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Veröffentlicht am 07.03.2025

Dieses Buch weiß nicht, was es sein will

Die Zeit der Fliegen
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"Zeit der Fliegen", das neue Buch von Claudia Pineiro, knüpft lose an ihr vor etwa zwei Jahrzehnten erschienenes Werk "Ganz die Deine" an, in dem Inés die Geliebte ihres Mannes ermordet und dafür für 15 ...

"Zeit der Fliegen", das neue Buch von Claudia Pineiro, knüpft lose an ihr vor etwa zwei Jahrzehnten erschienenes Werk "Ganz die Deine" an, in dem Inés die Geliebte ihres Mannes ermordet und dafür für 15 Jahre ins Gefängnis kommt. Nun ist Inés wieder aus dem Gefängnis draußen und hat gemeinsam mit ihrer Freundin Manca, die sie dort kennen gelernt hat, das Unternehmen FFF - Frauen, Fliegen, Finale - gegründet. Tatsächlich handelt es sich dabei eher um zwei lose verbundene Einzelunternehmen, die wenig miteinander zu tun haben, da es sich um komplett verschiedene Geschäftsbereiche handelt: Manca betreibt eine Detektei, während sich Inés mit Ungeziefervernichtung beschäftigt.

Dann bekommt Inés ein verlockendes, aber unmoralisches Angebot von einer Kundin. Diese bittet sie, ihr ein hochwirksames Gift zu besorgen, denn auch sie möchte jemanden ermorden. Es sieht so aus, als würde es sich um eine ähnliche Geschichte handeln wie die mit Inés' untreuem Ehemann und seiner Geliebten. Für sowas hat Inés Verständnis und könnte das Geld gut brauchen...

Soweit zum Inhalt, ohne an dieser Stelle spoilern oder mehr verraten zu wollen. Liest sich ja ganz spannend und hätte ein sehr interessanter Thriller werden können. "Ganz die Deine" mochte ich sehr, das war ein unterhaltsames Buch mit tiefschwarzem Humor und kurzen Kapiteln auf knapp 200 Seiten. Hohen literarischen Anspruch musste man daran nicht legen, aber das passte zum Genre.

Aber "Die Zeit der Fliegen", was soll denn das nun für ein Buch sein? Von Aufmachung und Umfang (mehr als 300 Seiten) kommt es als ein Buch mit mehr Anspruch daher. Aber die Figuren sind ziemlich flach gezeichnet und haben kaum nachvollziehbare Entwicklung. Inés ist in weiten Teilen äußerst unsympathisch, sie lehnt sowohl ihre Mutter als auch ihre Tochter ab, obwohl insbesondere letztere ihr nichts getan hat, außer sie aus nachvollziehbaren Gründen nur einmal im Gefängnis zu besuchen. Immer und immer wieder muss man die Bezeichnung "die Frau, die ich auf die Welt gepresst habe" lesen, wenn es um ihre Tochter geht. Diesen Ausdruck und ihre immerwährende Wiederholung empfand ich als abstoßend und in seiner Häufigkeit unnötig. Auch den Mord an der Geliebten ihres Mannes bereut sie keineswegs und ist überhaupt kaum selbstreflektiert.

Dazwischen finden sich im Buch sehr theoretisch klingende Exkurse über Feminismus & Queerness. Aus welcher Perspektive diese erzählt sind, blieb für mich beim Lesen unklar - Inés traue ich dieses Niveau an Bildung und Reflexionsvermögen nicht zu. Somit stehen diese Teile weitgehend unverbunden im Buch, und das gilt umso mehr für die Passagen eines Chores zu Medea, dessen Bedeutung sich höchstens ganz am Ende teilweise als Metapher zeigt, aber insgesamt nicht sehr passend ins Buch eingebettet ist.

Ich weiß nicht, ob die Feminismus-Exkurse interessant sein könnten für Menschen, die davon noch nichts gehört haben (vermute aber, für diese sind sie wiederum nicht anschlussfähig genug): für mich war nichts Neues dabei, ich habe diese Exkurse überwiegend als uninteressant und langatmig empfunden und sie haben immer wieder ansonsten spannende Stellen unterbrochen. Wobei es sicher bis zur Hälfte des Buches gebraucht hat, bis überhaupt irgendeine Spannung aufgekommen ist.

