Zur Frage, warum gerade es Europa bzw die europäischen Ableger in Nordamerika geschafft haben, ab dem 15. Jahrhundert eine weltweite Vormachtstellung einzunehmen und warum gerade hier die industrielle Revolution ihren Ausgang genommen hat, wurden schon viele verschiedene Theorien aufgestellt.
Der Anthropologe Joseph Henrich verfolgt hier einen (zumindest für mich) neuen und faszinierenden Ansatz.
Zunächst beginnt er aber mit der Feststellung, dass die sonderbarsten Menschen der Welt nicht in entlegenen Regionen Amazoniens oder Neuguineas oder unter steinzeitlichen Jägern und Sammlern leben, sondern in den westlichen Industriestaaten. „Sonderbar“ ist hier das Wort, mit dem die Übersetzer das englische Akronym WEIRD (western, educated, industrialized, rich und democratic) wiedergeben. Jahrzehntelang und meist auch heute noch handelte es sich beim Großteil der Versuchspersonen in psychologischen Studien um solche sonderbaren Leute. (In der Regel um Studenten aus den USA oder Westeuropa.). Dass deren Psychologie nicht annähernd repräsentativ für die Menschheit als Gesamtes ist, zeigt der Autor in den ersten Kapiteln anhand zahlreicher Beispiele. Dazu gehören unter anderem größere Selbstbezogenheit, weniger Ehrfurcht vor Älteren/ Traditionen, analytisches vor ganzheitlichem Denken oder auch mehr Vertrauen, Fairness und Ehrlichkeit gegenüber Fremden und unpersönlichen Institutionen (wie Staaten).
Als Ursache für all dies identifiziert er das Ehe- und Familienprogramm der katholischen Kirche. Denn während davor (und im Rest der Welt noch lange danach) das Leben der Menschen in auf Verwandtschaft basierenden Großfamilien und Clans organisiert war, wurden diese Strukturen zerstört, als die Kirche Eheschließungen zwischen Verwandten oder Verschwägerten immer weiter einschränkte. Dies zog eine ganze Reihe von Folgen nach sich, insbesondere das Entstehen von auf Freiwilligkeit basierenden Zusammenschlüssen wie freien Städten, Zünften oder Universitäten.
Wie diese Änderungen der Familienstrukturen im Lauf der Jahrhunderte immer weitere Kreise zogen und schließlich in Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlichem Aufschwung mündeten, wird hier sehr anschaulich beschrieben und mit einer Vielzahl an wissenschaftlichen Studien belegt, in die tatsächlich Populationen aus allen Teilen der Welt einbezogen waren. Dabei gibt es auch so manche unerwartete Erkenntnis. So zeigt sich etwa, dass die heutige politische und wirtschaftliche Situation verschiedener Regionen Europas noch davon beeinflusst wird, wo vor 1500 Jahren die Grenzen des fränkischen Reiches verliefen oder wo vor 1000 Jahren Zisterzienser-Klöster existierten.
Der Autor betrachtet die Vergangenheit und Gegenwart Europas und der Welt also aus einer ungewöhnlichen Perspektive und ich finde seinen Ansatz sehr aufschlussreich.
Trotzdem denke ich, dass auf diese Weise nicht alles erklärt werden kann bzw die Betrachtungen weiter gefasst hätten werden müssen. Wenn beispielsweise (auf Seite 578) konstatiert wird, dass die Einführung partizipativer oder repräsentativer Formen des Regierens im China des 16. Jahrhunderts (im Gegensatz zu Europa) undenkbar gewesen wäre, dann trifft das zwar eben auf China zu. Es würde allerdings nicht für das antike Griechenland gelten, wo bereits 500 Jahre vor Christi Geburt die Demokratie „erfunden“ wurde. (Natürlich hat das antike Verständnis von Demokratie nicht allzu viel mit unserem heutigen zu tun. Dasjenige der ersten Aufklärer aber ebenfalls nicht – da wie dort waren beispielsweise Frauen und Sklaven vom Wahlrecht ausgenommen.) Gewisse Vorläufer der sonderbaren Psychologie könnten also eventuell schon älter sein als die katholische Kirche. Was aber natürlich kein Widerspruch, sondern eher eine Ergänzung zu der in diesem Buch aufgestellten These wäre.
Außerdem kommt für mich eine Untersuchung der Psychologie von Jäger-und-Sammler-Stämmen zu kurz. Aber das hätte wohl zu weit geführt.
Ein weiterer Kritikpunkt der sich jedoch an die deutsche Übersetzung richtet, ist die Art des Genderns, die darin besteht, wahllos mal die männliche, mal die weibliche Form zu verwenden. Natürlich ist, wenn etwa von „Psychologinnen“ gesprochen wird, klar, dass hier Personen beiderlei Geschlechts gemeint sind. Wenn aber beispielsweise beschrieben wird, dass „Mapuche-Bäuerinnen“ befragt worden seien, dann ist nicht eindeutig ersichtlich, ob hier tatsächlich nur Frauen als Versuchspersonen fungierten. Es wäre besser gewesen, (zumindest) in solchen „Zweifelsfällen“ von „Bauern und Bäuerinnen“ zu sprechen – bei einer Gesamtlänge des Buches von über 900 Seiten (darunter ca 710 Seiten Haupttext und ca 110 Seiten Anmerkungen) wäre es auf die paar zusätzlichen Worte wohl auch nicht angekommen.
Schon allein aufgrund der Länge ist für die Lektüre trotz des lebendigen Stils eine gewisse Kondition erforderlich. Man hätte an manchen Stellen etwas kürzen bzw etwas weniger verschiedene Studien zitieren oder manche Wiederholungen vermeiden können.
Dennoch kann ich dieses Buch nur empfehlen. Selbst wenn die hier präsentierte Theorie nicht als alleinige Erklärung der europäischen Besonderheiten ausreicht, bietet sie doch eine Vielzahl interessanter Denkanstöße.