Leerstellen
Mit „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ legt Judith Hermann ein Sachbuch vor, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist keine historische Aufarbeitung im klassischen Sinn, sondern eher ein ...
Mit „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ legt Judith Hermann ein Sachbuch vor, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Es ist keine historische Aufarbeitung im klassischen Sinn, sondern eher ein offenes Nachdenken über Erinnerung, Schweigen und familiäre Leerstellen. Gerade diese Form hat mich sowohl inhaltlich als auch sprachlich sehr angesprochen.
Ausgangspunkt ist das Nachdenken über Hermanns Großvater, der während des Zweiten Weltkriegs für die SS im polnischen Radom stationiert war, wo zahlreiche Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Lange Zeit wurde diese Vergangenheit innerhalb der Familie verdrängt oder verleugnet, auch heute noch von Hermanns Mutter und Schwester. Hermann fährt u.a. nach Polen, kann aber nichts abschließend klären oder erklären. Stattdessen legt sie offen, was sich erzählen lässt und was nicht.
Als Leserin konnte ich diesem Denkprozess sehr gut folgen, gerade weil Hermann nicht versucht, Lücken zu füllen, wo keine verlässlichen Antworten existieren. Besonders gefallen hat mir aber die Sprache. Sie ist klar, ruhig und variantenreich. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist damit ein stilles, nachdenkliches Buch, das nicht belehrt, sondern zum Mitdenken einlädt, um sich auch dem Verdrängten und Verschwiegenen zu nähern.