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Veröffentlicht am 28.02.2026

Liebe widersetzt sich der Ordnung

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem ...

Die Autorin Christien Brinkgreve, Niederländerin und Mitte 70, steht nach dem Tod ihres Ehemannes A (ein Name stand ihm wohl nicht zu in diesem Buch) vor den Scherben ihrer Liebe und versucht, sie zu einem Ganzen zusammenzusetzen, das auch in der Erinnerung einem kritischen Blick besteht. Aber Liebe ist nicht Lego und so baut sie an einer Stelle auf und woanders entgleiten ihr die Gefühle. Nicht einmal das Umräumen ihrer Wohnung lässt sich ohne Widerstände von außen und innen bewerkstelligen, Brinkgreve war immerhin 40 Jahre mit A verheiratet und hat mit ihm zwei nun erwachsene Söhne sowie Töchter aus seiner ersten Ehe. Allen soll alles recht gemacht werden, war nicht geht. Setzt sie ihren Kopf durch, erfährt sie Kritik und Ablehnung. Erst allmählich, das Trauerjahr neigt sich schon dem Ende zu, wird sie selbstbewusster und ruhiger.
Als Brinkgreve und A heiraten, ist sie eine angehende promovierte Wissenschaftlerin, Soziologie, Psychologie, Psychotherapie, Feminismus und andere Themen, über die beide diskutieren können, an denen beide interessiert sind, scheinen der Kitt der frühen Beziehung. Noch schmückt sich der etwas ältere Mann, der seine erste Ehe gerade beendet, mit der klugen neuen Frau. Sie sieht diese Zeit so: „Ich verliebte mich nicht nur in den Mann, sondern auch in seine Entourage.“ Ich setze hinzu, auch in seinen Geist. Und sie gibt ihm von Anbeginn an nach, sogar den Verlust ihres eigenen Hauses nimmt sie in Kauf.
Aber als die Kinder kommen, erwartet er auch von einer Professorin gewisse zur Familie passende Eigenschaften. Dass Brinkgreve sich mit Hilfe von Haushaltshilfen Freiräume für ihre Arbeit erschafft, stößt auf wenig Gegenliebe. Im Rückblick lässt sie die Entwicklung an sich vorbeiziehen, erinnert sich an ihre Rückzüge, zuerst nur ins Arbeitszimmer unterm Dach, später auch nach Egmond in das Wochenendhaus. Etwas, das sich nicht jede Frau leisten kann, die Kinder und Arbeit unter einen Hut bringen will oder muss. Brinkgreve will. Und A nimmt übel, später werden ihr die Söhne verraten, dass auch sie die sich zurückziehende Mutter in gewisser Weise vermissten. Kolleginnen sehen die Rolle der Mutter nicht ausgefüllt und in Gefahr. Dabei versucht Brinkgreve, gerade die sogenannte Sorgearbeit zur Zufriedenheit aller zu erfüllen. Vorwürfe allenthalben.
In ihrem Versuch, die Liebe zu ordnen, schwankt die Autorin zwischen Selbstmitleid und Selbstliebe, zwischen Selbstverleugnung und Selbstbestimmung, dieses „Selbst“ hat ihr im Rückblick das Leben zur eigenen Hölle gemacht. Auch wenn sie irgendwann schreibt „Das Erschaffen einer eigenen Welt bot mir Schutz…“, frage ich „Schutz vor dem Ehemann?“ oder „Schutz vor dem Gedanken, sich von ihm zu trennen?“ Brinkgreve ist klug, sehr klug, sie weiß genau, was eine Trennung bedeutet. Verlust der Gemeinsamkeit, Verlust von Freundschaften, Verlust des Vertrauens der Kinder oder Schlimmeres. All das wollte sie nie, macht sich die Unfähigkeit, diese Entscheidung zu treffen, jedoch auch zum Vorwurf.
Brinkgreve ist sich ihrer selbst nicht sicher, der Ehemann war von Depressionen, oder wie er es nannte, von „Schwermut“ betroffen, Therapien lehnte er ab, die gemeinsame Paartherapie war aus meiner Sicht mit ihm der falsche Weg. Er kapselte sich immer mehr ab, wurde unleidlich, böse und grob in den Umgangsformen. Nur wenn sein Helfersyndrom beansprucht wurde, lebte er freundlich auf. Nicht unbedingt eine Ehe wie aus dem Bilderbuch. Freunde, Bekannte und Kollegen bemerkten diese Stimmungswechsel, konnten ihre Haltung, unbedingt bei ihrem Mann bleiben zu wollen, bald nicht mehr verstehen. „Womöglich konnte ich auch nicht ohne ihn?“. Diese Frage stellt sie sich nun selbst.
Als der Ehemann krank wird, erübrigt sich jeder Gedanke an Flucht, da heißt es „in guten, wie in schlechten Tagen“, dass sie in den schlechten Tagen eine Menge aushalten muss, lässt sich nachvollziehen anhand ihrer Selbsterkenntnisse. Sie war 40 Jahre lang zu nachgiebig, zu anpassungswillig, zu lieb. „Ich kam nicht gegen ihn an.“ Mit dem Aufräumen und Entrümpeln des Hauses kommt sie dann endlich doch gegen ihn an, aber es fällt ihr schwer. Jeder Gegenstand ist eine Geschichte, mit Bedeutung, auch mit schlechter, aufgeladen.
Wenn Eheleute sich plötzlich Mails schreiben, anstatt miteinander zu reden, fühlt sich das fremd an. Erstaunlich, dass Brinkgreve auch hier noch das Schöne und Freundliche sucht und findet, von einem Menschen, der sie offen ablehnt, sie nicht im Fokus haben will, sie lieber nicht ansieht. Wer so sehr sich selbst aufgibt, hat am Ende Schwierigkeiten, sich selbst noch zu sehen und zu erkennen.
Brinkgreve schreibt das alles in einem gut lesbaren Stil, sie ist versiert im Schreiben und Formulieren, aber es gelingt ihr nicht, eine Ordnung in ihre Liebe zu bringen. Ihre Liebe, die so sehr auch Selbstaufgabe war, widersetzt sich. Im Epilog schreibt sie „Das Schreiben war eine Art Studie, … Es legt offen. … Es kleidet Erfahrungen in Worte, die bisher wortlos gespeichert waren. …“
Mich hat dieses Buch trotz der Offenheit nicht sehr berührt, vielleicht ist es so, dass ich das, was ich hier erfahren habe mit einem Seufzer der Erleichterung gelesen habe. Mein Leben war nicht so, ist nicht so. Da möchte ich nicht gern allzu negative Erfahrungen von anderen Frauen haben, die mir die Seele beschweren.
Es ist für Brinkgreve am Ende eine Neuordnung der Gedanken und Erinnerungen, der Gefühle und Schmerzen und auch des Hauses. Sie wird damit weiterleben. Vielleicht ist es das, was Brinkgreve gebraucht hat, einmal alles durchdenken und dann dieses Buch beenden. Der Ehemann A wird dadurch nicht besser und auch nicht schlechter, jedoch kann sie sich der angenehmen, bereichernden Zeit mit ihm wieder ohne Scheu erinnern. Schlechtes wird verblassen, ich wünsche ihr genügend Zeit, das auch zu genießen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 28.02.2026

Es hört nie auf

Giftiger Grund
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Thomas Knüwer hat sich mir ins Gedächtnis geschrieben mit „Das Haus in dem Gudelia stirbt“, das ist zwei Jahre und einen Deutschen Krimipreis 2024 her, nur erscheint sein neuester Roman, giftgrün-schwarzes ...

Thomas Knüwer hat sich mir ins Gedächtnis geschrieben mit „Das Haus in dem Gudelia stirbt“, das ist zwei Jahre und einen Deutschen Krimipreis 2024 her, nur erscheint sein neuester Roman, giftgrün-schwarzes Cover und 330 Seiten stark. Stark auch der Inhalt, der auf dem giftigen Grund einer verlassenen Tankstelle seinen anziehend abstoßenden Platz hat.
Drei Hauptpersonen bevölkern den neuen Krimi, die Randfiguren sind fast durch die Bank negativ besetzt und fordern keine Sympathiebekundungen heraus. Wer sind die drei? Zuerst ist da Joran, der sieben Jahre zuvor an einem Tankstellenraub beteiligt war und beinahe versehentlich einen Mann mit seinem Messer verletzte. Ergebnis waren sieben Jahre Haft. Als Joran sich zu ebendieser Tankstelle begibt, um die magere Beute von siebenhundert Euro zu suchen, findet er einerseits die Leiche seines ehemaligen Freundes, andererseits aber kein Geld. Aber er lernt auf unsanfte Art Protagonistin Nummer zwei kennen, Charu. Sie ist eine Urbexerin, die sich die Tankstelle als Lost-Place-Location für ihre nächsten Instagram-Videos auserkoren hat. Sie filmt heimlich und filmte dabei unbemerkt das Mädchen Edda, das ihr Videoaccessoire, eine „Glitzerkatze“, geklaut hat. Aus den drei Protagonisten erwächst eine Schicksalsgemeinschaft, die es in sich hat.
Joran hat Geldsorgen, sein Kumpan Marvin versucht ihn erneut auf die schiefe Bahn zu ziehen, Charu lebt bei ihrer Schwester und muss sich mit deren unerquicklichem Freund Mike auseinandersetzen, Edda lebt unter äußerst prekären Umständen, die erst im weiteren Verlauf der Geschichte Konturen annehmen. Alle drei werden immer wieder auf harte Proben gestellt und müssen um Leib und Leben fürchten. Ob es jedem von ihnen gelingt, ein neues Leben zu beginnen, das lasse ich hier offen.
Der Krimi kommt erst langsam in Fahrt, man sollte Geduld haben, beim Lesen wie beim Hören.
Das Buch hat eine klare und angenehm zurückhaltende Typografie. Das Cover wird inklusiver der Innenklappen gut genutzt, leider ist die weiße kleine Schrift auf dem giftgrünen Grund (Inhalt und Autorenvorstellung) auf den Klappen schlecht lesbar, da wäre schwarz die bessere Wahl.
Das Hörbuch wird von verschiedenen Sprechern gelesen, bekommt beinahe einen Hörspielcharakter. Die Stimmen passen gut, es wird sehr lebendig und authentisch gelesen!

Fazit: Ein guter Krimi, ungewöhnliches Ambiente, spannend bis zum Ende.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

„Die stillen Tage sind in der Überzahl“

Das gute Leben
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Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ...

