Profilbild von Lise_liest

Lise_liest

Lesejury-Mitglied
offline

Lise_liest ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Lise_liest über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.06.2021

Jugendthriller mit einigen Schwächen

Himmel oder Hölle?
1

"Himmel oder Hölle" von Mel Wallis de Vries ist ein Jugendthriller. Hauptfiguren sind die Schülerin Danielle und der Medizinstudent Dante. Daneben spielen u. a. deren Freund:innen noch weitere wichtige ...

"Himmel oder Hölle" von Mel Wallis de Vries ist ein Jugendthriller. Hauptfiguren sind die Schülerin Danielle und der Medizinstudent Dante. Daneben spielen u. a. deren Freund:innen noch weitere wichtige Rollen. Zwischen den beiden baut sich eine Beziehung auf. Allerdings wird diese von dem Tod von Dantes Ex-Freundin Florine (im Klappentext steht fälschlicherweise Florence) überschattet. Kennen lernen sich Dante und Danielle bei einem Ski-Urlaub in Österreich, dorthin sind beide mit ihren Freundinnen und Freunden unabhängig voneinander gereist. Schon vor ihrer Begegnung wird im Buch allerdings klar, dass eine Frau gefangen gehalten wird, gefesselt und mit verbundenen Augen. Um wen es sich handelt und wer sie gefangen hält, das gilt es herauszufinden, denn dahin - zum Tag 0, wie die Kapitel im Buch genannt werden - spitzt sich der ganze Erzählstrang zu.
Nach ihrem Urlaub treffen sich Dante und Danielle in ihrer Heimat Amsterdam zufällig wieder und die Geschichte nimmt ihren Lauf.
Aber längst nicht so, wie es die Leser:innen stellenweise erwarten könnten. Der Autorin ist es gut gelungen, Spannung zu erzeugen, allerdings ist diese bei mir irgendwann einer Ernüchterung gewichen, die dem Ausgang der Geschichte geschuldet ist. Mir fehlen im Nachhinein der logische Aufbau und einige notwendige Erläuterungen.
Das Buch spielt mir allgemein zu sehr mit Klischees, insbesondere wenn es um weibliche Körperbilder geht. Dies wird mir zu stark und zu negativ thematisiert, was auf eine Oberflächlichkeit abdriftet, die meiner Meinung nach junge Frauen/Mädchen in vorhandenen Selbstzweifeln bestärken könnte. Außerdem ist für mich kein plausibler Grund erkennbar, warum dies überhaupt thematisch eingeflochten wird.
Der Schreibstil lässt sich zwar flüssig lesen, aber auch nur bedingt. Denn Danielle stammelt häufig, was nach folgendem Schema dargestellt wird "H-hallo.", da diese Schreibweise häufig auftaucht, wird es schnell nervig und wäre in meinen Augen nicht nötig gewesen. Außerdem zog sich die Geschichte teilweise sehr in die Länge, wo es nicht nötig gewesen wäre, an anderer Stelle wurden allerdings bedeutungsvolle und ereignisreiche Szenen auf knapp zwei Seiten abgehandelt.
Dem Buch geht eine Triggerwarnung voraus, was durchaus angemessen ist. Negativ möchte ich jedoch bewerten, dass sämtliche Triggerinhalte in dem Buch nur sehr schlecht und unzureichend aufgearbeitet werden. Da es sich um ein Jugendbuch handelt, finde ich das im Hinblick auf die Zielgruppe wichtig. Als Erwachsene kann ich bestimmte Inhalte gut selbst reflektieren, als Jugendliche hätte mir eine kritische Betrachtungsweise an einigen Stellen sicher geholfen. Denn das Buch baut auf diversen toxischen Beziehungen auf, die kaum kritisch betrachtet oder hinterfragt werden. Dies hätte aber zu einem wichtigen und für mich auch notwendigen Lerneffekt führen können. Leider fehlt dieser komplett.
Möglicherweise betrachte ich das Ganze zu streng, aber im Hinblick auf die Zielgruppe gibt es von mir leider keine Leseempfehlung. Als Erwachsene kann man das Buch gut lesen, wird aber den Anspruch, den man an einen Erwachsenen-Thriller stellt, vermissen.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 04.06.2021

Hinein ins unerwartete Abenteuer

Fernweh
0

"Fernweh" ist der Debütroman von Gigi E. Winter. Darin geht es um Marie. Marie ist 30 geworden und hat hart daran zu knacken. Immerhin musste sie nach der Trennung von ihrem Freund wieder bei ihren Eltern ...

