Platzhalter für Profilbild

Kado82

Lesejury Star
offline

Kado82 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Kado82 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.01.2026

Sprachlos

Jahre ohne Sprache
0

Viele kluge und zugleich wütende Worte für eine Tat, die sprachlos macht - genau damit konfrontiert uns 'Jahre ohne Sprache' von Ann Esswein. Und plötzlich werden Worte gefunden. Worte, von denen jeder ...

Viele kluge und zugleich wütende Worte für eine Tat, die sprachlos macht - genau damit konfrontiert uns 'Jahre ohne Sprache' von Ann Esswein. Und plötzlich werden Worte gefunden. Worte, von denen jeder weiß, wie lebenswichtig sie sind.

Wir begleiten Nao, in einem früheren Leben Natascha, auf ihrem Weg aus einer erdrückende Sprachlosigkeit. Ihre neu gewählte Familie trägt sie dabei - Menschen, die ein unkonventionelles Leben führen, jenseits von Regeln, Mietverträgen, Geschlechterrollen und Hierarchien. Hier sind alle gleich, und doch verarbeitet jede
r seine Vergangenheit auf so unterschiedliche Art und Weise.

Nao erinnert sich nur an eine Hand. An die Hand, die Dinge mit ihr tat, die sie nicht wollte, die Grenzen überschritt. Und an ihren besten Freund Luki - sowie an die unbegreifliche Entfremdung nach jenem Abend.

Ann Esswein lädt uns tief in Naos Gedankenwelt ein und lässt dabei bewusst Raum für eigene Empfindungen und Interpretationen. In Flashbacks erfahren wir Stück für Stück von dem Leben einer jungen Frau, der über Jahre hinweg die Worte fehlten - einer Frau, die von gesellschaftlichen Mechanismen zum Verstummen gebracht wurde.

Ich konnte und wollte dieses Buch kaum aus der Hand legen.

Ich empfehle euch: Lest diesen ruhigen und zugleich enorm bedeutungsschweren Roman - und lasst ihn auf euch wirken.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.01.2026

Geheimnisse auf hoher See

BLUT
0

Ich bin ein großer Fan der isländischen Thrillerautorin Yrsa Sigurdardóttir, daher musste natürlich auch der neuste Band 'Blut' mit den Polizisten Karólína und Týr sowie der Rechtsmedizinerin Iðunn bei ...

Ich bin ein großer Fan der isländischen Thrillerautorin Yrsa Sigurdardóttir, daher musste natürlich auch der neuste Band 'Blut' mit den Polizisten Karólína und Týr sowie der Rechtsmedizinerin Iðunn bei mir einziehen.

Wie gewohnt laufen mehrere Handlungsstränge parallel: Wir geraten mitten in einen eskalierenden Nachbarschaftskrieg, begleiten die Schiffsköchin Gunndís auf hoher See und versuchen gemeinsam mit Karó und Týr herauszufinden, was es mit dem Knochenfund auf einem Recyclinghof auf sich hat. Am spannendsten empfand ich den dabei den Handlungsstrang rund um Gunndís. Sie ist in die Fußstapfen ihres verstorbenen Vaters getreten, der bei einem tragischen Brand auf See ums Leben kam - und laut Ermittlungen selbst dafür verantwortlich gewesen sein soll. Innerhalb der Mannschaft stößt sie deshalb nicht überall auf Wohlwollen.

Ganz offen muss ich jedoch sagen, dass mich dieser Band nicht so abholen konnte wie die beiden Vorgänger.
Es sind mir diesmal etwas zu viele Namen im Spiel, der Nachbarschaftsstreit konnte mich kaum fesseln und auch Týrs Familiengeschichte, die ich eigentlich mit großem Interesse verfolge, kam kaum voran. Seine leidenden Art empfand ich stellenweise sogar als etwas nervig. Insgesamt fehlte mir die atmosphärische, düstere und manchmal auch mystische Spannung, die ich an Sigurdardóttirs Romanen so liebe - ebenso kam mir das isländisches Setting diesmal zu kurz.

Nichtsdestotrotz freue ich mich sehr auf die weiteren Bücher von Sigurdardóttir, die noch auf meinem SuB schlummern. Mein Ziel ist es auf jeden Fall, noch viele ihrer früheren Werke zu lesen und auch auf neue bin ich weiterhin gespannt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.01.2026

Gesehen werden

Half His Age
0

Oha - das nenne ich einen unangenehmen Coming-of-Age-Roman.
Man kann sich ja grob vorstellen, in welche Richtung diese Geschichte geht, und auch das Cover gibt einen deutlichen Vorgeschmack auf ihre Kompromisslosigkeit. ...

Oha - das nenne ich einen unangenehmen Coming-of-Age-Roman.
Man kann sich ja grob vorstellen, in welche Richtung diese Geschichte geht, und auch das Cover gibt einen deutlichen Vorgeschmack auf ihre Kompromisslosigkeit. Genau so fühlt sich das Lesen an: wütend, lustig, traurig und heftig zugleich. Es zieht einen in diesen atemlosen Lesestrudel, aus dem man einfach nicht mehr herauskommt. Ich habe 'Half His Age' von Jennette McCurdy innerhalb von 24 Stunden verschlungen.

Zum Inhalt selbst gibt es gar nicht so viel zu erzählen: Die 17-jährige Schülerin Waldo entwickelt eine obsessive Fixierung auf ihren Lehrer für kreatives Schreiben, Mr. Korgy. Er weckt in ihr ein Begehren, das sie selbst kaum begreifen kann. Vielleicht ist es seine anfängliche Offenheit, diese beinahe spießige Normalität oder seine vermeintliche Weisheit eines erwachsenen Menschen - all das, was Waldo in ihrem eigenen Umfeld schmerzlich vermisst. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Beziehung zu ihrer Mutter, ein Handlungsstrang, der mich stellenweise sogar noch stärker gefesselt hat als die zentrale Dynamik.

McCurdy erfindet mit dieser Geschichte das Rad sicherlich nicht neu, und doch hält sie einen als Leser*in unnachgiebig fest. Vor allem Waldo selbst lässt einen nicht los: Sie ist vielleicht nicht das typische Opfer, aber trotz allem ist sie eine junge Frau, gefangen im misogynen Machtgefälle - die einfach nur gesehen werden möchte und die ihre innere Leere mit überbordendem Massenkonsum kompensiert.

Wie bereits erwähnt: Erzählerisch wird hier nichts revolutionär Neues geboten. Doch der Schreibstil hat mich derart gefesselt, dass ich diesen Roman eine klare Leseempfehlung aussprechen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.01.2026

Rückblicke

Man müsste versuchen, glücklich zu sein
0

Nach meinem ersten Lese-Highlight folgte nun leider mein erstes Lowlight.

'Man müsste versuchen glücklich zu sein' von Julia Holbe klang zunächst nach einer vielschichtigen und emotionalen Familiengeschichte. ...

Nach meinem ersten Lese-Highlight folgte nun leider mein erstes Lowlight.

'Man müsste versuchen glücklich zu sein' von Julia Holbe klang zunächst nach einer vielschichtigen und emotionalen Familiengeschichte. Die Schwestern Flora und Millie treffen nach langer Zeit - und nach dem Tod ihrer Eltern - im gemeinsamen Elternhaus wieder aufeinander. Sie versuchen, sich einander anzunähern, Vergangenes aufzuarbeiten und gegenseitiges Verständnis zu entwickeln.

Keine leichte Aufgabe, wenn man mit einer exzentrischen Mutter und einem Vater aufgewachsen ist, der unter anderem durch Affären 'glänzte'. Unterstützung erhalten die Schwestern durch Floras Tochter, die Freundin der Mutter und weitere Wegbegleiter, sodass eine Zeitreise in die Vergangenheit beginnt, die eigentlich Potenzial für Tiefe und Emotionen bietet.

Leider wurde diese Rückschau sehr langatmig erzählt. Viele Wiederholungen und eine für erwachsene Frauen erstaunlich kindliche Sprache haben mich zunehmend genervt.
Eine der Schwester ist wütend, weil sie am Ende alles alleine regeln musste, doch warum Millie so lange abwesend war, bleibt weitgehend ungeklärt. Auch ihre Gedankenwelt bleibt fremd, da ihr ständig Erinnerungen fehlen - ein Umstand, der eher Distanz als Verständnis erzeugt.

Ich begann recht schnell, querzulesen, und habe bis jetzt nicht wirklich verstanden, was mir dieser Roman vermitteln sollte.

Schade, denn die Geschichte hatte durchaus Potenzial. Wer vom Klappentext angesprochen wird, kann gerne selbst hineinlesen - der Lesegeschmack ist ja schließlich sehr subjektiv. Eine Empfehlung kann ich jedoch leider nicht aussprechen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.01.2026

Wer bin ich

Mutters Sprache
0

Ich liebe es, wie mein Lesejahr 2026 beginnt. 😏
Gleich zum Auftakt steige ich mit einer Cover-Schönheit ein - und dann ist es auch noch inhaltlich ein Volltreffer.
Ich bin echt zufrieden.

In 'Mutters ...

Ich liebe es, wie mein Lesejahr 2026 beginnt. 😏
Gleich zum Auftakt steige ich mit einer Cover-Schönheit ein - und dann ist es auch noch inhaltlich ein Volltreffer.
Ich bin echt zufrieden.

In 'Mutters Sprache' von Wlada Kolosowa begleiten wir drei Frauen mit russischen Wurzeln auf ihrem Weg zur und durch gewollte wie ungewollte Mutterschaften. Der Roman erzählt von Tragödien und Entwurzelung, von queerer Sehnsucht, tiefer Liebe und stellt immer wieder die großen Fragen: Woher komme ich? Und wo gehöre ich hin?
Dabei werden sowohl die politische Lage in Russland als auch das Thema Mutterschaft ohne Beschönigung und fernab der rosarote Brille beleuchtet.

Lisa ist frischgebackene Mutter - und plötzlich beginnt ihre bis dahin so fest verankert 'deutsche' Fassade zu bröckeln. Die lange verdrängten russischen Wurzeln kommen wieder zum Vorschein. Ihre Hebamme Aljona spielt dabei eine entscheidende Rolle: Sie vermittelt Lisa ein Gefühl von Heimat und weckt zugleich eine bislang unbekannte Begierde. Aus unterschiedlichen Motiven heraus begeben sich die beiden gemeinsam auf eine Reise zurück nach Nikel, Lisas Geburtsort jenseits des Polarkreises - dorthin, wo um Soldaten geworben wird.

Parallel dazu erfahren wir von Aljonas Vergangenheit, und auch Taja, Lisas Mutter, konfrontiert uns mit ihrer eigenen Geschichte - eine die sprachlos macht. Umso schmerzhafter ist es, dass Taja diese Sprachlosigkeit gegenüber ihrer Tochter und deren Herkunft bewahrt.

Dieser Roman spiegelt eindrücklich die Zerrissenheit mehrerer Generationen von Frauen wider, denen durch politische Umstände und nicht zuletzt durch patriarchale Strukturen und Denkweisen ihre Identität genommen wurde.

Ein beeindruckendes Buch, dem ich aus voller Überzeugung eine ganz klare Leseempfehlung ausspreche.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere