfrischend ...

Es gibt mittlerweile so einige Bücher zum Thema Vorbereitung auf eine gute Geburt am Markt. Viele davon sind von Hebammen oder Doulas geschrieben, und die allermeisten von Frauen. So finde ich es erfrischend und interessant, einmal ein Buch von einem Mann zu diesem Thema zu lesen, der als leitender Oberarzt und Geburtshelfer jahrzehntelange Erfahrung in diesem Bereich gesammelt hat und nun neben vielen anderen Tätigkeiten Geburtscoachings anbietet.

Äußerst sympathisch finde ich die liebevolle, farbenfrohe und persönliche Gestaltung des Buches. Als Leserin werde ich mit "Du" angesprochen und das Buch ist auf eine Art und Weise verfasst, die ich als sehr persönlich und nahbar empfinde, was ich sehr schätze. Es gibt viele Fallgeschichten und persönliche Reflexionsfragen, das macht das Buch sehr praxisorientiert und anschaulich. Durch diesen persönlichen Zugang fühle ich mich als Leserin wertgeschätzt und begleitet auf meiner Reise der Beschäftigung mit dem Thema Geburt. Bei mir ist es eine Rückschau, denn ich persönlich bin gerade nicht schwanger, sondern beurteile das Buch aus der Perspektive als Mama eines kleinen Kindes, die viele im Buch beschriebene Erfahrungen schon hinter sich hat.

Gleich am Anfang wird das Buch mit folgendem Zitat einer Mutter an ihre Tochter eingeführt: "Wenn der Sturm sich gelegt hat, bist du Mutter, und wenn du deine starken Wurzeln anschaust, siehst du die Kraft, die du hast und die dich besser als je zuvor durchs Leben trägt."

Was für eine schöne, positive und lebensbejahende Perspektive! Ein Blick auf die Ressourcen und die Resilienz, die in einer Geburt liegen können... auch wenn sie schwer war. Mit einigen Jahren Abstand kann ich diesem Spruch durchaus zustimmen.

Sturm... Wurzeln... Kraft... um viele dieser Themen geht es dann auch im Buch.

Eingeteilt in angenehm kurze, übersichtliche und leicht lesbare Kapitel geht es um Themen wie Geburtsvorbereitung, Familiengeschichte, Mindset, Ressourcen, den Ablauf der Geburt an sich und damit verbundene Herausforderungen (Angst, Schmerz, Anspannung und Erschöpfung, das Gefühl, nicht mehr zu können), aber auch Wege, mögliche Hindernisse im Vorfeld aus dem Weg zu räumen oder damit umzugehen.

Dabei gibt es viele praktische Fragen, die zum Nachdenken oder auch mit eigenen Familienmitgliedern ins Gespräch kommen anregen, beispielsweise zur eigenen Familiengeschichte: "Wie bist du selbst zur Welt gekommen?... Gibt es in deiner Familie Mythen, Traditionen oder Aufträge in Sachen "Geburt"?... Wie gehst du mit Beziehung und Bindung um?" (S. 34)

Dieser ganzheitliche und systemische Zugang zum Thema Geburt gefällt mir sehr. Es ist auch selbstermächtigend, sich damit zu beschäftigen, welche anderen Themen alle damit zusammenhängen könnten und mir bewusst zu machen, dass ich auf so einiges davon Einfluss nehmen kann, indem ich mich genauer damit beschäftige. Schmunzeln musste ich auch über so manche positive Reframings, z.B. Pause-Durchatmen-Auftanken für PDA .

Insgesamt ist es ein äußerst positives, hoffnungsvolles und Mut machendes Buch, das auf eine positive Geburt einstimmen und einige verbreitete Mythen zum Thema Geburt kritisch hinterfragen kann (z.B. zum Thema Schmerz: laut Angaben des Autors gibt jede 6. Gebärende an, zwar Druck unter der Geburt zu verspüren, aber keinen Schmerz).

Am Ende noch ein paar wenige Einschränkungen: insgesamt ist es ein Buch, in dem sehr stark die natürliche Geburt empfohlen wird und ein Kaiserschnitt nur als Ausnahmelösung. Dies ist wahrscheinlich medizinisch fundiert und berechtigt. Es könnte aber sein, dass dadurch Schwangere, die - aus welchen Gründen auch immer - fix mit einem Kaiserschnitt rechnen, sich nicht ganz so gut davon abgeholt fühlen könnten. Und die Bedingungen in der Geburtshilfe finde ich etwas zu positiv dargestellt: da ist von einer freien Wahl des Geburtsortes die Rede, von der Möglichkeit, während der Geburt auf Wunsch die Hebamme zu wechseln und so einiges mehr... ich und wohl so einige weitere Frauen, von denen ich gehört und gelesen habe, haben da leider deutlich schlechtere Bedingungen im öffentlichen Gesundheitssystem erfahren.