Einen unbekannten Autor zu entdecken ist wie in ein fremdes Land reisen. Man hofft, dass die Erzählungen anderer stimmen, dass es dort schön, aufregend und interessant ist. Erst wenn man wieder zu Hause ist, wird man selbst urteilen. Über Nadine Schneider wusste ich vor der Lektüre von „Ein gutes Leben“ nur das, was ich als Werbetext und kurze Biografie gelesen hatte. Wochenlang lag das Buch in meinem Reader, zweimal begonnen, und war ich nicht über die ersten 20 Seiten hinausgekommen. Als wäre ich in einem fremden Land, aber kurz hinter der Grenze gestrandet. Der dritte Anlauf ist mir dann gelungen und plötzlich war ich mittendrin, konnte nicht mehr zurück und nicht mehr aufhören zu lesen.
Es gibt bereits zwei Romane von Nadine Schneider, 2021 erschien „Wohin ich immer gehe“ und erst 2025 „Drei Kilometer“. Beide habe ich noch nicht gelesen, aus den Klappentexten weiß ich aber, auch diese spielen wie der neueste Roman in Rumänien, handeln von Rumäniendeutschen, von Flucht, Auswanderung nach Deutschland, Überlebenskämpfen. Ich erinnerte mich z. B. an die Romane „ë“ von Jehona Kicaj oder an „Onigiri“ von Yuko Kuhn, oft geht es in heutigen Romanen um die Probleme von nach Deutschland eingewanderter Frauen, die mit unterschiedlichsten Schwierigkeiten konfrontiert und auch in unterschiedlichsten Milieus zu Hause sind. Das lässt mich auch zurückdenken an meine Mutter und Großmutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Ostdeutschland einen Neuanfang nach der Flucht wagen mussten.
Dieser Roman bildet ein ganzes Familienleben ab, beginnend mit Christinas Urgroßmutter, dann mit Anni, die Großmutter, die beinahe eine Mutter für Christina war, und mit Helene, Christinas Mutter, die nach Florida auswanderte, ja, eher flüchtete vor der Enge eines geregelten Mutter-Kind-Daseins. Obwohl es Christina ist, die diese Familiengeschichte erzählt, sie zusammensetzt aus Rückblicken, aus selbst Erlebtem, aus Erdachtem und Erträumten, ist Anni der Mittelpunkt dieses Romans.
Anni stirbt nach einer Herz-OP viel zu früh, jedenfalls für Christina ist es zu früh, denn sie erbt das Häuschen von Anni, in dem sie aufgewachsen ist. Das folgende Zitat steht für mich für den ganzen Roman, es zeugt von Liebe und Herzensbildung: „Wir hatten noch Zeit, da war ich mir sicher, wir hatten Zeit, und ich würde sie fragen können, ich würde einmal an irgendeinem guten Tag meinen Mut zusammennehmen und sie alles fragen, und ich würde mich diesmal nicht abwimmeln, mich nicht mit Floskeln abspeisen lassen und mit der wegwerfenden Handbewegung, dem Ausstoßen der Luft, ich würde diesmal nicht zulassen, dass Anni ihre Vergangenheit mit nur einer Geste aus unserem Sprechen verbannte, dass sie mich mit nur einer Geste um etwas betrog, um das Wissen, wer sie war und wer sie ist.“ Christina setzt ihr mit dem im Roman Erzählten einen Gedenkstein, der nicht schöner und größer sein könnt.
Die Kontaktaufnahme zu Helene, ihrer nicht nur räumlich sehr fernen Mutter, gestaltet sich schwierig. So geht man mit Christina zurück in der Zeit, zu ersten kindlichen Erinnerungen an die rumänische Urgroßmutter, das alte Haus, die sengend heißen Sommertage. Dann wieder erlebt man Anni, die Rumänien verlassen will für ein freies selbstbestimmtes Leben in Deutschland, die ihre Heimat noch heimlich verlassen muss und schwanger ist, die bei ihrem Bruder Unterschlupf und später bei „der Quelle“ eine Arbeit findet. „Die Quelle“ und Frau Schickedanz, das sind Annis lebhafteste Erinnerungen, die sie der Enkelin und wie auch der Tochter immer wieder ins Gedächtnis bringt. Man könnte darüber lachen, aber Anni war das sehr ernst, eigentlich zu Hause fühlte sie sich bei der Arbeit, erst in ihrem eigenen Häuschen, das sie erbte, wird sie doch etwas heimisch.
Das gute Leben, danach hat sich Anni immer gesehnt, nach ihrem Tod bleibt bei Christina und Helene die Erkenntnis „Sie war mit dem Erreichen so beschäftigt, dass sie von dem, was sie erreicht hat, schon gar nichts mehr mitgekriegt hat.“
Jede Generation in diesem Roman hat eigene Erfahrungen, zieht eigene Schlussfolgerungen, so wie das im Leben normal ist. Nachträglich ändert man ein Leben nicht mehr. Aber man kann, wie Christina, an jedem beliebigen Ort der Erde Neues beginnen, das Alte muss man deshalb nicht vergessen.
Fazit: Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, geschrieben mit leichter Feder, die so viel Schweres bewältigen kann. Das Zitat „Die stillen Tage sind in der Überzahl.“ drückt für mich Annis Lebensgeschichte und Christinas Nacherleben aus. Das wunderschöne Cover wird dieses Buch zusätzlich auf dem Ladentisch glänzen lassen.

