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Veröffentlicht am 26.11.2017

"Einfach weiter schwimmen!"

Nur noch ein einziges Mal
3 0

Allgemeines:

Titel: Nur noch ein einziges Mal
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv (10. November 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740302
ISBN-13: 978-3423740302
ASIN: B074P5TWCX
Vom Hersteller empfohlenes ...

Allgemeines:

Titel: Nur noch ein einziges Mal
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv (10. November 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740302
ISBN-13: 978-3423740302
ASIN: B074P5TWCX
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
Seitenzahl: 416 Seiten
Preis: 14,95€ (Broschiert)
10,99€ (Kindle-Edition)
Originaltitel: It Ends With Us



Inhalt:

Eine Achterbahn der Gefühle

Als Lily Ryle kennenlernt, scheinen all ihre Träume wahr zu werden: eine neue Stadt, der erste Job und dann noch Ryle – überaus attraktiv, überaus wohlhabend und überaus erfolgreich. Vergessen scheint Lilys schwierige Kindheit. Vergessen auch Atlas, ihre erste Liebe, der gegenüber von Lily squattete – bis ihr Vater die beiden erwischte und Atlas von heute auf morgen verschwand. Und dann steht Atlas auf einmal vor ihr. Als Ryle von ihrer gemeinsamen Vorgeschichte erfährt, weckt dies seine Eifersucht …


Bewertung:

Diese Rezension möchte ich mal ausnahmsweise mit den Worten einer Autorin beginnen. Colleen Hoover schreibt im Nachwort zum Roman:

"Früher habe ich immer behauptet, ich würde Bücher schreiben, um meine Leser zu unterhalten, nicht um irgendeine Botschaft weiterzugeben oder andere von meiner Meinung zu irgendeinem Thema zu überzeugen. Bei diesem Buch war das anders."

Und das tut es, es vermittelt wirklich eine Botschaft, die gleichermaßen herzzerreißend wie wichtig ist. Wenn ihr das genaue Thema noch nicht kennt, mit dem sich das Buch auseinandersetzt, dann hört genau an dieser Stelle mit dem Lesen meiner Rezension auf und lasst die Handlung einfach auf euch zu kommen. Verliebt euch Hals über Kopf in die Charaktere und erlebt die leidenschaftliche Liebesgeschichte mit all ihrer Kraft.
Seid aber gewarnt: Diese Geschichte wird euch am Ende das Herz brechen!

Als ich mir überlegt habe, wie genau ich dieses Buch nun bewerten soll, ist mir aufgefallen, dass ich bisher keinem einzigen Colleen Hoover Buch volle 5 Sterne verteilt habe, da ich finde, dass ein 5 Sterne Buch immer noch eine richtige Botschaft vermitteln muss. Das Genre Young Adult tut sich damit immer etwas schwer, wie ich finde. Die Charaktere haben immer schrecklich berührende Probleme, die Dramatik ufert aus, doch dadurch wirkt die Handlung recht fiktional und weit weg, auch wenn man die Gefühle der Protagonisten hautnah erleben kann.
Hier ist das ganz anders. Die Geschichte hat eine schwer zu beschreibende realistische Bodenständigkeit, die mich viel mehr berühren konnte, als alle ihre vorangegangenen Bücher. In meinen Augen ist "Nur noch ein einziges Mal" ihr bisher stärkstes, intensivstes und auch ihr persönlichstes Werk und ich habe wirklich jedes ihrer Bücher gelesen!


Erster Satz: "Ich sitze auf der gemauerten Brüstung einer Dachterrasse, blicke zwölf Stockwerke tief auf Boston hinunter und denke an Selbstmord."


Doch erstmal zum Cover: Dazu ein riesiges Hoch auf die Coverdesigner, die endlich mein stummes Flehen erhört haben, aus den Erfolgen der Originaltitel zu lernen und gefälligst wenigstens die dort präsentierten Hauptmotive beizubehalten. In dies Fall wäre es der zerschlagene Orchideenzweig, der sich sowohl auf dem amerikanischen Original (rechts) als auch auf der deutschen Übersetzung (links) wiederfinden lässt. Da das Cover ansonsten schlicht weiß gehalten ist und das typische dtv-meets-Colleen-Hoover- Design aufweist, gefällt es mir sogar fast besser als das Original. Die rote Schrift ist sehr groß, wirkt fast schon aufdringlich und präsentiert den erstmal nichtssagenden Titel neben der Orchidee auf eine ganz eindringliche Art und Weise, die mir erst nach dem Lesen des Buches aufgefallen ist. Auch beim Titel teilen sich die beiden Ausgaben meine Zustimmung. Der englische Titel hat dabei ein kleines Bisschen die Nase vorn, da er schon das hoffnungsvolle Ende vorausdeutet, während der deutsche Titel den tragisch traurigen Zwiespalt porträtiert, in dem Lily steckt. Der Entscheidung, seinem Herzen vor dem Verstand den Vortritt zu lassen und zu verzeihen, wo es nichts mehr zu verzeihen gibt, eine neue Chance zu geben, wo es eigentlich schon zu spät ist und sich einzureden, dass man das "nur noch ein einziges Mal" tolerieren würde...


"Oft erscheint es einfacher, den gewohnten Weg weiterzugehen, auch wenn er dornig ist, als sich der Angst zu stellen, ins Unbekannte zu springen, ohne zu wissen, ob man auf den Füßen landen wird."


Denn um genau diesen Zwiespalt dreht sich das ganze Buch. Lily und Ryle lernen sich auf einer Dachterrasse kennen, nachdem sie beide einen schweren Tag hinter sich hatten. Trotz dass sie sich noch nie zuvor begegnet sind, fühlen sich die beiden sofort zueinander hingezogen und beschließen, sich gegenseitig zu helfen, in dem sie sich "nackte Wahrheiten" erzählen und im Glauben, dass sie sich sowieso nie mehr wiedersehen, über ihre gnadenlosen Wahrheit hinwegkommen können. Nach dieser einen wundersamen, seltsamen aber doch eindrucksvollen Begegnung sehen sie sich lange Zeit nicht wieder, müssen aber ständig aneinander denken. Die Monate vergehen und es kommt wie es kommen musste - sie treffen sich zufällig wieder und es scheint, als ob das Schicksal sie unbedingt zusammenbringen will. Obwohl sie so unterschiedlich zu seien schienen, merken sie doch das sie perfekt für den anderen zu sein scheinen und können sich nicht voneinander fernhalten.


"Vielleicht muss man sich die Liebe nicht als einen Kreis vorstellen, der sich schließt, sondern als an- und abschwellende Welle, genau wie die Menschen, denen man im Laufe eines Lebens begegnet. (...) Manchmal gerät man ganz unerwartet in eine Welle, deren Sog einen mit sich reißt. Ryle ist diese Welle für mich und jetzt gleite ich auf ihrer schimmernden Oberfläche entlang."


Doch gerade, als die beiden endlich zusammenfinden können, entdeckt Lily mehr und mehr Seiten von Ryle, die sie so nie erwartet hätte. Als dann auch noch Lilys Jugendliebe Atlas wieder in ihrem Leben auftaucht, eskaliert die Situation immer mehr, da Lily Ryle von einer Seite zu sehen bekommt, die sie nie wieder an einer Person sehen wollte. Nun steht sie selbst plötzlich vor einer Entscheidung, für die sie ihre Mutter immer verachtet hat und muss für sich selbst herausfinden, wie weit sie für das Gelübde "in guten wie in schlechten Zeiten" gehen will. So wird die Erfüllung ihres größten Traumes bald zu einem Albtraum...


"Menschen tun manchmal Dinge, die schlimm sind. Aber was den Charakter eines Menschen ausmacht, sind nicht die Fehler, die er begeht, sondern wie er sich anschließend verhält. Ob er daraus lernt, statt sich herauszureden. (...) "Lily." Er streicht mit seinem Daumen über meinen. "Ich liebe dich." Ich fühle seien Worte mit jeder Zelle meines Körpers. Und als ich "Ich liebe dich auch" flüstere, ist das die nackteste Wahrheit, die ich jemals ausgesprochen habe."


Alles was über den offiziellen Klapptext und meine schon recht eindeutige Zusammenfassung herausgeht ist ein schrecklicher Spoiler. Wer also bis jetzt immer noch ahnungslos weiterliest. Aufhören!
Es geht um Häusliche Gewalt. Ganz direkt, ungeschönt und in all der nötigen Kontroverse ist hier eine Geschichte gezeichnet, die auf der einen Seite schön und voller Liebe war, auf der anderen aber viel Hass und Gewalt verbarg. Gleich im Vorwort der Autorin wird klar, dass auch sie schon Kontakt mit diesem Thema hatte, was auch erklärt, wie die Autorin es so treffend schafft, dass man als Leser Verständnis für all ihre Protagonisten entwickelt. Als Außenstehender kann man leicht urteilen und nicht nachvollziehen, warum 85% aller Frauen ihre prügelnden Männer nicht auf der Stelle verlassen, genauso wenig wie man verstehen kann, wie man als Mann seine Frau gleichzeitig so lieben und hassen kann. Diese Geschichte will nicht Paradebespiel für dieses Thema sein, sie will einfach nur Verständnis dafür schaffen, wie schwierig es ist, jemandem nicht zu verzeihen, den man liebt und dazu aufzurufen, seine eigenen Grenzen abzustecken und nicht verschieben zu lassen!


"Du hattest so Recht."
"Womit?"
Er küsst mich noch mal. "Du hast mich gewarnt, dass ich dich nicht mehr vergessen würde, wenn ich dich einmal gehabt hätte, weil du wie eine Droge wärst. Aber du hast mir nicht gesagt, dass du die stärkste Droge bist, die es gibt. Eine, nach der man sofort süchtig wird."



