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Veröffentlicht am 26.11.2017

"Einfach weiter schwimmen!"

Nur noch ein einziges Mal
3

Allgemeines:

Titel: Nur noch ein einziges Mal
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv (10. November 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740302
ISBN-13: 978-3423740302
ASIN: B074P5TWCX
Vom Hersteller empfohlenes ...

Allgemeines:

Titel: Nur noch ein einziges Mal
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv (10. November 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740302
ISBN-13: 978-3423740302
ASIN: B074P5TWCX
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
Seitenzahl: 416 Seiten
Preis: 14,95€ (Broschiert)
10,99€ (Kindle-Edition)
Originaltitel: It Ends With Us



Inhalt:

Eine Achterbahn der Gefühle

Als Lily Ryle kennenlernt, scheinen all ihre Träume wahr zu werden: eine neue Stadt, der erste Job und dann noch Ryle – überaus attraktiv, überaus wohlhabend und überaus erfolgreich. Vergessen scheint Lilys schwierige Kindheit. Vergessen auch Atlas, ihre erste Liebe, der gegenüber von Lily squattete – bis ihr Vater die beiden erwischte und Atlas von heute auf morgen verschwand. Und dann steht Atlas auf einmal vor ihr. Als Ryle von ihrer gemeinsamen Vorgeschichte erfährt, weckt dies seine Eifersucht …


Bewertung:

Diese Rezension möchte ich mal ausnahmsweise mit den Worten einer Autorin beginnen. Colleen Hoover schreibt im Nachwort zum Roman:

"Früher habe ich immer behauptet, ich würde Bücher schreiben, um meine Leser zu unterhalten, nicht um irgendeine Botschaft weiterzugeben oder andere von meiner Meinung zu irgendeinem Thema zu überzeugen. Bei diesem Buch war das anders."

Und das tut es, es vermittelt wirklich eine Botschaft, die gleichermaßen herzzerreißend wie wichtig ist. Wenn ihr das genaue Thema noch nicht kennt, mit dem sich das Buch auseinandersetzt, dann hört genau an dieser Stelle mit dem Lesen meiner Rezension auf und lasst die Handlung einfach auf euch zu kommen. Verliebt euch Hals über Kopf in die Charaktere und erlebt die leidenschaftliche Liebesgeschichte mit all ihrer Kraft.
Seid aber gewarnt: Diese Geschichte wird euch am Ende das Herz brechen!

Als ich mir überlegt habe, wie genau ich dieses Buch nun bewerten soll, ist mir aufgefallen, dass ich bisher keinem einzigen Colleen Hoover Buch volle 5 Sterne verteilt habe, da ich finde, dass ein 5 Sterne Buch immer noch eine richtige Botschaft vermitteln muss. Das Genre Young Adult tut sich damit immer etwas schwer, wie ich finde. Die Charaktere haben immer schrecklich berührende Probleme, die Dramatik ufert aus, doch dadurch wirkt die Handlung recht fiktional und weit weg, auch wenn man die Gefühle der Protagonisten hautnah erleben kann.
Hier ist das ganz anders. Die Geschichte hat eine schwer zu beschreibende realistische Bodenständigkeit, die mich viel mehr berühren konnte, als alle ihre vorangegangenen Bücher. In meinen Augen ist "Nur noch ein einziges Mal" ihr bisher stärkstes, intensivstes und auch ihr persönlichstes Werk und ich habe wirklich jedes ihrer Bücher gelesen!


Erster Satz: "Ich sitze auf der gemauerten Brüstung einer Dachterrasse, blicke zwölf Stockwerke tief auf Boston hinunter und denke an Selbstmord."


Doch erstmal zum Cover: Dazu ein riesiges Hoch auf die Coverdesigner, die endlich mein stummes Flehen erhört haben, aus den Erfolgen der Originaltitel zu lernen und gefälligst wenigstens die dort präsentierten Hauptmotive beizubehalten. In dies Fall wäre es der zerschlagene Orchideenzweig, der sich sowohl auf dem amerikanischen Original (rechts) als auch auf der deutschen Übersetzung (links) wiederfinden lässt. Da das Cover ansonsten schlicht weiß gehalten ist und das typische dtv-meets-Colleen-Hoover- Design aufweist, gefällt es mir sogar fast besser als das Original. Die rote Schrift ist sehr groß, wirkt fast schon aufdringlich und präsentiert den erstmal nichtssagenden Titel neben der Orchidee auf eine ganz eindringliche Art und Weise, die mir erst nach dem Lesen des Buches aufgefallen ist. Auch beim Titel teilen sich die beiden Ausgaben meine Zustimmung. Der englische Titel hat dabei ein kleines Bisschen die Nase vorn, da er schon das hoffnungsvolle Ende vorausdeutet, während der deutsche Titel den tragisch traurigen Zwiespalt porträtiert, in dem Lily steckt. Der Entscheidung, seinem Herzen vor dem Verstand den Vortritt zu lassen und zu verzeihen, wo es nichts mehr zu verzeihen gibt, eine neue Chance zu geben, wo es eigentlich schon zu spät ist und sich einzureden, dass man das "nur noch ein einziges Mal" tolerieren würde...


"Oft erscheint es einfacher, den gewohnten Weg weiterzugehen, auch wenn er dornig ist, als sich der Angst zu stellen, ins Unbekannte zu springen, ohne zu wissen, ob man auf den Füßen landen wird."


Denn um genau diesen Zwiespalt dreht sich das ganze Buch. Lily und Ryle lernen sich auf einer Dachterrasse kennen, nachdem sie beide einen schweren Tag hinter sich hatten. Trotz dass sie sich noch nie zuvor begegnet sind, fühlen sich die beiden sofort zueinander hingezogen und beschließen, sich gegenseitig zu helfen, in dem sie sich "nackte Wahrheiten" erzählen und im Glauben, dass sie sich sowieso nie mehr wiedersehen, über ihre gnadenlosen Wahrheit hinwegkommen können. Nach dieser einen wundersamen, seltsamen aber doch eindrucksvollen Begegnung sehen sie sich lange Zeit nicht wieder, müssen aber ständig aneinander denken. Die Monate vergehen und es kommt wie es kommen musste - sie treffen sich zufällig wieder und es scheint, als ob das Schicksal sie unbedingt zusammenbringen will. Obwohl sie so unterschiedlich zu seien schienen, merken sie doch das sie perfekt für den anderen zu sein scheinen und können sich nicht voneinander fernhalten.


"Vielleicht muss man sich die Liebe nicht als einen Kreis vorstellen, der sich schließt, sondern als an- und abschwellende Welle, genau wie die Menschen, denen man im Laufe eines Lebens begegnet. (...) Manchmal gerät man ganz unerwartet in eine Welle, deren Sog einen mit sich reißt. Ryle ist diese Welle für mich und jetzt gleite ich auf ihrer schimmernden Oberfläche entlang."


Doch gerade, als die beiden endlich zusammenfinden können, entdeckt Lily mehr und mehr Seiten von Ryle, die sie so nie erwartet hätte. Als dann auch noch Lilys Jugendliebe Atlas wieder in ihrem Leben auftaucht, eskaliert die Situation immer mehr, da Lily Ryle von einer Seite zu sehen bekommt, die sie nie wieder an einer Person sehen wollte. Nun steht sie selbst plötzlich vor einer Entscheidung, für die sie ihre Mutter immer verachtet hat und muss für sich selbst herausfinden, wie weit sie für das Gelübde "in guten wie in schlechten Zeiten" gehen will. So wird die Erfüllung ihres größten Traumes bald zu einem Albtraum...


"Menschen tun manchmal Dinge, die schlimm sind. Aber was den Charakter eines Menschen ausmacht, sind nicht die Fehler, die er begeht, sondern wie er sich anschließend verhält. Ob er daraus lernt, statt sich herauszureden. (...) "Lily." Er streicht mit seinem Daumen über meinen. "Ich liebe dich." Ich fühle seien Worte mit jeder Zelle meines Körpers. Und als ich "Ich liebe dich auch" flüstere, ist das die nackteste Wahrheit, die ich jemals ausgesprochen habe."