Es ist auch insgesamt ein Buch, das zwar erwähnt, dass es Gewalt und insgesamt oft große Missstände in der Geburtshilfe gibt und ganz kurz darauf eingeht, insgesamt liegt hier aber kein Schwerpunkt dieses Buches (muss es auch nicht, dazu gibt es andere).

Ich verstehe auch, dass der Autor dieses Thema nicht zu sehr ausbreiten möchte, denn, wie er schreibt und damit ja auch durchaus Recht hat (S. 31): "Wer in Risiken denkt, schafft und provoziert sie - wer an die Chancen glaubt, vergrößert sie." So ein Buch ist das hier: ein positives, hoffnungsvolles, das dabei unterstützen will, an Chancen zu glauben. Die erwähnten Einschränkungen sollen also den Wert des Buches nicht mindern.

Ich empfehle es also nicht als einziges Buch, um sich mit dem Thema Geburtsvorbereitung zu beschäftigen (dafür ist es mir fast ein bisschen zu unrealistisch positiv in der Darstellung der Geburtsbedingungen in öffentlichen Krankenhäusern - einiges, was der Autor beschreibt, stellt dar, wie es im Idealfall sein sollte, aber nicht, wie es oft tatsächlich ist), aber als eines von mehreren kann es wertvolle Dienste leisten, um eine möglichst positive und angstfreie Haltung zur Geburt zu entwickeln - dafür ist es ein sehr wertvolles Buch!

Es wird jedenfalls einen fixen Platz in meinem Bücherregal bekommen, für alle Eventualitäten in der Zukunft, die das Leben in Bezug auf dieses Thema noch für mich bereitstellen wird, und zur Weiterempfehlung an andere für eine positive Einstimmung zum Thema Geburt.

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Veröffentlicht am 18.05.2025

Sehr berührendes Epos über das Aufwachsen im kommunistischen China zwischen 1970 und 1989

Himmlischer Frieden
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"Himmlischer Frieden" ist das Debüt der mit ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Töchtern in England lebenden, 1970 in China geborenen und aufgewachsenen, Autorin Lai Wen, die ihr Geburtsland 1989 nach ...

"Himmlischer Frieden" ist das Debüt der mit ihrem Mann und den gemeinsamen zwei Töchtern in England lebenden, 1970 in China geborenen und aufgewachsenen, Autorin Lai Wen, die ihr Geburtsland 1989 nach den Vorfällen auf dem Platz des Himmlischen Friedens für immer verlassen hat. Das Buch beschreibt die wahre Geschichte der Autorin in ihren ersten 19 Lebensjahren, leicht fiktionalisiert, aber grundsätzlich auf wahren Erlebnissen beruhend. Die Geschichte zieht sich über 560 Seiten und das braucht Zeit und Raum, zeitlich zum Lesen und auch emotional zum Verarbeiten.

Einfühlsam und unterhaltsam erzählt begleiten wir die Autorin von ihrer frühen Kindheit über ihre Grundschulzeit über die weiterführende Schule bis zur Zeit als Studentin der Literaturwissenschaft an der Pekinger Universität, in der es schließlich zu den Protesten für Demokratie und Meinungsfreiheit auf dem Platz des Himmlischen Friedens kommt, die am Ende - wie historisch bekannt ist - von der Chinesischen Regierung gewaltsam niedergeschlagen werden.

Eine besondere Stärke der Autorin liegt darin, menschliche Beziehungen und Emotionen spürbar zu machen. In diesem besonderen Buch geht es ganz viel um Beziehungen: um die Beziehung der kleinen Lai Wen zur geliebten Großmutter, die im gemeinsamen Haushalt mit der Familie lebt. Eine unbeugsame Frau mit sehr starken Meinungen, aber auch viel Humor und Liebe zur kleinen Enkelin, die aber tragischerweise gegen Ende ihres Lebens immer mehr im Nebel der Demenz versinkt, was ebenfalls ausführlich geschildert wird.

Vor dem Hintergrund dieser starken Persönlichkeit wirken Lai Wens Eltern sehr blass: der Vater wurde als Intellektueller während der Kulturrevolution verfolgt und vermutlich auch gefoltert, seitdem ist er nur mehr ein Schatten seiner selbst, körperlich zwar anwesend, psychisch und emotional kaum mehr. Die Mutter ist eine außergewöhnlich schöne, aber eher kalte Frau, die sich schwer damit tut, dem kleinen Mädchen ihre Liebe zu zeigen (und auch die Studentin Lai Wen fragt sich noch, ob die Mutter sie jemals geliebt habe). Es wird also spürbar, wie viel Traumatisierung in der chinesischen Gesellschaft nach der Kulturrevolution da ist.

Lai Wen wächst als grundsätzlich recht angepasstes, aber neugieriges und intelligentes Kind auf. Schon im Volksschulalter wird sie mit brutaler Polizeigewalt konfrontiert, als sie gemeinsam mit Gleichaltrigen eine Ausgangssperre missachtet, auf die Polizeiwache geschleppt und ihr von einem der Beamten der Arm ausgekugelt wird. Das wird ihre Angst vor dem Machtapparat noch verstärken. Gleichzeitig wird sie in der Schule mit kommunistischer Propaganda überschüttet, die Schulklasse macht einen Ausflug zur konservierten Leiche Maos und es wird immer wieder betont, wie wichtig der Verzicht für das große Ganze sei.

Als Jugendliche beginnt Lai Wen eine Beziehung mit einem ihrer Freunde aus der Kindergruppe, die gemeinsam gespielt und die Ausgangssperre missachtet hat. Er ist damals für sie eingetreten und hat vor der Polizei die Schuld auf sich genommen. Beide verbindet ihre Sensibilität und Intellektualität, gleichzeitig trennt sie der unterschiedlichen Klassenhintergrund: Lai Wen ist aus einer deutlich ärmeren Familie als er, und sein Vater ein hoher Beamter in der chinesischen Regierung.

Es gibt verschiedene Momente in Lai Wens Leben, die sie immer mehr politisieren: angefangen mit dem traumatischen Erlebnis als Kind und den Bruchstücken, die sie von ihrem Vater erfährt (einmal nimmt er sie mit zu einer Erinnerungsmauer an die Opfer der Kulturrevolution und öffnet sich ihr ein bisschen), ist es insbesondere auch die Literatur und die Freundschaft zu einem alten Buchhändler, der sie sehr fördert, die ihr helfen, einiges mit neuen Augen zu sehen: so liest sie beispielsweise das Buch "1984" von George Orwell, erkennt so einiges wieder und immunisiert sich damit gleichzeitig ein bisschen für die Zukunft gegen die Propaganda der gleich geschalteten Presse.

Ihre herausragenden intellektuellen Leistungen eröffnen ihr die Möglichkeit eines speziellen Förderunterrichts und schließlich, über einen Aufsatzwettbewerb, bei dem sie heraussticht, ein Stipendium für das Studium der Literaturwissenschaft an der staatlichen Universität Pekings. Dort wird sie sich mit verschiedenen anderen Studierenden anfreunden, ihre politischen Gedanken weiterentwickeln und ein (kleiner, unbedeutender, aber doch) Teil der Protestbewegung auf dem Tian'anmen-Platz werden.

Insgesamt ist das Buch besonders für jene interessant, die auch sehr gerne feinfühlige und tiefgründige Familiengeschichten lesen und sich gleichzeitig für eine wahre Geschichte aus der Zeit des kommunistischen Chinas interessieren. Ich lese solche sehr gerne und deshalb hat mir das Buch wirklich gut gefallen: ich mochte es, wie authentisch, feinfühlig und gleichzeitig unterhaltsam es der Autorin gelingt, die Tiefe und Differenziertheit menschlicher Beziehungen darzustellen. Wenn man sich darauf einlassen kann und will, wird man mit einer wunderschönen Geschichte belohnt und lernt wie nebenbei ganz viel über das Leben in Peking zwischen 1970 und 1989.

