Liebesgeschichte in der deutschen Nachkriegszeit
Stay away from GretchenIch möchte eines gleich vorwegnehmen: "Stay away from Gretchen" ist eines der bewegensten Bücher der letzten Jahre für mich, welches mich mit unglaublichem Mitgefühl für die Protagonisten zurücklässt und ...
Ich möchte eines gleich vorwegnehmen: "Stay away from Gretchen" ist eines der bewegensten Bücher der letzten Jahre für mich, welches mich mit unglaublichem Mitgefühl für die Protagonisten zurücklässt und den Kopf schütteln lässt über die menschengemachten und für mich absolut uverständlichen Ausgrenzungen, Barrieren, Anfeindungen und lebenslang verschütteten Hoffnungen.
Tom ist zunehmend mit der Demenzerkrankung seiner Mutter Greta konfrontiert, die zu Beginn des Buches zunächst nur anklingt, dann aber immer deutlicher wird. Einerseits wird die Persönlichkeit, die er von seiner Mutter kennt verdrängt, andererseits tauchen immer mehr Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit auf, die sie aufgrund des erlebten emotionalen Schmerzen ganz tief in sich vergraben hat. Gleichzeitig erfährt Tom dadurch eine Erklärung für viele Kindheitserlebenisse seinerseits, die ihm oft auch nicht positiv in Erinnerung geblieben sind und die ihn und seine Beziehungsgestaltung merklich geprägt haben. Er ist ein deutschlandweit bekannter Nachrichtensprecher und versucht durch seine journalistischen Fähigkeiten und Kontakte die Spuren seiner familiären Vergangenheit aufzudecken. Dabei springt die Handlung dann vom aktuellen Geschehen in die Vergangenheit von Greta und der Leser erfährt wie sie in Nazideutschland aufgewachsen ist und dadurch in ein sehr wenig humanistisches Menschenbild hineingewachsen ist. Es wird bildlich dargestellt wie der zweite Weltkrieg das Familienleben zunehmend erschüttert und wie die Familie schließlich aus der russischbesetzten Zone nach Süddeutschland zu Verwandten in Heidelberg fliehen muss. Insbesondere die Erlebnisse von Frauen spielen dabei eine zentrale Rolle. Das Zentrum der Biografie von Greta stellt dann das Kennenlernen und die zunehmende Verliebtheit von Greta mit einem schwarzen GI dar. Zunächst versucht sie sich ihre Gefühle noch selbst auszureden, doch Stück für Stück verliebt sie sich in den GI, der seinerseits im besetzten Deutschland so viel Freiheit erlebt wie er sie in den USA aufgrund des dortigen Rassismus noch nicht erlebt hat. Erschütternd sind die Erzählungen von Greta über die Anfeindungen innerhalb ihrer eigenen Familie, insbesondere als ihr Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt und die wenigen Rechte und gesellschaftlichen Konfomitäten, denen eine Frau zu dieser Zeit erfüllen muss, um anerkanntes Mitlied der Gesellschaft zu sein. Erschütternd und gleichzeitig wundervoll geschrieben!