Alles was über den offiziellen Klapptext und meine schon recht eindeutige Zusammenfassung herausgeht ist ein schrecklicher Spoiler. Wer also bis jetzt immer noch ahnungslos weiterliest. Aufhören!
Es geht um Häusliche Gewalt. Ganz direkt, ungeschönt und in all der nötigen Kontroverse ist hier eine Geschichte gezeichnet, die auf der einen Seite schön und voller Liebe war, auf der anderen aber viel Hass und Gewalt verbarg. Gleich im Vorwort der Autorin wird klar, dass auch sie schon Kontakt mit diesem Thema hatte, was auch erklärt, wie die Autorin es so treffend schafft, dass man als Leser Verständnis für all ihre Protagonisten entwickelt. Als Außenstehender kann man leicht urteilen und nicht nachvollziehen, warum 85% aller Frauen ihre prügelnden Männer nicht auf der Stelle verlassen, genauso wenig wie man verstehen kann, wie man als Mann seine Frau gleichzeitig so lieben und hassen kann. Diese Geschichte will nicht Paradebespiel für dieses Thema sein, sie will einfach nur Verständnis dafür schaffen, wie schwierig es ist, jemandem nicht zu verzeihen, den man liebt und dazu aufzurufen, seine eigenen Grenzen abzustecken und nicht verschieben zu lassen!


"Du hattest so Recht."
"Womit?"
Er küsst mich noch mal. "Du hast mich gewarnt, dass ich dich nicht mehr vergessen würde, wenn ich dich einmal gehabt hätte, weil du wie eine Droge wärst. Aber du hast mir nicht gesagt, dass du die stärkste Droge bist, die es gibt. Eine, nach der man sofort süchtig wird."



Ein wichtiger Teil, der zum gelingen dieser Botschaft beigetragen hat, sind die Charaktere. Colleen Hoover versteht es wie keine andere Autorin, Gefühle darzustellen, sie auf authentische Charaktere zu übertragen und uns damit zu berühren. Ihre Hauptprotagonistin Lily Bloom wird deshalb der Leidenskumpane des Lesers, der sich genau wie sie durch all diese verwirrenden und gegensätzlichen Gefühle hindurchkämpfen muss. Man lernt die junge Lily als starke, selbstbewusste Frau kennen, die für sich und für andere einsteht und sich ihren Traum verwirklicht, als sie einen eigenen Blumenladen in Boston aufmacht. Von ihrer schweren Kindheit mit ihrem prügelnden Vater geprägt, ist sie sich sicher, niemals wie ihre schwache Mutter bei einem gewalttätigen Mann bleiben zu würden. Als sie aber selbst in eine ähnliche Situation kommt und Ryle in einem ersten Streit die Hand ausrutscht, gerät alles, was sie über sich selbst und ihre Vergangenheit gedacht hat, ins Wanken.
Und sie bemerkt, dass sich die unbändige Liebe zu einem Mann, der einen auf Händen trägt, auch wenn ihm Affekt mal die Hand ausrutscht, nicht so leicht abstellen lässt. Nun steht sie vor derselben Entscheidung wie ihre Mutter. Soll sie ihn verlassen, oder ihm noch weitere Chancen geben?


"Womöglich kann man sich nie ganz von einem Menschen lösen, den man einmal wirklich geliebt hat."


Als wir Ryle zum ersten Mal kennenlernten, wirkte er auf mich irgendwie seltsam arrogant und war mir mit seiner direkten Art irgendwie suspekt. Während wir ihn zusammen mit Lily näher kennenlernen, wird ein Bild von ihm gezeichnet, das fast schon zu perfekt ist um wahr sein zu können: gutaussehend, Neurochirurg, ehrgeizig, wohlhabend, eine nette Familie, charmant, reich, einfühlsam,... In ihm steckt so viel Liebenswertes und Gutes, aber leider auch einiges, was man nicht tolerieren kann: Jähzorn, Gewalttätigkeit, Eifersucht. Als er das Gefühl hat, Lily betrüge ihn mit ihrer Jugendliebe Atlas, kommen diese Eigenschaften hervor und Lily muss entscheiden, ob ihr die schlechten oder die guten Eigenschaften wichtiger sind.


"Ich gehe auf ihn zu, greife nach seinen Händen und sage ihm nichts als die nackte Wahrheit. "Weißt du noch, was du damals auf der Dachterrasse zu mir gesagt hast. Du hast gesagt: So etwas wie schlechte Menschen gibt es nicht. Wir sind alle bloß Menschen, die manchmal schlechte Dinge tun." Er nickt und drückt meine Hände. "Du bist kein schlechter Mensch, Ryle."


Dieser Konflikt bleibt nicht nur der innere Zwiespalt der Charaktere - man spürt als Leser all die Liebe, die die beiden füreinander empfinden trotz der Vorkommnisse, den Schmerz, den sie sich gegenseitig zufügen, ohne es zu wollen. All das wird durch den wunderbaren Schreibstil wirklich super rübergebracht. Und vor allem die Zerrissenheit Lilys, die sie spürt während sie Ryles Verhalten auf der einen Seite verurteilt, es aber vor sich selbst zu rechtfertigen versucht. Ich habe mich selbst ständig dabei erwischt, wie ich Lilys Verhaltensweise nachahmte und dachte "ach ja, der arme Kerl hatte eine schwierige Vergangenheit und konnte sich einmal nicht beherrschen, ist ja nicht so schlimm, es tut ihm ja leid und er hat versprochen, es nie wieder zu tun...". Man bekommt auch Ryles Schmerz gut präsentiert, seine Reue und sein Selbsthass. Er möchte nicht das Ungeheuer sein, er möchte Lily vor den Ungeheuern beschützen. Das merkt man ihm eindeutig an, aber ist das genug?
Lilys Zerrissenheit wurde zu meiner Zerrissenheit, ihre inneren Konflikte wurden zu meinen. Ich habe ihre Liebe gespürt, ihren Hass und alles dazwischen, bis mir irgendwann gekommen ist: "nein, das ist absolut nicht genug. Es ist nicht in Ordnung, dass er manchmal Ausrutscher hat. Das ist häusliche Gewalt und sie hat das Recht und sogar die Pflicht sich zu wehren". Durch den ganzen Schmerz, der sich direkt in mein Herz gebohrt hat, kann man als Leser an dem Erkenntnisgewinn Lilys teilhaben und die Botschaft hinter der Geschichte gut verstehen.


"Es fühlt sich an, als wäre Ryle gestorben. Ich kann die Traurigkeit in mir mit Worten gar nicht beschreiben, so unermesslich groß ist sie. Es ist, als wäre ich eine einzige offene Wunde. Ich habe meinen engsten Freund verloren, meinen Geliebten, den Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte, meinen Anker. Aber es gibt einen Unterschied. Da ist noch ein anderes Gefühl in mir, das normalerweise nicht zur Trauer gehört.
Hass!"



Es gab viele Stellen, an denen ich nicht wollte, dass das, was da gerade geschah, wirklich passierte, an denen ich mit einer Heftigkeit, die ich selten beim Lesen erlebt habe, wollte, dass Colleen Hoover die Geschichte anders gestaltet. Dass die Charaktere nicht so handeln, wie sie gehandelt haben. Das sich das Leben zweier Menschen nicht durch die Tat eines Momentes so drastisch - und auch unwiderruflich - ändert. Ich habe „Nur noch ein einziges Mal“ geliebt, weil ich es gleichzeitig gehasst habe. Und genau das macht diese unglaublich gute Konstruktion, wirklich aus!

Nach langem Nachdenken hab ich dann doch noch einen Kritikpunkt gefunden, über den ich mich noch kurz beschweren möchte: der zweite Handlungsstrang um Lilys Jugendliebe Atlas Corrigan, der gerade zu Beginn des Buches sehr ausführlich beleuchtet wurde, geht im letzten Drittel sehr unter und verläuft vor dem Epilog fast im Nichts. Durch Tagebucheinträge der 15jährigen Lily in Form von Briefen an die US-amerikanische Schauspielerin, Moderatorin, Komikerin, Autorin aber vor allem Showmasterin Ellen DeGeneres erfahren wir neben dem eigentlichen Plot rund um Lily und Ryle, auch über Lilys Vergangenheit mit Atlas eine ganze Menge. Diese steten Einschübe aus der Vergangenheit werden so auf sehr interessante Art und Weise präsentiert, sodass der Handlung ein zusätzlicher roter Faden verliehen wird, der dem Leser hilft, sich zu orientieren, wenn die eigentliche Handlung Zeitsprünge von mehreren Monaten vollführt.


"Manchmal muss man das, was einem am meisten am Herzen liegt, am weitesten wegschieben, weil es gleichzeitig das ist, was einem am meisten wehtut."