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 25.02.2026

Das Dunkle in der Welt zeigt sich früh genug

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine ...

Es ist genau ein Jahr her, dass ich Judith Hermanns Buch „Wir hätten uns alles gesagt“ (das schon 2023 erschienen war) gelesen und rezensiert habe. Ich war sehr beeindruckt und habe lange an dieses kleine Buch denken müssen, es hatte mich im tiefsten Inneren erwischt. Nun erscheint ein neuer schmaler Band mit dem großen Titel „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“, vielleicht hat die Autorin daran gerade gearbeitet, als ich über sie und mich, unsere Ähnlichkeiten (Vorname, Geburtsstadt, Pellkartofffeln und Quark, das Kind) nachdachte. In diesem Buch sprach sie nie von ihrem Großvater mütterlicherseits, nur der schreckliche Großvater väterlicherseits war thematisiert worden.
Völlig unerwartet habe ich festgestellt, dass eine weitere, prägende Ähnlichkeit vorhanden ist: wir haben beide einen Großvater, der bereits bei unserer Geburt tot war und über den in der Familie eher wenig gesprochen wurde. Womit die Ähnlichkeit abrupt endet. Ihr Großvater war ein SS-Angehöriger, der den Krieg bis auf eine Tätowierung unterm Arm körperlich unversehrt überstand, mein Großvater war Jude und wurde in Auschwitz ermordet, die Mörder nahmen sich nicht die Zeit, ihm eine Nummer zu tätowieren. Einen größeren Unterschied zwischen unseren Großvätern gibt es wohl kaum. Und doch bin ich fasziniert und bewegt von Judith Hermanns Versuch, in der Zeit zurückzugehen.
Wir haben in der Nachkriegsgeneration Traumata, die wir versuchen zu überwinden, zu verstehen, zu „literarisieren“ oder einfach Orte zu sehen, an denen etwas Geschichtliches und Familiäres stattgefunden hat. Wir irren uns in der Hausnummer, wir suchen am falschen Ort, wir sehen einfach nichts und doch sehen wir alles. Judith Hermann ist nach Radom gefahren, der polnische Ort, in dem ihr Großvater im Einsatz war, auch bei der Auflösung des jüdischen Ghettos, bei vielleicht bis heute unaussprechlichen Taten, die er begangen hat, oder auch nicht. Radom zeigt ihr nichts, gibt freiwillig nichts preis, Unverständnis und Ignoranz sind keine ungewöhnlichen Reaktionen. Trotzdem spinnt sie sich ein in einen Kokon, in dieser auf Zeit gemieteten Wohnung und versucht dem Phänomen „Großvater-Täter“ auf den Grund zu gehen. Im Gegensatz zu mir hat sie zumindest Fotos, weiß wie er aussah, wie er posierte. Von meinem Großvater ist nichts als eine Rauchwolke geblieben, und ein paar Urkunden in Archiven sind erhalten, kein Foto, kein Knopf, gar nichts. So denke ich, sie kann froh sein, dass sie nicht nur einem Phantom nachjagt, sondern ein wenig mehr herausfinden will über den Vater ihrer Mutter, die mit ihm bis zum vierzehnten Lebensjahr, bis zu seinem Tod zusammenlebte. Meine Mutter konnte sich nicht einmal an ihren Vater erinnern. Aber ihre Mutter möchte nicht viel erzählen, kann es vielleicht auch nicht. So bleiben beide immer wieder stecken in den unvollständigen Erinnerungen. Die Zeit in Radom geht zu Ende, Judith Hermann will in den Süden, nach Italien, zu ihrer Schwester und deren Familie, aber bevor sie fährt, ereignet sich ein kleines Wunder. „… ganz am Ende habe ich Sabbat gefeiert, zum ersten Mal in meinem Leben.“ Und da habe ich mich für sie gefreut, denn ich habe tatsächlich noch nie Sabbat gefeiert.
Auf dem Weg nach Italien wird Judith Hermann in Wien Station machen, da bin ich wieder ganz bei ihr, erkunde das Jüdische Museum mit ihr und spüre in meinem Herzen, wie sie „die Nerven verliert“. Sehe mich selbst völlig aufgelöst im Museum in Auschwitz. Wir sind uns sehr ähnlich, über achtzig Jahre nach Kriegsende sind wir die Enkelgeneration, Opferenkel, Täterenkel, wo ist der Unterschied, wir leben heute, müssen heute klarkommen mit unseren Gedanken und Gefühlen.
Der Besuch bei der Schwester ist keinesfalls problemfrei, aber die südliche Sonne, das südliche Wesen entspannen auch ihr Inneres. Die Erlebnisse sind das Gegenteil des kalten Radoms, die Lichtblicke, das Fröhliche der Kinder, die unwirklich wirkliche Wohnung der toten Agata Alba in Neapel, die aufblitzende Vertrautheit der Schwestern, Pompeji, die Hermeneutikproblematik des Schwagers, all das lässt den Leser wie die Autorin Judith Hermann am Ende hoffnungsfroh in die Zukunft blicken. Der Berg wird nicht abstürzen ins Tal, zumindest nicht so bald. „Ich saß im Zeittäschchen in der Sonne auf einem Stein vor einem Haus, …“ Dieses Zeittäschchen werde ich mitnehmen aus dem Buch, mich hineinsetzen zu Lesen und zum Denken.
Das waren meine Eindrücke zu den Teilen I und II des Buches, Radom und Napoli, Teil III heißt Tidslomme, der mit der existentiellen Frage der Unsterblichkeit (oder Sterblichkeit?) im Vagen bleibt. Dieser dritte Teil passt nicht so ganz zu den ersten beiden, der Zeitsprung kommt zu unvermittelt, die Geschehnisse sind abstrakt, wie durch ein Fernglas betrachtet werden sie erzählt. Fremd und doch sehr persönlich.
Ein Zitat aus dem Buch habe ich mir bis zum Schluss aufgehoben, es könnte auch mein Gedanke sein. „Was, frage ich meine Mutter, mache ich, wenn du nicht mehr da bist. Oh, sagt sie leichthin. Dann wirst du dich an mich erinnern.“ Der schönste Satz im ganzen Buch. Mein schönster Satz.
Fazit: Der Großvater von Judith Hermann ist in jeder Hinsicht ein Cold Case. Keine Reise und kein Archivbesuch werden der Autorin jemals hundertprozentige Klarheit bringen. Ich denke, am besten ist es, mit einem solchen Zustand seinen Frieden zu machen. Ich bin 16 Jahre älter als die Autorin und habe dementsprechend 16 Jahre mehr mit Archivrecherchen und Ortsbesichtigungen verbracht, irgendwann kommt man zu einem Ende, auch wenn es unbefriedigend ist. Aber dann ist es auch gut. Und: Von Familienmitgliedern darf man niemals das gleiche Interesse erwarten, das einen selbst antreibt. Judith Hermanns Schwester jedenfalls „gräbt“, aber 2000 Jahre früher. Judith Hermann schreibt, übrigens mit vielen Fragen, aber ohne Fragezeichen, das sollte unbedingt so bleiben, beides.
Unbedingte Leseempfehlung und aufgerundete 4,5 Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Grün ist die Farbe der Hoffnung

Immergrün
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Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die ...

Ruth Olshan hat ein starkes Debüt vorgelegt! Das Buch, das nicht den Genretitel Roman trägt, ist eine autobiografisch-autofiktionale Bewältigung ihrer Kindheits- und Jugenderfahrungen in Romanform. Die Autorin arbeitet mit zwei Zeitebenen, es fiel mir nicht schwer, mich in beiden Zeiten zurechtzufinden, als geborene Berlinerin fiel mir das natürlich in Olshans Berliner Erinnerungen leichter als in denen, die sie zu Israel vermittelt. Erzählen kann sie aus der Zeit dort eigentlich noch nicht, die Baby- und Kleinkinderinnerungen sind wohl eher aus zweiter Hand. Aber das macht nichts, sie lesen sich wahrhaftig und lassen deutsche Leser sicher manchmal verwundert aufschauen. Erzählt wird diese Lebens- und Familiengeschichte immer aus Sicht der Hauptperson, der willensstarken Ruth.
Die Olschans (ich bleibe der Einfachheit halber bei diesem im Buch gewählten Familiennamen) sind eine Emigrantenfamilie aus Moskau, die Mutter stammt ursprünglich aus Litauen, das Jüdische und das Katholische mischen sich bei Ruth Olaschans Eltern, die Mutter wurde mit der Taufe während der Besetzung Litauens dem rassischen Verfolgungswahn der Deutschen entzogen. Der Vater ist Jude, mit dem schönen, bedeutungsschweren Vornamen Israel, aber praktiziert eher nicht. Es ist kompliziert und wird es das ganze Buch über auch so bleiben.
Nach einer zuerst geglückten Emigration 1970 aus der Sowjetunion nach Israel stellt sich dort bald heraus, dass Ruths Eltern sich an dieses Land nicht anpassen, sich dort nicht integrieren können. Ruth wäre das wohl gelungen, aber die Eltern wollen nach Deutschland. Das Land, das ihren Lebensweg so dramatisch mitbestimmte, über Leben und Tod in den Familien entschied, soll nun die neue Heimat werden. Auch hier, in Berlin (West) ist Integration und Assimilation schwierig, wieder ist es Ruth, die sich schneller an die Gegebenheiten gewöhnt. Da Ruths Mutter als ausgebildete Sängerin und Chorleiterin keine Arbeit findet, und auch der Vater sich mit einer Beschäftigung schwertut, ist die kleine Familie auf Sozialhilfe angewiesen. Wie sehr, das wird im Buch immer wieder deutlich. Die teilweise prekäre Lage spitzt sich zu und manifestiert sich in wüsten Streits und gegenseitigen Beschimpfungen der Eltern, die sich irgendwann auch scheiden lassen. Um die gemeinsame Tochter Ruth kümmern sie sich immer weniger. Bald zeichnet sich eine schwere psychische Erkrankung der Mutter ab, die Ruth versucht, mit allen Mitteln zu verheimlichen. Die Schilderungen des Zustands der Mutter und es Zustands der verwahrlosten Wohnung sind haarsträubend.
Der zweite Erzählstrang beginnt im ersten Kapitel mit dem Tod der Mutter; Ruth, unterdessen eine erwachsene Frau, hat als Hinterbliebene ein schweres Vermächtnis zu erfüllen: Die Asche von Mutter und Großmutter sollen im Familiengrab in Kaunas beigesetzt werden. Ruth will zuerst mit dem Flugzeug und den beiden silbernen Urnen, die wie kleine Bomben aussehen, dorthin fliegen, aber das stellt sich als zu kompliziert und bürokratisch heraus. Also packt sie die Urnen in eine Einkaufstasche und fährt, begleitet vom nervtötenden Scheibenwischerquietschen, von Berlin über Polen nach Litauen. Um dann in Kaunas festzustellen, dass sie nicht einmal vorher eruiert hat, auf welchem Friedhof sich das Familiengrab befindet. Die ordentliche Ruth muss schon ziemlich aus dem Konzept geraten sein, dass sie die Reise so unvorbereitet antrat. Aber das Glück ist ihr weiter hold.
