Sklavin, Fluchtkünstlerin, Mörderin, Terroristin, Spionin, Geliebte, Mutter, Hochstaplerin – wer ist diese Frau, die sich durch ein ganzes Jahrhundert mogelt?
Dass die Bewohner des Pflegeheims Golden Sunset Geschichten erfinden, ist nicht ungewöhnlich, doch was die geheimnisvolle Frau Mook über ihr Leben erzählt, kann kaum wahr sein: Geschichten von Gefangenschaft, Freundschaft, Mord und Spionage, die von Nordkorea über Südkorea bis nach Indonesien und China führen – Geschichten so bunt und vielfältig, dass unmöglich alle in das Leben einer einzigen Frau passen können. Oder etwa doch?
Im Spiegel eines Menschenlebens erzählt Mirinae Lee ein asiatisches Jahrhundert.
Ein Leben reicht nicht, um all das erlebt zu haben – genau das denkt man ständig bei Frau Mook. Jede Seite wirft eine neue Identität in den Raum, ein neues Schicksal, einen neuen Abgrund. Pflegeheim, alte ...
Ein Leben reicht nicht, um all das erlebt zu haben – genau das denkt man ständig bei Frau Mook. Jede Seite wirft eine neue Identität in den Raum, ein neues Schicksal, einen neuen Abgrund. Pflegeheim, alte Dame, brüchige Stimme – und plötzlich öffnen sich Welten, die nach Blut, Angst, Hoffnung und Überleben riechen.
Diese Frau behauptet, alles gewesen zu sein: Opfer und Täterin, Liebende und Verräterin, Mutter und Hochstaplerin. Klingt maßlos übertrieben, fühlt sich aber erschreckend echt an. Während man noch versucht, Wahrheit von Fantasie zu trennen, zieht das Buch einen längst weiter. Nordkorea, Südkorea, Indonesien, China – Geschichte wird hier nicht erklärt, sondern durchlebt, mit schmutzigen Händen und pochendem Herzen.
Besonders stark ist dieses ständige Misstrauen. Stimmt das alles? Lügt sie? Lügt sie sich selbst an? Genau dieses Spiel macht süchtig. Jede Episode fühlt sich wie ein eigenes Leben an, und doch fügt sich alles zu einem großen, melancholischen Bild zusammen: ein asiatisches Jahrhundert voller Gewalt, Umbrüche und verlorener Unschuld.
Leicht ist das nicht. Manche Passagen schlagen hart zu, andere sind leise und traurig, fast zärtlich. Humor blitzt selten auf, wirkt dann aber umso menschlicher. Am Ende bleibt das Gefühl, einer Frau begegnet zu sein, die mehr ertragen hat, als ein Mensch eigentlich tragen kann. Und der Gedanke, dass Wahrheit manchmal weniger wichtig ist als das Überleben.
Mirinae Lees “Die acht Leben der Frau Mook” ist ein ebenso erschütternder wie faszinierender Roman, der in Form miteinander verbundener Episoden die Lebensgeschichte der fast hundertjährigen Ms. Mook ...
Mirinae Lees “Die acht Leben der Frau Mook” ist ein ebenso erschütternder wie faszinierender Roman, der in Form miteinander verbundener Episoden die Lebensgeschichte der fast hundertjährigen Ms. Mook entfaltet. Den Rahmen allerdings bildet die Erzählung einer geschiedenen Frau, die in einem Pflegeheim arbeitet und die Aufgabe hat, Nachrufe für die Bewohner zu verfassen. Was zunächst wie eine nüchterne Pflicht erscheint, wird zu einer Reise durch das dramatische, wechselvolle Jahrhundert einer Frau, die sich immer wieder neu erfindet. Und ob auch alles stimmt?
Ms. Mook behauptet, in ihrem langen Leben acht Identitäten gelebt zu haben, unter anderem als Sklavin, Mutter, Mörderin, Spionin, Geliebte und mehr. Jede dieser Rollen wird in einer eigenen Episode erzählt, wobei die Geschichten weder chronologisch angeordnet sind noch immer aus ihrer direkten Perspektive stammen. So entsteht ein vielschichtiges Bild, das historische Realität, individuelle Erinnerung und mögliche Fantasie untrennbar verwebt. Sehr spannend, die am Ende alle zu verknüpfen.
Die Episoden greifen ineinander, enthüllen erst spät Verbindungen und eröffnen immer wieder neue Deutungen. Gerade die Passagen über Kriegsjahre, Besatzung, Gewalt und Ausbeutung sind schwer auszuhalten und führen die Leser tief in Koreas Geschichte, die in der Literatur noch immer viel zu selten aus weiblicher Perspektive erzählt wird. Besonders bewegend sind die Kapitel über das Schicksal der Trostfrauen, die durch Lees präzise Recherche und poetische Sprache eindringlich und unvergesslich werden.
Gleichzeitig bleibt Ms. Mook eine schillernde, manchmal unzuverlässige Erzählerin – ein Trickster, die mit ihren Identitäten spielt und sich nie völlig greifen lässt. Wahrheiten und Erfindungen verschwimmen, und gerade darin liegt die Stärke des Romans: Er zeigt, wie Erinnerung funktioniert, wie Geschichten Identität formen und wie Überleben oft nur durch das Erfinden neuer Rollen möglich ist. Ich habe es mit Begeisterung gelesen.
Das Ende überrascht und schließt den Erzählkreis auf eindrucksvolle Weise. Trotz der Bitterkeit und Schwere vieler Episoden bleibt eine leise Hoffnung bestehen – ein Ausblick, der diesen Roman zu einer lohnenswerten Lektüre macht.
Ein kraftvolles, literarisch anspruchsvolles Werk, das zu Recht auf der Women’s Prize Longlist stand und viel Aufmerksamkeit verdient.
Ein ganz normaler Tag im Pflegeheim Golden Sunset im Norden Südkoreas. Die Verwaltungsangestellte Lee Sae-ri ist noch dabei ihre Scheidung zu verkraften und sucht Trost in ihrer Arbeit. Glücklicherweise ...
Ein ganz normaler Tag im Pflegeheim Golden Sunset im Norden Südkoreas. Die Verwaltungsangestellte Lee Sae-ri ist noch dabei ihre Scheidung zu verkraften und sucht Trost in ihrer Arbeit. Glücklicherweise kann sie ihre Vorgesetzte von einer Idee überzeugen: sie möchte die hochaltrigen Bewohnerinnen selbst ihren Nachruf formulieren lassen und diesen für sie aufschreiben. Als die wundersame Frau Mook auf sie zukommt und von ihrem Leben erzählen möchte, merkt Lee Sae-ri schnell, dass die hochintelligente, wache Frau etwas Besonderes an sich hat und als besonders, beeindruckend und nicht weniger schmerzhaft soll sich auch ihre Geschichte erweisen.
Was folgt sind sieben Geschichten aus dem Leben einer Frau, das zwei Kriege, verschiedene politische Systeme und vor allem unvorstellbar viel Schmerz und Überlebenswille offenbart. Ein Leben geprägt von Krieg, Systemkonflikt und was all dies, immer wieder und überall auf der Welt, Frauen abverlangt.
Die einzelnen Geschichten sind wie Kurzgeschichten verfasst (und wurden teilweise zuvor auch bereits als solche veröffentlicht). Die Geschichten überzeugen nicht nur durch ihren kraftvoll und klug komponierten Inhalt sondern auch die Varianz der jeweiligen Perspektiven aus denen sie erzählt werden.
Ich war erschüttert, berührt und begeistert zugleich von dem Roman. Da sind die einzelnen Geschichten und wie eindrucksvoll und bedrückend die Autorin darin ein Frauenschicksal im kriegsgebeutelten Korea über mehrere Jahrzehnte aufzeigt, quasi in allen Facetten ausbuchstabiert, was und welche Hölle es bedeutet Frau in dieser (Kriegs)Gesellschaft und einem Systemkonflikt zu sein. Fast schon irrelevant wird da, welche Macht an der Regierung ist, denn wo Gewalt und Macht dominieren, können Frauen nur verlieren. Diese Geschichten sind für mich bereits jede für sich unglaublich kraftvoll, einzig die Poesie ermöglicht es aus meiner Sicht, dass einzelne Passagen lesbar werden und trotzdem war es für mich manchmal schwer auszuhalten.
Ein anderer Aspekt ist aus meiner Sicht die kunstvolle Verknüpfung dieser für sich schon kraftvollen Geschichten in eine Gesamterzählung. Auch dies ist der Autorin eindrücklich gelungen. Wie realistisch dies in einem Leben ist, spielt für mich dabei keine Rolle, entscheidend ist, dass es so hätte sein können unter den gegebenen gesellschaftlichen Umständen.
Die 8 Leben der Frau Mook ist nicht nur hervorragend geschrieben und komponiert sondern vermittelt auch tiefe Einblicke in die Koreanische Geschichte und die Lebensrealität gerade von Frauen in dieser. Das ist vor dem Hintergrund von Krieg und Unterdrückung nicht immer leicht zu lesen, Mirinae Lee schafft es jedoch mit einer poetischen Sprache, die auch zwischen den Zeilen spricht, sich dem zu nähern und Worte für das Unbegreifliche zu finden. So ist der Autorin ein literarisch anspruchsvoller, bewegender und historisch-bildender Roman gelungen, dem ich gar nicht genug Leserinnen wünschen kann! Unbedingt lesen!
Ich verfasse diese Rezension zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Lektüre der „Acht Leben der Frau Mook“ schon seit mehreren Wochen beendet habe. Doch lässt mich dieses ganz besondere und eindringliche Buch ...
Ich verfasse diese Rezension zu einem Zeitpunkt, zu dem ich die Lektüre der „Acht Leben der Frau Mook“ schon seit mehreren Wochen beendet habe. Doch lässt mich dieses ganz besondere und eindringliche Buch nicht los: immer wieder denke ich daran und bin nach wie vor emotional tief berührt von dem fiktiven Leben dieser außergewöhnlichen, fast hundert Jahre alten Frau, die eng mit der Geschichte Nord- und Südkoreas verbunden ist.
Es ist ein Roman, der mich sehr viel gelehrt hat: sowohl über einen mir bisher sehr unbekannten Teil asiatischer Geschichte als auch über das Leben an sich, denn so viel Lebensweisheit und Erkenntnisse stecken in diesem Buch. Dabei ist es außerdem sehr spannend, unterhaltsam und auch mit einem gewissen Humor geschrieben, sodass ich mich an keiner Stelle gelangweilt und immer gespannt und neugierig weitergelesen habe.
Worum geht es? Wir begegnen Frau Mook erst einmal durch die Augen ihrer Pflegerin im Altersheim. Die Pflegerin hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichten der alten Menschen dort zu sammeln und auch Frau Mook ist bereit, ihr ihre zu erzählen. Seltsam wirkt erst einmal, dass Frau Mook geistig hellwach wirkt, obwohl sie sich auf der Demenzstation befindet, was steckt da wohl dahinter?
So beginnt die alte Frau zu erzählen und wir folgen ihr durch all die verschiedenen Rollen, die sie in ihrem Leben eingenommen hat: beginnend mit der Geschichte der Mörderin über die Fluchtkünstlerin, Sklavin bis zur Geliebten und Mutter, aber auch zur Spionin und Terroristin. Und immer bleibt die Frage: ist Frau Mook eine Lügnerin und Hochstaplerin? Nicht nur damals in ihren Rollen, sondern auch jetzt beim Erzählen?
Die Rollen sind lose den Kapiteln zuzuordnen, wobei sich einige Rollen in mehreren Kapiteln wiederholen. Frau Mooks Leben ist insbesondere in der ersten Hälfte des Buches nicht ganz chronologisch erzählt, es gibt Zeitsprünge in die Zukunft und in die Vergangenheit, doch bleibt das Buch dabei zum Glück immer gut verständlich, lesbar und interessant. Diese Struktur hat die Lektüre für mich stellenweise vielleicht sogar noch interessanter gemacht, weil sie mich neugierig auf die Lücken gemacht hat, die erst später gefüllt wurden.
