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Veröffentlicht am 02.04.2020

Weniger wäre mehr gewesen

Das Grand Hotel - Die nach den Sternen greifen
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Dieses knapp über 500 Seiten umfassende Werk stellt den Auftakt zu einer Familiensaga dar, deren Haupthandlungsorte Berlin sowie Binz sind; dort befinden sich die Immobilien der wohlhabenden Familie von ...

Dieses knapp über 500 Seiten umfassende Werk stellt den Auftakt zu einer Familiensaga dar, deren Haupthandlungsorte Berlin sowie Binz sind; dort befinden sich die Immobilien der wohlhabenden Familie von Plesow und sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Beide Häuser, das Grand Hotel und das Astor, streben nach Eleganz, Opulenz und sind um den schönen Schein bemüht. Welch tragische Dramen, Machtkämpfe und Intrigen sich teilweise hinter den Fassaden abspielen, bleibt den meisten Gästen verborgen.

Zunächst war ich ein wenig erschlagen von der Vielzahl der Figuren – es sind wirklich zahlreiche Charaktere, in dessen Gedanken man Einblick erhält. Die vergleichsweise hohe Anzahl an unterschiedlichen Perspektiven (diverse einzelne Familienmitglieder, ihre Angestellten, …) vermittelt einen ungewöhnlich umfangreichen Überblick über die damalige Gesellschaft(sordnung) und hat zur allgemeinen Spannung beigetragen, allerdings konnte ich zu den wenigsten Protagonisten wirklich Nähe aufbauen, viele waren mir schlichtweg unsympathisch. Von Bernadette, der in meinen Augen die bedeutendste Rolle zukam, war ich positiv überrascht; sie durchlebt im Laufe der Handlung einen Wandel, der sie am Ende des Werkes zu meiner Lieblingsfigur werden ließ. Das massive Konstrukt an Nebenhandlungen war mir persönlich zu viel; eine Geschichte mit ein paar weniger Handlungssträngen hätte mir deutlich besser gefallen. Mir ist bewusst, dass der erste Band einer Reihe dazu dienen soll, die Weichen für den Fortlauf der Story zu stellen; doch gerade aus diesem Grunde hätte ich mir lieber weniger 'Drumherum' und stattdessen einen größeren Fokus auf die verbleibenden Perspektiven gewünscht.

Ich hätte nicht mit so viel Brutalität und Action gerechnet – prinzipiell kann ich solche Szenen schon lesen, ich hatte sie lediglich nicht im vorliegenden Werk erwartet, welches mir über große Strecken wie ein Krimi erschien. Das hat dem Ganzen etwas von der ursprünglichen Leichtigkeit genommen und letztlich den Leseeindruck mit einem leicht negativen Touch getrübt.

Den Schreibstil der Autorin habe ich als sehr angenehm empfunden; er strotzt vor bildreichen Beschreibungen und viele Ausdrücke, entsprechen der Alltagssprache der damaligen Zeit, was ich bei historischen Romanen immer besonders mag. Insbesondere die zu Anfang jedes Kapitels gewählten Zitate fand ich sehr inspirierend und treffend gewählt. Auch das wunderschöne Cover möchte ich lobend hervorheben; die Abbildung passt perfekt zum vornehmen Grand Hotel.

Fazit: Es ist definitiv kein 'typischer' historischer Roman, was ja nicht schlecht sein muss. Wer neben einer turbulenten Familiengeschichte auch für Action zu begeistern ist, wird dieses Werk lieben.

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Veröffentlicht am 30.03.2020

Bittersüße Geschichte

Blaue Nächte
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Als Kinder lernen Lotte und Emil sich kennen und lieben, doch dann werden sie durch einen Umzug entzweit. Es ist eine andere Zeit – man kann nicht mal eben per SMS in Kontakt bleiben oder per Facebook ...

