Solide.
Achtsam Herzen stehlen„Achtsam Herzen stehlen“ ist der aktuelle Roman von Christina Rentzing – ob es sich wirklich um eine RomCom handelt, sei dahingestellt. Meiner Meinung nach fehlte es dafür jedenfalls an dem charakteristischen ...
„Achtsam Herzen stehlen“ ist der aktuelle Roman von Christina Rentzing – ob es sich wirklich um eine RomCom handelt, sei dahingestellt. Meiner Meinung nach fehlte es dafür jedenfalls an dem charakteristischen Witz und der typischen, spaßigen Leichtigkeit.
Merle und ihre besten Freundinnen Bahar und Ella erfüllen sich nach jahrelangem darauf hinarbeiten ihren Traum von der eigenen »Ruheoase« – in diesem Geschäft wollen die drei Frauen ihre Leistungen anbieten und den Menschen auf verschiedene Arten helfen, ihre Mitte zu finden. Während Meditation und Yoga sogleich vor TeilnehmerInnen platzen, bleibt das Achtsamkeitstraining spärlich besucht. Dabei ist es gerade Merle, die sich mit diesem Projekt finanziell weit aus dem Fenster gelehnt hat.
Ihre Familie ist alles, nur keine Unterstützung – aber vor allem ihr Vater bringt die eigentlich so ausgeglichene, motivierte und zartbesaitete 28-Jährige regelmäßig aus dem Gleichgewicht. Sogar am Eröffnungstag schafft es der sich selbst überschätzende Narzisst, dass sich seine Tochter unfähig und unwichtig fühlt, bevor er sie in eine schwierige Situation und letztlich dazu bringt, ein Angebot anzunehmen, dass sich entweder als das beste oder das schlechteste ihrer Karriere – und für ihr Herz – entpuppen könnte …
Rentzings Stil ist recht einfach gehalten und locker, die Dialoge fand ich ein wenig „zu steif/gestellt“ und aufgrund fehlender Höhepunkte, die mit inhaltlichen Wiederholungen kompensiert wurden, zog sich der Verlauf mMn stellenweise. Wie die Autorin die unterschätzten Themen Achtsamkeit und Meditation aufgriff, mit einem ironischen Ton die Klischees ausmerzte, fand ich jedoch durchaus unterhaltsam.
Erzählt wird nur aus Merles Perspektive, was die Geschichte eindimensional wirken lässt. Patrick Andlaus', seine Probleme und sein „Umdenken“ hätten nicht nur Abwechslung, sondern auch eine gute Portion zusätzliche Tiefe gebracht. Nichtsdestotrotz: die familiäre Situation der Achtsamkeitstrainerin, das Verhalten ihrer Eltern und ihrer Schwester samt weiteren Unverschämtheiten geben der Handlung Konfliktpotenzial sowie eine Menge Wut und Unverständnis. Die Frage, wie viel sich Merle noch bieten lässt, und ob sie es schafft, sich aus den undankbaren, toxisch-manipulativen Verhältnissen zu lösen, gibt der Story stetig einen gewissen Antrieb. Im Kontrast zu den privaten Struggeln der Loveinterests stand die romantische Entwicklung, die sich recht schnell und unkompliziert binnen vier Wochen festigt, ohne aufgesetzte, spannungsheischende Dramen. Dass sich Merle bei Patrick wohlfühlt, ist unschwer zu erkennen, denn mehrfach lässt sie in der Gegenwart des attraktiven CEO ihre professionelle und strahlende Fassade fallen – und ihren Gefühlen freien Lauf. Ja, so jemanden braucht selbst die achtsamste Achtsamkeitstrainerin in ihrem Leben. Dabei sind auch ihre Freundinnen taff, hilfsbereit und ehrlich, zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Stelle. Zusammen mit Hannelore Andlau – der aufgeweckten, rüstigen Auftragsgeberin – bilden Bahar und Ella definitiv die heimelige, wärmende Komponenten der Geschichte.
Fazit: ein netter Roman, der weit von Enemies-to-lovers entfernt ist.