"Fernweh" ist der Debütroman von Gigi E. Winter. Darin geht es um Marie. Marie ist 30 geworden und hat hart daran zu knacken. Immerhin musste sie nach der Trennung von ihrem Freund wieder bei ihren Eltern einziehen. Und überhaupt ist ihr das Leben in dem kleinen Ort Westerby, in dem jeder jeden kennt, viel zu eintönig. Es ist an der Zeit, etwas zu erleben. Passenderweise stößt Marie genau in diesem Moment auf ihre Chance: ein Job auf einem Kreuzfahrtschiff. Endlich raus aus dem behüteten und öden Westerby und rein ins Abenteuer. Und abenteuerlich wird es für Marie, denn was sie auf dem Schiff erlebt, damit hätte ich zu Beginn der Geschichte nicht gerechnet. Gerade das macht den Roman so unterhaltsam, spannend und abwechslungsreich. Alle Ereignisse wirken durchdacht aufeinander abgestimmt, ohne dabei vorhersehbar zu sein. Erzählt wird die Geschichte von Marie selbst als Ich-Erzählerin, was ich gut und passend finde, denn so können sich die Leser:innen optimal in die Hauptfigur hineinversetzen. Schon nach den ersten Seiten fiel es mir schwer, das Buch wieder aus den Händen zu legen. Denn Maries Leben ist auf dem Schiff tatsächlich zum absoluten Gegenteil dessen geworden, wie es vorher war. Die ganze Geschichte liest sich flüssig und erzeugt sehr präzise Bilder in meinem Kopf. Dabei sind die Schilderungen detailreich, ohne überfrachtet zu sein.

Was die Figuren in dem Roman angeht, so werden diese sehr authentisch beschrieben und man bekommt eine gute Vorstellung von ihnen. Kleine Nebenhandlungen lockern die Geschichte auf und lassen sie noch realer wirken.

Ich hoffe sehr, dass ich von Gigi E. Winter noch mehr zu lesen bekommen werde, den "Fernweh" ist ein absolut gelungener Einstand und ganz nebenbei einfach die perfekte Urlaubslektüre.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.05.2021

Humorvoll, spitz und manchmal erschreckend ernst

Nachrichten von Männern
0

Das Buch "Nachrichten von Männern" von Katja Berlin und Anika Decker schwebt irgendwo zwischen wissenschaftlicher Abhandlung, Bedienungsanleitung und Liebesroman. Denn es enthält von allem ein ...