Als Kinder lernen Lotte und Emil sich kennen und lieben, doch dann werden sie durch einen Umzug entzweit. Es ist eine andere Zeit – man kann nicht mal eben per SMS in Kontakt bleiben oder per Facebook nach jemandem suchen. Emil gibt die Hoffnung nicht auf, seine Lotte wiederzufinden; er sucht und sucht und hofft und verzweifelt. Es werden Jahre vergehen, bis sie sich tatsächlich wiederbegegnen. Inzwischen sind sie junge Erwachsene, erleben die wilden 60er Jahre, tanzen in ihrem Lieblingslokal zu Beatles-Songs und die Welt scheint ihnen zu gehören. Und doch ist alles anders inzwischen, denn das Schicksal scheint ihnen bewusst immer und immer wieder Steine in den Weg zu legen. Hier kommt die berühmte 'Was-wäre-wenn-Frage' ins Spiel, die sich gewiss jeder Mensch mindestens einmal im Laufe seines Lebens stellt – was wäre gewesen, wenn ich mich in einer bestimmten Situation, in einer kniffeligen Angelegenheit, hinsichtlich einer fundamental wichtigen Entscheidung anders entschieden hätte? Und lohnen sich solche Grübeleien überhaupt? Sollte man sich nicht vielmehr mit dem aktuellen Schicksal arrangieren, so wie es ist? Oder darf man die Hoffnung nie aufgeben? Ein halbes Jahrhundert später vertritt die junge Milena ihre Mutter im Tanzlokal 'Blue Nights' – alles dort nervt sie: zu viele Leute, zu viel Lärm...zu viel Lebendigkeit. Als ein verzweifelter älterer Herr Einlass in das Lokal begehrt und behauptet, er hätte dort eine Verabredung, schickt sie den Mann irritiert weg. Doch der Zwischenfall lässt ihr keine Ruhe... Hat sie unbewusst einen furchtbaren Fehler begangen?

Die Geschichte wird im Wechsel zwischen Gegenwart- und Vergangenheitsebene erzählt, wobei die letztere mir etwas besser gefallen hat. Insbesondere der Einstieg in die Handlung ist wunderbar einladend gestaltet worden. Die Autorin schafft mit ihrem künstlerischen, oftmals leicht melancholischen Schreibstil eine ganz besondere Stimmung, die zwischen Nostalgie und Schwermut schwankt. Herausragend für mich sind die Erinnerungen Milenas an einen gemeinsamen Moment mit ihrem mittlerweile verstorbenen Großvater; dieser Augenblick im Garten ist mit so viel Feingefühl beschrieben worden…wirklich ganz großes schriftstellerisches Kino!

Der Mittelteil beinhaltet ein paar Passagen, die mir ein wenig langatmig erschienen – wobei das so ein negatives Wort ist; ich möchte sagen: für meinen Geschmack hätten manche Ausführungen etwas kompakter sein können. Die konstante Intensität, die sich bis ins kleinste Detail erstreckt, las sich rein textlich zwar schön, bremste aber die Handlung zu sehr aus – wo ich doch so gespannt war auf die ganze Entwicklung! Irgendwann wurde selbst mir Romantikerin das ewige Hin und Her zwischen den Protagonisten zu viel; es erinnerte mich an die zwei Königskinder, die nie zueinander finden. Abgesehen davon kann ich kein Mitleid für jemanden aufbringen, der ach-so-unglücklich in einer Beziehung ist, aber nicht den Hintern hochbekommt, dieses Trauerspiel zu beenden und mit diesem egoistischen Verhalten seinen Partner um wahres Liebesglück beraubt. Jeder Mensch hat es verdient, zu 100% geliebt zu werden, ohne dass dem Partner jahrelang eine andere Person im Kopf herumspukt; das finde ich einfach nur unfair und kann für solch einen Charakter keine Sympathie empfinden.

Alle Figuren wirkten auf mich letztlich etwas entrückt und unnahbar, sind mir fremd geblieben. Einzig Milenas beste Freundin lockerte das Ganze etwas auf. Dieser Kontrast zwischen den Frauen ist absolut glaubwürdig ausgearbeitet worden. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist sehr interessant. Milena selbst hat zu Beginn des Romans den Kopf in den Wolken, lebt nicht, sondern existiert nur verloren und relativ weltfremd/naiv vor sich hin. Ich hätte sie gerne ein wenig geschüttelt und ihr zugerufen, dass sie sich selbst doch genug sein sollte – wieso macht sie ihr Glück von einem Mann abhängig? Vom Ausgang der Geschichte war ich leider aus mehreren Gründen nicht begeistert; an Milenas Stelle hätte ich definitiv viele Dinge anders entschieden. Es bleibt auf jeden Fall spannend bis zum Schluss, das muss ich lobend erwähnen; überhaupt gab es allerlei überraschende Wendungen. Insgesamt hätte ich mir noch mehr Sixties-Feeling und weniger Tragik/Drama erhofft.