Wäre das nicht schon genug der Genrevermischung zwischen banaler Latino-Telenovela-Tragödie und dem Versuch, das Lesepublikum feministisch zu bilden, gibt es auch noch die Exkurse über die Fliegen. Seitenweise erfahren wir über deren Lebeweise und Verhalten. Bezug zum Buch - abseits des Titels - besteht nur sehr am Rande, wir lernen etwa, dass Inés sich ihr Wissen über Fliegen durch Lektüre im Gefängnis angeeignet hat, und sie vergleicht die vielen ihr verhassten Frauen in ihrem Leben mit diversen Fliegenarten, auch für ihre ungeliebte Tochter hat sie einen bösen Vergleich. Am Ende gibt es einen eher banalen Vergleich zur angeblichen Zeitwahrnehmung der Fliegen. Ansonsten sind diese Exkurse aber für alle, die keine große Leidenschaft für Fliegen haben, eher langweilig und unterbrechen oft ansonsten spannende Stellen.

Würde man also die feministischen und die Fliegenexkurse streichen und auch sonst das Buch von der Handlung her deutlich straffen, hätte es ein interessanter Thriller werden können, ein bisschen ähnlich wie "Ganz die Deine". Für ein literarisch hochwertiges Buch bräuchte es deutlich mehr Figuren- und Charakterentwicklung und einen glaubwürdigeren Plot - speziell am Ende wird alles hollywoodreif in letzter Minute actionmäßig aufgelöst.

3 Sterne für das Bemühen, verschiedene Genres miteinander zu verbinden und dabei eine spannende Geschichte zu erzählen, auch wenn das nur streckenweise gelungen ist. Und als Anerkennung dafür, dass die erwähnten feministischen Diskurse in Lateinamerika möglicherweise neuer sind als hierzulande, und dementsprechend mit der Kenntnis dieses kulturellen Hintergrundes lehrreicher und etwas anders zu bewerten sein könnten. Empfehlen kann ich das Buch insgesamt leider nicht.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Zerrissen zwischen der Liebe zur Mutter und den eigenen Prinzipien

Russische Spezialitäten
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Dmitrij Kapitelmans neues Buch "Russische Spezialitäten" macht nachdenklich, sehr, sehr nachdenklich. Über die Zeiten, in denen wir gerade leben. Über Desinformation, der doch so viel Glauben geschenkt ...

Dmitrij Kapitelmans neues Buch "Russische Spezialitäten" macht nachdenklich, sehr, sehr nachdenklich. Über die Zeiten, in denen wir gerade leben. Über Desinformation, der doch so viel Glauben geschenkt wird und gegen die selbst Fakten und eigene Erfahrungen nicht ankommen.

In diesem sehr persönlichen, vermutlich autofiktionalen Roman, lernen wir den Ich-Erzähler kennen, der mit seiner Familie seit Jahrzehnten in Leipzig lebt. Geboren ist der Autor in Kyjiw, hat dort aber nur wenige Jahre gelebt, bevor er gemeinsam mit den Eltern in den 90er Jahren nach Deutschland gekommen ist. Russisch ist die gemeinsame Mutter-Sprache der Familie, die Mutter ist ursprünglich in Sibirien geboren, hat dann ihre Kindheit in Moldawien verbracht und ist schließlich in die Ukraine gezogen, während der Vater jüdisch ist. Geschäftstüchtig haben die Eltern in Leipzig einen Laden für russische und ukrainische Spezialitäten aufgemacht und betreiben diesen 25 Jahre lang, auch der Sohn hilft dort aus. Der Laden ist auch ein Treffpunkt für die ukrainisch-russisch-jüdische Diaspora in Leipzig... bis er 2020 im Zuge der Coronakrise geschlossen wird.

Das Buch ist zweigeteilt, im ersten Teil geht es um den Alltag der Familie rund um diesen Laden. Im zweiten Teil reist der Ich-Erzähler in der heutigen Zeit, also schon während des tobenden Ukrainekrieges, in seine Geburtsstadt Kyjiw. Er möchte alte Bekannte treffen und ein paar Besorgungen machen, aber vor allem will er sich ein eigenes Bild der Lage dort machen und seine Mutter davon überzeugen, dass ihre von den russischen Propagandamedien geprägte Sicht der Dinge nicht stimmt.

Dieses Unterfangen wird leider erfolglos bleiben, zumindest an der Oberfläche. Die Mutter beruhigt den Sohn, ihm werde dort als Zivilist nichts passieren, denn Russland, das die Ukraine von bösen Mächten befreien wolle, beschieße ausschließlich militärische Ziele. Vielleicht beruhigt sie sich damit aber auch selbst, denn nach der Rückkehr des Sohnes aus der Ukraine gibt sie doch zu, wie erleichtert sie ist, dass er wohlbehalten heimgekehrt ist. Und wer weiß, vielleicht bringen die Erzählungen des Sohnes - er spricht mit vielen ukrainischen Freunden und Bekannten, muss selbst bei Bombenalarm in den Schutzbunker des Hotels, in dem er dort wohnt, und besucht auch selbst die Orte der Massaker wie z.B. Butscha, ihr nur von den russischen Medien geprägtes, verzerrtes Weltbild ja doch ein bisschen ins Wanken.

Es ist ein großartiger Roman, dem es gelingt, die Zerrissenheit des Autors zu zeigen: zwischen der tiefen Liebe zu seiner Mutter und seiner Fassungslosigkeit darüber, wie sehr sie ins Netz der russischen Propaganda geraten ist und noch die absurdesten Lügen über den Krieg nicht nur glaubt, sondern auch überzeugt weitererzählt. Damit zeigt der Autor auch etwas Bemerkenswertes auf: wie es möglich ist, mit den uns lieben Menschen in Verbindung zu bleiben, ohne all ihre Meinungen zu teilen... und wie wir Stück für Stück versuchen können, diese zu hinterfragen und unser Gegenüber zum Nachdenken zu bringen.

Auch sonst lernt man durch dieses Buch viel Interessantes, Berührendes und Nachdenklich-Machendes über die Ukraine heutzutage: über junge Männer, die nach nur wenigen Wochen im Krieg völlig verstümmelt zurückkehren, auf der Straße betteln und von fast allen ignoriert werden... über nicht mehr sehr fitte 50-jährige, die fürchten müssen, zwangsrekrutiert zu werden... über Mariupol, das dem Erdboden gleichgemacht wurde... und über Menschen in der Ukraine, für die Russisch bisher die Muttersprache war und die nun bewusst aus Abscheu vor dem russischen Aggressionskrieg und aus Solidarität mit der als Heimat angesehenen Ukraine Ukrainisch lernen und ihre Kinder in dieser Sprache aufziehen möchten.

Nachdenklich machen auch die Privilegien, die ein deutscher oder österreichischer Pass nach wie vor verleiht... nur dieser - und die Tatsache, dass er zusätzlich keinen ukrainischen Pass mehr besitzt - macht es dem Ich-Erzähler möglich, während des Krieges als junger Mann nicht nur in die Ukraine einreisen, sondern auch wieder ausreisen zu können, ohne zwangsrekrutiert zu werden.

Ja, dieses Buch macht sehr nachdenklich. Über das Glück des Zufalls und der Geburtslotterie, das es immer noch bedeutet, in Mitteleuropa zu leben, wo es (bis jetzt) keinen Krieg gibt. Über die Schrecken des Krieges, über Propagandageschichten und die, die auf diese hereinfallen (davon gibt es ja leider auch in Mitteleuropa genug Menschen, und nicht nur russischstämmige). Über die Verbindungen zwischen einzelnen Menschen, die wir uns nicht nehmen lassen müssen. Und über den Mut, für das einzustehen, was wir als wahr erkannt haben.

Ein großartiges Buch, ein wichtiges Buch, gleichzeitig humorvoll und spannend geschrieben: Leseempfehlung für alle, die am aktuellen Zeitgeschehen in Europa interessiert sind!