Ein wichtiger Teil, der zum gelingen dieser Botschaft beigetragen hat, sind die Charaktere. Colleen Hoover versteht es wie keine andere Autorin, Gefühle darzustellen, sie auf authentische Charaktere zu übertragen und uns damit zu berühren. Ihre Hauptprotagonistin Lily Bloom wird deshalb der Leidenskumpane des Lesers, der sich genau wie sie durch all diese verwirrenden und gegensätzlichen Gefühle hindurchkämpfen muss. Man lernt die junge Lily als starke, selbstbewusste Frau kennen, die für sich und für andere einsteht und sich ihren Traum verwirklicht, als sie einen eigenen Blumenladen in Boston aufmacht. Von ihrer schweren Kindheit mit ihrem prügelnden Vater geprägt, ist sie sich sicher, niemals wie ihre schwache Mutter bei einem gewalttätigen Mann bleiben zu würden. Als sie aber selbst in eine ähnliche Situation kommt und Ryle in einem ersten Streit die Hand ausrutscht, gerät alles, was sie über sich selbst und ihre Vergangenheit gedacht hat, ins Wanken.
Und sie bemerkt, dass sich die unbändige Liebe zu einem Mann, der einen auf Händen trägt, auch wenn ihm Affekt mal die Hand ausrutscht, nicht so leicht abstellen lässt. Nun steht sie vor derselben Entscheidung wie ihre Mutter. Soll sie ihn verlassen, oder ihm noch weitere Chancen geben?


"Womöglich kann man sich nie ganz von einem Menschen lösen, den man einmal wirklich geliebt hat."


Als wir Ryle zum ersten Mal kennenlernten, wirkte er auf mich irgendwie seltsam arrogant und war mir mit seiner direkten Art irgendwie suspekt. Während wir ihn zusammen mit Lily näher kennenlernen, wird ein Bild von ihm gezeichnet, das fast schon zu perfekt ist um wahr sein zu können: gutaussehend, Neurochirurg, ehrgeizig, wohlhabend, eine nette Familie, charmant, reich, einfühlsam,... In ihm steckt so viel Liebenswertes und Gutes, aber leider auch einiges, was man nicht tolerieren kann: Jähzorn, Gewalttätigkeit, Eifersucht. Als er das Gefühl hat, Lily betrüge ihn mit ihrer Jugendliebe Atlas, kommen diese Eigenschaften hervor und Lily muss entscheiden, ob ihr die schlechten oder die guten Eigenschaften wichtiger sind.


"Ich gehe auf ihn zu, greife nach seinen Händen und sage ihm nichts als die nackte Wahrheit. "Weißt du noch, was du damals auf der Dachterrasse zu mir gesagt hast. Du hast gesagt: So etwas wie schlechte Menschen gibt es nicht. Wir sind alle bloß Menschen, die manchmal schlechte Dinge tun." Er nickt und drückt meine Hände. "Du bist kein schlechter Mensch, Ryle."


Dieser Konflikt bleibt nicht nur der innere Zwiespalt der Charaktere - man spürt als Leser all die Liebe, die die beiden füreinander empfinden trotz der Vorkommnisse, den Schmerz, den sie sich gegenseitig zufügen, ohne es zu wollen. All das wird durch den wunderbaren Schreibstil wirklich super rübergebracht. Und vor allem die Zerrissenheit Lilys, die sie spürt während sie Ryles Verhalten auf der einen Seite verurteilt, es aber vor sich selbst zu rechtfertigen versucht. Ich habe mich selbst ständig dabei erwischt, wie ich Lilys Verhaltensweise nachahmte und dachte "ach ja, der arme Kerl hatte eine schwierige Vergangenheit und konnte sich einmal nicht beherrschen, ist ja nicht so schlimm, es tut ihm ja leid und er hat versprochen, es nie wieder zu tun...". Man bekommt auch Ryles Schmerz gut präsentiert, seine Reue und sein Selbsthass. Er möchte nicht das Ungeheuer sein, er möchte Lily vor den Ungeheuern beschützen. Das merkt man ihm eindeutig an, aber ist das genug?
Lilys Zerrissenheit wurde zu meiner Zerrissenheit, ihre inneren Konflikte wurden zu meinen. Ich habe ihre Liebe gespürt, ihren Hass und alles dazwischen, bis mir irgendwann gekommen ist: "nein, das ist absolut nicht genug. Es ist nicht in Ordnung, dass er manchmal Ausrutscher hat. Das ist häusliche Gewalt und sie hat das Recht und sogar die Pflicht sich zu wehren". Durch den ganzen Schmerz, der sich direkt in mein Herz gebohrt hat, kann man als Leser an dem Erkenntnisgewinn Lilys teilhaben und die Botschaft hinter der Geschichte gut verstehen.


"Es fühlt sich an, als wäre Ryle gestorben. Ich kann die Traurigkeit in mir mit Worten gar nicht beschreiben, so unermesslich groß ist sie. Es ist, als wäre ich eine einzige offene Wunde. Ich habe meinen engsten Freund verloren, meinen Geliebten, den Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte, meinen Anker. Aber es gibt einen Unterschied. Da ist noch ein anderes Gefühl in mir, das normalerweise nicht zur Trauer gehört.
Hass!"



Es gab viele Stellen, an denen ich nicht wollte, dass das, was da gerade geschah, wirklich passierte, an denen ich mit einer Heftigkeit, die ich selten beim Lesen erlebt habe, wollte, dass Colleen Hoover die Geschichte anders gestaltet. Dass die Charaktere nicht so handeln, wie sie gehandelt haben. Das sich das Leben zweier Menschen nicht durch die Tat eines Momentes so drastisch - und auch unwiderruflich - ändert. Ich habe „Nur noch ein einziges Mal“ geliebt, weil ich es gleichzeitig gehasst habe. Und genau das macht diese unglaublich gute Konstruktion, wirklich aus!

Nach langem Nachdenken hab ich dann doch noch einen Kritikpunkt gefunden, über den ich mich noch kurz beschweren möchte: der zweite Handlungsstrang um Lilys Jugendliebe Atlas Corrigan, der gerade zu Beginn des Buches sehr ausführlich beleuchtet wurde, geht im letzten Drittel sehr unter und verläuft vor dem Epilog fast im Nichts. Durch Tagebucheinträge der 15jährigen Lily in Form von Briefen an die US-amerikanische Schauspielerin, Moderatorin, Komikerin, Autorin aber vor allem Showmasterin Ellen DeGeneres erfahren wir neben dem eigentlichen Plot rund um Lily und Ryle, auch über Lilys Vergangenheit mit Atlas eine ganze Menge. Diese steten Einschübe aus der Vergangenheit werden so auf sehr interessante Art und Weise präsentiert, sodass der Handlung ein zusätzlicher roter Faden verliehen wird, der dem Leser hilft, sich zu orientieren, wenn die eigentliche Handlung Zeitsprünge von mehreren Monaten vollführt.


"Manchmal muss man das, was einem am meisten am Herzen liegt, am weitesten wegschieben, weil es gleichzeitig das ist, was einem am meisten wehtut."


Als sie Atlas, den sie seit einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit nicht mehr gesehen hat, plötzlich in einem Restaurant in Boston wiedersieht, beginnt sie, ihre alten Tagebücher noch einmal durchzulesen, sodass wir als Leser Atlas schon kennen, als er erneut in ihr Leben tritt. Dem Handlungsstrang rund um diese verbotene Liebe aus ihrer Jugend, haftet eine gewisse Tragik und Melancholie an, weshalb er mir sehr gut gefallen hat. Als Jugendlicher wohnte Atlas in einem verlassenen Haus neben Lily, nachdem er von seinen Eltern herausgeworfen wurde. Lily hilft ihm, über die Runden zu kommen und rettet ihn somit nicht nur rein physisch sondern vor allem psychisch vor dem Abgrund. Zusammen sehen sie sich die Shows von Ellen DeGeneres an und lieben den Film "Findet Nemo". Dories Aufmunterung an Marlin "Einfach schwimmen", also einfach weiterzumachen, um allem Schlechten zu entgehen, wird ihr Insider. Als sie sich schließlich wieder begegnen, ist es Lily, die seine Hilfe braucht und er hilft ihr dabei, "einfach weiter zu schwimmen". Das fand ich in der Gesamtheit ein einfach wunderbarer Handlungsstrang, sodass ich von Anfang an für Atlas war, der viel sanftmütiger, zäher und vor allem einfühlsamer ist, als Kyle. Er würde Lily niemals wehtun und sie vor allen Übeln der Welt beschützen. Dass er zeitweise zu wenig Raum geboten bekommt, ist verständlich, da die Autorin mit ihrer Haupthandlung schon einen ganz schönen Brocken fabriziert hat, vor allem am Ende hätte ich mir aber dann doch eine etwas schleichender Entwicklung gewünscht.

"Ja, ich weine. Aber bald werde ich mich besser fühlen. So ist das nun mal mit Menschen und ihren Gefühlen. Eine alte, schlecht vernarbte Wunde muss aufgerissen werden, damit sie richtig verheilen kann."


Ansonsten bleibt die Geschichte bis zum Ende spannend, da man schlecht einschätzen kann, wie Lily sich entscheiden wird. Einige schicksalhaften Umstände, die außerdem auf sie zukommen (die die das Buch gelesen haben, wissen welche Umstände ich meine und können bestimmt nachvollziehen, dass ich durch diese wunderschönen Schilderungen etwas abgelenkt war... ) zeihen das Ende nochmal dramatisch in die Länge, bis der Prolog endlich das Happy End bringt und uns von unseren grausamen Seelenqualen erlöst. Als ich das Buch aus der Hand legte, war ich emotional komplett am Ende! Trotzdem würde ich mir das jederzeit wieder antun - eine einmalige Achterbahn der Emotionen!

Um die Botschaft, von der ich die ganze Zeit geredet habe, noch einmal klar blau auf weiß abgedruckt zu haben, hier noch das Ende von Lilys letztem Brief an Ellen DeGeneres, welches gleichzeitig mein Lieblingszitat darstellt:

"Ich denke an die Menschen, die vor mir in dieser Situation waren. An die, die nach mir in diese Situation kommen werden. Wiederholen wir alle, nachdem wir durch die Hand des geliebten Menschen Gewalt erfahren mussten, die immer gleichen Worte in unserem Kopf? "In guten wie in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut, in Gesundheit wie in Krankheit , bis dass der Tod uns scheidet"?
Vielleicht ist es an der Zeit, uns klarzumachen, dass man dieses Gelübde nicht wörtlich nehmen muss. In guten wie in schlechten Zeiten.
Scheiß drauf, verdammt.
Deine Lily."



Fazit:


Meine nackte Wahrheit: Ich liebe (liebe liebe) dieses Buch und hasse (hasse hasse) es zugleich! Wirklich unglaublich!

