"Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" ist eines der "Bücher-über-Bücher", um das man als Leseratte früher oder später nicht herumkommt. Gabrielle Zevin erzählt hier in kurze Kapitel, jeweils eingeleitet durch eine Buchbesprechung der Hauptfigur zu einer Kurzgeschichte oder einem Roman, vom Leben des fiktiven Buchhändlers A.J. Fikry. Der Erzählzeitraum spannt sich dabei über mehrere Jahre und vollzieht sich teils in unvermittelten Zeitsprüngen. Die 257 Seiten sind also wie ein Leben im Schnelldurchlauf - weniger eine fortlaufende, spannungsgetriebene Handlung, mehr eine lose Abfolge von Lebensmomenten. Das war zwar nicht ganz das, was ich erwartet hatte, es ist aber mit seinen Aufs und Abs, Brüchen und Zufällen eine Geschichte, wie sie nur das Leben selbst so schreiben kann. Auch wenn der generelle Handlungs- und Spannungsbogen oftmals etwas willkürlich erscheint, ist der Roman kurz genug, um rein von seinen leisen Töne, seiner Menschlichkeit und Wärme zu leben.
"Wir lesen, um zu wissen, dass wir nicht allein sind. Wir lesen, weil wir allein sind. Wir lesen und sind nicht allein”
Gabrielle Zevin schreibt aus auktorialer Perspektive und wechselt innerhalb der Kapitel oder Absätze häufig mehrmals den Blickwinkel zwischen den auftretenden Figuren. In Kombination mit dem literarischen, reduzierten Schreibstil ergibt sich so ein unaufdringliches, manchmal jedoch verwirrendes Gesamtbild, mit dem man erst warm werden muss. Von Anfang an sehr gut gefallen haben mir allerdings die vielen literarischen Anspielungen, die Gespräche über Bücher, die Verweise auf bekannte Werke und natürlich nicht zuletzt das Setting einer kleinen Inselbuchhandlung.
"Ein Ort ohne Buchhandlung ist kein Ort"
So entfaltet das Buch seinen Charme erst nach und nach, sobald man sich an die Erzählart und die Zeitsprünge gewöhnt hat - vor allem jedoch durch die Figuren, deren Lebensgeschichten und Beziehungen. Auch wenn in den 257 Seiten nicht viel Raum bleibt, auf alle Figuren ausführlich einzugehen, sind sie herzerwärmend gezeichnet. Besonders A.J. Fikry, anfangs ein verschlossener, mürrischer Buchhändler, wächst einem mit der Zeit sehr ans Herz. Auch Nebenfiguren wie Maya, Amelia und die anderen Inselbewohner haben Charakter.
“Worin unterscheidet sich ein Buch von einem anderen? Es gibt diese Unterschiede, befindet A.J. Wir müssen viele dieser Bände aufschlagen. Wir müssen glauben. Wir akzeptieren, manchmal enttäuscht zu werden, um uns hin und wieder beglücken zu lassen.”
Insgesamt erzählt der Roman auf berührende Weise von Verlust, Neuanfang und der Kraft der Geschichten, die Menschen miteinander verbinden. Allerdings gelingt es der Autorin nicht, wirklich in die Tiefe zu gehen. Dazu sind die Figuren doch noch zu skizzenhaft, die Dialoge zu glatt und die Konflikte zu schnell gelöst. Es ist und bleibt ein Wohlfühlbuch mit literarischem Schreibstil, das ich gerne gelesen habe, für mich aber kein Must-Read ist.
Fazit
"Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" ist ein stiller, warmherziger Roman über Bücher, Leben und die zweite Chance. Er überzeugt durch Atmosphäre, Buchliebe und Wärme, ohne dabei allzu tief zu graben. Wer leise Geschichten mit viel Herz, aber wenig Dramatik mag, wird sich darin wohlfühlen, für mich persönlich hat sowohl etwas Tiefe als auch Pepp gefehlt.