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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.10.2025

Fabulieren vom Feinsten

Ehrenwerte Affen
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Wer Michael Köhlmeier als Schriftsteller kennt, weiß, dass seine Erzählkunst eine ganz besondere ist. Er vermag durch treffsichere Aussagen, den Leser zu fesseln, ihn zum Nachdenken zu bringen und beschert ...

Wer Michael Köhlmeier als Schriftsteller kennt, weiß, dass seine Erzählkunst eine ganz besondere ist. Er vermag durch treffsichere Aussagen, den Leser zu fesseln, ihn zum Nachdenken zu bringen und beschert gleichzeitig ein großartiges Lesevergnügen.
Einmal mehr zeigt er in ‘Ehrenwerte Affen‘, als schmucker Erzählband ausgestattet, was in ihm steckt, was er zu sagen hat. In siebzehn kurzgehaltenen und dennoch auf den Punkt gebrachten Geschichten aus der Welt der Märchen und Sagen, aus dem Reich der Mythen verbunden mit alltäglichen Beobachtungen, beschenkt er uns auf eine unterhaltende, humorvolle und nicht zuletzt auch nachdenklich stimmende Weise.
Die Themenvielfalt reicht von Eitelkeit, Elternliebe, Machtgelüste bis hin zur Nächstenliebe, um nur einige Schwerpunkte zu nennen. Es macht großen Spaß den aktuellen Bezug zu erforschen und den Gedanken diesbezüglich freien Raum zu lassen.
Wer ein anspruchsvolles Geschenk für einen Lesefreund sucht, wird hier ganz bestimmt ein sich lohnendes Exemplar finden.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Erinnerungen festhalten

Sonnenaufgang Nr. 5
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Die alternde Diva Stella Dor hat sich ins Private zurückgezogen, pflegt nur sehr wenige Kontakte in ihrem einsamen Leben, wohnt in einem ehemaligen Strandpavillon am Meer. Zufällig trifft sie auf eine ...

Die alternde Diva Stella Dor hat sich ins Private zurückgezogen, pflegt nur sehr wenige Kontakte in ihrem einsamen Leben, wohnt in einem ehemaligen Strandpavillon am Meer. Zufällig trifft sie auf eine Annonce, in der Jonas noch keine zwanzig mit einem abgebrochenen Germanistikstudium seine Dienste als Ghostwriter anbietet und Stella tritt in Kontakt mit dem jungen Mann. Jonas sieht seine Chance doch noch in die schreibende Zunft eintreten zu können und verbringt viele Stunden mit Stella, die ihr Leben in Form von Notizen überall in ihren Wohnräumen verteilt, einst festgehalten hat und diese nun beim Erzählen an ausgewählte Ereignisse erinnern, die in ihre Biografie einfließen sollen. Es bleibt abzuwarten, wie Details in der Wahrnehmung verblasst können und wie verschiedenartig die Sonnenuntergänge auf der Leinwand festgehalten werden.
Carsten Henn schreibt in ‘Sonnenaufgang Nr. 5‘ eine sehr lebendige Geschichte, die sich mit Einsamkeit, Verlust und Schmerz, sich aber auch mit einer behutsamen Annäherung zurück ins Leben sich befasst. Dabei versteht er es, aus meiner Sicht, sehr gekonnt, seinen Charakteren eine Authentizität zu verleihen, die Gefühle hervorbringen und gleichzeitig einen Sogwirkung beim Lesen erzeugen.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Zurück ins wahre Leben

Drei Tage im Schnee
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Ina Bhatter gelingt in ihrem Debüt ‘Drei Tage im Schnee‘ etwas ganz Wunderbares. Sie taucht ein in die Gedankenwelt ihrer Protagonistin Hannah, Mitte dreißig, die durch gemeinsam verbrachte Stunden mit ...

Ina Bhatter gelingt in ihrem Debüt ‘Drei Tage im Schnee‘ etwas ganz Wunderbares. Sie taucht ein in die Gedankenwelt ihrer Protagonistin Hannah, Mitte dreißig, die durch gemeinsam verbrachte Stunden mit der kleinen Sophie selbst wieder zurückwandert in die Zeit kindlicher Unbeschwertheit und unendlicher Freude an vermeintlich kleinen Dingen im Leben, wo einfach machen und ausprobieren das zentrale Handeln bestimmen. Hannah spürt eine befreiende Selbstreflexion, erkennt, dass sie allein alle Fäden für ihr ganz persönliches Glück in den Händen hält.
Trotz beruflichem Erfolg und mehr als ausreichender finanzieller Versorgung fühlt sich Hannah leer und ausgebrannt. Das Aufstehen am Morgen fällt ihre schwer, die tägliche Arbeit ist herausfordernd und bestimmt ihren Alltag. Auch an den Wochenenden findet sie kaum Erholung, vor allem aber auch keine Ruhe, will immer mehr und mehr, letztendlich um geliebt zu werden. Doch welchen Preis sie dafür zahlt, zeigen ihr drei Tage im Schnee in einer kleinen Hütte abseits der Großstadt, abseits von Lieferservice und Zentralheizung, in fast unberührter Natur.
Die Autorin schreibt leise und empathisch, ohne den Finger der Ermahnung zu heben. Ihre Denkanstöße für ein erfülltes, selbst bestimmtes Leben, entfernt vom inneren Zwang allem und jedem stets gerecht zu werden, sind eingebunden in einer sehr sensibel erzählten Geschichte, die mich berührt hat, die wachrüttelt und ein Angebot enthält, über die Strukturen des eigenen Lebens nachzudenken, zu reflektieren wieviel Kind wir in uns bewahrt haben, um dadurch die Spontanität und Leichtigkeit der uns geschenkten Zeit bewusster zu genießen.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Einsame Kinderseelen

Was man nicht sieht, ist doch da
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Margit Weiß setzt sich in ihrem Roman ‘Was man nicht sieht, ist doch da‘ mit den erschütternden Ereignissen in einem Kindererziehungsheim von 1954 in Tirol auseinander. Der Zweite Weltkrieg ist seit fast ...

Margit Weiß setzt sich in ihrem Roman ‘Was man nicht sieht, ist doch da‘ mit den erschütternden Ereignissen in einem Kindererziehungsheim von 1954 in Tirol auseinander. Der Zweite Weltkrieg ist seit fast einem Jahrzehnt beendet. In den Köpfen der Lehrer und Erzieher ist das Gedankengut der Nazis noch fest verankert und beherrscht durch unmenschliche Handlungen den Alltag der kleinen weggesperrten Jungen.
Der zehnjährige Hans ist einer der Opfer rassistischer Denunzierungen der Ladiner, einer Südtiroler Volksgruppe, die im Tirol mit Ausgrenzungen und Rechtlosigkeit zu kämpfen hatten. Aus dem Unterricht am Tag der Hochzeit seiner älteren Schwester wurde er unter einem fadenscheinigen Grund verschleppt. Die Familie erfährt nur zufällig davon und versucht natürlich, ihren Sohn nach Hause zurück zu holen. Doch das gestaltet sich zu einem aussichtslosen Unterfangen. Hans muss aushalten und seine kleine, zarte Kinderseele wird über Jahre auf eine harte Probe gestellt durch körperliche Gewalt und psychische Erniedrigungen. Er selbst versucht sich seinem Schicksal zu entziehen, indem er sich als Person nur noch von außen betrachtet.
Die Autorin schreibt in einem sehr nüchternen Schreibstil, der aus meiner Sicht passend zur Gesamtsituation der Geschichte gewählt ist. Die Perspektivwechsels zu verschiedenen Protagonisten ergeben ein umfassendes sehr differenziertes Gesamtbild und verdeutlichen die Grausamkeit der Kindesmisshandlungen, die Ängste der Familie und nicht zuletzt auch die Gedankenstruktur der misshandelten Kindesseelen.
Um nicht zu vergessen setzt die Autorin all jenen ein Denkmal, die durch diese harte Prüfung gehen mussten und einen schweren Weg zurück ein selbst bestimmtes Leben beschreiten mussten.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Unberechenbares Leben

Wilder Honig
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Cary Lewis entführt uns in ihrem Roman ‘Wilder Honig‘ in das walisische Landleben, auf ein abseits hektischer Metropolen gelegenes Gut namens Berllan Dag, auf dem sich ein altes für die Ewigkeit erbautes ...

Cary Lewis entführt uns in ihrem Roman ‘Wilder Honig‘ in das walisische Landleben, auf ein abseits hektischer Metropolen gelegenes Gut namens Berllan Dag, auf dem sich ein altes für die Ewigkeit erbautes Haus mit einem großen Obstgarten befinden. In einer ruhigen, poetisch angehauchten Sprache erzählt die Autorin die Geschichte von Hannah, die in den Tagen der Herbststürme ihren geliebten Ehemann John zu Grabe tragen muss. Ihre Schwester Sadie, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt hatte, kommt zu ihr, steht ihr zur Seite in den schweren Stunden, in denen walisische Traditionen beachtet werden müssen, um den Ansprüchen der dörflichen Gemeinschaft zu genügen. Doch John hatte ein großes Geheimnis und so gesellt sich Megan, seine uneheliche Tochter, die er zu Lebzeiten verschwieg, zu den Schwestern. Hannahs Welt gerät aus den Fugen und wird emotional auf den Kopf gestellt.
Jede der drei Frauen kämpft mit ihrer Vergangenheit, die im Laufe der Geschichte ihren Platz finden. Viele herausfordernde Themen, wie Generationenkonflikt, Outing, unerfüllte Träume, Harmoniebedürfnis, und charakterliche Schwächen werden angesprochen. Diese Herausforderungen des Alltags erfordern enorme Kraft. Allzu oft werden die leisen aber auch die lauten Zwischentöne überhört, führen zu Verletzungen, die sich tief eingraben in die Gefühlswelt und viel Geduld und Vertrauen erfordern, um eine seelische Balance wieder herzustellen.
John, dem im Leben die Worte gefehlt haben, Situationen zu besprechen, hinterlässt Hannah Briefe, in denen er von seinen geliebten Bienenvölkern spricht und diese als Metapher benutzt, um seine Unfähigkeit zu beschreiben. So komplex und vielfältig unsere Sprache auch ist, vermag sie in seinen Augen doch nicht präzise genug zu sein, um das Wesen des Gesagten vollständig zu vermitteln. Für mich war das eine Kernaussage des Romans.
Mit dem Wechsel der Jahreszeiten ändert sich der melancholische Ton in einen optimistischen. Die erwachende Natur bietet immer wieder in ihrem steten Kreislauf neue Möglichkeiten, mit einem Angebot diese zu nutzen. Der Roman ist nicht vollständig ausformuliert, bietet dadurch viel Freiraum für eigene, konstruktive Gedanken, was mir besonders gut gefallen hat.

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