Die verblasste Abbildung eines jungen Paares auf dem in kühlen Blautönen gehaltenen Cover lässt das Genre erkennen und stimmt die Leser perfekt auf den Romaninhalt ein.

Fazit: Eine Empfehlung für alle Fans von "Die fabelhafte Welt der Amélie" aufgrund des ähnlich poetisch anmutenden, sehr ungewöhnlichen Erzählstils.

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Veröffentlicht am 29.03.2020

Ein bedeutender Roman!

Die Kleider der Frauen
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Natasha Lester hat mit ihrem tiefgründigen Roman "Die Kleider der Frauen" (erschienen im Februar 2020 bei Aufbau Taschenbuch) ein ganz zauberhaftes, inspirierendes Werk erschaffen, das nicht nur Mode-Fans ...

Natasha Lester hat mit ihrem tiefgründigen Roman "Die Kleider der Frauen" (erschienen im Februar 2020 bei Aufbau Taschenbuch) ein ganz zauberhaftes, inspirierendes Werk erschaffen, das nicht nur Mode-Fans in Verzückung versetzen wird, sondern auch ob seiner Mannigfaltigkeit an reizvollen Themen und spannenden Handlungssträngen einen mitreißenden Pageturner voller Hoffnung und Schönheit darstellt.

Paris, 1940: Seit geraumer Zeit hat Estella, die als Haute-Couture-Schneiderin in der französischen Hauptstadt lebt, bereits den Verdacht, dass ihre Mutter Jeanne im Widerstand tätig sein könnte, nur hatte diese stets ausweichend auf ihre Fragen reagiert. Indes rücken die Deutschen immer näher und die Hoffnung, dass Paris vor ihnen verschont bleiben würde, schwindet mit jedem Tag mehr. Wer kann, flüchtet. Als Estella sich eines Abends für wenige Stunden gemeinsam mit ihren Freunden von der tristen Situation ablenken möchte, steht sie plötzlich dem charismatischen wie auch geheimnisvollen Alex gegenüber. Er kennt ihre Mutter, mehr noch – er benötigt dringend Estellas Hilfe. Wider Erwarten findet sich die junge Frau in einer Undercover-Spionage-Aktion der Résistance wieder. Sie ahnt nicht, dass dieser schicksalhafte Abend, ebenso wie die Begegnung mit Alex, ihr Leben grundlegend verändern wird. Wenige Tage später muss sie Frankreich überstürzt verlassen und nach Amerika flüchten. In New York will sie endlich eigene Kleider entwerfen und sich einen Namen in der männerdominierten Modewelt machen. Vor allem möchte Estella dieses Geschenk, ein Leben fernab vom Krieg, Jeanne zuliebe nutzen. "Zwar konnte sie nicht in den Krieg ziehen, konnte Paris nicht retten, aber sie konnte Kleider nähen, Kleider, in denen Frauen sich stärker, wagemutiger und tapferer fühlten." Gerade als Estella glaubt, sich langsam in New York City zurechtzufinden, wird sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, welches unzählige Fragen aufwirft und sie in ein Gefühlschaos stürzt. Basiert ihr ganzes Leben auf einer Lüge? Im Erzählstrang der Gegenwart hadert Estellas Enkelin Fabienne mit der Frage, ob sie sich die Nachfolge in Estellas Unternehmen zutraut und stolpert dabei über einige Ungereimtheiten in ihrer Familiengeschichte…

In eindringlichen, stimmungsvollen Bildern und mit unglaublicher Authentizität zeichnet die Autorin das unverwechselbare Flair von den Metropolen Paris und New York City. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken mit gleichem Setting werden hier nicht nur Sehenswürdigkeiten aneinandergereiht und der Leserschaft in leeren Phrasen aufgelistet – nein, im vorliegenden Roman spürt man in jeder Zeile, in jeder detaillierten Beschreibung den Puls der jeweiligen Stadt, streift mit Estella durch die verlassenen Straßen des Marais, erlebt den Charme und die unerschütterliche Eleganz von Paris, taucht in den lebendigen Buzz des Big Apple ein. Für mich war es das erste Buch der Autorin und ihr erfrischender, beinahe schon poetischer Schreibstil hat mich restlos begeistert!