Das Buch "Nachrichten von Männern" von Katja Berlin und Anika Decker schwebt irgendwo zwischen wissenschaftlicher Abhandlung, Bedienungsanleitung und Liebesroman. Denn es enthält von allem ein bisschen: Feldstudien über das Nachrichten schreibende Exemplar Mann, wie man am besten mit ihm umgeht (oder auch nicht) und wie es zumindest für einen selbst doch noch zu einem Happy End kommen kann. Das alles mit einem großen Augenzwinkern und viel Wortwitz.
Die einzelnen Kapitel befassen sich mit 37 unterschiedlichen Versionen des Nachrichten schreibenden Mannes, darunter beispielsweise "Der Ghoster", "Der Nette" und "Die Herrklärung". Dabei sind die erwähnten Nachrichten wie WhatsApp-Messages, E-Mails, SMS oder Chatinhalte, nicht nur von (Ex-)Partnern, Flirts oder Tinder-Matches, sondern auch von besten Freunden, Kollegen und Chefs. Die Autorinnen decken also eine ziemlich große Bandbreite ab. Da die Kapitel für sich stehen, ist es nicht zwingend erforderlich, das Buch in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Ich habe mir zum Beispiel im Inhaltsverzeichnis einfach die verschiedenen Schreibtypen angesehen und dann nach persönlichem Interesse entsprechend das Kapitel, das mich am meisten interessiert hat, zuerst gelesen. Dabei erwischte ich mich die meiste Zeit dabei, wie ich zustimmend nickte, amüsiert schmunzeln musste oder mir wirklich klar geworden ist, dass hier und da schon mal die ein oder andere persönliche Grenze überschritten wurde.
Damit das so schnell nicht noch mal passiert, werde ich dieses Buch auf jeden Fall wie einen kleinen Ratgeber behandeln und so platzieren, dass ich, sollte es mal wieder nötig sein, schnell nachschlagen kann, wenn es um die Frage geht: "Was könnte die Nachricht von ihm nun schon wieder bedeuten?" Eine Leseempfehlung für dieses kurzweilige und unterhaltsame Buch geht ganz klar raus, auch an Männer. Schließlich kann eine selbstironische Betrachtung sehr amüsant sein und sicherlich nicht schaden.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.05.2021

Geheime Wahrheiten

Das Gegenteil von Hasen
0

"Das Gegenteil von Hasen" ist eigentlich ein Jugendroman, aber das hat mich nicht davon abgehalten, ihn zu lesen. Ganz im Gegenteil, denn mit ein bisschen Abstand zur Jugend ist er perfekt geeignet. Angesprochen ...

"Das Gegenteil von Hasen" ist eigentlich ein Jugendroman, aber das hat mich nicht davon abgehalten, ihn zu lesen. Ganz im Gegenteil, denn mit ein bisschen Abstand zur Jugend ist er perfekt geeignet. Angesprochen haben mich sowohl der Titel als auch das Cover, obwohl nicht auf den ersten Blick deutlich wird, worum es geht. Dafür musste ich schon den Klappentext bemühen. Und Zack hat mich nichts mehr abgehalten von der Geschichte um die 17-jährige Julia Nolde.

Sie ist die Hauptfigur des Buches, deren Leben sich von einem auf den anderen Tag schlagartig verändert. Ausgelöst durch einen Fall von Mobbing.  Denn jemand hat ihren PC gestohlen und geheime, nicht für die Allgemeinheit bestimmte Blogeinträge veröffentlicht.
Es sind intimste Geheimnisse, nie ausgesprochene Vorwürfe, verdrängte Erinnerungen, über die Julia geschrieben hat und die jetzt meterhohe Wellen schlagen. Mit all dem sieht sich eine Gruppe Jugendlicher rund um Julia konfrontiert. Allen voran ihre Mitschüler:innen Edgar Rothschild, Linda Overbeck sowie die Zwillinge Marlene und Leonard Meller. Sie alle haben eine ganz unterschiedliche Verbindung zu Julia, die im Laufe des Romans ihre Form immer wieder verändert.

Neben den Hauptfiguren tauchen in dem Roman weitere Personen auf, wie die Mitschüler:innen und Eltern der Betroffenen sowie die Schuldirektorin Dr. Kristina Ferchländer. Stück für Stück versuchen sie alle auf Ihre Art mit den Einträgen und der Suche nach der Person, die sie veröffentlicht hat, umzugehen. An den Figuren und Familien gefällt mir besonders die diverse Darstellung. Das macht es einem leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. 

So wortgewandt wie Anne Freytag die Personen und Situationen schildert, fühlt man sich als Leser:in gut in die Situationen ein. Auch der Spannungsbogen der Geschichte ist ihr wirklich gelungen. Die Schilderungen wirken authentisch, sind logisch und durchdacht aufgebaut. Alles ist nachvollziehbar und das macht den Roman zu einem äußerst gelungenen Lesevergnügen.

Obwohl meine Schulzeit schon Jahre hinter mir liegt, habe ich das Buch mit Begeisterung gelesen und kann es nur jedem empfehlen. Denn es sensibilisiert auf verschiedenen Ebenen sowohl für den Umgang mit den Dingen, die wir online stellen als auch mit den Dingen, die unausgesprochen bleiben.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.04.2021

Vergänglichkeit trifft auf Alltägliches

So wie du mich kennst
1

Zwei Schwestern, zwei grundverschiedene Lebensentwürfe und zwei Schauplätze, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Geschichte von Karla und Marie ist eine Geschichte, die von dem erzählt, was im ...

Zwei Schwestern, zwei grundverschiedene Lebensentwürfe und zwei Schauplätze, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Geschichte von Karla und Marie ist eine Geschichte, die von dem erzählt, was im Leben wirklich zählt: von Nähe und Verbindung, die jede Entfernung und alle Unterschiede überwinden.

Die Lokaljournalistin Karla lebt auf dem fränkischen Land, während ihre Schwester Marie, eine bekannte und erfolgreiche Fotografin, es in die große weite Welt gezogen hat und die Metropole New York ihr zu Hause nennt. Nannte, denn Marie ist tot. Sie kam bei einem Unfall ums Leben. Und damit beginnt die Geschichte. Karla hat nicht nur die Asche ihrer Schwester nach Hause geholt, sie hat sich auch bereit erklärt, sich um die Auflösung der Wohnung ihrer toten Schwester in New York zu kümmern.

In diesen Prozess nimmt uns die Autorin Anika Landsteiner mit. Sie gewährt Einblicke in das Innenleben der trauernden Schwester, aber auch in das ihrer Familie und Maries Freunden und zu meiner Überraschung auch in das Innenleben Maries in den letzten Wochen vor ihrem Tod. Denn die Erzählperspektiven wechseln sich ab. Sowohl Karla als auch Marie erzählen ihre Geschichten, die sich Seite für Seite zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Denn schon früh tauchen Fragen auf. Marie hatte ein erschütterndes Geheimnis, das erst durch ihre eigenen Schilderungen im Zusammenspiel mit den Erzählungen Karlas ans Licht kommt.

Es sind die Themen, über die viel zu selten gesprochen wird, die in dem Roman vollkommen zurecht besondere Aufmerksamkeit bekommen. Allen voran der Umgang mit dem Tod. Die Vergänglichkeit steht dem alltäglichen Leben gegenüber in seiner ganzen Bandbreite. Darunter fällt auch das Geheimnis, das Marie mit ins Grab nimmt. Ein Thema von enormer Wichtigkeit, ohne vorwegnehmen zu wollen, worum es sich handelt. Auch wenn sich schnell eine Vorahnung einstellt, so schafft es die Autorin durch ihre Beschreibung und das Abtauchen in die Gefühlswelt der Protagonisten, den Leser:innen eine besondere Perspektive zu bieten und das Gelesene nicht nur konsumieren, sondern auch reflektieren zu lassen.

Mit "So wie du mich kennst" ist Anika Landsteiner ein herausragender Roman gelungen, der hinter die Fassaden blicken lässt und die Frauen in dem Buch sowohl in ihrer Stärke als auch in ihrer größten Verletzlichkeit zeigt. Ihre Art zu Schreiben hat mich von der ersten Seite an gefesselt, denn ihr gelingt es, die Leser:innen mitten ins Geschehen eintauchen zulassen. Man riecht förmlich den frisch gebackenen Apfelkuchen der Mutter, schmeckt den Coffee to go, der zum hippen New Yorker Lebensgefühl gehört und fühlt gleichzeitig den tiefen Schmerz Karlas, wenn sie über den Verlust ihrer Schwester spricht. Die Charaktere beschreibt sie so authentisch, es könnten fast eigene Bekannte, Freunde oder Verwandte sein.

Das Buch regt zum Nachdenken an, über den Tod und das Leben. Ich konnte es nur schwer aus der Hand legen und hätte es am liebsten am Stück verschlungen. Aber aufgrund der emotional sehr stark aufgeladenen Geschichte bin ich froh, mir ein wenig mehr Zeit dafür genommen zu haben. Es hat sich gelohnt!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere