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Veröffentlicht am 30.09.2020

Ein ganz passabler Auftakt einer Dilogie, deren Fortsetzung ich nicht unbedingt lesen muss.

Chroniken der Dämmerung 1: Moonlight Touch
0

"Dieser Palast birgt nicht nur Schönheit. Er birgt auch viele Gefahren. Wenn du dich entscheidest, zu bleiben, wird das wahrscheinlich das größte Abendteuer deines Lebens. Aber nicht jeder ist dazu geboren, ...

"Dieser Palast birgt nicht nur Schönheit. Er birgt auch viele Gefahren. Wenn du dich entscheidest, zu bleiben, wird das wahrscheinlich das größte Abendteuer deines Lebens. Aber nicht jeder ist dazu geboren, Abenteuer zu erleben. Nicht jedem ist genug Mut gegeben."


Der Ravensburger Verlag ist ja mittlerweile bekannt für seine wunderschönen Fantasy-Cover, bei "Moonlight Touch" haben sich die GestalterInnen aber nochmal selbst übertroffen. Das metallic-graue Cover mit den glänzenden Tropfen, der erhabenen Schrift und dem blassen Mädchen in Abendgarderobe ist einfach ein absoluter Hingucker! Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich bei der Bloggeraktion mitmachen durfte und neben dem Leseexemplar ein ganzes Paket voller Goodies wie Lesezeichen, einem Notizbuch, einer Landkarte, Aufkleber, farbigen Steinen und Postkarten erhalten habe. Auch das Innere des Buches kann mit tollen Extras wie mit Tropfen verzierte Kapitelanfänge, einer roten Karte und einem bedruckten Buchdeckel unter dem Schutzumschlag aufwarten. Leider konnte mich der wirkliche Inhalt, die Geschichte, jedoch lange nicht so beeindrucken wie die Gestaltung...


Erster Satz: "Das Herrenhaus des Barons von Embran glich einem Schloss."


Wir lernen unsere Protagonistin Sheera auf einem ihrer diebischen Streifzüge kennen, mit denen sie neben ihrer harmlosen Arbeit auf dem Markt ein bisschen Geld dazuverdient. Als geächtete Nachtalbe erfüllt sie damit das Klischee einer gefährlichen Wilden, wie sie von den Hochalben verachtet und ausgestoßen leben. Als sie bei ihrer Rückkehr in ihr Dorf durch die brutalen Blutalben gefangen genommen und in die Hauptstadt Haran gebracht wird, ist sie nicht überrascht. Doch statt für ihre Taten hingerichtet zu werden, offenbart man ihr, dass sie eine der zehn von Göttin Muraya auserwählten Anwärterinnen auf den Thron ist. Obwohl sie an eine Verschwörung glaubt und ihr überall Argwohn und Abscheu entgegenschlagen, legt sie sich bei den gestellten Aufgaben ins Zeug, um für das Ansehen der Nachtalben zu kämpfen...


"Weil die grauen Priester hörten, wie Muraya deinen Namen im Rauschen der Wasserfälle flüsterte, und weil du womöglich die sein wirst, die Farhir in eine neue Ära führt. Du bist auserwählt, Sheera Abendhauch. Auf dich wartet ein Schicksal, das du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen hättest vorstellen können."


Während Sheera sich den Palastintrigen und den gefährlichen Missionen stellt, treffen wir im benachbarten Amberan, dem Menschenreich, auf den Menschenprinzen Lysander, der ganz eigene Probleme hat. Zuerst verstößt sein Vater seine große Liebe Amelia, dann muss er sich verletzt einem tödlichen Turnier stellen und zur Krönung erwischt er auch noch ein zierliches, blasses Mädchen dabei, wie sie versucht, den wertvollen Dämmerstein zu stehlen. Dass er die dunkelhaarige Schönheit nicht unterschätzen darf, bemerkt er erst, als sie ihn kurzerhand entführt und in ein fremdes Land voller Magie, Blut und Tod mitnimmt...


"Am heutigen Tag entscheidest du nicht nur über dein Schicksal, Lysander", erklärte ihm sein Lehrmeister. Er packte Lysander bei den Schultern und schaute ihm direkt ins Gesicht. "Du entscheidest über das des ganzen Königreichs."