Veröffentlicht am 22.05.2018

Ein typisches, nicht gerade originelles New Adult Märchen!

Save Me
1 0

Allgemeines:

Titel: Save me
Autor: Mona Kasten
Verlag: LYX (23. Februar 2018)
Genre: Young Adult
ISBN-10: 3736305567
ISBN-13: 978-3736305564
ASIN: B071RYJPHG
Seitenzahl: 416 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes ...

Allgemeines:

Titel: Save me
Autor: Mona Kasten
Verlag: LYX (23. Februar 2018)
Genre: Young Adult
ISBN-10: 3736305567
ISBN-13: 978-3736305564
ASIN: B071RYJPHG
Seitenzahl: 416 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 16 - 17 Jahre
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
12,90€ (Broschiert)
Weitere Bände: Save you; Save us



Inhalt:


Sie kommen aus unterschiedlichen Welten.
Und doch sind sie füreinander bestimmt.

Geld, Glamour, Luxus, Macht - all das könnte Ruby Bell nicht weniger interessieren. Seit sie ein Stipendium für eine der renommiertesten und teuersten Privatschulen Englands - das Maxton Hall College - erhalten hat, versucht sie vor allem eins: unsichtbar zu sein und ihren Mitschülern so wenig wie möglich aufzufallen. Vor allem von James Beaufort, dem heimlichen Anführer der Schule, hält sie sich fern. Er ist zu arrogant, zu reich, zu attraktiv. Während Rubys größter Traum ein Studium in Oxford ist, scheint er nur für die nächste Party zu leben. Doch dann findet Ruby etwas heraus, das sonst niemand weiß - etwas, das den Ruf von James' Familie zerstören würde, sollte es an die Öffentlichkeit geraten. Plötzlich weiß James genau, wer sie ist. Und obwohl sie niemals Teil seiner Welt sein wollte, lassen ihr James - und ihr Herz - schon bald keine andere Wahl ...


Bewertung;


Nach dem ich die "Again"-Reihe von Mona Kasten wirklich geliebt habe, war von Anfang an klar, dass ich auch die "Maxton Hall"-Reihe unbedingt lesen muss. Jetzt bin ich mit Band 1 durch und rein objektiv und sachlich betrachtet ist "Save me" wohl ein oberflächlicher, klischeehafter Millionärsroman, den die Welt nicht braucht - aber ganz ehrlich: die Geschichte hat mir trotzdem gefallen!

Zuerst mal wieder zum Cover. Auch wenn ich es mit der recht schlichten Gestaltung ohne nennenswerte Motive nicht unbedingt als Eye-Catcher bezeichnen würde, gefällt mir der Fokus auf dem Titel und die Kontrastierung der beiden Seiten, die langsam ineinander übergehen recht gut. Die obere Hälfte des Hintergrundes glitzert in goldenen Partikeln während die untere Hälfte in einem schlichten Weiß gehalten ist. Dadurch wird wunderbar die Gegenüberstellung der beiden im Buch dargestellten Welten verkörpert: die vor Glamour und Prunk glitzernde Welt der Oberschicht und die schlichte aber gemütliche Welt der Mittelschicht, aus der Ruby kommt. Nichtsdestotrotz finde ich das Cover -gerade auch in Anbetracht der sehr ähnlich gestalteten Folgebänden- nicht gerade einfallsreich.


Erster Satz: „Mein Leben ist in Farben unterteilt.“


Ohne besondere Umschweife werden wir in das Leben der 17-jährigen Ruby Bell eingeführt, die mit ihrem Stipendium für die angesehene Privatschule Maxton Hall und den sich ansammelnden Pluspunkten durch ihr Engagement im Veranstaltungskomitee der Schule, ihrem Traum von einem Studium in Oxford sehr nahe ist. Ganz nach ihrer Devise "Bloß nicht auffallen" hat sie es geschafft, für ganze zwei Jahre unsichtbar für den Großteil der Schülerschaft vor sich hin zu lernen und mit Bestleistungen die Erfüllung ihres Studientraumes Näherrücken zu sehen. Doch als sie durch Zufall auf ein gut verstecktes Geheimnis der reichen Familie Beaufort aufmerksam wird, ist es mit ihrer hart erkämpften Unsichtbarkeit vorbei - sie rückt in die Aufmerksamkeit des Königs der Schule, James Beaufort, der alles dafür tun würden, damit das Geheimnis nicht ans Licht kommt. Doch obwohl er sich wie ein verwöhnter Snob aufführt und wild auf ihren Gefühlen herumtrampelt, beginnt Ruby hinter die Fassade der glamourösen High-Society-Familie zu schauen und entdeckt dort heftigen Druck, konservative Zwänge, fiese Intrigen und gewalttätige Geheimnisse - und langsam beginnt sie zu vermuten, dass hinter James´ rücksichtslosem Machogehabe vielleicht etwas mehr stecken könnte...


“Er scheint jeden Ort, an den er geht, zu seinem Reich zu machen. Die Schule, das Lacrosse-Feld, dieses Geschäft. Ob das auch passiert, wenn er eine Eisdiele betritt? Vielleicht würde ich das bei Gelegenheit austesten müssen.”


Ich muss zugeben, dass sich die Zusammenfassung anhört wie ein Remix bekannter Geschichten aus dem Genre: reicher, verwöhnter Bad-Boy mit Geheimnissen trifft auf armes, unerfahrenes Mädchen, erst Ablehnung und dann BOOM, die große Liebe. Ja, da kann man wirklich einige Klischees und Parallelen zu anderen Geschichten sehen, aber dennoch hat das Buch ein gewisses etwas, dass es besonders und anziehend macht. Gerade dass die Geschichte sich zu Beginn so viel Zeit nimmt, um uns in die Hintergründe der Geschichte einzuführen, dabei aber noch einiges offen lässt, hat mir gut gefallen. Selbstverständlich merkt man der Geschichte an, dass sie zu einer Trilogie gestreckt werden soll und bekommt deshalb weniger spannende Szenen deutlich aufgebauschter vorgesetzt, als zu erwarten gewesen wäre, während an manch anderen Stellen hingegen recht oberflächlich erzählt wird um noch Potential für genauere Fortführungen in den Folgebänden übrig zu lassen, dennoch finde ich den ansteigenden Spannungsbogen wunderbar ausgearbeitet.


"Sobald man Dinge einmal ausgesprochen hat, gibt man ihnen Raum, in dem sie sich entfalten und echt werden können."


Der Schreibstil ist typisch Mona Kasten: flüssig zu lesen, voller Anspielungen direkt aus dem Leben und dabei gleichzeitig sanft und eindringlich. Auch wenn mir hier einige unrunde Stellen und Szenenwiederholungen genau wie etliche Tippfehler aufgefallen sind, hat das nicht meinen Lesefluss beeinträchtigt und ich konnte trotz einiger Szenen, die mich gestört haben, das Buch in einem Rutsch durchlesen. Und das ist die große Stärke ihrer Bücher, die vielleicht nicht unbedingt alle tiefsinnig sind und das auch nicht sein müssen: wir haben es hier mit einer emotional berührenden, mitreißenden Geschichte zu tun, bei der die Seiten wie im Flug vorbeifliegen und man schneller als einem lieb ist auf der letzten Seite angelangt ist.


“Die Art, wie sie ihre Ordner fest im Arm hielt, ihre zielstrebigen Schritte, das vorgereckte Kinn. Sie sah aus, als würde sie in einen Kampf ziehen.”


Anders als bei ihren Vorgängergeschichten hat sich Mona Kasten hier dafür entschieden, abwechselnd aus der Sicht von James und Ruby zu erzählen, wodurch wir beiden näher kommen und ihre Handlungsweisen und Entscheidungen besser nachvollziehen können. Besonders gut gefallen hat mir an der Hauptperson Ruby, dass sie kein schwaches Opfer mit einer ganzen Latte aus Problemen ist, sondern eine emanzipierte, selbstbewusste, zielstrebige junge Frau darstellt, die genau weiß, was sie will und sich von nichts und niemandem herumschubsten lässt. Wir erleben Ruby als eine sehr engagierte, strebsame 17-Jährige, die sich klare Ziele gesetzt hat und mir so sofort ans Herz gewachsen ist - nicht zuletzt auch wegen ihrem süßen Ordnungstick und ihrer Liebe zu To-do-Listen, in der ich mich sofort wiedererkannt habe. Im Gegensatz zu etlichen pseudoromantischen, charakterlosen Dummchen, die einen Hang zum Stockholm-Syndrom zu besitzen scheinen, wird hier endlich mal eine starke Frau im Young Adult Genre präsentiert, die auch ohne ihren männlichen Gegenpart charakterisiert werden kann und eigene Interessen und Ziele hat. Das ist erfrischend neu zu lesen!


"Ich kann James Beaufort nicht bloß nicht ausstehen. Ich verabscheue ihn. Ihn und alles, wofür er steht. Wie er lebt - ohne Rücksicht oder Angst vor Konsequenzen. Wenn man den Namen Beaufort trägt, ist man unantastbar."


James hingegen ist leider erstmal die typische Verkörperung eines reichen Bad Boys. Mit seinen jungen 18 Jahren, als erfolgreicher Lacrosse-Spieler, Erbe eines milliardenschweren Modeimperiums und König des Colleges, verkörpert er alles, was Ruby nicht ausstehen kann: Überheblichkeit, Macht, Rücksichtslosigkeit. Während Ruby strebsam und motiviert ist, scheint James ohne Rücksicht auf Verluste und ohne festes Ziel vor Augen durch sein Leben zu taumeln. Fehltritte werden durch Drohungen und Bestechungsgeld ausgebügelt. Also ein junger Mann, der sich alles erlauben kann und dem das Glück mit dem Geld seiner Eltern schon in die Wiege gelegt wurde? Wohl eher nicht! Bald bekommen Ruby und auch wir Leser einen Vorgeschmack davon, wie einschränkend, belastend und erdrückend es sein kann, wenn die ganze Welt auf einen blickt. Anders als gedacht, steht ihm die Welt nicht offen, sondern eine genau geplante Zukunft erwartet ihn, weshalb er sich lieber in Partys, Alkohol und Drogen verliert, als gerade aus nach vorne zu blicken. Aufgrund seines Hintergrundes und seines Verhaltens gegenüber Ruby weckte er abwechselnd Mitleid und Abscheu in mir, was unsere Annäherung zu einer wahren Berg-und-Tal-Fahrt machte. Abschließend gesagt mochte ich ihn dann doch, obwohl er sich mit seinen etlichen Fehltritten nah an einer Grenze bewegt, an der Versöhnung mit mir als Leser wirklich schwierig wird.


„Vergebung kann niemals falsch sein. 〈…〉 Vergebung ist ein Zeichen von Größe und Stärke. Wenn man sich jahrelang im Zorn verliert und sich selbst kaputtmacht, ist man nicht besser als die Person, die einem unrecht getan hat.“


Der Verlauf der Geschichte steuert trotz einiger Rückfälle und Umwege zielstrebig auf das Zusammenkommen Rubys und James´ zu und gipfelt dann in einer leidenschaftlichen Liebesnacht. Dass Mona Kasten der Geschichte am Ende noch eine sehr vorhersehbare Wendung zum Schlechten hineindrücken musste, um den Lesern das Warten auf den zweiten Teil zu vermiesen, fand ich wirklich unnötig - aber so funktioniert dieses Genre nun mal. Insgesamt hätte ich von Mona Kasten doch ein wenig mehr erwartet, bin aber sehr gespannt, was sie aus der Geschichte noch alles macht und bin mir sicher, dass sie ihren Weg finden wird.



Fazit:


Ein typisches, nicht gerade originelles New Adult Märchen, dass aber dennoch mit einer mitreißenden, berührenden Atmosphäre, einer bewegenden, dramatischen Liebesgeschichte und einem intensiven, emotionalen Schreibstil unterhalten konnte. Insgesamt ein solider Auftakt, von dem ich leider ein wenig mehr erwartet hätte.

Veröffentlicht am 11.05.2018

Ein kleines Gesamtkunstwerk!

Ein Meer aus Tinte und Gold (Das Buch von Kelanna 1)
1 0

Allgemeines:

Titel: Ein Meer aus Tinte und Gold
Autor: Traci Chee
Verlag: Carlsen (20. Oktober 2016)
ISBN-10: 3551317283
ISBN-13: 978-3551317285
ASIN: B01ELXD7ZG
Originaltitel: The Reader
Preis: 9,99€ ...

Allgemeines:

Titel: Ein Meer aus Tinte und Gold
Autor: Traci Chee
Verlag: Carlsen (20. Oktober 2016)
ISBN-10: 3551317283
ISBN-13: 978-3551317285
ASIN: B01ELXD7ZG
Originaltitel: The Reader
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
17,99€ (Gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 480 Seiten
Weitere Bände: "Ein Schatz aus Papier und Magie";
"Die Schlacht um Wörter und Blut"



Inhalt:

„Du hast die Wahl, Sefia. Lenk deine Zukunft oder lass dich von der Zukunft lenken."

Seit Sefias Vater ermordet wurde, kämpft sie mit ihrer Tante Nin ums Überleben. Aber dann wird Nin entführt und die einzige Spur zu ihr ist ein Buch: ein scheinbar nutzloser Gegenstand in einem Land, in dem fast niemand um die Existenz des geschriebenen Wortes weiß. Doch kaum berührt Sefia das makellose Papier, spürt sie eine magische Verbundenheit und lernt die Zeichen zu deuten. Das führt sie auf eine gefährliche Reise – und an die Seite eines stummen Jungen, der selbst voller Geheimnisse steckt.


Bewertung:

"Es war einmal und es wird eines Tages sein. So fangen alle Geschichten an."

Mit diesem Satz beginnt das wundervolle Märchen für Erwachsene, das neben seinem liebevoll gestalteten Aussehen auch durch Komplexität der Handlung, einen hinreißenden Schreibstil und berührende Charaktere entzückt. Ein kleines Kunstwerk!

Wie schon viele Leser vor mir will ich unbedingt das umwerfende Cover hervorheben. Ohne übertreiben zu wollen ist es denke ich das schönste aber vor allem passendste Cover, das ich je gesehen habe. Aus einem dynamisch wirkenden Meer aus goldenen Wellen ragt ein altes Buch mit vergilbten Seiten im Zentrum des Bildes hervor. Zwischen umher schwirrenden Buchstaben läuft die Silhouette eines Mädchens auf ein Schiff zu, welches am Rand des Buches vorbei fährt. Der Titel umrahmt dieses Bild in schwarzen Schnörkeln. Mal von der wunderschönen, warmen, lebendigen Ausstrahlung des Hintergrunds abgesehen, die das Buch zum absoluten Eye-Catcher macht, passen auch alle gezeigten Elemente ganz toll zur Handlung: das Piratenschiff, das den Rand der Welt erforscht, das Mädchen als Leserin oder als Gelesene, die goldenen Fäden der magischen Welt, die alle auf das Buch zurück laufen. Einzig und allein dass Archer nirgendwo zu sehen ist, könnte ich hier kritisieren. Das Cover ist ansonsten eine perfekte Verkörperung des Titels und der geheimen Botschaft, die zwischen den Zeilen versteckt an uns gerichtet ist:

"Dies ist ein Buch und ein Buch ist eine Welt
und ein Wort ist ein Samen, der Bedeutung enthält.
Seiten aus Meer und Ränder als Land
sind Völker und Leben in deiner Hand.
Doch prüf deine Welt und dein Dasein hier
wird zu Meeren aus Tinte zum Haus aus Papier.
Kennst du dich selbst oder hast du geirrt?
Bist du Leser oder der, der gelesen wird?"

Und nicht nur das Cover hebt diesen Fantasy-Roman von der Masse anderer ab. Auch innerhalb der Buchseiten erwarten unser prüfendes Leserauge jede Menge liebevoll gestaltete Überraschungen. Von einer Karte von Kelanna, eine kleine, handgeschriebene Notiz über hintersinnig geschwärzte Zeilen, schwarze Fingerabdrücke, geheimnisvolle Zeichen, vergilbt erscheinende, hervorgehobene Auszüge aus dem Buch, verschiedene Schriftarten bis zu versteckten Botschaften ist alles dabei um unser Gehirn auf Trab zu halten und unser Leserherz zu erfreuen! So werden wir auf ungewohnt aktive Weise mit in das Geschehen mit einbezogen und wird als Leser Teil dieser Geschichte, sowie Sefia Teil der ihrseits gelesenen Geschichte wird. Die Autorin spielt hier mit dem Grundgedanken einer Geschichte, eines Buches, wirft die philosophische Frage in den Raum, ob wir bloß Teil einer Geschichte sind, die andere lesen und schafft gleichzeitig eine Hymne an das Lesen an sich. Ganz große Klasse!


"Magie. Ihr war, als spähte sie an den Rändern der Sterne vorbei und sähe, was dahinter lag."


Nach einem kurzen Prolog beginnt die Geschichte um die Bedeutung von Geschichten im Herz von Kelannas, in Oxszini. Auf den willigen Leser warten 480 Seiten in einer eine wundervollen und schrecklichen Welt aus Wasser, Schiffen und Magie, in der das geschriebene Wort mit einem wertvollen Buch lange Zeit verschollen ist und Geschichten nur von Mund zu Mund weitergegeben werden. Dass Sefia schon bald Teil einer Geschichte mit unermesslichem Ausmaß werden soll, ahnt sie noch nicht, als sie mit ihrer Tante Nin auch noch den letzten Familienangehörigen verliert. Nachdem ihre Mutter an einer Krankheit verstarb und ihr Vater von geheimnisvollen Verfolgern getötet wurde, befand sie sich mit der alten Schmiedin immer auf der Flucht um etwas zu beschützen, von dem sie nicht einmal weiß, wozu es eigentlich gut sein soll.


"Wir müssen in Zukunft besser aufpassen." Da lächelte er. Ein echtes, warmes Lächeln, das ihn selbst zu überraschen schien. Als hätte er nicht gewusst, dass er das noch konnte. Sein Lächeln war ganz weich.
"Wir"
(...) Sie umfasste ihre Knie, ihre Augen glänzten im Dämmerlicht. Dann würden sie es zusammen machen, sie und Archer. Herausfinden, wofür das Buch gut war. Nin retten. Diejenigen finden, die ihr Leben zerstört hatten - und Rache üben."


Als in einer verhängnisvollen Nacht ihre Tante Nin von denselben dunklen Häschern entführt wird, die auch ihren Vater verfolgt haben, wird sie aus ihrer Untätigkeit gerissen. Um ihre Tante zu finden und ihre gesamte Familie zu rächen muss sie endlich hinter das Geheimnis des Gegenstandes kommen, den sie besitzt und der so wertvoll zu sein scheint, dass Morde dafür begangen werden. Zusammen mit dem stummen Kämpfer Archer begibt sie sich auf eine Suche nach der Wahrheit, die sie durch die vier Königreiche, über das innere Meer bis in die Hände des grausamen Piraten Sarakeen führt. Doch noch weiß sie nicht, dass sie den Schlüssel schon in ihren Händen hält. Denn als sie den seltsamen, in Leder gebundenen Kasten aufschlägt, verraten der nur flüchtig lesen gelehrten Sefia die ersten Worte den Namen für das Objekt. "Dies ist ein Buch", kann sie entziffern. Vier Worte, die ihr Leben komplett verändern sollen, denn was dieses Buch birgt sind unzählige Worte, die sich zu Sätzen, zu Geschichten formen - die Geschichte ganz Kelannas....


"Wenn sie in Kelanna trauern, erzählen sie Geschichten - als könnten sie dich dadurch bei sich behalten. Sie glauben, dass du, wenn man die Geschichten nur oft und lange genug erzählt, lebendig bleibst - wenn auch nur in der Erinnerung."


In recht langsamen aber wunderbar flüssigem und intensivem Tempo nimmt die originelle Geschichte ihren Lauf. Zwar hat man die Grundidee, ein Buch zur Mitte der Handlung zu machen in Klassikern wie "Tintenherz" oder "Die unendliche Geschichte" schon einmal gelesen, was dieser Roman aber damit macht, lässt sich klar von den schon existierenden Fantasy-Romanen abgrenzen. Mit dem geschickt verschlungenen Aufbau und dem tolles Setting, das abwechslungsreich und wunderbar detailreich ausgearbeitet ist, ohne dabei die Handlung zu bremsen, wird die Story zum kleinen Gesamtkunstwerk, das mitreißend und abenteuerlich erzählt wird. Der Schreibstil spielt in der Atmosphärenbildung eine sehr wichtige Rolle. Durch bildhafte aber dennoch lockere, leichte Sprache, bei der immer ein Hauch an sehnsuchtsvoller Melancholie mitschwingt, erscheint die ganze Geschichte wie ein sanfter Traum oder ein Märchen. Denn aufgrund der eigentlich abstrusen Mischung von einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen und emotionaler Kälte, makabrer Gewalt und süßen Träumen, lockendem Abenteuer und dunkler Realität bekommt diese Geschichte eine intensive Grundstimmung, die berührt und verzaubert!

"Archer kniete neben ihr und strich mit den Fingerspitzen über ihr Gesicht. Jede Stelle, die er berührte glühte vor Wärme, und die trostlose Kälte ihres Herzens bekam Risse. Sie nahm seien Hand und hielt sie an ihre Wange, Haut an Haut."


Besonders spannend wird die Geschichte durch die verschiedenen Handlungsstränge, die in verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten spielen, sich aber nach und nach alle zu einem Gesamtbild verflechten. Durch den auktorialen Erzähler bekommen wir einen Einblick in die Gefühlswelt ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten. Im Vordergrund steht die junge Sefia, die ihre Eltern sterben sehen musste, nichts gegen die Entführung ihrer Tante tun konnte und sich nun von Rachedurst, Neugier und Überlebenswillen getrieben auf die Suche nach der Wahrheit begibt. Sie ist ein absoluter Vorzeigecharakter der Fantasy-Literatur: verständnisvoll, mutig, herzlich, sensibel, selbst bestimmt, gewitzt und einfach nur liebenswert. Es ist wirklich schwer, sie nicht zu mögen!


"Es war, als wäre sie die ganze Zeit ausgesperrt gewesen und hätte durch einen Türspalt den Blick auf eine magische Welt erhascht. Doch das Buch war der Schlüssel."


An ihrer Seite steht Archer, den sie auf ihrer Reise eingesperrt in eine dunkle, enge Kiste findet, rettet und kurzerhand mitnimmt. Ohne dass er ein Wort reden kann, versteht Sefia, dass auch ihm das Schicksal böse mitgespielt hat und hilft dem geschlagenen, gebrochenen, zum Töten ausgebildeten jungen Mann, wieder menschlich zu werden und sich selbst wieder zu finden. Es ist herzzerreißend schön mit anzusehen, wie die beiden sich langsam näherkommen und sich bald ohne Worte verständigen und sich gegenseitig Halt geben können.


"Er spürte in seinem Inneren das wütende, stinkende Wesen, das nach Blut dürstete, seine hohlen Wangen unter Haut. Aber vielleicht musste er nicht so sein. Vielleicht konnte sich dafür entscheiden, ein ganzer Mensch zu sein: Archer, Jäger, Beschützer, Artischockenputzer, Spieler, Schiffsjunge, Quarzbesitzer, Freund. Dieser Gedanke begann in ihm zu reifen, langsam zunächst, dann jedoch schneller und heftiger, bis es heiß in ihm brodelte. Vielleicht hatte er eine Wahl."


Neben Archer und Sefia betrachten wir so auch noch die Abenteuer von Käpt´n Lees auf seinem Schiff, die "Strömung der Zuversicht", welche von kannibalischen Knochen über lebendige Inseln bis zum Rand der Welt und darüber hinaus führen. Den geheimnisvollen Käpt´n habe ich sehr schnell genau wie seine Crew, dem starken Zimmermann Ross, dem blinden und doch nicht orientierungslosen Ersten Steuermann, dem mutigen Lind, der geschickten Doc, dem missmutigen Jigo, dem begabten Cooky und dem fröhlichen Kallinago und vielen weiteren besonderen Persönlichkeiten, ins Herz geschlossen. Außerdem bekommen wir durch kurze Einschübe einen Einblick in die Sicht der Verfolger und erfahren durch den jungen Bibliotheks-Lehrling Lon und die angehende, tödliche Jägerin Mareah etwas über einen rätselhaften Orden, welcher es auf die Kontrolle der Menschheit und ein Monopol auf Wissen und Macht abgesehen hat...

"Sie ritzte den Satz mit der Messerspitze an den verborgenen Stellen des Waldes ein, in die höchsten Äste der größten Bäume: Dies ist ein Buch.
Oder sie schrieb auf die Steine eines zugeschütteten Lagerfeuers: Dies ist ein Buch.
Und sie malte es sich unsichtbar auf den Arm, auf das gebeugte Knie: Dies ist ein Buch. Ein Buch. Ein Buch. Ein Buch.
Sie wusste ja nicht, dass die Leute, die hinter ihr her waren, überall nach Spuren suchten: in den höchsten Bäumen, auf vergrabenen Steinen. Sie lechzten nach dem Buch wie Hungernde nach Essen. Krank vor Sehnsucht folgten sie ihr."


Das Ende der Geschichte erschien mir im Vergleich zum Rest ein wenig zu lasch und ist der einzige Grund, warum ich keine 5 Sterne vergeben will. Der Tod einer Hauptperson geschieht sehr schnell und ohne jegliche Bedeutung, die schlussendliche Auflösung der Zusammenhänge ist zu kurz und auch die wichtige Entwicklung, dass Archer endlich seine Stimme wieder findet, wird nur nebenbei abgehakt. Ansonsten mochte ich das relativ offen endende Finale, denn ich muss ja gar nicht mehr lange auf Band 2 warten Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie es mit den Charakteren weiter geht und werde die Geschichte gespannt weiter verfolgen.

„Ein Zuhause ist das, was du dazu machst. Es kann ein Schiff sein. Oder das, was du Tag für Tag auf dem Rücken trägst. Oder deine Familie. Oder vielleicht nur ein Mensch, den du über alles liebst. Das ist zu Hause."


Fazit:


Ein kleines Gesamtkunstwerk, das durch den wundervollen Schreibstil, die komplexe Handlung und die mitschwingende sehnsuchtsvolle Melancholie wie ein sanfter Traum erscheint. Die intensive Grundstimmung entsteht durch die eigentlich abstruse Mischung von einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen und emotionaler Kälte, makabrer Gewalt und süßen Träumen, lockendem Abenteuer und dunkler Realität und baut auf spannenden, originellen Charakteren. Ich bin verzaubert!

Veröffentlicht am 07.02.2018

"Jamás, mi luz!"

Blutbraut
1 0

Allgemeines:

Titel: Blutbraut
Autor: Lynn Raven
Verlag: cbt (11. November 2013)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3570308871
ISBN-13: 978-3570308875
ASIN: B005QSBX1Q
Seitenzahl: 736 Seiten
Preis: 9,99€ (Taschenbuch)
8,99€ ...

Allgemeines:

Titel: Blutbraut
Autor: Lynn Raven
Verlag: cbt (11. November 2013)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3570308871
ISBN-13: 978-3570308875
ASIN: B005QSBX1Q
Seitenzahl: 736 Seiten
Preis: 9,99€ (Taschenbuch)
8,99€ (Kindle-Edition)



Inhalt:

Magie macht ihn stark, Liebe verletzlich
Seit sie denken kann, ist Lucinda Moreira auf der Flucht vor Joaquín de Alvaro, denn sie ist eine »Blutbraut«, und nur ihr Blut kann den mächtigen Magier davor bewahren, zum Nosferatu zu werden. Doch gerade als Lucinda sich zum ersten Mal verliebt hat, wird sie entführt und auf Joaquíns Anwesen gebracht. Sie ist in eine Falle gelaufen: Chris, für den sie schwärmt, ist kein anderer als Joaquín de Alvaros Bruder, und auch er sucht eine Blutbraut. Und noch andere Magier begehren Lucindas Blut. Je näher sie Joaquín aber kennenlernt, desto mehr gerät ihr Bild von ihm ins Wanken und stürzt sie in ein Wechselbad der Gefühle …


Bewertung:

Puh, diesen Bestseller des Jahres 2011 hatte ich schon eine ganze Weile im Regal stehen und aufgrund fehlender Zeit und den fast 7540 Seiten erstmal nicht angerührt. Dass ich es jetzt endlich auch mal gepackt habe, es zu lesen, war also mehr als überfällig. Und ich muss mich ausnahmsweise dem Hype mal bedingungslos anschließen und mich dafür verfluchen, diese Autorin nicht schon früher entdeckt zu haben!

Zum Cover stehe ich ein wenig gespalten da. Auf der einen Seite finde ich das Motiv durchaus passend: eine schwarzhaarige Frau in einem ebenso dunklen Spitzenkleid mit hohem Kragen, welche durch die blasse Haut und den aus dem Auge rinnenden Blutstropfen wie der Inbegriff eines Vampirs, oder eben einer Sanguaíera wirkt. Das Ganze passt natürlich perfekt zu Lucinda und ihrer Rolle, die ihr zugewiesen wurde, da sie durch die geschlossenen Augen und den hohen Kragen auch wirkt, als würde sie sich gegen ihre Bestimmung sperren, dennoch gefällt es mir wieder nicht, dass ein Model mit einem vollständigen Gesicht zusehen ist, da ich mir Luz etwas anders vorgestellt hatte. Das blasse Grau, das den Hintergrund darstellt, gespickt mit einigen dunklen Flecken, die wohl verschwommene Vögel sind, passt ebenfalls gut, meines Erachtens kommt aber keineswegs die tolle gefährlich-behagliche Atmosphäre rüber, die die Handlung umrahmt. Da wäre meiner Meinung nach viel mehr drin gewesen! Der Titel ist jedoch unangefochten perfekt, wobei ich mir auch den spanischen Titel "Sanguaíera" sehr gut vorstellen könnte.

Nachdem wir unsere Protagonistin Lucinda Moreira in Boston, Massachusetts in einer Bar kennenlernen, erleben wir mit, wie ihr schlimmster Albtraum in Erfüllung geht. Eigentlich ihr ganzes Leben lang auf der Flucht gewesen wird sie nun entführt und an den Ort gebracht, an dem sie nicht in ihren Albträumen jemals war: zu IHM, Joaquín de Alvaro, Hexer von Hermandad, welcher auf seine Blutbraut wartet, die ihn davor bewahren soll, Nosferatu zu werden. Ein seelenloses, grausames, blutrünstiges Monster. Als sie wieder zu Bewusstsein kommt ist sie auf dem Anwesen Santa Reyada im Süden Amerikas, inmitten von Vampiren, die nach ihrem Blut dürsten. Von Angst und Grauen gepackt versucht sie zu fliehen, doch als Joaquín sie immer wieder aufs Neue rettet, muss sie sich die Frage stellen, ob ihr ganzes Leben nicht eine Lüge war...


"Ich verstehe." Ich war eine Gefangene in einem goldenen Käfig. Sofern es mir nicht doch noch irgendwie gelang zu entkommen, würden daran nur zwei Dinge etwas ändern: sein Tod. Oder meiner."


Nach sehr verwirrenden ersten Seiten in denen wir mit etlichen neuen Namen, Zusammenhänge und seltsamen Gruppierungen konfrontiert werden und uns in der präsentierten Welt erst einmal zurecht finden müssen, wird die Handlung ein weniger beständiger als Lucinda in Santa Reyada ankommt und beginnt sich mit ihrer Situation abzufinden. Das wunderschöne Anwesen mitten in einer mörderischen Sierra, die Hitze, die Kakteen, der spanische Touch in der Sprache, das alles erzeugt einen wunderbar mexikanischen Flair, welcher in eine ganz andere Welt entführt. Auch die Atmosphäre die vorherrscht ist einfach unglaublich: die starke Diskrepanz zwischen blutigen, grausamen, gruseligen Szenen voller Verlangen, Gier nach Blut und zarten, tragischen Szenen voller Vorsicht und Zurückhaltung spitzt sich im Laufe der Geschichte immer weiter zu. Es entsteht ein Bild, das dunkel, geheimnisvoll, tragisch ist und dessen Leidenschaft anzieht.


"Ich begegnete seinen Augen; farblos, glitzernd. Kühl. Gelassen. Und ... da war noch etwas anderes. In ihren Tiefen. Beinah verborgen. (...) Und dann war da noch etwas Anderes.
Dunkel.
Mächtig.
Alt.
Moreira.
Sanguaíera.
Mein!"


Trotz dass das Buch ein wahrhaftiger Schmöker ist, hatte ich es runtergelesen wie 200 Seiten. Die ständig brodelnde Grundspannung, die vielen mystischen Zwischenfälle, Actionszenen, das abwechslungsreiches Setting und nicht zuletzt die Vielfalt an verschiedenen Gefühlen, die hier präsentiert werden, machen das Buch zu einem einzigen Abenteuer, von dem ich gar nicht mehr wollte, dass es zu Ende ging. Eigentlich kommt die Story gerade in den ersten zwei Drittel nicht wirklich vom Fleck. Die schleichende, sich aufbauende Beziehung zwischen Lucinda und Joaquín, das Vertrauen das geknüpft und die Angst die überwunden werden muss, dieser langsame Prozess ist jedoch das Grundgerüst, auf dem alles andere aufbaut. Strenggenommen sind all die Actionsszenen, Verfolgungsjagden und Ausflüge nur schönes Geplänkel um den Leser auf Trab zu halten, die vorrangige Funktion der Handlung ist es die beiden Protagonisten einander langsam näher zu bringen. Ob da nun Mafiafamilien, das Wetter, ein Geist, ein Bruder oder die Vergangenheit zwischen den beiden stehen, ist eigentlich egal. Und genau deshalb wird das Buch auch nie langweilig. Lynn Raven hat etwas geschafft, woran viele Autoren - gerade die von umfangreichen Geschichten - oft scheitern: sie hat der Geschichte einen roten Faden gegeben, der gleichzeitig voranbringt und ausbremst und die ganze Handlung stabil vor sich her trägt.


"Er wollte mein Blut und mein Leben. Meinetwegen. Aber ich würde mich nicht freiwillig in mein Schicksal fügen, wenn ich auch nur den Hauch einer Chance hatte, ihm zu entgehen. Egal wie."


Während die Geschichte ihren Lauf nimmt, wird es zunehmend schwierig, den Überblick über alle Namen, Motive und Zusammenhänge zwischen Hermandad, den Ordre de Sorciers, dem Konsortium zu behalten. Dennoch ist der Plot trotz einiger Wendungen überraschend gradlinig und hat mich entfernt ein wenig an "Die Schöne und das Biest" erinnert. Aufgrund der fast vollkommen fehlenden Romantik läuft die sich anbahnende Liebe (oder sagen wir mal neutraler "Besessenheit") zwischen Lucinda und Joaquín an keiner Stelle Gefahr, kitschig oder nervig zu werden. Wir bekommen zwar als Leser gegen Ende die erotische Anziehungskraft zwischen den Beiden mit, es geht aber in erster Linie um das wachsende Vertrauen zwischen dem monströsen Hexer und seiner ängstlichen Blutbraut. Wer also auf glühende Liebesszenen und Liebe, Drama, Wahnsinn wartet, wird wahrscheinlich enttäuscht.

Auch die Grundidee des Romans gefällt mir sehr gut. Als ich mit dem Lesen begann dachte ich erst so: "Oh nö, nicht schon wieder ein Vampir-Roman." Lynn Raven schafft es hier jedoch alle möglichen Elemente aus Mythen, Sagen, Legenden und Realität zu vermischen, sodass eine Geschichte entsteht, die man noch nie in dieser Form gelesen hat. Vampire werden eigentlich komplett unwichtig, bis auf die Tatsache, dass Joaquín Blut trinken muss. Statt dem Mainstream-Blutsauger bekommen wir es hier mit grausamen Nosferatu, alten Flüchen, gewieften Hexern, farbigen Siegeln, mafiösen Machtstrukturen der Hermandad, Blutbräuten und schlauen Ärzten zu tun. Natürlich ist irgendwie von Anfang an klar, dass Lucinda sich in das "Monster" Joaquín verlieben muss, der Grundverlauf der Handlung ist also relativ vorhersehbar, durch den großen Facettenreichtum und den tollen Schreibstil der Autorin, bildet sich jedoch bald eine unerbittliche Sogwirkung aus.


"Ich war es leid davonzulaufen. Nie irgendwo länger bleiben zu können als ein paar Wochen oder höchstens Monate, wenn ich Glück hatte; kein wirkliches Zuhause, keine richtigen Freund zu haben ... Aber letztendlich hatte ich keine andere Wahl. Weil ich war, was ich war: eine Blutbraut."


Lynn Raven schreibt sehr flüssig und leicht verständlich, worunter aber nicht der Detailreichtum der Geschichte leidet. Gefühle bannt sie greifbar in die Seiten und schafft es immer wieder aufs Neue, den Seelenzustand der Protagonistin auch sprachlich zu verkörpern: mal dominieren malerisch schöne Beschreibungen das Bild, in anderen Szenen bekommen wir abgehackte, gehetzte Szenenbeschreibungen in Form von Ein-Wort-Sätzen und Wiederholungen vorgesetzt. Als Jugendbuch das das Buch das eindeutig und ich kann die strenge Kritik nicht nachvollziehen, die diese dynamisch wechselnde Erzählweise auf sich gezogen hat. Manche formulierungstechnischen Wiederholungen lassen sich auf 740 Seiten wohl kaum vermeiden, ich sehe hier aber eindeutig noch Ausbaufähigkeit. Trotzdem schafft es die Autorin in all der dunklen, von Angst und Leidenschaft geprägten Stimmung wunderbar modern und unheimlich erfrischend zu erzählen und Szenen durch humorvolle, sogar ironische Bemerkungen aufzulockern
.

"Wie geht es ihr heute morgen?"
"Gut genug, um mich zum Teufel zu wünschen."
"Oha, was genau hat sie gesagt?"
"Ich glaube, der entscheidende Satz war: "Verpiss dich endlich, du Scheißkerl!"


Auch die immer wiederkehrenden spanischen Wörter/Sätze, die Joaquín oft von sich gibt, haben mich keineswegs gestört. Sie passten sehr gut ins Setting, zu seinem Charakter und gaben noch einmal ein Tick mehr Geheimnis und Emotion dazu. Obwohl ich kein Wort Spanisch spreche, sind alle Bemerkungen aus dem Kontext verständlich geworden und falls jemand ganz extrem verwirrt sein sollte, gibt es auf der Verlagshomepage von cbt auch ein Special mit den entsprechenden Übersetzungen.

Erzählt wird die Story in erster Linie aus Lucindas Ich-Perspektive, wobei das Familienwappen der Moreira Frauen ihre Kapitel ziert. Ein fünfzackiger Stern in einem Kreis - ein Hexen-Pentagram - weist jedoch auf die Perspektive einer der Hexer hin. Hierbei erzählt zum einen Joaquín als Er-Erzähler, wie auch in kurzen Abschnitten der Antagonist, dessen Identität und Pläne für einige Zeit ungeklärt bleiben, wodurch es immer spannend bleibt.

Lucinda Moreira ist unter den Lesern ein sehr umstrittener Charakter. Auf der einen Seite wird versucht, sie kämpferisch und stark zu charakterisieren, als "tigresa", wie Rafael sie liebevoll nennt. Da sind aber auch ihre unüberwindbaren Ängste, die sie im Zusammenhang mit Vampiren plagen, nachdem ihre "Tante Maria" von einem von ihnen grausam vor ihren Augen ermordet wurde. Es ist ihr also nicht zu verübeln, dass sie sich vor Joaquín fürchtet. Natürlich verhält sie sich manchmal ein wenig irrational, aber genau das macht eine Angst ja auch aus: man begreift sie nicht, sie ist nicht immer logisch, sie ist einfach da. So konnte ich mit ihr fühlen und mit etwas Abstand zu ihr mit den Geschehnissen mit fiebern. Umso authentischer ist es, wie sich ihre Angst Schritt für Schritt legt und sie beginnt unter ihrer Panik noch ganz andere Dinge zu fühlen...


"Als sie da lag ... Ich dachte tatsächlich für eine Sekunde, sie wäre vor Angst gestorben."
Er konnte Rafael geradezu den Kopf schütteln hören. Joaquin rieb sich übers Gesicht.
Ja, gestorben. Aus Angst vor ihm. Viel hatte möglicherweise nicht gefehlt."



Die wirkliche Perle des Buches ist aber ER: Joaquín de Alvaro. Schon mit seinem ersten Satz im Roman hatte er mich:
"Sie hätten dich niemals finden sollen, mi corazón."
Mit diesem Satz, der es einem kalt den Rücken hinunter laufen lässt, hat er mein Herz gestohlen und es bis zum Ende nicht mehr hergegeben. Auch wenn es eigentlich klar ist, dass er in gewissem Maße "gut" sein muss, ist er in erster Linie über ein Großteil der Geschichte eines: ein Monster. Zuerst wird er eiskalt als der geheimnisvolle, erschreckend gutaussehende Hexer charakterisiert, dem Lucinda versprochen wurde, da er ihr Blut braucht um nicht Nosferatu zu werden, eine zügellose, mächtige, geflügelte Kreatur der Hölle. Der immerwährende Flucht der Hermandad betrifft wie alle Männer der Familie auch ihn: trinkt er nicht regelmäßig das Blut seiner Sanguaíera, seiner Blutbraut, stirbt mit jeder Nacht ein kleiner Teil von ihm, der ihn menschlich macht. Das Problem ist bloß, dass Lucinda es nicht ertragen würde, Joaquíns Blutbraut zu sein, zu sehr plagen sie ihre irrationalen Ängste, sodass dieser hier die Rolle des leidenden Helden übernimmt. Mit seinen diamantfahlen Augen, der blassen Haut, den langen Reißzähnen und den schwarzen, klauenartigen Fingernägeln ähnelt er in der Tat einem schrecklich schönen Monster, welches Qualen leidet, vor Blutdurst und Verlangen kaum Lucindas Blut widerstehen kann und es doch immer wieder schafft, sie zu beschützen, sie zu nichts zu zwingen und seine Ehre zu bewahren. Der Zwiespalt, in dem er sich befindet ist denkbar groß, sein täglicher Kampf, den er gegen die dunkle Seite in sich ausfechten muss, ebenso, was ihm meinen größten Respekt einbringt. Falls Lucinda sich weiterhin geziert hätte: ich hätte ihn sofort genommen

Auch die liebevoll gestalteten Nebenfiguren wie der fürsorgliche Arzt Fernán, Joaquíns treuer Freund Rafael, oder auch Cris, den ich von Anfang an nicht leiden konnte - zu Recht -, machen die Geschichte um einige Details reicher. Ebenfalls ein Stein in meinem Leser-Brett, hat sich Rosa, ein nach Lavendel duftendes Gespenst und ehemalige Sanguaíera, bei mir ergattert, wenn sie durch die Hallen von Santa Reyada weht und alle zur Weißglut bringt.

Als die Geschichte gegen Ende nochmal auf einen absoluten Showdown zuging, begann ich die Vorhersehbarkeit des Buches noch einmal zu hinterfragen und war mir plötzlich absolut nicht mehr sicher, wie das alles wirklich ausgehen würde. Irgendwie hatte ich so das Gefühl, dass Lynn Raven da tatsächlich alles zuzutrauen wäre. Ich hielt alle virtuellen Daumen für meine Protagonisten gedrückt, dass sie doch bitte - bitte - ein halbwegs schönes Ende finden würden. Anscheinend haben meine Stoßgebete zum Lesegott auch etwas gebracht, denn auch wenn das Ende viel zu kurz war und eine Menge Potential verschenkte, bekamen eigentlich alle alles was sie wollten.

Auch wenn mir nicht ganz klar ist, ob denn mit einer Fortsetzung auch nach 7 Jahren noch zu rechnen ist, würde ich es mir sehr wünschen und sofort wieder kaufen, denn schließlich geht ganz am Ende die Liebesgeschichte ja erst richtig los und die ein oder anderen Frage ist ja schließlich auch offen geblieben.


Zum Schluss noch mein Lieblingszitat:


"Seine Lippen legten sich auf meine Kehle. Federleicht. Kaum mehr als ein Hauch. Kein Biss, ein...Kuss. Quälend sanft. "Jamás, mi luz!", rau, knurrend. Ein Flüstern, kaum zu verstehen. "Jamás! Niemals!" Sein Mund streifte meine Schulter, entsetzlich zärtlich. Dann war er fort."


Fazit:

Eine unglaublich intensive Geschichte über Magie, Vampire, Intrigen, Freundschaft, Liebe und Vertrauen.

Veröffentlicht am 05.10.2017

OMG - Man muss dieses Buch einfach lieben!

Love and Confess
1 0

Allgemeines:

Titel: Love and Confess
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (20. November 2015)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740124
ISBN-13: 978-3423740128
ASIN: B016AOI8DA
Originaltitel: ...

Allgemeines:

Titel: Love and Confess
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (20. November 2015)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740124
ISBN-13: 978-3423740128
ASIN: B016AOI8DA
Originaltitel: Confess
Seitenzahl: 400 Seiten
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
12,95€ (broschiert)
Link: Hier klicken!



Inhalt:

"Ich werde dich immer lieben, Auburn", flüsterte er an meinem Mund. "Selbst dann noch, wenn ich es nicht mehr kann."

Vor fünf Jahren hat Auburn ihre erste große Liebe in Dallas zurücklassen müssen, verbunden mit einem Schmerz, den sie bis heute nicht ganz überwunden hat. Als sie eines Abends im Schaufenster einer Kunstgalerie Briefe mit anonymen Bekenntnissen entdeckt, ist sie zutiefst berührt, denn auch sie trägt ein Geheimnis mit sich. Niemand soll von ihrer Vergangenheit wissen – vor allem nicht Owen, der junge Künstler mit den grünen Augen, der sich von den Geschichtenanderer Menschen für seine Bilder inspirieren lässt. Vom ersten Augenblick an fühlt sie sich zu ihm hingezogen und Owen geht es nicht anders. Die beiden verlieben sich mit ungeahnter Wucht ineinander. Doch auch Owen hat ein Geheimnis, das alles zu zerstören droht, was ihnen wichtig ist . . .


Bewertung:

Fast jeder Freund von Young Adult und Liebesromanen hat ihren Namen schon einmal gehört: Colleen Hoover. Diese Autorin ist einfach der Hammer - eine Frau mit einem unfassbaren Stil, die mit ihrem tollen Talent, krass emotionale, mega spannende und ultra poetische Stories in die Welt zu setzen, zu meinen absoluten Lieblingsautoren gehört. Von ihr habe ich bis jetzt fast alles gelesen und geliebt. Ihre "Will und Layken - Trilogie", "Zurück ins Leben geliebt", "Maybe Someday", "Nächstes Jahr am selben Tag", all das konnte mich begeistern, natürlich war es keine Frage, dass ich auch "Love and Confess" unbedingt lesen wollte. Ich muss zugeben, bei diesem Buch bin ich dem Hype erlegen und musste es mir einfach wünschen. Es ist dann erstmal eine Weile auf meinem SuB rumgegammelt, doch tadaaaa, ich hab´s geschafft, es doch noch recht zeitnah zu lesen. Mal wieder habe ich nur ein Wort um meinen Eindruck zu beschreiben, das diesmal witziger Weise auch sehr gut zum Inhalt passt: OMG!


Erster Satz: "In dem Wissen, dass ich heute zum letzten Mal hier sein werde, stoße ich die Schwingtür auf und trete in die Eingangshalle."


Doch beginnen wir wie immer mit dem Cover. Das Cover ist mal wieder im typischen "Colleen Hoover meets dtv Verlag Style" gehalten. Das bedeutet violette, warme Farbgebung mit dunklen Schattierungen, Farbverlauf nach oben ins Weiße, der Titel in Lila unter dem großen, dominanten Namen der Autorin. Viele ihrer Cover sind grundsätzlich so gehalten, doch dieses Mal bin ich von dieser Komposition wirklich begeistert!
Im Zentrum des Bildes ist das Profil eines Mädchens zusehen, das mit Acryl Farben in violett und Schwarz auf dem weißen Untergrund angerissen wird. Die Art, wie das Mädchen die Augen niedergeschlagen hat, passt einfach perfekt zu Auburn und auch die Art der Farben stellt eine wunderbare Verbindung zum Inhalt dar. Den Titel finde ich ebenfalls super getroffen, denn er spiegelt genau den Inhalt wieder und klingt sogar noch gut. Auffallend ist, dass die Seiten ungewöhnlich dick sind, sodass der Roman mit seinen 400 Seiten relativ dick aussieht, sich jedoch wie im Fluge weggelesen lässt. Mir gefällt das Gefühl von stabilen, dicken Seiten in den Händen sehr gut.
An dieser Stelle also ein ganz großes Lob an die Designer bei "Colleen Hoover meets dtv Verlag" - ich finde sowohl den Titel, den Klapptext als auch das Cover wunderbar und sogar besser als das Original - und dass muss etwas heißen, denn das ist auch wunderschön.


“Ich spüre seinen Blick in meinem gesamten Körper und es zieht mich mit jeder einzelnen Faser zu ihm hin. Sämtliche Zweifel (…) starren mir ins Gesicht, und ich weiß wieder, wie es sich anfühlen muss, wenn man wirklich etwas für jemanden empfindet.”


Nun gleich zu einem weiteren Punkt, den das Buch zu einem ganz besonderen Erlebnis macht: die wunderschönen, einmaligen Bilder von Künstler Danny O‘Connor, die auf berührende Art und Weise in das Buch mit eingebunden sind und die man beim Taschenbuch auf den Innenseiten der zwei Klapplaschen groß und in Farbe bewundern kann. Vor allem das großartige Porträt von Auburn (unten, mittig) passt wunderbar und ergänzt den Roman als einfach fantastische Idee der Autorin. Schon die Idee, die Gedanken eines Künstlers mit einfließen zu lassen und der schriftlichen Seite auch noch eine visuelle zur Seite zu stellen, hat mir gut gefallen. So muss man nicht alles seiner Fantasie überlassen und bekommt passende Anregungen präsentiert.

Ebenfalls ein Highlight ist Owens im Buch präsentierte Inspiration für seine Bilder. Die zahlreichen, echten Geständnisse, die zum Teil sehr interessant und bewegend, teilweise aber auch sehr erschütternd sind, machen das Buch zu etwas ganz Besonderem und lassen die Geschichte in greifbare Nähe heranrücken.


"Es gibt Geheimnisse, die niemals zu Geständnissen werden sollten"


Jetzt habe ich schon ganz viel verraten, von Owens Kunst, Geständnissen und Auburn geredet, doch wie passt diese Geschichte, die aus so vielen interessanten Puzzlesteinen besteht, zusammen?
Eigentlich hat Auburn eine konkrete Vorstellung davon, wie ihr Leben in Zukunft verlaufen soll, jetzt da sie nach Dallas gezogen ist und ihre Ziele endlich in Sichtweite sind. Für Fehler oder Chaos ist absolut kein Platz, wo sie doch noch immer den Verlust ihrer großen Liebe Adam zu verkraften hat. Doch dann begegnet sie auf der Suche nach einem Job dem talentierten Künstler Owen, dessen einzigartige Bilder sie zutiefst berühren und der ihr Leben sowie ihre Pläne gehörig durcheinander bringt. Seit Jahren hat sie sich nicht mehr so zu jemandem hingezogen gefühlt und Owen scheint das Gleiche für sie zu empfinden. Aber die Vergangenheit legt ihrer Beziehung Steine in den Weg, denn genau wie Auburn hat auch Owen Geheimnisse. Geheimnisse, durch die Auburn verlieren könnte, was ihr in ihrem Leben am Wichtigsten ist …

"Na gut, wenn du es schwörst." Sie hält mir die Tür auf. "Aber ich warne dich trotzdem - nur für den Fall. Ich kann mindestens so laut schreien wie Jamie Lee Curtis in Halloween."
Sie zeigt mir, wo das Bad ist. Sobald ich die Tür hinter mir zugemacht habe, stütze ich mich aufs Waschbecken und starre kopfschüttelnd in den Spiegel. Ich versuche, mir zu sagen, dass alles Zufall ist: dass sie heute vor meiner Tür stand. Dass sie meine Bilder anscheinend gut findet. Dass wir beide mit zweitem Namen Mason heißen.
Aber...es könnte auch Schicksal sein."

Mal wieder haben unsere beiden Protagonisten mit schweren Schicksalen und Rückschlägen im Leben zu kämpfen. Auch Spoilergründen muss ich hier leider vage bleiben, aber es geht viel um Verantwortung, Zukunft, Drogenmissbrauch, Erpressung und Ungerechtigkeit. Schwierige Themen, die angesprochen werden und Colleen Hoover schafft es mal wieder grandios, aus ihnen eine leidenschaftliche, mitreißende und authentische Geschichten zu zaubern, die noch jedes ach so kalte Leserherz berührt. Dabei ist die Handlung eigentlich recht einfach konzipiert, anders als in ihren anderen Werken gibt es eigentlich keine so richtige Wendung, natürlich kommen unerwartete Sachen ans Licht, doch das Meiste kann man sich vorher schon durch leise Andeutungen erschließen. Doch das ist vollkommen in Ordnung, denn dieses Buch erhält seine Einzigartigkeit nicht durch die Wendungen, sondern vielmehr durch kleine, herzergreifende "OMGOMGOMG - Szenen", (wenn ich von OMG spreche meine ich natürlich Owen Mason Gentry), die den Leser dazu veranlassen, sofort zum "Binch Reading" über zu gehen und jede einzelne Seite suchtartig in sich aufzuziehen, wie ein staubtrockener Schwamm, der nach Wasser lechzt. Dieses Buch hat mich weinen lassen, lachen, mit fühlen, mich dazu gebracht zu schmunzeln, die Nase rümpfen und ein paar Mal auch dazu, es kurz wegzulegen. Doch vor allem hat es mich berührt und einfach mitgerissen!!!


“Genau das ist es, was mir Angst macht. (…) Wenn ich diesmal auf mein Herz höre, werde ich danach vielleicht nie mehr in der Lage sein, es wieder zu ignorieren.”

Colleen Hoover besitzt einfach das Talent aus wenigen Worten die größten Gefühle heraus zu locken und so eigentlich aus dem Nichts ein riesiges Gefühlschaos und Drama zu erschaffen.
Dabei schafft sie es seltsamer Weise, nie ins Kitschige abzurutschen oder zu dick aufzutragen. Einen großen Bestandteil dazu trägt natürlich der unvergleichliche Schreibstil bei. Man merkt dem Buch eindeutig an, dass es eins ihrer ersten war - gerade bei der Schilderung gewisser Dinge ist sie noch recht schüchtern, doch auch hier hat ihr Stil begeistert!
Schon so oft habe ich das geschrieben: Wenn ich ein Buch von dieser Autorin aufschlage und die ersten paar Zeilen lese, dann komme ich nach Hause. Es ist ein wohlig warmes Gefühl und ich fühle mich in der Atmosphäre jedes einzelnen Buches der Autorin absolut geborgen und möchte gar nicht mehr auftauchen. Wie gewohnt spielt die Autorin nur so mit Worten. Nicht nur die vielen immer wiederkehrenden Sprüche, die die Charaktere als Insider austauschen, nein. Sie findet in jeder Situation genau die richtigen Formulierungen, um nur so mit unseren Emotionen zu spielen und kennt dabei kein Tabu, wenn es darum geht, uns Leser zu quälen.


"Ist es das jetzt? Endet es so?" Ich nicke, obwohl es das Letzte ist, was ich will. Aber es ist das Ende. "Manchmal bekommen wir keine zweite Chance, Owen. Manchmal enden die Dinge einfach." Er verzieht das Gesicht. "Wir haben doch noch nicht einmal eine erste Chance gehabt!"


Die Charaktere sind dieses Mal auch wieder das Herzstück des Romans. Abwechselnd wird aus der Sicht von Owen und Auburn erzählt, die beide wunderbare und authentische Erzähler abgeben, wobei Auburn ein wenig mehr im Vordergrund steht. Schon im Prolog, der sich um ihre Vergangenheit dreht, kann man erkennen, dass es vor allem um ihre Geschichte geht.
Auburn ist 21 Jahre alt, seit kurzem Friseurin in Dallas und hat für ihre jungen Jahre schon mehr Verantwortung, als gut für sie ist. Was es damit auf sich hat, verrate ich nicht
Trotz dass sie manchmal ein kleines Problem mit ihrem Selbstbewusstsein hat, würde ich sie als taff und stark bezeichnen. Aus vielen gut ausgearbeiteten Widersprüchen, Stärken und Schwächen, ergibt sich ein absolut authentischer, gut durchdachter und liebenswerter Charakter. So ist strahlt sie im einen Moment vor selbstbewusster Ausgeglichenheit und ist die Lebenslust persönlich, während sie im nächsten Moment vor anderen Menschen kuscht und schlechte Behandlung über sich ergehen lässt, wenn etwas auf dem Spiel steht, dass ihr etwas bedeutet. Erst durch Owen, der ihr einen neuen Blickwinkel auf ihr Leben schenkt, kann sie sich weiterentwickeln und ihre Verantwortung annehmen. Wunderbar mit anzusehen!


“Es ist, als hätte sie Angst, ich könnte ihrer inneren Leinwand Pinselstriche hinzufügen, die sie für immer verändern würden, wenn ich ihr zu nahe käme. Und das kann ich gut nachvollziehen. Mir geht es nämlich umgekehrt genauso.”


Auch von Owen (Owen Mason Gentry - OMG) bin ich wirklich begeistert, so hat es Colleen Hoover mal wieder geschafft, das Abbild eines perfekten Mannes in Worte zu kleiden. Owen ist Maler und besitzt ein eigenes Atelier, in dem er die anonymen Geständnisse anderer Menschen mit Acrylfarben auf Leinwände bringt und schließlich verkauft. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt, denn die Beziehung zu seinem reichen Anwalt-Vater ist seit einigen Jahren nicht mehr so, wie sie zwischen Vater und Sohn sein sollte. Natürlich ist er nicht nur erfolgreich, weltoffen und kreativ, sondern sieht auch noch unfassbar gut aus und hat eine wahnsinnig sympathische Art - kämpferisch, mitfühlend, selbstlos, verständnisvoll. Er weiß einfach immer und zu jederzeit das Richtige zu tun oder zu sagen, um die Herzen von Hauptfigur Auburn und dem jeweiligen Leser bzw. der Leserin hinter den Zeilen höher schlagen zu lassen. Ist das nicht ein wenig utopisch? Naja, egal, Liebesromane sind ja zum Träumen da - und das hat bei mir auch geklappt...

Neben den beiden hat das Buch noch eine ganze Reihe weiterer, toller Charaktere zu bieten. Aus Spoilergründen kann ich leider nicht viel verraten, aber mein absoluter Liebling war neben AJ Auburns Mitbewohnerin. Sie hat einfach eine ganz besondere, spießige Art, die man einfach genial finden muss.


„Es gibt Menschen, die man kennenlernt, und solche, die man schon vom ersten Moment an kennt. Owen gehörte definitiv zur zweiten Sorte“


Ja, und dann ist das Buch auch schon wieder vorbei gewesen und das Ende war im Anmarsch. Es ging mir zum Schluss alles ein klein wenig zu schnell und zu glatt von der Bühne, doch da das Happy End dann noch mal die ganze Schnulz-Palette aufführt, war das schnell vergessen. In den letzten Seiten erfahren wir endlich Owens ominöse Verbindung zu Auburns Vergangenheit, die über all schon so unheilschwanger angedeutet wurde, obwohl die wirkliche Enthüllung eher ein unausgesprochenes Geständnis an uns Leser ist und weder für Herzschmerz noch für Probleme sorgt. Das hat mich dann wirklich beruhigt, denn noch mehr Probleme hätte ich definitiv nicht mehr verkraftet. Stattdessen bekommen wir einen Abgang präsentiert, der so voller Charme, Tragödie und Liebe ist, das jedem weiblichen Leser (und bestimmt auch männlichen) die Tränen kommen.

Ich hoffe, nach meiner ganzen Lobrede ist die Message angekommen. Wenn nicht, nun noch mal ganz deutlich: LEST DIESES BUCH!


„Ich verliere mich nicht, weil ich spüre, dass ich endlich gefunden worden bin.“



Fazit:

Kurz und knapp formuliert: Man muss dieses Buch einfach lieben!