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Wunderschöne Pinguinbilder und -informationen, als Ratgeber aber nichts Neues

Der Pinguin, der fliegen lernte
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Selten war ich bei einem Ratgeber so zwiegespalten in der Beurteilung wie bei diesem. Wunderschön ist die Aufmachung, schon das Titelbild des aus dem Wasser springenden Pinguins ist total inspirierend ...

Selten war ich bei einem Ratgeber so zwiegespalten in der Beurteilung wie bei diesem. Wunderschön ist die Aufmachung, schon das Titelbild des aus dem Wasser springenden Pinguins ist total inspirierend und macht Freude beim Ansehen. So geht es auch im Buch weiter, es gibt viele traumhaft schöne Bilder von Pinguinen, diese stammen von dem deutschen Naturfotografen Stefan Christmann. Diese Bücher anzusehen macht viel Freude! Interessant sind auch die eingestreuten Informationen über die Lebensweise der Pinguine, über ihr Paarungsverhalten, die gemeinsame Fürsorge beider Elternteile für die Jungen, aber auch über die Bedrohung ihres Lebensraumes durch den fortschreitenden Klimawandel. Was das angeht, habe ich also aus diesem Buch so einiges gelernt und diese Ebene würde 5 Sterne verdienen.

Die andere Ebene allerdings, der persönliche Ratgeber, ist für mich eine glatte Enttäuschung. Ich habe schon andere Bücher von Eckart von Hirschhausen gelesen, etwa sein Buch über Glück oder "Die Leber wächst mit ihren Aufgaben". Immer habe ich darin die fundierten Informationen, die praxisnah und humorvoll an ein breites Publikum vermittelt wurden, sehr geschätzt.

Aber hier, in diesem Pinguinbuch, was gibt es auf dieser Ebene Neues? Leider kaum etwas. Die altbekannte Pinguingeschichte, die der Autor schon an vielen anderen Stellen erwähnt hat und die für sich gesehen durchaus inspirierend ist, wird am Anfang kurz erwähnt. Klar, es ist wichtig, dass wir die richtige Umgebung für uns finden... soooo eine neue Botschaft ist das aber auch nicht mehr und es gibt schon genug andere und deutlich fundiertere und ausführlichere Bücher zu diesem Thema.

Ansonsten bewegt sich der Ratgeber aber auf einem absoluten Anfängerniveau für Menschen, die sich absolut noch nie mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt haben. Alle anderen werden dort kaum etwas Neues finden. Die Lesenden werden aufgerufen, eine Standortanalyse zu machen, also sich zu fragen, wo sie sich gerade befinden in ihrem Leben. Fundiertere Übungen oder Anleitungen dazu gibt es aber nicht. Dann geht es um Themen wie "Was macht dir Freude?" oder "Wer ist dir wichtig?", aber auch diese eigentlich sehr essenziellen Fragen werden nur ganz kurz auf oberflächliche Art und Weise abgehandelt. Immer wieder wird zu banalsten Erkenntnissen abgeschweift, z.B. dazu, dass man beim Beobachten zweier sich datender Menschen im Café schnell an der Körpersprache erkennt, ob die beiden eine gemeinsame Basis haben. Verweise auf Studien oder Quellen sucht man übrigens im ganzen Buch vergebens.

Weiter geht es mit dem Kapitel "Wann haben andere Freude mit dir?", hier wird so gut wie gar nicht auf die gestellte Frage eingegangen und es werden gleich irgendwelche Anekdoten über Pinguine erzählt. Ganz nette Informationen, aber auf den Transfer in die Welt der Menschen wurde vergessen. Danach fordert das Buch natürlich - wie tausende andere Selbsthilferatgeber auch - zum "Sprung ins kalte Wasser" auf. Natürlich, und nichts Neues, und auch hier kaum weitere Informationen oder gar eine kritische Reflexion dieses Themas - als ob die Welt so eindimensional wäre und Mut das einzige, was allen fehlen würde (braucht nicht gerade in diesen Zeiten voll impulsiver Trumps, Musks und Co die Welt mehr Menschen mit Bedacht, die etwas länger nachdenken und nachspüren, bevor sie springen, und ob sie überhaupt springen möchten?).

Am Ende gibt es noch kurze "Pinguingeschichten" von Menschen, die unzufrieden mit ihrem Leben waren, etwas geändert haben und jetzt zufriedener sind. Auch die Geschichten nach diesem Strickmuster finden sich in der Selbsthilfeliteratur zuhauf.