Die Geschichte lebt von ihren starken Charakteren, insbesondere Estella ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die man einfach nur bewundern kann und ins Herz schließen muss; gebannt habe ich ihren Lebensweg mitverfolgt. Die Beziehung zu ihrer Mutter, ebenso die Bindung zwischen Estella und Fabienne sind mit außergewöhnlich viel Feingefühl porträtiert worden. Erzählt wird aus mehreren Perspektiven, wobei der Fokus auf den beiden weiblichen Hauptfiguren liegt.

Es ist ein Buch über Hoffnung und Mut, über Freundschaft und Liebe, über Familie und Geheimnisse. Der rote bzw. goldene Faden, der sich als zentrales Thema durch die Handlung zieht, ist Mode: die Kleider, die für Estella so viel mehr sind als nur ein hübsches Stück Stoff. Nach der Lektüre dieses Romans wird man seine Kleidung mit anderen Augen sehen. "Erstaunlich, dass ein Kleidungsstück so viel Bedeutung haben konnte und eine Macht besaß, die weit über Stoff, Faden und Schnittmuster hinausging."

Fazit: Unbedingte Leseempfehlung für alle Liebhaber von historischen Romanen!

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Veröffentlicht am 28.03.2020

Ein ungewöhnliches Internat

Die Schule am Meer
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Bereits am Cover, auf dem eine verblasste Photographie abgebildet ist, lässt sich das Genre erahnen; zudem stimmen die (Original-)Bilder im Innenumschlag dieses hochwertigen Hardcover-Exemplars die Leserschaft ...

Bereits am Cover, auf dem eine verblasste Photographie abgebildet ist, lässt sich das Genre erahnen; zudem stimmen die (Original-)Bilder im Innenumschlag dieses hochwertigen Hardcover-Exemplars die Leserschaft im Vorfeld auf den Romaninhalt ein. Auch eine Skizze des Handlungsortes ist enthalten.

Das Ehepaar Anni und Paul Reiner hatte eine Vision – auf der Nordseeinsel Juist wollten sie eine Schule gründen, in der jedes Kind willkommen sein sollte; eine Lehranstalt, die sich mit innovativen Lehrmethoden auszeichnen, in der jedem Kind die nötige Aufmerksamkeit und individuelle Förderung zukommen sollte. Voller Tatendrang gehen sie ans Werk. Musik nimmt einen hohen Stellenwert ein, ebenso die Verbundenheit zur Natur. Die Lehrer/innen sind jemand, zu dem man aufblickt, von dem man inspiriert wird – keine Schreckenspersonen mit Rohrstock. In diesem reformpädagogischen Inselinternat, das es einst tatsächlich so auf Juist gegeben hat, steht die Gemeinschaft im Vordergrund. Dieser Zusammenhalt ist auch bitter nötig, denn vielen Bewohnern der Insel ist die Tatsache ein Dorn im Auge, dass die Schule als Hort für Juden und Kommunisten gilt.

Zu Beginn habe ich ein klein wenig mit der Vielzahl der Figuren gehadert, es waren tatsächlich einige Namen. Für spätere Ausgaben des Werkes wäre ein Personenregister eine sinnvolle Ergänzung. Erzählt wird abwechselnd aus mehreren Perspektiven – Schulpersonal, Schüler/innen, Insulaner/innen…auch in die Gedanken des Antagonisten taucht man regelmäßig ein. Hierdurch lernt man viele Charaktere gleichermaßen intensiv kennen, sympathisiert mit dem einen oder anderen, während man gewissen Protagonisten am liebsten gehörig die Meinung geigen würde. Insgesamt blieben mir dennoch die meisten von ihnen eher fremd; ihr Schicksal berührte mich zwar, doch wirklich mitgelitten, mitgefiebert habe ich nicht. Meine Favoritin war Anni Reiner, vor dieser Frau muss man einfach Respekt haben. Mit Moskito hingegen wurde ich partout nicht warm. Den größten Teil der Handlung nimmt das Internatsleben selbst ein: die alltäglichen Erlebnisse des Lehrpersonals (wobei der Unterricht selbst eher oberflächlich skizziert worden ist), vor allem aber Freizeiterlebnisse der Schüler/innen stehen im Vordergrund – Mutproben, Freundschaft, erste Liebe…

Geschichtliche Ereignisse fließen eher am Rande in die Rahmenhandlung ein. Es ist kein rasanter Roman mit unheimlich nervenaufreibenden Passagen – vielmehr erschien es mir, als würde man hier an einem Stück Vergangenheit teilhaben dürfen. Es erinnert mich entfernt an eine Art Familien-Saga. In aller Ruhe beschreibt die Autorin die Inselschönheit, die lokalen Begebenheiten der Schule und des Ortes, lässt uns am Entwicklungsprozess der Charaktere teilhaben. Man muss sich Zeit nehmen für dieses Werk, damit sich dessen volle Wirkung entfalten kann und das ist auch gut so. Der Schreibstil ist gut verständlich, ebenso angenehm wie anspruchsvoll und voller detaillierter Beschreibungen. Es wird deutlich, welch intensive Recherche Autorin Sandra Lüpke betrieben hat; mühelos verknüpft sie wahre historische Hintergründe, Personen, Begebenheiten mit Fiktion. Alles in diesem Roman, von den Dialogen bis hin zur Szenerie, der Inselatmosphäre und den Charakteren wirkt ungemein glaubwürdig und authentisch. Manche Passage des beinahe 600 Seiten umfassenden, in ungewöhnlich lange Kapitel eingeteilten Romans hätten etwas kompakter ausfallen können – oder wären idealerweise zu einer ausführlicheren Schilderung des eigentlichen Schulkonzepts genutzt worden; auch mehr Details zu geschichtlichen Begebenheiten wären möglich und durchaus interessant gewesen, so hätte ich z.B. gerne mehr über den Eiswinter gelesen. Hinsichtlich Waldi ahnte ich von Anfang an, welche Entwicklung folgen würde und fand diese absolut unnötig – musste das wirklich noch sein? Alles in allem überwiegt ein eher schwermütiger Ton, der hier und da durch die wundervolle Sprachkunst der Autorin abgemildert und durch humorvolle Anekdoten etwas aufgelockert wird. Nun ja, immerhin war die Realität damals tatsächlich kein Zuckerschlecken, es waren harte Jahre.

Fazit: Ein auf wahren Tatsachen basierender Internatsroman, der vor einem interessanten geschichtlichen Hintergrund angesiedelt ist. Der Fokus liegt ganz klar auf der persönlichen Entwicklung der Figuren sowie auf dem allgemeinen Internatsalltag - weniger auf dem historischen Aspekt. Ein Aufbau mit ein, zwei Perspektiven weniger hätte wahrscheinlich mehr Nähe zu den verbleibenden Figuren bewirkt. Tolle Grundidee, hervorragende sprachliche Umsetzung, Handlungsinhalt nicht mitreißend, aber unterhaltsam.

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Veröffentlicht am 26.03.2020

Tiefgründiger New Adult-Roman mit außergewöhnlicher Hauptthematik

Feeling Close to You
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Schon viel Positives hatte ich über das schriftstellerische Talent von Autorin Bianca Iosivoni gehört und freute mich unbändig über die Gelegenheit, mir endlich selbst eine Meinung diesbezüglich bilden ...

Schon viel Positives hatte ich über das schriftstellerische Talent von Autorin Bianca Iosivoni gehört und freute mich unbändig über die Gelegenheit, mir endlich selbst eine Meinung diesbezüglich bilden zu können. Im Rahmen einer Leserunde durfte ich ihr aktuelles Werk "Feeling Close To You" lesen, welches den zweiten Band der "Was auch immer geschieht"-Reihe darstellt. Aufgrund der vielversprechenden Leseprobe, die mir einen soliden Einblick in die Story vermittelt hatte, ahnte ich bereits im Vorfeld, dass dieses Buch mir in Sachen Schreibstil, Handlungsaufbau und Ausarbeitung der Figuren außerordentlich gut gefallen würde. Ich war gespannt wie ein Flitzebogen, ob ich mit meinem Eindruck recht behalten sollte und wurde nicht enttäuscht. Tatsächlich habe ich mir nach wenigen Kapiteln zusätzlich Band 1 der Dilogie bestellt ("Finding Back To Us"); beide Werke haben jeweils eine in sich geschlossene Handlung und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Das traumhaft schöne Cover besticht mit einem zarten Blauton, der mit einem von goldenen Elementen durchzogenen Marmorhintergrund kombiniert worden ist. Diese optisch sehr ästhetische Gestaltung mag zwar nicht auf die Thematik Gaming schließen lassen, welche ein zentrales Element der Geschichte ist, wirkt jedoch äußerst geschmackvoll, elegant und einfach zeitlos schön. Auch der Glanzdruck des Buchtitels trägt zum edlen Eindruck bei. Das Cover ist definitiv ein Eyecatcher, auch bzw. vor allem in Kombination mit dem Vorgängerband, dessen Gestaltung hier in Form einer Spiegelung aufgegriffen worden ist. Meiner Meinung nach war es ein cleverer Schachzug, keine auf Videospielen basierende Coverabbildung zu wählen, da dies womöglich eine abschreckende bzw. einschüchternde Wirkung auf Leser/innen hätte haben können, die sich bisher wenig oder gar nicht mit Gaming beschäftigt haben. Ich selbst bin z.B. auch keine erfahrene Zockerin, im Gegenteil – und an einen Roman im optischen Videospiel-Gewand hätte ich mich wahrscheinlich nicht herangewagt. Zum New Adult-Genre hingegen passt das hübsche Cover ideal!