Als sie Atlas, den sie seit einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit nicht mehr gesehen hat, plötzlich in einem Restaurant in Boston wiedersieht, beginnt sie, ihre alten Tagebücher noch einmal durchzulesen, sodass wir als Leser Atlas schon kennen, als er erneut in ihr Leben tritt. Dem Handlungsstrang rund um diese verbotene Liebe aus ihrer Jugend, haftet eine gewisse Tragik und Melancholie an, weshalb er mir sehr gut gefallen hat. Als Jugendlicher wohnte Atlas in einem verlassenen Haus neben Lily, nachdem er von seinen Eltern herausgeworfen wurde. Lily hilft ihm, über die Runden zu kommen und rettet ihn somit nicht nur rein physisch sondern vor allem psychisch vor dem Abgrund. Zusammen sehen sie sich die Shows von Ellen DeGeneres an und lieben den Film "Findet Nemo". Dories Aufmunterung an Marlin "Einfach schwimmen", also einfach weiterzumachen, um allem Schlechten zu entgehen, wird ihr Insider. Als sie sich schließlich wieder begegnen, ist es Lily, die seine Hilfe braucht und er hilft ihr dabei, "einfach weiter zu schwimmen". Das fand ich in der Gesamtheit ein einfach wunderbarer Handlungsstrang, sodass ich von Anfang an für Atlas war, der viel sanftmütiger, zäher und vor allem einfühlsamer ist, als Kyle. Er würde Lily niemals wehtun und sie vor allen Übeln der Welt beschützen. Dass er zeitweise zu wenig Raum geboten bekommt, ist verständlich, da die Autorin mit ihrer Haupthandlung schon einen ganz schönen Brocken fabriziert hat, vor allem am Ende hätte ich mir aber dann doch eine etwas schleichender Entwicklung gewünscht.

"Ja, ich weine. Aber bald werde ich mich besser fühlen. So ist das nun mal mit Menschen und ihren Gefühlen. Eine alte, schlecht vernarbte Wunde muss aufgerissen werden, damit sie richtig verheilen kann."


Ansonsten bleibt die Geschichte bis zum Ende spannend, da man schlecht einschätzen kann, wie Lily sich entscheiden wird. Einige schicksalhaften Umstände, die außerdem auf sie zukommen (die die das Buch gelesen haben, wissen welche Umstände ich meine und können bestimmt nachvollziehen, dass ich durch diese wunderschönen Schilderungen etwas abgelenkt war... ) zeihen das Ende nochmal dramatisch in die Länge, bis der Prolog endlich das Happy End bringt und uns von unseren grausamen Seelenqualen erlöst. Als ich das Buch aus der Hand legte, war ich emotional komplett am Ende! Trotzdem würde ich mir das jederzeit wieder antun - eine einmalige Achterbahn der Emotionen!

Um die Botschaft, von der ich die ganze Zeit geredet habe, noch einmal klar blau auf weiß abgedruckt zu haben, hier noch das Ende von Lilys letztem Brief an Ellen DeGeneres, welches gleichzeitig mein Lieblingszitat darstellt:

"Ich denke an die Menschen, die vor mir in dieser Situation waren. An die, die nach mir in diese Situation kommen werden. Wiederholen wir alle, nachdem wir durch die Hand des geliebten Menschen Gewalt erfahren mussten, die immer gleichen Worte in unserem Kopf? "In guten wie in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut, in Gesundheit wie in Krankheit , bis dass der Tod uns scheidet"?
Vielleicht ist es an der Zeit, uns klarzumachen, dass man dieses Gelübde nicht wörtlich nehmen muss. In guten wie in schlechten Zeiten.
Scheiß drauf, verdammt.
Deine Lily."



Fazit:


Meine nackte Wahrheit: Ich liebe (liebe liebe) dieses Buch und hasse (hasse hasse) es zugleich! Wirklich unglaublich!

Veröffentlicht am 22.05.2018

Ein typisches, nicht gerade originelles New Adult Märchen!

Save Me
2

Allgemeines:

Titel: Save me
Autor: Mona Kasten
Verlag: LYX (23. Februar 2018)
Genre: Young Adult
ISBN-10: 3736305567
ISBN-13: 978-3736305564
ASIN: B071RYJPHG
Seitenzahl: 416 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes ...

Allgemeines:

Titel: Save me
Autor: Mona Kasten
Verlag: LYX (23. Februar 2018)
Genre: Young Adult
ISBN-10: 3736305567
ISBN-13: 978-3736305564
ASIN: B071RYJPHG
Seitenzahl: 416 Seiten
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 16 - 17 Jahre
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
12,90€ (Broschiert)
Weitere Bände: Save you; Save us



Inhalt:


Sie kommen aus unterschiedlichen Welten.
Und doch sind sie füreinander bestimmt.

Geld, Glamour, Luxus, Macht - all das könnte Ruby Bell nicht weniger interessieren. Seit sie ein Stipendium für eine der renommiertesten und teuersten Privatschulen Englands - das Maxton Hall College - erhalten hat, versucht sie vor allem eins: unsichtbar zu sein und ihren Mitschülern so wenig wie möglich aufzufallen. Vor allem von James Beaufort, dem heimlichen Anführer der Schule, hält sie sich fern. Er ist zu arrogant, zu reich, zu attraktiv. Während Rubys größter Traum ein Studium in Oxford ist, scheint er nur für die nächste Party zu leben. Doch dann findet Ruby etwas heraus, das sonst niemand weiß - etwas, das den Ruf von James' Familie zerstören würde, sollte es an die Öffentlichkeit geraten. Plötzlich weiß James genau, wer sie ist. Und obwohl sie niemals Teil seiner Welt sein wollte, lassen ihr James - und ihr Herz - schon bald keine andere Wahl ...


Bewertung;


Nach dem ich die "Again"-Reihe von Mona Kasten wirklich geliebt habe, war von Anfang an klar, dass ich auch die "Maxton Hall"-Reihe unbedingt lesen muss. Jetzt bin ich mit Band 1 durch und rein objektiv und sachlich betrachtet ist "Save me" wohl ein oberflächlicher, klischeehafter Millionärsroman, den die Welt nicht braucht - aber ganz ehrlich: die Geschichte hat mir trotzdem gefallen!

Zuerst mal wieder zum Cover. Auch wenn ich es mit der recht schlichten Gestaltung ohne nennenswerte Motive nicht unbedingt als Eye-Catcher bezeichnen würde, gefällt mir der Fokus auf dem Titel und die Kontrastierung der beiden Seiten, die langsam ineinander übergehen recht gut. Die obere Hälfte des Hintergrundes glitzert in goldenen Partikeln während die untere Hälfte in einem schlichten Weiß gehalten ist. Dadurch wird wunderbar die Gegenüberstellung der beiden im Buch dargestellten Welten verkörpert: die vor Glamour und Prunk glitzernde Welt der Oberschicht und die schlichte aber gemütliche Welt der Mittelschicht, aus der Ruby kommt. Nichtsdestotrotz finde ich das Cover -gerade auch in Anbetracht der sehr ähnlich gestalteten Folgebänden- nicht gerade einfallsreich.


Erster Satz: „Mein Leben ist in Farben unterteilt.“


Ohne besondere Umschweife werden wir in das Leben der 17-jährigen Ruby Bell eingeführt, die mit ihrem Stipendium für die angesehene Privatschule Maxton Hall und den sich ansammelnden Pluspunkten durch ihr Engagement im Veranstaltungskomitee der Schule, ihrem Traum von einem Studium in Oxford sehr nahe ist. Ganz nach ihrer Devise "Bloß nicht auffallen" hat sie es geschafft, für ganze zwei Jahre unsichtbar für den Großteil der Schülerschaft vor sich hin zu lernen und mit Bestleistungen die Erfüllung ihres Studientraumes Näherrücken zu sehen. Doch als sie durch Zufall auf ein gut verstecktes Geheimnis der reichen Familie Beaufort aufmerksam wird, ist es mit ihrer hart erkämpften Unsichtbarkeit vorbei - sie rückt in die Aufmerksamkeit des Königs der Schule, James Beaufort, der alles dafür tun würden, damit das Geheimnis nicht ans Licht kommt. Doch obwohl er sich wie ein verwöhnter Snob aufführt und wild auf ihren Gefühlen herumtrampelt, beginnt Ruby hinter die Fassade der glamourösen High-Society-Familie zu schauen und entdeckt dort heftigen Druck, konservative Zwänge, fiese Intrigen und gewalttätige Geheimnisse - und langsam beginnt sie zu vermuten, dass hinter James´ rücksichtslosem Machogehabe vielleicht etwas mehr stecken könnte...


“Er scheint jeden Ort, an den er geht, zu seinem Reich zu machen. Die Schule, das Lacrosse-Feld, dieses Geschäft. Ob das auch passiert, wenn er eine Eisdiele betritt? Vielleicht würde ich das bei Gelegenheit austesten müssen.”


Ich muss zugeben, dass sich die Zusammenfassung anhört wie ein Remix bekannter Geschichten aus dem Genre: reicher, verwöhnter Bad-Boy mit Geheimnissen trifft auf armes, unerfahrenes Mädchen, erst Ablehnung und dann BOOM, die große Liebe. Ja, da kann man wirklich einige Klischees und Parallelen zu anderen Geschichten sehen, aber dennoch hat das Buch ein gewisses etwas, dass es besonders und anziehend macht. Gerade dass die Geschichte sich zu Beginn so viel Zeit nimmt, um uns in die Hintergründe der Geschichte einzuführen, dabei aber noch einiges offen lässt, hat mir gut gefallen. Selbstverständlich merkt man der Geschichte an, dass sie zu einer Trilogie gestreckt werden soll und bekommt deshalb weniger spannende Szenen deutlich aufgebauschter vorgesetzt, als zu erwarten gewesen wäre, während an manch anderen Stellen hingegen recht oberflächlich erzählt wird um noch Potential für genauere Fortführungen in den Folgebänden übrig zu lassen, dennoch finde ich den ansteigenden Spannungsbogen wunderbar ausgearbeitet.


"Sobald man Dinge einmal ausgesprochen hat, gibt man ihnen Raum, in dem sie sich entfalten und echt werden können."


Der Schreibstil ist typisch Mona Kasten: flüssig zu lesen, voller Anspielungen direkt aus dem Leben und dabei gleichzeitig sanft und eindringlich. Auch wenn mir hier einige unrunde Stellen und Szenenwiederholungen genau wie etliche Tippfehler aufgefallen sind, hat das nicht meinen Lesefluss beeinträchtigt und ich konnte trotz einiger Szenen, die mich gestört haben, das Buch in einem Rutsch durchlesen. Und das ist die große Stärke ihrer Bücher, die vielleicht nicht unbedingt alle tiefsinnig sind und das auch nicht sein müssen: wir haben es hier mit einer emotional berührenden, mitreißenden Geschichte zu tun, bei der die Seiten wie im Flug vorbeifliegen und man schneller als einem lieb ist auf der letzten Seite angelangt ist.


“Die Art, wie sie ihre Ordner fest im Arm hielt, ihre zielstrebigen Schritte, das vorgereckte Kinn. Sie sah aus, als würde sie in einen Kampf ziehen.”


Anders als bei ihren Vorgängergeschichten hat sich Mona Kasten hier dafür entschieden, abwechselnd aus der Sicht von James und Ruby zu erzählen, wodurch wir beiden näher kommen und ihre Handlungsweisen und Entscheidungen besser nachvollziehen können. Besonders gut gefallen hat mir an der Hauptperson Ruby, dass sie kein schwaches Opfer mit einer ganzen Latte aus Problemen ist, sondern eine emanzipierte, selbstbewusste, zielstrebige junge Frau darstellt, die genau weiß, was sie will und sich von nichts und niemandem herumschubsten lässt. Wir erleben Ruby als eine sehr engagierte, strebsame 17-Jährige, die sich klare Ziele gesetzt hat und mir so sofort ans Herz gewachsen ist - nicht zuletzt auch wegen ihrem süßen Ordnungstick und ihrer Liebe zu To-do-Listen, in der ich mich sofort wiedererkannt habe. Im Gegensatz zu etlichen pseudoromantischen, charakterlosen Dummchen, die einen Hang zum Stockholm-Syndrom zu besitzen scheinen, wird hier endlich mal eine starke Frau im Young Adult Genre präsentiert, die auch ohne ihren männlichen Gegenpart charakterisiert werden kann und eigene Interessen und Ziele hat. Das ist erfrischend neu zu lesen!


"Ich kann James Beaufort nicht bloß nicht ausstehen. Ich verabscheue ihn. Ihn und alles, wofür er steht. Wie er lebt - ohne Rücksicht oder Angst vor Konsequenzen. Wenn man den Namen Beaufort trägt, ist man unantastbar."


James hingegen ist leider erstmal die typische Verkörperung eines reichen Bad Boys. Mit seinen jungen 18 Jahren, als erfolgreicher Lacrosse-Spieler, Erbe eines milliardenschweren Modeimperiums und König des Colleges, verkörpert er alles, was Ruby nicht ausstehen kann: Überheblichkeit, Macht, Rücksichtslosigkeit. Während Ruby strebsam und motiviert ist, scheint James ohne Rücksicht auf Verluste und ohne festes Ziel vor Augen durch sein Leben zu taumeln. Fehltritte werden durch Drohungen und Bestechungsgeld ausgebügelt. Also ein junger Mann, der sich alles erlauben kann und dem das Glück mit dem Geld seiner Eltern schon in die Wiege gelegt wurde? Wohl eher nicht! Bald bekommen Ruby und auch wir Leser einen Vorgeschmack davon, wie einschränkend, belastend und erdrückend es sein kann, wenn die ganze Welt auf einen blickt. Anders als gedacht, steht ihm die Welt nicht offen, sondern eine genau geplante Zukunft erwartet ihn, weshalb er sich lieber in Partys, Alkohol und Drogen verliert, als gerade aus nach vorne zu blicken. Aufgrund seines Hintergrundes und seines Verhaltens gegenüber Ruby weckte er abwechselnd Mitleid und Abscheu in mir, was unsere Annäherung zu einer wahren Berg-und-Tal-Fahrt machte. Abschließend gesagt mochte ich ihn dann doch, obwohl er sich mit seinen etlichen Fehltritten nah an einer Grenze bewegt, an der Versöhnung mit mir als Leser wirklich schwierig wird.


„Vergebung kann niemals falsch sein. 〈…〉 Vergebung ist ein Zeichen von Größe und Stärke. Wenn man sich jahrelang im Zorn verliert und sich selbst kaputtmacht, ist man nicht besser als die Person, die einem unrecht getan hat.“


Der Verlauf der Geschichte steuert trotz einiger Rückfälle und Umwege zielstrebig auf das Zusammenkommen Rubys und James´ zu und gipfelt dann in einer leidenschaftlichen Liebesnacht. Dass Mona Kasten der Geschichte am Ende noch eine sehr vorhersehbare Wendung zum Schlechten hineindrücken musste, um den Lesern das Warten auf den zweiten Teil zu vermiesen, fand ich wirklich unnötig - aber so funktioniert dieses Genre nun mal. Insgesamt hätte ich von Mona Kasten doch ein wenig mehr erwartet, bin aber sehr gespannt, was sie aus der Geschichte noch alles macht und bin mir sicher, dass sie ihren Weg finden wird.



Fazit:


Ein typisches, nicht gerade originelles New Adult Märchen, dass aber dennoch mit einer mitreißenden, berührenden Atmosphäre, einer bewegenden, dramatischen Liebesgeschichte und einem intensiven, emotionalen Schreibstil unterhalten konnte. Insgesamt ein solider Auftakt, von dem ich leider ein wenig mehr erwartet hätte.

Veröffentlicht am 23.04.2019

Zu gewollt, zu konstruiert und dabei zu wenig authentisch!

Someone New
1

Achtung: Diese Rezension enthält in gekennzeichneten Bereichen Spoiler!

Nach "Berühre mich. Nicht" und "Verliere mich. Nicht" stand es für mich natürlich außer Frage, dass ich früher oder später auch ...

Achtung: Diese Rezension enthält in gekennzeichneten Bereichen Spoiler!

Nach "Berühre mich. Nicht" und "Verliere mich. Nicht" stand es für mich natürlich außer Frage, dass ich früher oder später auch zu ihrer neuen Reihe greifen werde. Dass ich das mit einer Verspätung von drei Monaten tue und deshalb schon von der enormen Kontroverse an Meinungen zu dieser Geschichte Wind bekommen habe, machte das Ganze noch spannender. Die einen lieben sie und betiteln sie als "das wichtigste YA-Buch überhaupt", die anderen hassen sie und sind einfach nur enttäuscht. Meine Erwartungen konnte das Buch leider nicht ganz erfüllen (Stichwort: Überladung), da ich aber trotzdem von dieser berührenden, mitreißenden und intelligenten Geschichte abgeholt wurde, bewege ich mich wohl am ehesten im Mittelfeld der beiden Lager mit Tendenz zur Begeisterung.

Das einzige, was bei dieser Geschichte mit absoluter Sicherheit und ohne jede Frage festgestellt werden kann, ist, dass das Cover ein Traum ist!! Wie auch schon bei ihrer ersten Reihe haben sich die Gestalter des Verlags selbst übertroffen mit dieser subtilen aber wirkungsvollen Verkörperung des Kernthemas. Leider konnte ich keine der limitierten Ausgaben mit den Illustrationen ergattern aber auch so ist die Gestaltung mit den rosa-blauen Wolken, dem Farbverlauf und dem kontrastreichen Titel ein kleines Kunstwerk. Neben einem Nachwort über die Thematik der Geschichte und der Danksagung der Autorin enthält das Buch noch eine Leseprobe zu "Berühre mich. Nicht."

Erster Satz: "Wie lange muss ich das wohl noch ertragen?"


Zur Handlung will ich gar nicht viel mehr verraten als der Klapptext preisgibt, nur soviel: es gibt eine unvorhergesehene Wendung, die den Roman in seiner Thematik aus der Masse heraushebt. Bis wir diese jedoch vor die Nase geknallt bekommen, werden wir erst auf 500 Seiten auf falsche Fährten gelockt und vertröstet. Das hat zum einen die Wirkung, dass es spannend bleibt, weil man unbedingt herausfinden will, was Julians dunkles Geheimnis ist, zum anderen bleibt durch die sehr späte Auflösung am Ende fast keine Zeit für Ausführungen der Thematik, welche ich wirklich spannend gefunden hätte. Das Eskalationspotential des heiklen Themas wurde deshalb zugunsten von einem langen Spannungsbogen verschenkt und erst ganz am Ende kommt der gewünschte Effekt auf. Damit meine ich keineswegs ein sinnloses, aus der Luft gegriffenes Drama, wie es leider ein fester Bestandteil von YA-Romanen ist, sondern vielmehr eine wirklich tiefgründige Befassung mit dem Thema und eine Beleuchtung von mehreren Seiten. So hat für mich die Tiefe der Emotionen ein wenig gefehlt, die ich an Romanen dieses Genres normalerweise besonders schätze.


"Julians Bartstoppel kratzten über meine Haut, und ich nahm seien Duft wahr, der auf mich so verlockend wirkte wie der Geruch warmer Schokolade. "Danke", flüsterte er noch einmal neben meinem Ohr, und da erkannte ich, dass ich mich zuvor getäuscht hatte. Vielleicht war "Liebe" genau das Wort, an das ich denken sollte."



Die Zeit vor der "großen Enthüllung" wird durch viele sich wiederholende Szenen aus Micahs Alltagsleben, leisen Andeutungen und einem ganzer Haufen an diversen Nebencharakteren gefüllt. Denn die sich entwickelnde Liebe zwischen Micah und Julian steht nicht unbedingt alleinig im Vordergrund. Stattdessen kommt jedem Nebencharakter mit seinen Problemen eine eingehende Betrachtung zu, die Masse macht sie alle jedoch ein wenig oberflächlich. Es scheint, als hätte die Autorin für diese Geschichte zu viele Facetten und Themen gewollt, sodass sie ihre Hauptgeschichte um Julian und Micah ein wenig vernachlässigt und die Nebencharaktere zu austauschbaren Statisten verkommen lassen hat. So ist es zum Beispiel eigentlich belanglos, ob sich Micah gerade mit Lilly, Aliza oder Cassie unterhält, da sie in den meisten Szenen nicht wirklich mehr als nette Beigabe sind.

Auf der anderen Seite versucht sie ihren Protagonisten bewusst Raum zu geben und sich bei der Entwicklung von Micahs und Julians Beziehung Zeit zu lassen. Auch wenn mir klar ist, dass das langsame Tempo für die Glaubwürdigkeit der Geschichte notwendig war, da gerade das sich langsam entwickelnde, authentische Beziehungselement für eine kribbelnde, angenehme Stimmung sorgte, hätte sich Laura Kneidl die vielen inhaltlichen Wiederholungen sparen können, wodurch sich gerade der Mittelteil ein wenig in die Länge zieht. Aus viel gutem Willen und einem Haufen toller Ideen wurde so leider ein an verschieden Facetten überfüllter Roman, der aber dennoch nicht wirklich voranzukommen scheint und bei den meisten Themen nur an der Oberfläche kratzt.


"Wir waren in einem goldenen Käfig aufgewachsen, was ich selbst erst erkannt hatte, nachdem ich ihn verlassen hatte. Von innen wirkte er groß und glänzend, aber von außen betrachtet, sprangen einem vor allem die Gitterstäbe ins Auge. Wollte ich mein Leben wirklich nach den Menschen richten, die mich zurück in diesen Käfig sperren wollten?"


Was man der Autorin jedoch wieder hochanrechnen muss, ist der unglaublich detaillierte und emotionslastige Schreibstil, der mir schon bei ihren Vorgängerbüchern gut gefallen hat. Dadurch schafft Laura Kneidl es, den Roman gleichzeitig spannend, ruhig, aufwühlend, beruhigend, berührend und aufklärend zu erzählen, sodass wir komplett von der Story gefangen genommen werden, auch wenn eigentlich nicht viel passiert. So werden selbst Fandom-Gespräche über Graphic Novels oder LARP und Cosplay zu lesen und man verzeiht dem Roman auch, wenn die Charaktere zum gefühlt hundertsten Mal zusammen ein Café besuchen und sich über belanglose Dinge unterhalten. Besonders gut haben mir hier die vielen dummen Flachwitze gefallen, die die Handlung zusammen mit vielen sarkastischen Bemerkungen und schlagfertigen Dialogen ein wenig auflockern.

Achtung Spoiler Alarm!!!

Jetzt aber genug um das Thema herumgeredet und kryptische Hinweise beiseite: es geht um Diversität! Das ganze Buch liest sich als Plädoyer gegen Vorurteile, Sexismus, Rassismus, Engstirnigkeit und Verurteilung und Micah und ihr Freundeskries leben uns Offenherzigkeit und Toleranz vor. Da ist mit Lilly, die früh ein Kind bekommen hat und nun Großes leistet, um ihren Abschluss nachzuholen, die von der Gesellschaft stigmatisierte Teenie-Mutter. Adrian, der aus Angst vor seinen Eltern jahrelang seine Sexualität verschweigen hat und nach der Offenbarung seines Geheimnisses verstoßen wurde, bringt das Thema "Homosexualität" mit rein. Die heutzutage immer noch mehr oder weniger offene Rassismus-Thematik wird durch Cassie und Auri verkörpert, die in der Öffentlichkeit oft seltsam angestarrt werden, bloß weil sie weiß ist und er schwarz. Auch die Diskrepanz zwischen Moderne und Tradition kommt auf den Tisch, indem Aliza aus einer traditionellen, muslimischen Familie kommt und einen modernen Food-Blog betreibt. Micah will unbedingt ihren Träumen folgen, Kunst studieren und an ihrem Graphic Novel arbeiten, wird aber von ihren Eltern in ein High-Society-Leben inklusive Dinner, Jura-Studium und Luis-Vuitton-Kleid gedrängt. Und Julian... ja … der ist eigentlich eine Frau.

"Ich bin trans" - das ist das große Geheimnis hinter seinen Narben, der Verstoßung von seinen Eltern, dem pinken Teddybären und seiner Fähigkeit, Zöpfe zu flechten. Damit wird das große "Tabu-Thema" Transgender auch mal in einem YA-Buch angesprochen. Das fand ich natürlich so mutig wie spannend aber leider ist mit der Geschichte schon wieder Schluss, als das endlich herauskommt und Laura Kneidl verpasst es so, uns mit der Wahrheit ausreichend zu konfrontieren und nebenbei wichtige Fakten zu vermitteln. So wird dieses wichtige Thema zwar endlich mal angesprochen, es bleibt jedoch bei einer recht oberflächlichen Betrachtung, die man durch eine etwas andere Handlungskonzeption bei einer 550 Seiten lange Geschichte durchaus ein wenig hätte vertiefen können.

Dieses "Abwürgen am Ende" ist jedoch nicht der einzige Punkt, der mich bei der ganzen Sache stört. Auch die Elterngeneration wird in einem recht einseitigen Licht gezeichnet: sowohl Adrians und Micahs High-Society-Anwalt-Eltern als auch Julians/Sophias Eltern können mit den Enthüllungen ihrer Kinder absolut nicht umgehen, reagieren homophob, ausstoßend und voller Hass. Selbst Lillys Eltern blicken kritisch auf jeden ihrer Schritte und machen ihrer Tochter das Leben schwer. Natürlich passiert das leider viel zu selten, aber zwischen all den Problemen wird keine einzige Familie porträtiert, in der ein gelungener Umgang feststellbar ist. Ein weiterer Punkt ist dass Micah mit ihrer Reaktion wohl als Art Vorbild gelten soll. Das kann sie in vielerlei Hinsicht auch erfüllen, in anderen Aspekten reagiert sie jedoch außerordentlich nervtötend, indem sie die Privatsphäre von Julian aber auch von Adrian, Cassie und Auri nicht achtet und sich aufdringlich verhält. Sie akzeptiert kein "Nein", spioniert Julian hinterher und betrachtet viele Aspekte mit einer seltsamen Doppelmoral. Auch wenn ich sie als Protagonisten grundsätzlich mochte, erschien auch sie in ihrer Rolle nicht immer ganz authentisch.


"Ich sah zu Julian, der noch immer neben mir auf dem Baumstamm saß. Die Ellbogen auf den Knien abgestützt, starrte er in die Flammen. Seine Haut leuchtete bronzen im Schein des Feuers. Seine Augen funkelten und wirkten mehr golden als grün, wie Laub, das im Herbst von den Bäumen fällt. Vergänglich. In diesem Moment wurde mir mit geradezu schmerzhafter Klarheit bewusst, dass ich Julian nicht gehen lassen wollte."


Darüber hinaus stellt sich natürlich die Frage, ob die ganzen Beispiele nicht vielleicht etwas zu viel Diversitäten und Besonderheiten für einen Freundeskreis ergeben, als dass es noch glaubwürdig wäre. Aber egal - die Message ist auf jeden Fall bei mir angekommen: Diversität ist toll und Liebe ist Liebe! Das würde ich genauso unterschreiben also vergesst meine Kritik und lest dieses tolle Buch!!!
Spoiler Ende!!!


"Und manche Geheimnisse wachsen durch diese Angst, bis sie zu Monstern in unserem Schrank werden. Bis wir uns irgendwann nicht mehr trauen, ihn zu öffnen. Nicht einmal in Anwesenheit einer Person, der wir unser Leben anvertrauen würden. "


Kritik hin oder her, ich werde auf jeden Fall an der Reihe dranbleiben um meine liebgewonnenen Protagonisten wiederzusehen und mehr über Cassie und Auri zu erfahren. Also freue ich mich sehr auf "Someone Else"!



Fazit:


Ein wundervolles Plädoyer gegen Vorurteile, Sexismus, Rassismus, Engstirnigkeit und Verurteilung, das mit einer unvorhergesehenen Wendung und einem plastischen, emotionslastigen Schreibstil überzeugt. Leider wirkt der Roman mit den vielen verschiedenen Facetten, Nebencharakteren und tollen Ideen ein wenig überladen, sodass er nicht wirklich voranzukommen scheint und bei den meisten Themen nur an der Oberfläche kratzt.
Zu gewollt, zu konstruiert und dabei zu wenig authentisch!

Veröffentlicht am 11.12.2018

Eine exzentrische, düstere, rauschhafte Geschichte mit einigen groben Schwächen!

Vor uns die Nacht
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Auf diese Geschichte bin ich auf einem Flohmarkt gestoßen und habe das gut erhaltene Printexemplar vor allem wegen des wunderschönen Covers mitgenommen. Der Titel steht schmucklos und in geschwungenen ...

Auf diese Geschichte bin ich auf einem Flohmarkt gestoßen und habe das gut erhaltene Printexemplar vor allem wegen des wunderschönen Covers mitgenommen. Der Titel steht schmucklos und in geschwungenen weißen Lettern im Mittelpunkt des Covers und wird von krakeligen blauen und weißen Blumen umrankt. Zusammen mit dem dunkelblauen Grund wirkt die ganze Komposition sehr edel und gleichzeitig dezent und ansprechend. Ich bin total begeistert von der Gestaltung! Auch innerhalb des Buches sind die Kapitelanfänge immer liebevoll verziert und mit seltsamen aber immer passenden Kapitelüberschriften versehen.

Erster Satz: „Für einen Flügelschlag unserer Seelen halten wir inne.“

Mit diesem Satz beginnt diese seltsame Geschichte, von der ich ehrlich gesagt nicht so genau weiß, was ich von ihr halten soll. Sie ist auf jeden Fall sehr exzentrisch und mit ihrer düsteren, geheimnisvollen Grundstimmung und den ausschweifenden Metaphern oft knapp an der der Grenze zur Fantasy, sodass es mich zu keinem Zeitpunkt der Story gewundert hätte, wenn die Protagonisten plötzlich Flügel und Klauen bekommen hätten und weggeflogen wären. Dabei behandelt der Roman ein eigentlich reales Szenario. Die junge Archäologie-Studentin Ronia wird an Weihnachten von ihrem Freund Lukas verlassen - schon wieder - und muss nun ganz alleine das Fest in ihrer Pfarrerfamilie durchstehen. Als sie nach dem obligatorischen Gottesdienst zusammen mit ihrem besten Freund Jonas, den jeder für ihren perfekten Partner hält, von dem sie aber nichts will, in einer Bar einen jungen Typen trifft, schiebt sie ihre Faszination auf ihren Liebeskummer und den Drink, den sie sich auf den leeren Magen gegen den Kummer gegönnt hat. Doch je öfter sie ihm zufällig über den Weg läuft, desto größer wird die Anziehungskraft zwischen ihr und dem eigenartigen, wunderschönen Mann mit der eleganten Körperhaltung und den uralten Augen. Dass er, den alle nur River nennen, einen schlechten Ruf hat, in der Drogenszene unterwegs sein soll und angeblich als Callboy arbeitet, kann Ronia schon bald nicht mehr davon abhalten, jeden Freitag auf eine Begegnung mit ihm zu hoffen...


"Eigentlich ist es ganz einfach - ich werde nichts weiter tun, als wie bisher joggen zu gehen. Den Rest entscheidet das Schicksal. Das zwischen Jan und mir wird niemals eine Beziehung. Es ist Lichtjahre davon entfernt. Und ich werde mich nicht verlieben. Es wird allerhöchstens ein Abenteuer. Das erste meines Lebens!"


Um zu verstehen, weshalb die Geschichte so entrückt wirkt, ist es notwendig, die besondere Erzählweise zu verstehen. Erzählt wird hier nicht wirklich stringent mit klarer Handlung und rotem Faden sondern vielmehr in einem Rausch aus kurzen einzelnen Szenen, die sehr oft die selbe Situation zeigen. Manchmal werden riesige Sprünge im Plot vorgenommen und wir sind plötzlich ein paar Monate weiter und außer den Freitagen scheint es irgendwann keinen anderen Tag der Woche mehr zu geben, der erzählt wird. Doch trotz dass es kein wirklicher Spannungsbogen gibt, hat diese Geschichte einen besonderen Sog und es wird nicht langweilig.
Aufgebaut wird dieser Sog in erster Linie durch die reine, poetische Sprache, die oft auf sonderbare Art und Weise den Kern einer Situation trifft. Man kann an der Schreibart definitiv ablesen, dass die Autorin ursprünglich aus der Fantasy kommt. So viele Anspielungen auf esoterischer, metaphysischer Ebene habe ich lange nicht mehr bei einer Liebesgeschichte erlebt. Gleichzeitig hat die Geschichte durch die rasche, springende Erzählweise etwas Rauschhaftes, was auch gut damit zusammen passt, dass Ronia bald eine seltsame Abhängigkeit von River entwickelt. Dass sie sich wie an einer Droge berauscht, total von Sinnen ist, sich gleichzeitig immer weiter zurückzieht, alle anderen von sich stößt, Verpflichtungen, Freude, Familie vernachlässigt und es ihr auch gesundheitlich immer schlechter geht, hat dabei für viele Stirnrunzel-Momente bei mir geführt. Diese seltsame Mischung aus erotischer Anziehungskraft, Kontrollverlust, Rausch, Schmerz und Liebe las sich nicht gerade wie ein besonders gesundes Verhältnis.


"Ich bin anders. Aber es ist nicht nur Schmerz und Verzweiflung und Sehnsucht was mich um meinen Verstand bringt und jene Gesetze auf den Kopf stellt, die bisher ewige Gleichgültigkeit hatten. Es ist etwas Echtes, Wahres darin, das ich leben muss, weil ich sonst nie mehr glücklich werde. Ich muss diesen Weg gehen. Zu diesem Weg gibt es keine Alternative - selbst wenn er mich umbringt, sodass ich irgendwann nur noch existieren, aber nie mehr liebe und lebe. Ich bin vollkommen ausgeliefert."


Vielleicht mag das der Grund dafür sein, dass ich trotz meiner Faszination für die Düstere, Rauschhafte der Geschichte nicht ganz warm mit ihr werden konnte. Vielleicht liegt es aber auch an der Protagonistin, zu der ich die ganze Zeit über eine deutliche Distanz hatte. Ronia ist eine sehr eigensinnige Frau, deren viele abgefahrene Gedanken oft überspitzt, unreif, sehr sprunghaft wirken, sodass sie beim Leser nicht ganz ankommen. Auch wenn sie wirklich keinem Klischee entspricht und alles versucht um unabhängig und erwachsen zu sein, ist sie mir manchmal wirklich auf die Nerven gegangen und ich konnte an vielen Stellen verstehen, warum ihre Exfreunde sich immer von ihr getrennt haben. Sie ist exzentrisch, anspruchsvoll, anstrengend und definitiv ganz anders als andere Protagonistinnen, die ich schon begleitet habe. Sie war definitiv ein sehr spannender Charakter, gemocht habe ich sie aber nicht wirklich.


"Denkst du an mich?", flüstere ich in die Dunkelheit und lausche, als könne ich die Antwort hören, wenn ich nur leise und aufmerksam genug bin. "Denkst du jetzt auch an mich?" Erst im Morgengrauen glaubte ich ein Ja zu fühlen, irgendwo zwischen Wachen und Schlaf, und ergebe mich dankbar seinem süßen, beruhigenden Rausch."



Auch Jan ist irgendwie ein wenig seltsam und kein wirklicher Sympathieträger. Er ist sehr attraktiv, sich dessen aber auch bewusst und setzt seinen Körper als Waffe ein. Sein offener Umgang mit Drogen, sein selbstgerechtes Verhalten und die irgendwie nicht ganz stimmigen Umstände seines Lebens machten es mir wirklich schwer, ihn zu mögen.


"Jan umarmt mich - und in diesem Augenblick ist er alles für mich, Geliebter, Freund, Bruder, Engel. Seelengefährte. Zu viel und zu schön. "Ich liebe dich", denke ich, so aufrichtig und rein, dass ich nicht einmal erschrecke. Es ist so, ich kann nichts dagegen ausrichten. Ich habe es mir nicht ausgesucht aber es ist da. Schon wieder erleuchten die Worte meinen Kopf, mein Herz und meinen Bauch, schlicht und unmissverständlich. Ich liebe dich. Ahnt er es?"



Dazu kommt, dass ich die ganze Zeit über auf eine krasse Wendung gewartet habe, die die ganzen geheimnisvollen Anspielungen erklären und dann am Ende von der "großen Enthüllung" sehr enttäuscht war, da hier eine ganz neue Thematik mit rein gebracht wird, ohne dass sie wirklich für die Story genutzt wird. Sehr witzig ist, dass ich eben erst bemerkt habe, dass "Mit uns der Wind", welches ich vor Jahren ebenfalls mal gelesen habe, mit dieser Geschichte in Verbindung steht. Schon damals wusste ich nicht genau was ich von der Autorin und ihrem Stil halten soll, doch dieses andere Buch ist auf seine seltsame Art und Weise definitiv gelungener und stimmiger als diese Geschichte!



Fazit:


Die reine, poetische Sprache und der sprunghafte Erzählstil der Autorin haben einen starken Sog und eine Faszination für das Düstere, Rauschhafte der Geschichte bei mir ausgelöst. Aufgrund der eher unsympathischen Charaktere und einer eher schlechten als rechten Auflösung am Ende konnte mich diese exzentrische Geschichte aber alles in allem nicht überzeugen.

Veröffentlicht am 11.05.2018

Ein kleines Gesamtkunstwerk!

Ein Meer aus Tinte und Gold (Das Buch von Kelanna 1)
1

Allgemeines:

Titel: Ein Meer aus Tinte und Gold
Autor: Traci Chee
Verlag: Carlsen (20. Oktober 2016)
ISBN-10: 3551317283
ISBN-13: 978-3551317285
ASIN: B01ELXD7ZG
Originaltitel: The Reader
Preis: 9,99€ ...

Allgemeines:

Titel: Ein Meer aus Tinte und Gold
Autor: Traci Chee
Verlag: Carlsen (20. Oktober 2016)
ISBN-10: 3551317283
ISBN-13: 978-3551317285
ASIN: B01ELXD7ZG
Originaltitel: The Reader
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
17,99€ (Gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 480 Seiten
Weitere Bände: "Ein Schatz aus Papier und Magie";
"Die Schlacht um Wörter und Blut"



Inhalt:

„Du hast die Wahl, Sefia. Lenk deine Zukunft oder lass dich von der Zukunft lenken."

Seit Sefias Vater ermordet wurde, kämpft sie mit ihrer Tante Nin ums Überleben. Aber dann wird Nin entführt und die einzige Spur zu ihr ist ein Buch: ein scheinbar nutzloser Gegenstand in einem Land, in dem fast niemand um die Existenz des geschriebenen Wortes weiß. Doch kaum berührt Sefia das makellose Papier, spürt sie eine magische Verbundenheit und lernt die Zeichen zu deuten. Das führt sie auf eine gefährliche Reise – und an die Seite eines stummen Jungen, der selbst voller Geheimnisse steckt.


Bewertung:

"Es war einmal und es wird eines Tages sein. So fangen alle Geschichten an."

Mit diesem Satz beginnt das wundervolle Märchen für Erwachsene, das neben seinem liebevoll gestalteten Aussehen auch durch Komplexität der Handlung, einen hinreißenden Schreibstil und berührende Charaktere entzückt. Ein kleines Kunstwerk!

Wie schon viele Leser vor mir will ich unbedingt das umwerfende Cover hervorheben. Ohne übertreiben zu wollen ist es denke ich das schönste aber vor allem passendste Cover, das ich je gesehen habe. Aus einem dynamisch wirkenden Meer aus goldenen Wellen ragt ein altes Buch mit vergilbten Seiten im Zentrum des Bildes hervor. Zwischen umher schwirrenden Buchstaben läuft die Silhouette eines Mädchens auf ein Schiff zu, welches am Rand des Buches vorbei fährt. Der Titel umrahmt dieses Bild in schwarzen Schnörkeln. Mal von der wunderschönen, warmen, lebendigen Ausstrahlung des Hintergrunds abgesehen, die das Buch zum absoluten Eye-Catcher macht, passen auch alle gezeigten Elemente ganz toll zur Handlung: das Piratenschiff, das den Rand der Welt erforscht, das Mädchen als Leserin oder als Gelesene, die goldenen Fäden der magischen Welt, die alle auf das Buch zurück laufen. Einzig und allein dass Archer nirgendwo zu sehen ist, könnte ich hier kritisieren. Das Cover ist ansonsten eine perfekte Verkörperung des Titels und der geheimen Botschaft, die zwischen den Zeilen versteckt an uns gerichtet ist:

"Dies ist ein Buch und ein Buch ist eine Welt
und ein Wort ist ein Samen, der Bedeutung enthält.
Seiten aus Meer und Ränder als Land
sind Völker und Leben in deiner Hand.
Doch prüf deine Welt und dein Dasein hier
wird zu Meeren aus Tinte zum Haus aus Papier.
Kennst du dich selbst oder hast du geirrt?
Bist du Leser oder der, der gelesen wird?"

Und nicht nur das Cover hebt diesen Fantasy-Roman von der Masse anderer ab. Auch innerhalb der Buchseiten erwarten unser prüfendes Leserauge jede Menge liebevoll gestaltete Überraschungen. Von einer Karte von Kelanna, eine kleine, handgeschriebene Notiz über hintersinnig geschwärzte Zeilen, schwarze Fingerabdrücke, geheimnisvolle Zeichen, vergilbt erscheinende, hervorgehobene Auszüge aus dem Buch, verschiedene Schriftarten bis zu versteckten Botschaften ist alles dabei um unser Gehirn auf Trab zu halten und unser Leserherz zu erfreuen! So werden wir auf ungewohnt aktive Weise mit in das Geschehen mit einbezogen und wird als Leser Teil dieser Geschichte, sowie Sefia Teil der ihrseits gelesenen Geschichte wird. Die Autorin spielt hier mit dem Grundgedanken einer Geschichte, eines Buches, wirft die philosophische Frage in den Raum, ob wir bloß Teil einer Geschichte sind, die andere lesen und schafft gleichzeitig eine Hymne an das Lesen an sich. Ganz große Klasse!


"Magie. Ihr war, als spähte sie an den Rändern der Sterne vorbei und sähe, was dahinter lag."


Nach einem kurzen Prolog beginnt die Geschichte um die Bedeutung von Geschichten im Herz von Kelannas, in Oxszini. Auf den willigen Leser warten 480 Seiten in einer eine wundervollen und schrecklichen Welt aus Wasser, Schiffen und Magie, in der das geschriebene Wort mit einem wertvollen Buch lange Zeit verschollen ist und Geschichten nur von Mund zu Mund weitergegeben werden. Dass Sefia schon bald Teil einer Geschichte mit unermesslichem Ausmaß werden soll, ahnt sie noch nicht, als sie mit ihrer Tante Nin auch noch den letzten Familienangehörigen verliert. Nachdem ihre Mutter an einer Krankheit verstarb und ihr Vater von geheimnisvollen Verfolgern getötet wurde, befand sie sich mit der alten Schmiedin immer auf der Flucht um etwas zu beschützen, von dem sie nicht einmal weiß, wozu es eigentlich gut sein soll.


"Wir müssen in Zukunft besser aufpassen." Da lächelte er. Ein echtes, warmes Lächeln, das ihn selbst zu überraschen schien. Als hätte er nicht gewusst, dass er das noch konnte. Sein Lächeln war ganz weich.
"Wir"
(...) Sie umfasste ihre Knie, ihre Augen glänzten im Dämmerlicht. Dann würden sie es zusammen machen, sie und Archer. Herausfinden, wofür das Buch gut war. Nin retten. Diejenigen finden, die ihr Leben zerstört hatten - und Rache üben."