Ich will hier nicht zu viel erzählen vom Inhalt, nicht von den Erlebnissen unterwegs, nicht von den Erinnerungen an die Kindheit von Ruth. Aber ein wirklich einschneidendes Ereignis will ich hervorheben: Der Fall der Mauer am 9. November 1989, der die Welt auch von Ruth und ihrer Mutter auf den Kopf stellt. Beide können bald danach in das Land der Vorfahren reisen, die Annäherung zwischen Enkelin und Großmutter ist rührend beschrieben.
Jeder wird dieses Buch anders lesen, manche werden es mögen, andere nicht, ich mag es sehr. Auch, weil ich in einer Mutter-Tochter-Großmutter-Welt aufgewachsen bin. Meine Ahninnen sind nicht emigriert, aber sie mussten flüchten am Ende des Zweiten Weltkriegs, die Befreiung war für meine Mutter nach 12 Jahren der Repressionen, die sie als Halbjüdin erlitt, eine echte Befreiung. Auch sie litt unter Depressionen, besonders im Alter, auch ich habe sie in einer psychiatrischen Klinik besuchen müssen. Alles unter vollkommen anderen Bedingungen, als Ruth sie erlebte, aber es hat mich sehr an meine eigenen Erfahrungen erinnert. Und ich habe mir beim Lesen vorgestellt, ich würde mit den Urnen meiner Oma und meiner Mutter nach Polen reisen und sie beide in Meseritz beerdigen, ich glaube, sie hätten nichts lieber gehabt als das. Deshalb kann ich das Vermächtnis, das Ruth nach Kaunas führt, so gut verstehen.
Dass die Autorin sich in der Lage sah, gerade über ihre Mutter, aber auch über ihren Vater so schonungslos zu berichten, hat mich trotzdem sehr erschüttert. Ich habe vor Jahren die Biografie meines Vaters veröffentlich, meine Mutter darin fast nicht erwähnt, ich habe es nicht übers Herz gebracht, etwas Negatives oder Unschönes über sie zu schreiben. Zu meinem Vater hatte ich ein distanzierteres Verhältnis, in einer Dokumentation war es auch leichter, ihn zu beschreiben und zu kritisieren. Über meine Mutter so zu schreiben, wie Ruth Olshan das gemacht hat, das könnte ich nicht.
Mich hat das Buch an eine Reihe von Emigranten-, Auswanderer- und Exilromanen erinnert, die alle mit alltäglichen Sorgen umgehen mussten, entweder hier in Deutschland oder weil sie aus Deutschland vertrieben wurden. Wenige Beispiele: Yoko Kuhn, Onigiri; Mariusz Hoffmann, Polnischer Abgang; Erich Maria Remarque, Arc de Triomphe; Sabrina Janesch, Katzenberge; Jehona Kicaj, ë; Melissa Müller, Mit dir steht die Welt nicht still – alles Romane, die den Verlust der Heimat und die Probleme des Alltags in einem fremden Land wunderbar beschreiben.
Dieses Buch IMMERGRÜN reiht sich ein, aber es hebt sich mit seiner Schärfe und Tragik auch sehr von anderen Romanen ab.
Der Epilog mit dem Gedicht vom Papierschiffchen hat alles Gelesene rückblickend in ein etwas sanfteres Licht gerückt. „Papierschiffchen, meine Hoffnung“ – hier schließt sich der Kreis, auch Immergrün hat die Farbe der Hoffnung.
Fazit: eine nicht alltägliche Lebens- und Familiengeschichte, auch die Geschichte einer psychischen Erkrankung, die das Leben zur Hölle machen kann. Leseempfehlung!

Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.

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