Eine poetische Reise zur Insel über allen Bergen
Über allen BergenVadim ist auf der Flucht. Er wird es zunächst nicht so nennen und auch ist nicht ganz klar, vor wem er eigentlich flüchtet - seinem Asthma, Menschen, die anderen Menschen schlimme Dinge antun, am Ende ...
Vadim ist auf der Flucht. Er wird es zunächst nicht so nennen und auch ist nicht ganz klar, vor wem er eigentlich flüchtet - seinem Asthma, Menschen, die anderen Menschen schlimme Dinge antun, am Ende gar sich selbst - und so beginnt eine poetische Reise in atemberaubende Kulisse.
"Über allen Bergen" hat mich überrascht, da ich aufgrund des Klappentextes eine gewisse Vorstellung zu Vadim, der Hauptfigur dieses Romans hatte, und diese bereits auf den ersten Seiten widerlegt bekam. Vadim ist nämlich kein Erwachsener, sondern noch ein Kind, das auf eine schier unvorstellbare Reise in ein verstecktes Tal irgendwo in Frankreich, nahe der Schweizer Grenze geschickt wird. Dabei ist die Fantasie dieses Jungen schier grenzenlos und auch, mit welcher Intensität er die kraftvolle Welt der Berge, seine neue Identität, neue Gebräuche und Wörter in sich aufnimmt.
Valentine Goby nimmt die Leser:innen mit auf eine durch und durch intensive und anspruchsvolle Reise. Der Roman ist wunderschön, tiefgründig, poetisch und nur bedingt tauglich als entspannte Abendlektüre. Der Anspruch und Tiefgang braucht Zeit und Raum, um zu wirken. Eine klassische Spannungskurve gibt es zudem nicht. Das Buch ist eher eine Erzählung, in deren Zuge die Leserin / der Leser Vadim bzw. Vincent durch seine Zeit in Vallorcine, dem Tal der Bären, begleitet.
Warum also viereinhalb Sterne und nicht fünf? - Am ehesten deshalb, weil ich mir etwas anderes vorgestellt hatte. Nämlich einen Erwachsenen, der auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung durch abgelegene Bergdörfer zieht. Und weil ich eine leichtere Lektüre erwartet hatte, kein Werk von so literarischer Dichte. Wer also möchte und mit den richtigen Erwartungen an dieses Buch herangeht, darf gerne auch fünf Sterne daraus machen und jede Seite, jede Zeile und jedes Wort genießen.