Als in einer verhängnisvollen Nacht ihre Tante Nin von denselben dunklen Häschern entführt wird, die auch ihren Vater verfolgt haben, wird sie aus ihrer Untätigkeit gerissen. Um ihre Tante zu finden und ihre gesamte Familie zu rächen muss sie endlich hinter das Geheimnis des Gegenstandes kommen, den sie besitzt und der so wertvoll zu sein scheint, dass Morde dafür begangen werden. Zusammen mit dem stummen Kämpfer Archer begibt sie sich auf eine Suche nach der Wahrheit, die sie durch die vier Königreiche, über das innere Meer bis in die Hände des grausamen Piraten Sarakeen führt. Doch noch weiß sie nicht, dass sie den Schlüssel schon in ihren Händen hält. Denn als sie den seltsamen, in Leder gebundenen Kasten aufschlägt, verraten der nur flüchtig lesen gelehrten Sefia die ersten Worte den Namen für das Objekt. "Dies ist ein Buch", kann sie entziffern. Vier Worte, die ihr Leben komplett verändern sollen, denn was dieses Buch birgt sind unzählige Worte, die sich zu Sätzen, zu Geschichten formen - die Geschichte ganz Kelannas....


"Wenn sie in Kelanna trauern, erzählen sie Geschichten - als könnten sie dich dadurch bei sich behalten. Sie glauben, dass du, wenn man die Geschichten nur oft und lange genug erzählt, lebendig bleibst - wenn auch nur in der Erinnerung."


In recht langsamen aber wunderbar flüssigem und intensivem Tempo nimmt die originelle Geschichte ihren Lauf. Zwar hat man die Grundidee, ein Buch zur Mitte der Handlung zu machen in Klassikern wie "Tintenherz" oder "Die unendliche Geschichte" schon einmal gelesen, was dieser Roman aber damit macht, lässt sich klar von den schon existierenden Fantasy-Romanen abgrenzen. Mit dem geschickt verschlungenen Aufbau und dem tolles Setting, das abwechslungsreich und wunderbar detailreich ausgearbeitet ist, ohne dabei die Handlung zu bremsen, wird die Story zum kleinen Gesamtkunstwerk, das mitreißend und abenteuerlich erzählt wird. Der Schreibstil spielt in der Atmosphärenbildung eine sehr wichtige Rolle. Durch bildhafte aber dennoch lockere, leichte Sprache, bei der immer ein Hauch an sehnsuchtsvoller Melancholie mitschwingt, erscheint die ganze Geschichte wie ein sanfter Traum oder ein Märchen. Denn aufgrund der eigentlich abstrusen Mischung von einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen und emotionaler Kälte, makabrer Gewalt und süßen Träumen, lockendem Abenteuer und dunkler Realität bekommt diese Geschichte eine intensive Grundstimmung, die berührt und verzaubert!

"Archer kniete neben ihr und strich mit den Fingerspitzen über ihr Gesicht. Jede Stelle, die er berührte glühte vor Wärme, und die trostlose Kälte ihres Herzens bekam Risse. Sie nahm seien Hand und hielt sie an ihre Wange, Haut an Haut."


Besonders spannend wird die Geschichte durch die verschiedenen Handlungsstränge, die in verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten spielen, sich aber nach und nach alle zu einem Gesamtbild verflechten. Durch den auktorialen Erzähler bekommen wir einen Einblick in die Gefühlswelt ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten. Im Vordergrund steht die junge Sefia, die ihre Eltern sterben sehen musste, nichts gegen die Entführung ihrer Tante tun konnte und sich nun von Rachedurst, Neugier und Überlebenswillen getrieben auf die Suche nach der Wahrheit begibt. Sie ist ein absoluter Vorzeigecharakter der Fantasy-Literatur: verständnisvoll, mutig, herzlich, sensibel, selbst bestimmt, gewitzt und einfach nur liebenswert. Es ist wirklich schwer, sie nicht zu mögen!


"Es war, als wäre sie die ganze Zeit ausgesperrt gewesen und hätte durch einen Türspalt den Blick auf eine magische Welt erhascht. Doch das Buch war der Schlüssel."


An ihrer Seite steht Archer, den sie auf ihrer Reise eingesperrt in eine dunkle, enge Kiste findet, rettet und kurzerhand mitnimmt. Ohne dass er ein Wort reden kann, versteht Sefia, dass auch ihm das Schicksal böse mitgespielt hat und hilft dem geschlagenen, gebrochenen, zum Töten ausgebildeten jungen Mann, wieder menschlich zu werden und sich selbst wieder zu finden. Es ist herzzerreißend schön mit anzusehen, wie die beiden sich langsam näherkommen und sich bald ohne Worte verständigen und sich gegenseitig Halt geben können.


"Er spürte in seinem Inneren das wütende, stinkende Wesen, das nach Blut dürstete, seine hohlen Wangen unter Haut. Aber vielleicht musste er nicht so sein. Vielleicht konnte sich dafür entscheiden, ein ganzer Mensch zu sein: Archer, Jäger, Beschützer, Artischockenputzer, Spieler, Schiffsjunge, Quarzbesitzer, Freund. Dieser Gedanke begann in ihm zu reifen, langsam zunächst, dann jedoch schneller und heftiger, bis es heiß in ihm brodelte. Vielleicht hatte er eine Wahl."


Neben Archer und Sefia betrachten wir so auch noch die Abenteuer von Käpt´n Lees auf seinem Schiff, die "Strömung der Zuversicht", welche von kannibalischen Knochen über lebendige Inseln bis zum Rand der Welt und darüber hinaus führen. Den geheimnisvollen Käpt´n habe ich sehr schnell genau wie seine Crew, dem starken Zimmermann Ross, dem blinden und doch nicht orientierungslosen Ersten Steuermann, dem mutigen Lind, der geschickten Doc, dem missmutigen Jigo, dem begabten Cooky und dem fröhlichen Kallinago und vielen weiteren besonderen Persönlichkeiten, ins Herz geschlossen. Außerdem bekommen wir durch kurze Einschübe einen Einblick in die Sicht der Verfolger und erfahren durch den jungen Bibliotheks-Lehrling Lon und die angehende, tödliche Jägerin Mareah etwas über einen rätselhaften Orden, welcher es auf die Kontrolle der Menschheit und ein Monopol auf Wissen und Macht abgesehen hat...

"Sie ritzte den Satz mit der Messerspitze an den verborgenen Stellen des Waldes ein, in die höchsten Äste der größten Bäume: Dies ist ein Buch.
Oder sie schrieb auf die Steine eines zugeschütteten Lagerfeuers: Dies ist ein Buch.
Und sie malte es sich unsichtbar auf den Arm, auf das gebeugte Knie: Dies ist ein Buch. Ein Buch. Ein Buch. Ein Buch.
Sie wusste ja nicht, dass die Leute, die hinter ihr her waren, überall nach Spuren suchten: in den höchsten Bäumen, auf vergrabenen Steinen. Sie lechzten nach dem Buch wie Hungernde nach Essen. Krank vor Sehnsucht folgten sie ihr."


Das Ende der Geschichte erschien mir im Vergleich zum Rest ein wenig zu lasch und ist der einzige Grund, warum ich keine 5 Sterne vergeben will. Der Tod einer Hauptperson geschieht sehr schnell und ohne jegliche Bedeutung, die schlussendliche Auflösung der Zusammenhänge ist zu kurz und auch die wichtige Entwicklung, dass Archer endlich seine Stimme wieder findet, wird nur nebenbei abgehakt. Ansonsten mochte ich das relativ offen endende Finale, denn ich muss ja gar nicht mehr lange auf Band 2 warten Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, wie es mit den Charakteren weiter geht und werde die Geschichte gespannt weiter verfolgen.

„Ein Zuhause ist das, was du dazu machst. Es kann ein Schiff sein. Oder das, was du Tag für Tag auf dem Rücken trägst. Oder deine Familie. Oder vielleicht nur ein Mensch, den du über alles liebst. Das ist zu Hause."


Fazit:


Ein kleines Gesamtkunstwerk, das durch den wundervollen Schreibstil, die komplexe Handlung und die mitschwingende sehnsuchtsvolle Melancholie wie ein sanfter Traum erscheint. Die intensive Grundstimmung entsteht durch die eigentlich abstruse Mischung von einfühlsamen Gefühlsbeschreibungen und emotionaler Kälte, makabrer Gewalt und süßen Träumen, lockendem Abenteuer und dunkler Realität und baut auf spannenden, originellen Charakteren. Ich bin verzaubert!