Für den Persönlichkeitsentwicklungsteil gebe ich also nur einen Stern, hier habe ich absolut nichts Neues gefunden und hätte mir gewünscht, der Autor hätte sich etwas mehr Mühe gegeben, die doch interessanten Erkenntnisse zu den Pinguinen mit neuen, wissenschaftlich fundierten und auf nachweisbaren Quellen basierenden, Ergebnissen zu Persönlichkeitsentwicklung zu verbinden, doch leider Fehlanzeige. Mir kommt es vor, hier war es für jemanden mal wieder an der Zeit, ein Buch rauszubringen, doch es fehlte an Zeit, Energie und Liebe, sich diesem wirklich ausführlich zu widmen, schade.

Empfehlen kann ich das Buch also nicht wirklich, die wunderschönen Pinguinbilder alleine rechtfertigen für mich den Preis nicht, denn wer nur an diesen interessiert ist, ist besser beraten, sich gleich ein Buch mit ausschließlich Naturfotografien zu kaufen.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Eine gute Idee, aus der man mehr hätte machen können

Mickey und Arlo
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Michelle, genannt "Mickey", und Charlotte, genannt "Arlo" sind Halbschwestern, die sich nicht kennen. Mickey ist die ältere, sie hat mit ihrer Mutter und ihrem Vater einige schöne und viele schlimme Momente ...

Michelle, genannt "Mickey", und Charlotte, genannt "Arlo" sind Halbschwestern, die sich nicht kennen. Mickey ist die ältere, sie hat mit ihrer Mutter und ihrem Vater einige schöne und viele schlimme Momente erlebt - denn der Vater ist Alkoholiker und unter Alkoholeinfluss zeigt er ein anderes Gesicht und wird zum "Angry Dad", der Frau und Tochter demütigt und beschimpft. Als Mickey etwa sieben Jahre alt war, hat der Vater die beiden von heute auf morgen für immer verlassen und ihnen dabei einen Riesenberg Schulden hinterlassen. Mickey und ihre Mutter haben alles verloren, nie wieder vom Vater gehört und ihnen wurde fast alles aus der Wohnung gepfändet und weggenommen, selbst Mickeys Kinderbett. Das hat Mickey bis heute traumatisiert. Sie versucht zwar, ihr Leben einigermaßen zusammenzuhalten, hat einen Job als Vorschullehrerin, den sie liebt (Kinder mag sie, während sie Erwachsenen nicht über den Weg traut und sie für böse und nicht vertrauenswürdig hält), aber keinen Partner, keine Kinder, kaum Freunde und ein Problem mit Alkohol, das sie sich nicht eingestehen will. Jeden Tag zählt sie die Stunden, bis es 17 Uhr ist, ihre Verpflichtung als Lehrerin beendet ist und sie aus dem mitgebrachten Flachmann auf der Toilette Wodka trinken kann.

Der verschwundene Vater hat eine neue Frau gefunden und mit ihr wieder eine Familie gegründet. Zwar hatte er sein Alkoholproblem sein Leben lang, doch insgesamt hat er nun sein Leben deutlich mehr auf die Reihe gebracht, ist zu viel Wohlstand gekommen und hatte zu seiner zweiten Tochter Arlo, die er über alles geliebt hat, eine wesentlich liebevollere Beziehung. Diese ist somit weitaus behüteter aufgewachsen als ihre ältere Halbschwester Mickey. Insbesondere Geld war kein Thema: Arlo konnte an einer renommierten Uni Psychologie studieren und arbeitet nun als Psychologin. Ihre Mutter kleidet sich in Designerware und führt auch sonst einen gehobenen Lebensstil.

Nun ist der Vater verstorben, Arlo hat ihn in seinem letzten Lebensjahr aufopfernd gepflegt und ist zutiefst bestürzt über den Verlust. Noch größer wird ihr Schock, als sie erfahren muss, dass der Vater ihr nichts vererbt hat: er hat all sein Geld seiner ersten Tochter, ihrer unbekannten Halbschwester Michelle, vererbt.

Auch Mickey hätte nie mit so einer Entwicklung gerechnet und weiß gar nicht so recht, was sie damit anfangen soll, dass der Vater, der nie wieder etwas von ihr wissen wollte, sie in seinem Testament bedacht haben soll. Noch dazu ist die Auszahlung des Geldes an eine Bedingung geknüpft: Mickey muss sieben Therapiestunden in Anspruch nehmen, und zwar bei einem vom Vater ausgewählten und vorab bezahlten Therapieinstitut. Da sie das Geld dringend brauchen kann und aufgrund einer Verfehlung gerade auf unbestimmte Zeit von ihrer Tätigkeit als Vorschullehrerin beurlaubt ist, lässt Mickey sich darauf ein... und landet ausgerechnet bei Arlo, ihrer unbekannten Halbschwester, als Therapeutin.

Anfangs wissen beide Frauen nicht, wen sie da jeweils vor sich haben. Dann findet Arlo es heraus, verschweigt es aber ihrer Halbschwester/Klientin und behandelt diese weiter. Auch in der Hoffnung, sie zu überzeugen, das Erbe nicht in Anspruch zu nehmen... so eine verkrachte Existenz wie Mickey würde das Geld eh nur sinnlos durchbringen, ist Arlo überzeugt.

Doch auch Arlos Leben ist bei weitem nicht perfekt, innerlich verfolgt sie nach wie vor der Fall einer Klientin, die unmittelbar nach der Therapiestunde bei ihr Suizid begangen hat. Zwar wurde sie vor Gericht freigesprochen, doch selbst kann sie es sich nicht verzeihen. Und auch ihre Kindheit und Jugend war weit weniger perfekt, als es auf den ersten Blick scheint.

Von der Themenkonstruktion her handelt es sich also um ein sehr spannendes Buch, das abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Halbschwestern geschildert ist. Dennoch hätte ich mir aufgrund der Beschreibung und der Leseprobe mehr erwartet.

Es tat beim Lesen fast weh, immer und immer wieder mitzukriegen, auf wie vielen Ebenen Mickey völlig kaputt ist und vor kaum etwas zurückschreckt in ihrer Sucht und ihrem problembehafteten Leben, in dem sie sich immer weiter in Schwierigkeiten verstrickt. Dennoch war Mickey für mich noch der glaubwürdigere und facettenreichere Charakter. Arlo wirkte auf mich seltsam blass, perfektionistisch und nicht wirklich erreichbar und ich habe mich bis zum Ende des Buches kaum in sie einfühlen können.

Grundsätzlich also ein ganz nettes Buch zu einer interessanten Idee, das man lesen kann, aber nicht unbedingt muss.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Stellenweise langatmige Geschichte einer sehr reichen Familie

Die Fletchers von Long Island
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Die Fletchers, eine jüdische Familie auf Long Island, haben richtig viel Geld. Selbst in der reichen Gegend auf Long Island, auf der sie wohnen, stechen sie noch durch ihren besonderen Reichtum unter den ...

Die Fletchers, eine jüdische Familie auf Long Island, haben richtig viel Geld. Selbst in der reichen Gegend auf Long Island, auf der sie wohnen, stechen sie noch durch ihren besonderen Reichtum unter den anderen Familien hervor.

Dabei ist Gründungsvater Zelig Fletcher mit nichts als einer Formel zur Herstellung von Styropor in den 1940er Jahren mit dem Schiff nach Amerika geflüchtet, hat es hier aber mit Intelligenz, Taktik und Glück zu einem wahren Vermögen gebracht. Sein Sohn Carl wächst also schon reich auf, dessen Frau Ruth heiratet in die reiche Familie ein, und die beiden bekommen drei Kinder: Nathan, Bernard ("Beamer") genannt und Jenny. Während der Schwangerschaft mit Jenny wird Carl entführt und fünf Tage gefangen gehalten, bis es durch die Zahlung von Lösegeld gelingt, ihn scheinbar ohne dauerhafte Schäden freizubekommen. Aber nur scheinbar... sowohl Carls Psyche als auch die seiner Frau und der Kinder werden durch diese Erfahrung lebenslang beeinträchtigt sein, wie man im weiteren Verlauf des Buches mitbekommt.

Das Buch beginnt mit der Schilderung der Entführung und der Versuche der Familie, Carl zu finden und schließlich freizubekommen. Schon da lernen wir das sehr reiche Umfeld der Familie, inklusive einer Selbstverständlichkeit zu Schönheitsoperationen, kennen.

Danach widmet sich je ein knappes Drittel des sehr umfangreichen Buches je einem der drei Kinder von Carl und Ruth: zuerst geht es um Beamer, dann um Nathan und schließlich um Ruth. Beamer ist ein erfolgloser Drehbuchautor, der in jedem Drehbuch die Entführung seines Vaters reinszenieren möchte, indem es immer nur um Entführungen geht. Verheiratet ist er mit Noelle, einer Nicht-Jüdin, was seiner Mutter ein Dorn im Auge ist, und die beiden haben miteinander zwei Kinder, die ausgerechnet Liesl und Wolfi heißen. Treu ist er aber nicht, er hat diverse Affären und geht außerdem wöchentlich zu einer Domina und nimmt Drogen.

Nathan ist Anwalt, aber ebenfalls als solcher nicht sonderlich erfolgreich und zum Partner wird er es wohl nie schaffen. Er ist ebenfalls verheiratet und hat nach Intervention der Kinderwunschklinik mit seiner Frau nach langem Probieren doch noch zwei Kinder bekommen. Geprägt ist sein Leben von starken Ängsten und dem Wunsch, absolut alles unter Kontrolle zu haben und abzusichern, so schließt er etwa eine Unzahl an Versicherungen ab.

Und dann gibt es noch Jennifer, die jüngste und in der Schule als hochbegabt und Wunderkind gehyped, die aber im Studium daran scheitert, sich festzulegen und für ein Fach zu entscheiden, sehr einsam ist und schließlich bei der Gewerkschaft arbeitet, um ihre inneren Schuldgefühle aufgrund ihrer privilegierten Herkunft zu bekämpfen.

Drei verkorkste, im Leben wenig erfolgreiche, reiche Kinder also, die mit viel innerem Ballast zu kämpfen haben und die wir in diesem Buch ausführlich kennen lernen. Und was passiert eigentlich mit diesen erwachsenen Kindern und ihrem Leben, wenn überraschend der finanzielle Wohlstand nicht mehr durch die Mittel der Familie gesichert ist?

Das Buch bietet einigen Stoff zum Nachdenken über soziale Ungleichheit, Klasse und darüber, was es psychologisch mit Kindern macht, sehr privilegiert aufzuwachsen. Die Entführung Carls habe ich eher nur als Aufhänger wahrgenommen - viel von der psychologischen Dynamik der Familie hätte sich problemlos auch ohne diese erzählen und erklären lassen können, alleine durch das so privilegierte Aufwachsen der Kinder und die anderen Familienthemen, die sich über Generationen ziehen, z.B. das Aufwachsen in Armut und sich selbst etwas schaffen bzw. das Einheiraten in eine reiche Familie mit deutlich ärmerem eigenem familiärem Hintergrund.

Denn das ist das übergreifende Thema des Familienromans: was macht es mit Menschen, so privilegiert aufzuwachsen? Wie wirkt es sich auf ihre Persönlichkeit, ihre Weltsicht, ihre Sozialbeziehungen aus? Und woran liegt es, dass so viele Kinder und Enkel aus sehr reichen Familien sich schwer tun, beruflich ihren Platz im Leben zu finden und sich für etwas zu entscheiden?

Mit diesen Hintergrundthemen ist es ein spannendes Buch. Allerdings hat es fast 600 Seiten, von denen man nach meiner Beurteilung locker ein Drittel kürzen hätte können, z.B. hätte ich die endlosen Schilderungen von Beamers Besuchen bei der Domina und seinem Drogen- und Medikamentenmissbrauch nicht in dieser Ausführlichkeit lesen müssen, genauso wie einiges andere - Verknappung und Reduktion auf das Wesentliche hätte diesem Buch also gut getan und dazu beigetragen, die Kernbotschaften prägnanter rüberzubringen und das Leseerlebnis interessanter zu gestalten.

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