Teagan steht kurz vor ihrem Highschool-Abschluss. Sie ist die klassische Außenseiterin, weil sie anders ist als der Durchschnitt. Rein optisch hebt sie sich durch ihren casual style von ihren Mitschülern ab – selbstbewusst trägt sie ihre Tattoos und ihre neonlila gefärbten Haare zur Schau, während alle um sie herum eher dem Barbie und Ken-Ideal nachstreben. Auch charakterlich sticht Teagan aus der Masse hervor, indem sie Oberflächlichkeit jeglicher Art keine Bedeutung beimisst und sich nicht von aufgesetzter Freundlichkeit einlullen lässt. Aufgrund der Tatsache, dass sie früh erwachsen werden musste, hat sie eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft entwickelt – sie möchte Game Design studieren, denn in der Onlinewelt fühlt sie sich wohl, hier kann sie sich mit Gleichgesinnten austauschen, hier ist sie kein Freak, kein Sonderling. Nachts streamt sie live Videospiele und bessert mit den Einnahmen ihre Collegekasse auf – denn ihr Dad würde ein Studium finanziell zwar unterstützen, allerdings nur, wenn Teagans Studienfach etwas 'Vernünftiges', etwas 'Seriöses' wäre. - Nur über Teagans Leiche! In einer ihrer nächtlichen Sessions besiegt sie ausgerechnet den erfolgreichen Gamer Parker. Der mit einem eigenen YouTube-Kanal und Millionen von Followern gefeierte Star der Gaming Szene ist wenig begeistert, dermaßen vorgeführt zu werden von einer unbekannten Spielerin und will unbedingt mehr über sie herausfinden. Schon bald entwickelt sich ein Dialog zwischen ihm und Teagan; beide genießen den lockeren, ungezwungenen Chat und kommen sich trotz der räumlichen Distanz immer näher…

Man merkt, dass die Autorin selbst eine Vorliebe für Videospiele hat; ihre Begeisterung dafür ist in allen betreffenden Szenen deutlich spürbar - man möchte am liebsten direkt selbst zum Controller greifen und mitspielen! Ich könnte mir nun sogar vorstellen, mal eine Convention zu besuchen, so wie die RTX Convention in Austin, Texas. Die detaillierten, enorm ansprechenden Beschreibungen der Onlinespiele haben mich – zu meiner eigenen Überraschung - absolut mitgerissen, beeindruckt und mein Interesse für dieses Hobby geweckt. Nie hätte ich gedacht, dass ich die Schilderung von einzelnen Spielzügen oder Spielfiguren dermaßen spannend finden könnte! Insbesondere 'GuildWars' klingt wahnsinnig interessant – ich würde zu gerne auch einmal das tanzende Lama sehen! Mein Mann dachte, er hört nicht richtig, als ich beim letzten Einkaufsbummel vorschlug, dem lokalen Game Store einen Besuch abzustatten, haha! Wer sich selbst nicht mit Onlinespielen identifizieren kann und befürchtet, gewissen Szenen des Romans nicht folgen zu können, dem kann ich diese Sorge getrost nehmen - auch für Nicht-Zocker (und unerfahrene Neulinge wie mich) ist alles zu diesem Thema mehr als verständlich erläutert worden. Ich finde es großartig, dass die Autorin mit sämtlichen Vorurteilen aufräumt – Gamer sind nämlich nicht automatisch männlich, Nerds und von Gewaltphantasien besessen.