Wer hingegen lieber kurz und prägnant mehr über den Widerstand gegen das diktatorische Regime in China und über die Hintergründe des Tian-anmen-Aufstandes und -massakers lesen möchte, ist möglicherweise mit einem anderen Buch besser beraten: auch wenn der Titel das suggeriert, nimmt dieses Thema im Buch einen zwar wichtigen, aber angesichts des gewaltigen Umfangs insgesamt kleinen Teil ein: seitenmäßig weit ausführlicher geschildert werden die Details der verschiedenen Beziehungen, etwa zwischen Lai Wen und ihrer Großmutter, ihrem ersten festen Freund oder auch einer guten Freundin auf der Universität.

Mich persönlich hat das nicht gestört, im Gegenteil, ich mochte es und für mich hat es das Buch besonders gemacht. Insgesamt war es für mich dadurch auch deutlich angenehmer zu lesen als so manche andere Bücher, bei denen eine Gräueltat die nächste jagt... das ist hier zum Glück nicht im Zentrum des Buches, auch wenn naturgemäß gegen Ende, als es um den Tian-anmen-Platz geht, die dort verübten Grausamkeiten durchaus authentisch geschildert werden - aber das sind dann eben die letzten Seiten eines sehr langen Buches.

Es ist aber, wie bei allen Büchern, auch hier empfehlenswert, sich vorher damit zu beschäftigen, worum es sich handelt und ob man sich genau darauf gerne einlassen möchte. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und es wird einen festen Platz in meinem Herzen bekommen - Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.05.2025

Wie man ein erfolgreiches Astro-Business aufbaut

Stars
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Katja Kullmann war bisher eher für Sachbücher bekannt, so hat sie in diesem Bereich "Generation Ally" und "Die singuläre Frau" verfasst. Umso neugieriger hat mich gemacht, dass sie nun ihr Romandebüt veröffentlicht ...

Katja Kullmann war bisher eher für Sachbücher bekannt, so hat sie in diesem Bereich "Generation Ally" und "Die singuläre Frau" verfasst. Umso neugieriger hat mich gemacht, dass sie nun ihr Romandebüt veröffentlicht hat.

In "Stars" geht es um ein Thema, das mittlerweile in der zeitgenössischen, von sehr gebildeten und sozial privilegierten Frauen im deutschen Sprachraum verfassten Literatur sehr häufig geworden ist: die kinderlose Single-Frau mittleren Alters auf der Suche nach sich selbst.

Um eine solche handelt es sich auch bei der Hauptfigur dieses Romans, aus deren Perspektive, in der ersten Person erzählt, wir auch die Handlung erleben: Carla Mittmann war einmal eine sehr ambitionierte und interessierte Philosophiestudentin und hat es bis kurz vor Studienabschluss geschafft, bis sie dann schließlich aufgrund eines Vorfalls exmatrikuliert wurde und ihr Studium ohne Abschluss beenden musste. Das ist schon einige Jahre her, mittlerweile ist sie keine ganz junge Frau mehr, sondern hat auf jeden Fall schon ihren 40er hinter sich. Dennoch ist sie im Leben irgendwie hängen geblieben: nach ihrer Exmatrikulation hat sie einen langweiligen und von ihr als sinnlos empfundenen 20-Stunden-Bürojob angenommen, in dem sie die Korrespondenz für die Büroausstattung von Gewerbeimmobilien erledigt, und jeweils um die Mittagszeit die Firma verlässt. Die Nachmittage widmet sie ihrer nicht angemeldeten, inoffiziellen Tätigkeit als Astro-Charly, bei der sie über eine eher antiquiert wirkende Website Dienstleistungen im Bereich Astrologie anbietet, diese mit Hilfe eines Astrologieprogramms und mit Textbausteinen erstellt und sich auf diese Weise schwarz und über Paypal noch einmal ein kleines Nebeneinkommen dazu verdient. Ansonsten gibt es, abgesehen von einer losen Affäre, nicht viel Berichtenswertes aus dem Leben der Carla Mittmann, und so vergehen die Jahre, sie wird älter, ohne viel Sinn in ihrem Leben und ohne irgendetwas Spezielles erreicht oder ihre Träume verwirklicht zu haben.

Das sind etwa die ersten 100 von 250 Seiten des Buches, sehr viel passiert da nicht: außer ein Pflasterstein, der durch ihre Fensterscheibe fliegt, 10.000 Dollar in einem Paket in alten Scheinen vor ihrer Wohnungstür und ein Schriftzug "Freiheit für Mittmann".

All dies - die Hintergründe davon sind und bleiben unklar - leitet in gewisser Weise eine Wende in Carlas Leben ein: die Dollar stellen sich als echt heraus, doch sie muss diese gar nicht ausgeben, es reicht ihr, deren Sicherheit im Hinterkopf zu haben, um ihren ungeliebten Teilzeitjob zu kündigen und ihr Astrobusiness neu aufzuziehen. Hier zeigt die bisher eher unambitionierte und wenig ehrgeizige Frau auf einmal, dass sie durchaus ein Gefühl dafür besitzt, wie man ein erfolgreiches Business aufbaut. Das ist auch die Ebene, auf der man nach meiner Einschätzung am meisten aus dem Buch mitnehmen kann: wer ein Online-Business im Beratungsbereich (das muss nicht Astrologie sein) aufbauen möchte, kann sich durchaus einiges aus den sehr detaillierten geschilderten Schritten, wie Carla Mittmann immer mehr zu einer Starastrologin wird, mitnehmen. Das ist interessant und realistisch geschildert.

Im Hintergrund läuft ein bisschen die Frage, ob und wie sehr Carla Mittmann selbst an ihre Analysen glaubt und was es mit ihr macht, in diesem Bereich tätig zu sein... für mich war das aber eher ein Nebenthema, auch wenn es dazu gegen Ende eine interessante Wendung gibt.

Insgesamt ist es ein sehr ruhig zu lesendes Buch, dessen Handlung nur langsam voranschreitet und das eher wenige Spannungsmomente hat. Selbst der mysteriöse Einbruch in Carla Mittmanns Leben mit dem Stein, den Dollars und dem Schriftzug dient nur als Katalysator für eine Wende, die sie ihrer Laufbahn auch so hätte geben können, wenn sie gewollt hätte.

Inhaltlich und menschlich schätze ich an dem Buch, dass die Astrologie zwar durchaus kritisch betrachtet wurde, aber man auch merkt, dass sich die Autorin ernsthaft damit auseinandergesetzt hat, wie die in diesem Bereich Tätigen arbeiten und diesen Bereich nicht nur oberflächlich heruntermacht, sondern bei aller kritischen Betrachtungsweise durchaus respektvoll damit umgeht. Und dass das Buch einige spannende Fragen dazu aufwirft, wer wir sind und ob und wodurch unser Schicksal bestimmt wird - und was es mit uns macht, wenn wir das glauben. Auch ist es stellenweise recht unterhaltsam und humorvoll geschrieben. So ist es insgesamt ein Buch, von dem ich durchaus auf einigen Ebenen einige interessante Gedanken und Ideen mitnehmen konnte.

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Beeindruckende, vielperspektivische und einfühlsam erzählte Kurzgeschichtensammlung

Nach dem Krieg
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Im Erzählband „Nach dem Krieg“ nähert sich der britische Erzähler Graham Swift – selbst im Jahr 1949 und damit wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren – in zwölf verschiedenen Kurzgeschichten den ...

Im Erzählband „Nach dem Krieg“ nähert sich der britische Erzähler Graham Swift – selbst im Jahr 1949 und damit wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren – in zwölf verschiedenen Kurzgeschichten den vielen, in Europa weitgehend friedlichen, Jahrzehnten nach diesem verheerenden Krieg an. Auf spannende und vielfältige Weisen wird sich mit dem Thema Krieg, Frieden und der Zeit danach beschäftigt, dieses aus der Perspektive verschiedenster Figuren und Zeiten betrachtet, und so regt der Erzählband sehr zum Nachdenken, Nachspüren, Interpretieren und Miteinander-darüber-ins-Gespräch-kommen an.

Bei manchen Geschichten ist der Kriegsbezug sehr unmittelbar: beispielsweise wenn ein junger britischer Soldat mit jüdischen Wurzeln nach Ende der britischen Besatzungszeit auf einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten trifft, der nun im Rathaus arbeitet und die Macht hat, ihm bei der Suche nach seinen verschollenen Verwandten mehr oder weniger behilflich zu sein – dieser Rathausbedienstete, durch dessen Gedankenwelt wir die Geschichte erleben, aber immer noch sehr in altem Denken in Bezug auf militärische Hierarchien und Konventionen verhaftet ist.

Oder, in einer anderen Geschichte, wenn überlegt wird, ob gerade noch schnell eine Hochzeit stattfinden kann, bevor vielleicht gleich ein neuer Krieg ausbrechen wird – es ist die Zeit der Kubakrise und das Gleichgewicht des Schreckens zwischen den Großmächten scheint äußert fragil. Nun wissen wir, der Krieg ist zum Glück damals nicht ausgebrochen, doch diese Geschichte macht das damals herrschende Bedrohungsgefühl sehr eindringlich nachfühlbar.