Insgesamt zeigt sich das Bild einer unglaublich tapferen, mutigen, hochintelligenten, anpassungsfähigen und extrem resilienten Frau, die sich auch von ärgsten Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lässt, kämpferisch bleibt, sich für ihr eigenes Überleben, aber auch für andere einsetzt, und dabei nie ihren Humor verliert. Frau Mook ist ein Musterbeispiel für Resilienz, dabei aber nicht unglaubwürdig, denn solche Menschen gibt es, wie aus der Forschung zu Resilienz nach schlimmsten Erfahrungen bekannt ist.
Ein zentrales Thema des Buches ist Identität: die, die uns von anderen gegeben wird und die, die wir selbst wählen oder die wir wandeln im Laufe unseres Lebens.
Beleuchtet wird etwa auch eines der traurigsten Kapitel der koreanischen Geschichte: die Bordelle, euphemistisch „Trosthäuser“ genannt, in die die japanischen Besatzer koreanische Frauen und Mädchen verschleppten, um sie dort brutal zu missbrauchen. Auch dieser Missbrauch begann damit, den Versklavten neue Namen aufzuzwingen:
„Mit ihren Geschichten definierten sie alles neu. Erst änderten sie unsere Namen. Jayoung wurde zu Sawawko, was süß bedeutet. Jobasan erklärte, der Name passe perfekt zu ihr, wegen ihrer Liebe zu Karamell und Schokolade. Mija wurde, weil sie die Jüngste und Kleinste auf der Station war, zu Akiko, was Kind bedeutet.“ (S. 93)
Doch auch daran wird Frau Mook nicht zerbrechen und am Ende ihren Weg heraus finden. Später wird sie noch viele Identitäten selbst wählen, um zu überleben, ihr Glück zu finden, aber auch, um als Spionin erfolgreich zu sein. Dabei ist sie extrem talentiert darin, sich einer jeweils komplett neuen Identität anzupassen:
„Letztendlich ist verschiedene Identitäten anzunehmen wie verschiedene Sprachen zu sprechen. Wenn man eine Fremdsprache lernt, eignet man sich nicht nur ihr Vokabular an. Nebenbei nimmt man auch ihre Stimmungen und Eigenarten auf und wie sich die Leute normalerweise ausdrücken, wenn sie sprechen, ohne nachzudenken. Wenn man wirklich das Gefühl hat, die Sprache zu beherrschen, dann beherrscht sie einen genauso, es ist wie Magie. Man kann sich in eine fremde Person verwandeln, einfach indem man die Sprache wechselt. Man tritt ganz anders auf. Man kann sich in die Geschichte einer anderen Person hineinstehlen, ohne es überhaupt zu merken.“ (S. 184)
Zum Glück gibt es auch leichtere, fröhlichere Kapitel im Buch, in denen es um zwischenmenschliche Liebe und Zuneigung geht: zwischen Mann und Frau, aber auch zwischen Mutter und Kind, als Frau Mook und ihr Mann ein verwaistes Mädchen bei sich aufnehmen und adoptieren:
„Die Liebe wächst nach und nach, mit jedem gesummten Wiegenlied, jedem gebändigten Wutanfall und jedem Löffel Hafergrütze, ob geschluckt oder ausgespuckt. (…) Indem ich mich verhielt wie eine liebende Mutter, wurde ich zur liebenden Mutter.“ (S. 163)
Am Ende kommt das Buch zu einem für mich sehr runden und passenden Abschluss, den ich hier natürlich nicht verraten möchte. Stattdessen noch ein abschließendes Zitat, das für mich das Buch gut abgeschlossen hat:
„Man sagt, du bist, was du isst. Frau Mook hatte die Erde der verschiedenen Orte, an denen sie gewesen war, gekostet. Sie war also nicht nur viele verschiedene Personen gewesen, sondern auch genauso viele verschiedene Orte.“ (S. 329)
Insgesamt ist es ein sehr interessantes, lehrreiches und unterhaltsames Buch, das bei aller Tragik auch viel an Leichtigkeit verströmt, das ich äußerst gerne gelesen habe und das sicher noch weiterhin tief nachwirken wird. Definitiv ein Jahreshighlight und ein Buch, das ich einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen kann!