Teagan mag nach außen hin ziemlich tough (und auf manche Menschen vielleicht sogar einschüchternd und arrogant) wirken, aber im Grunde ist ihre harte Schale ein reiner Selbstschutzmechanismus – zu oft ist sie enttäuscht worden. Von ihrer Mom, ihrer (ehemals) besten Freundin, ihrem (Ex-)Freund… Ihre Devise lautet: 'Erwarte nichts und traue niemandem, dann wirst du nicht enttäuscht.' Auch in Parker habe ich mich prima hineinversetzen können; mir hat vor allem gefallen, dass er trotz seines riesigen Erfolges kein bisschen abgehoben ist. Sein Humor und seine spitzbübische, freche Art sind legendär und man kommt nicht umhin, sich ein klein wenig in ihn zu vergucken. Oh, und habe ich erwähnt, dass er auch noch unverschämt gut aussieht?! Kein Wunder, dass es zwischen ihm und Teagan gewaltig knistert! Die Nebenfiguren, allen voran Parkers gesamte WG, sind ein weiteres Highlight für sich – ich hoffe inständig, dass die Autorin irgendwann auch ihnen einen eigenen Roman widmen wird.

Den Schreibstil würde ich als humorvoll und beflügelnd bezeichnen; ich habe oft schmunzeln müssen, speziell im Hinblick auf den Chatverlauf zwischen Teagan und Parker. Diese Neckereien zwischen ihnen sind herrlich authentisch und wirken total realistisch. Besonders lobenswert finde ich, dass die Autorin ein locker-flockiges Buch geschrieben hat, ohne sich jemals des ansonsten in diesem Genre oft vertretenen, auf Krampf eingefügten Jugendslangs zu bedienen. Bravo! Auch auf den obligatorischen Bad Boy (den ich in der Regel recht gerne mag, es geht mir hier eher um die Außergewöhnlichkeit des vorliegenden Werkes) hat sie verzichtet; ganz so, als wolle sie sagen: 'Es geht auch anders!' Dennoch sollte man nicht meinen, dass alles eitel Sonnenschein ist und die feinen Töne, die tiefgründigen Themen zu kurz kommen würden. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Situation in Parkers Elternhaus, deren Szenen mit so viel Feingefühl und Empathie ausgearbeitet worden sind, dass sie mir die Kehle zugeschnürt haben. Selbiges gilt für die Beziehung zwischen Teagan und ihrem Vater, die mich ob ihrer glaubwürdigen Darstellung voll und ganz überzeugt hat.

Die im Vorfeld angefügte Playlist passt hervorragend zum Romaninhalt, auch die als 'Level' bezeichneten Kapitel unterstreichen die Kreativität der Autorin. Der eher langsam ansteigende Spannungsbogen verleiht dem Werk etwas sehr Angenehmes, Entspannendes. Erzählt wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren, wobei gegen Ende Teagans Sichtweise überwiegt. Prinzipiell hat das meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan, doch ich fand es für den Gesamteindruck nicht vorteilhaft, dass man gerade in solch einem bedeutenden Abschnitt relativ wenig Einblick in Parkers Gedanken erhält. Sicher, es sorgte kurz vor knapp nochmal für Spannung (und Drama), hat mir allerdings auch etwas Unbehagen bereitet, immerhin ging es bei seiner Backgroundstory um ein ernstes Thema. Prinzipiell hätte ich übrigens kein Problem damit gehabt, wenn der Fokus über die gesamte Handlung hinweg gänzlich auf Teagan gelegen hätte, aber nachdem Parker so sympathisch in die Geschichte eingeführt worden war, war es echt ein Jammer, dass sein Part gegen Ende nicht mehr die gleiche Intensität aufwies. So wirkte der Abschluss ein klitzeklein wenig einseitig und daher nicht ganz so 'rund', wie ich es mir gewünscht hätte. – Das nennt man wohl Jammern auf hohem Niveau, denn abgesehen davon kann ich dieses Werk nur in den höchsten Tönen loben und jedem empfehlen, dessen Herz für New Adult-Romane schlägt!

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