Dann gibt es wiederum Geschichten, die sich mit einer anderen Form von Krieg beschäftigen: etwa, wenn wir einen pensionierten Arzt kennen lernen, der sich während der Coronapandemie wieder zum Einsatz im Krankenhaus meldet und dort gemeinsam mit dem anderen Gesundheitspersonal versucht, den Kampf gegen den potenziell Tod bringenden Virus für so viele Patientinnen und Patienten wie möglich zu gewinnen… dabei aber gleichzeitig über sein Leben nachdenkt, Bilanz zieht über das, was er erlebt und erreicht hat.

Eine stille und nachdenklich machende Geschichte, so wie so viele in diesem Buch, die aber gleichzeitig eine immense emotionale Transformationskraft in sich tragen, sobald man sich tiefer auf sie einlässt und sie wirken lässt. Und Bilanz gezogen und zurückgeblickt, das wird überhaupt viel in diesem Buch, in späteren Lebensjahren der Figuren oder auch anlässlich des Begräbnisses geliebter Menschen, während die Hinterbliebenen noch zu geschockt sind, eigene Worte für die Feier zu finden – ein Gefühl, das sicher viele nachvollziehen können, die schon jemanden verloren haben.

Eine weitere Geschichte beschäftigt sich mit einem Paar Mitte 30, Ende der 1990er, auf Urlaub auf Zypern, das bisher nichts als Frieden erlebt hat, und doch – oder vielleicht auch genau deshalb? – innerlich nicht sehr erwachsen geworden ist und aus einer eher kindlichen Perspektive überlegt, doch noch selbst Eltern zu werden. Scheinbar passiert in dieser Geschichte gar nicht so viel, außer ein bisschen Urlaub und ein paar Überlegungen, doch unter der Oberfläche wird die Atmosphäre der letzten „goldenen Jahre“, bis etwa Ende der 1990er, perfekt eingefangen: eine Zeit des immer größer werdenden Wohlstands, eine Zeit, die für viele Menschen in Europa von jahrzehntelangem Frieden und Aufschwung geprägt war, aber in der man noch nichts von den neuen Krisen wusste, die in den darauffolgenden Jahrzehnten über die Menschheit hereinbrechen würden, und in der viele noch glaubten, es würde weiterhin immer nur aufwärts gehen.

Der Autor ist selbst schon in den reiferen Jahren seines Lebens angekommen und in so einigen – aber nicht in allen – Geschichten nimmt er auch diese Perspektive ein und erzählt aus dem Blickwinkel älterer Männer oder Frauen. Besonders berührt hat mich auch die letzte Geschichte, in der eine über 80-jährige Frau rund um ihren Geburtstag auf ihr Leben zurückblickt, über den letzten Reisepass nachdenkt, den sie sich noch machen hat lassen, und über die Gnade, die im Vergessen auch liegen kann, sowieso über ihr Leben insgesamt.

Buchrezensionen sind naturgemäß in ihrem Ausmaß beschränkt, doch möchte ich abschließend sagen, dass dieser Kurzgeschichtenband eine solche Tiefe hat, sodass ich über jeder der erwähnten und außerdem über alle nicht erwähnten Kurzgeschichten noch viel schreiben könnte… und selbst dann würden sich immer viele weitere Interpretationsebenen finden, die andere Menschen darin entdecken könnten, und die ich selbst noch nicht gesehen oder zumindest nicht erwähnt habe.

Ein großartiger Kurzgeschichtenband eines sehr talentierten Erzählers voll von tiefer Lebensweisheit, mit eindringlicher Sprache und äußerst einfühlsamen Charakterisierungen, der zutiefst nachdenklich macht über die letzten 80 Jahre und darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein und die Gnade zu erleben, zumindest in diesem Moment im Frieden leben zu dürfen… aber auch, wie diverse vergangene Kriege in der Welt, aber vor allem auch in der Psyche der Menschen, nachwirken. Ich werde mich auf jeden Fall in nächster Zeit nun mit weiteren Werken dieses Autors beschäftigen, dieser Erzählband hat mich richtig neugierig auf sein Werk gemacht. Absolute Leseempfehlung!

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