Jennifer Alice Jager hat den Einstieg in ihre Geschichte actionreich und packend gestaltet, sodass man sich sofort zusammen mit dem beiden Protagonistin in den beiden Reichen Amberan und Farhir befindet und aufmerksam verfolgt, wie ihre beiden Wege sich auf ein Treffen vorbereiten. Nach starken 50 Seiten lässt die Spannung dann aber leider wieder nach und die Geschichte rutscht sehr in die typischen Schienen eines Jugendfantasy-Romans. Es werden Intrigen gesponnen, es gibt viele Irrungen und Wirrungen, gestellte Aufgaben, eine Rebellion wird geplant und wir bewegen uns in den vorhersehbaren Kreisen des gewohnten Ablaufs. Zum gewohnten Ablauf gesellen sich viele Fantasy Klischees: der Kampf um den Thron, die perfekte Rivalin, zickige Anwärterinnen, der böse aber gutaussehende Gegenspieler, die erwählte Außenseiterin und der Feind, der zum Freund wird... Es hätte der Geschichte meiner Meinung nach besser gestanden, das besondere Setting und die spannenden Protagonisten mehr auszukosten, als die Story in bereits bekannte Formen zu pressen.


"So lange schon führte ich zwei Leben. Eines bei Tag und eines bei Nacht. Und ich hatte alles dafür getan, beides fein säuberlich voneinander getrennt zu halten, um die wenigen mir Nahestehenden nicht zu verletzten. Doch nun hing so viel mehr davon ab. (...) Es ging nicht mehr nur um mich. Es ging um das Ansehen aller Nachtalben und all jener, in deren Adern unser Erbe floss."


Dazu kommt, dass viele dieser genannten Aspekte nur grob angerissen werden, im Endeffekt aber nur eine Nebenrolle spielen. So werden zum Beispiel die Anwärterinnen auf den Thron bis auf drei noch nicht mal namentlich genannt und Sheeras Leben am Hof, ihre Reise durchs Land und die Aufgaben der anderen Mädchen ziehen durch große Zeitsprünge recht flott am Leser vorbei. Dabei haben mir vor allem der Dämmerwald und all die enthaltenen Geheimnisse, genau wie andere innovative Ideen des Settings sehr gut gefallen und ich hätte gerne noch mehr von den Nachtalben, der Göttin Muraya und der Geschichte der beiden Reiche gelesen. Auch die innerpalästliche Verschwörung war ein spannender Zusatz, wurde aber leider von Anfang an so klar angedeutet, dass ich kaum mehr, von einer nennenswerten "Wendung" sprechen möchte. Dabei wäre hier an allen Ecken und Enden Potential für ein wirklich interessantes Spannungsgefüge gewesen. Ein weiterer Punkt, den es sich auszubauen gelohnt hätte, ist die Frage nach der Magie, die hier in einigen Szenen kurz auftaucht, ansonsten aber keine tragende Rolle spielt. Vielleicht will die Autorin die Geschichte des Landes, die Hintergründe der Magie und Eckdaten ihres Setings noch im Finale der Dilogie vertiefen, hier sind mir für meinen Geschmack aber viel zu viele offene Fäden und unbeantwortete Fragen unter der oberflächlichen Spannung zu finden.


"Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist." Sein Blick wanderte über meinen Körper, hinauf zu meinen Lippen und blieb für einen Moment an ihnen hängen, bevor er mir direkt in die Augen schaute. "Und ich weiß nicht, ob du es ebenfalls spürst. Aber es war da, vom Augenblick unserer ersten Begegnung an. Und es macht mich zugleich schwach und stärker denn je."


Die beiden Protagonisten sind wie bereits erwähnt, sehr interessant konzipiert. Erzählt wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive der Nachtalbe Sheera und der personalen Erzählperspektive des Kronprinzen des Menschenreichs Lysander. Durch die geteilte Erzählperspektive bekommen wir nicht nur einen (wenn auch kurzen) Einblick in die beiden benachbarten Reiche, das Albenreich und das Menschenreich, und deren Beziehung zueinander, sondern auch einen netten Eindruck der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Das Unwort "nett" wähle ich hier absichtlich, da die beiden leider sehr blass bleiben und sich nach der anfänglichen Vorstellung nur wenig weiterentwickeln. Lysander ist und bleibt sehr naiv, während Sheera oftmals hochmütig und leichtsinnig reagiert. Die einzige in meinen Augen wirklich runde Person ist Sheelas Rivalin Mayla, die mich aufgrund ihrer grandlinigen aber doch undurchschaubaren Art fasziniert hat.


"Mein Blick wanderte über sein Gesicht, die vollen Wimpern, seine schmalen, blassen Lippen und die weichen Züge in diesem doch eigentlich so rauen, kantigen Menschenantlitz. Er war alles, nur nicht das, was man mir mein Leben lang über Menschen erzählt hatte. Weder war sein Herz aus Stein, noch schienen sich seine Gedanken nur um das Vergießen von Blut zu drehen."


Was mich an dieser Geschichte jedoch am allermeisten enttäuscht hat, sind nicht die etwas blutleeren Protagonisten, der gewohnte Ablauf, die Fantasy-Klischees oder die offenen Fragen sondern die geringe emotionale Nähe zu den Protagonisten. Trotz, dass mir Jennifer Alice Jagers Schreibstil mit jeder Seite besser gefallen hat, liest man hier wie durch ein Fernrohr: man fühlt kaum etwas und ist nur stiller Beobachter der Geschehnisse aus der Ferne. Das sorgt leider dafür, dass die Geschichte trotz spannender Handlung einfach nicht besonders mitreißend und packend war. Das ändert sich auch nicht mehr, als die Handlung gegen Ende nochmal rasant an Fahrt aufnimmt, endlich bekannte Wege verlässt und sich die Ereignisse auf den letzten 30 Seiten praktisch überschlagen. Auch nach dem Cliffhanger, der so gemein war, dass die Geschichte fast unvollständig wirkt, ist mein Verlangen nach der Fortsetzung also zwar da, aber nicht besonders drängend.


"Ich glaube an dich", sagte er und trat einen Schritt auf mich zu. "Ich weiß, dass mehr in dir steckt, als die meisten dieser Männer und Frauen in dem Saal hinter uns ahnen. Und ich will nicht, dass du aufgibst, bevor du es ihnen allen bewiesen hast."




Fazit:


Ein ganz passabler Auftakt einer Dilogie, deren Fortsetzung ich nicht unbedingt lesen muss. Etwas blutleere Protagonisten, ein typischer Ablauf, Fantasy-Klischees, eine Menge offener Fragen und die geringe emotionale Nähe zu den Figuren stehen der spannenden Grundidee, dem flüssigen Schreibstil und dem abwechslungsreichen Setting im Weg.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.09.2020

Ein ganz passabler Auftakt einer Dilogie, deren Fortsetzung ich nicht unbedingt lesen muss.

Chroniken der Dämmerung, Band 1: Moonlight Touch
0

"Dieser Palast birgt nicht nur Schönheit. Er birgt auch viele Gefahren. Wenn du dich entscheidest, zu bleiben, wird das wahrscheinlich das größte Abendteuer deines Lebens. Aber nicht jeder ist dazu geboren, ...

"Dieser Palast birgt nicht nur Schönheit. Er birgt auch viele Gefahren. Wenn du dich entscheidest, zu bleiben, wird das wahrscheinlich das größte Abendteuer deines Lebens. Aber nicht jeder ist dazu geboren, Abenteuer zu erleben. Nicht jedem ist genug Mut gegeben."


Der Ravensburger Verlag ist ja mittlerweile bekannt für seine wunderschönen Fantasy-Cover, bei "Moonlight Touch" haben sich die GestalterInnen aber nochmal selbst übertroffen. Das metallic-graue Cover mit den glänzenden Tropfen, der erhabenen Schrift und dem blassen Mädchen in Abendgarderobe ist einfach ein absoluter Hingucker! Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich bei der Bloggeraktion mitmachen durfte und neben dem Leseexemplar ein ganzes Paket voller Goodies wie Lesezeichen, einem Notizbuch, einer Landkarte, Aufkleber, farbigen Steinen und Postkarten erhalten habe. Auch das Innere des Buches kann mit tollen Extras wie mit Tropfen verzierte Kapitelanfänge, einer roten Karte und einem bedruckten Buchdeckel unter dem Schutzumschlag aufwarten. Leider konnte mich der wirkliche Inhalt, die Geschichte, jedoch lange nicht so beeindrucken wie die Gestaltung...


Erster Satz: "Das Herrenhaus des Barons von Embran glich einem Schloss."


Wir lernen unsere Protagonistin Sheera auf einem ihrer diebischen Streifzüge kennen, mit denen sie neben ihrer harmlosen Arbeit auf dem Markt ein bisschen Geld dazuverdient. Als geächtete Nachtalbe erfüllt sie damit das Klischee einer gefährlichen Wilden, wie sie von den Hochalben verachtet und ausgestoßen leben. Als sie bei ihrer Rückkehr in ihr Dorf durch die brutalen Blutalben gefangen genommen und in die Hauptstadt Haran gebracht wird, ist sie nicht überrascht. Doch statt für ihre Taten hingerichtet zu werden, offenbart man ihr, dass sie eine der zehn von Göttin Muraya auserwählten Anwärterinnen auf den Thron ist. Obwohl sie an eine Verschwörung glaubt und ihr überall Argwohn und Abscheu entgegenschlagen, legt sie sich bei den gestellten Aufgaben ins Zeug, um für das Ansehen der Nachtalben zu kämpfen...


"Weil die grauen Priester hörten, wie Muraya deinen Namen im Rauschen der Wasserfälle flüsterte, und weil du womöglich die sein wirst, die Farhir in eine neue Ära führt. Du bist auserwählt, Sheera Abendhauch. Auf dich wartet ein Schicksal, das du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen hättest vorstellen können."


Während Sheera sich den Palastintrigen und den gefährlichen Missionen stellt, treffen wir im benachbarten Amberan, dem Menschenreich, auf den Menschenprinzen Lysander, der ganz eigene Probleme hat. Zuerst verstößt sein Vater seine große Liebe Amelia, dann muss er sich verletzt einem tödlichen Turnier stellen und zur Krönung erwischt er auch noch ein zierliches, blasses Mädchen dabei, wie sie versucht, den wertvollen Dämmerstein zu stehlen. Dass er die dunkelhaarige Schönheit nicht unterschätzen darf, bemerkt er erst, als sie ihn kurzerhand entführt und in ein fremdes Land voller Magie, Blut und Tod mitnimmt...


"Am heutigen Tag entscheidest du nicht nur über dein Schicksal, Lysander", erklärte ihm sein Lehrmeister. Er packte Lysander bei den Schultern und schaute ihm direkt ins Gesicht. "Du entscheidest über das des ganzen Königreichs."


Jennifer Alice Jager hat den Einstieg in ihre Geschichte actionreich und packend gestaltet, sodass man sich sofort zusammen mit dem beiden Protagonistin in den beiden Reichen Amberan und Farhir befindet und aufmerksam verfolgt, wie ihre beiden Wege sich auf ein Treffen vorbereiten. Nach starken 50 Seiten lässt die Spannung dann aber leider wieder nach und die Geschichte rutscht sehr in die typischen Schienen eines Jugendfantasy-Romans. Es werden Intrigen gesponnen, es gibt viele Irrungen und Wirrungen, gestellte Aufgaben, eine Rebellion wird geplant und wir bewegen uns in den vorhersehbaren Kreisen des gewohnten Ablaufs. Zum gewohnten Ablauf gesellen sich viele Fantasy Klischees: der Kampf um den Thron, die perfekte Rivalin, zickige Anwärterinnen, der böse aber gutaussehende Gegenspieler, die erwählte Außenseiterin und der Feind, der zum Freund wird... Es hätte der Geschichte meiner Meinung nach besser gestanden, das besondere Setting und die spannenden Protagonisten mehr auszukosten, als die Story in bereits bekannte Formen zu pressen.


"So lange schon führte ich zwei Leben. Eines bei Tag und eines bei Nacht. Und ich hatte alles dafür getan, beides fein säuberlich voneinander getrennt zu halten, um die wenigen mir Nahestehenden nicht zu verletzten. Doch nun hing so viel mehr davon ab. (...) Es ging nicht mehr nur um mich. Es ging um das Ansehen aller Nachtalben und all jener, in deren Adern unser Erbe floss."


Dazu kommt, dass viele dieser genannten Aspekte nur grob angerissen werden, im Endeffekt aber nur eine Nebenrolle spielen. So werden zum Beispiel die Anwärterinnen auf den Thron bis auf drei noch nicht mal namentlich genannt und Sheeras Leben am Hof, ihre Reise durchs Land und die Aufgaben der anderen Mädchen ziehen durch große Zeitsprünge recht flott am Leser vorbei. Dabei haben mir vor allem der Dämmerwald und all die enthaltenen Geheimnisse, genau wie andere innovative Ideen des Settings sehr gut gefallen und ich hätte gerne noch mehr von den Nachtalben, der Göttin Muraya und der Geschichte der beiden Reiche gelesen. Auch die innerpalästliche Verschwörung war ein spannender Zusatz, wurde aber leider von Anfang an so klar angedeutet, dass ich kaum mehr, von einer nennenswerten "Wendung" sprechen möchte. Dabei wäre hier an allen Ecken und Enden Potential für ein wirklich interessantes Spannungsgefüge gewesen. Ein weiterer Punkt, den es sich auszubauen gelohnt hätte, ist die Frage nach der Magie, die hier in einigen Szenen kurz auftaucht, ansonsten aber keine tragende Rolle spielt. Vielleicht will die Autorin die Geschichte des Landes, die Hintergründe der Magie und Eckdaten ihres Setings noch im Finale der Dilogie vertiefen, hier sind mir für meinen Geschmack aber viel zu viele offene Fäden und unbeantwortete Fragen unter der oberflächlichen Spannung zu finden.


"Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist." Sein Blick wanderte über meinen Körper, hinauf zu meinen Lippen und blieb für einen Moment an ihnen hängen, bevor er mir direkt in die Augen schaute. "Und ich weiß nicht, ob du es ebenfalls spürst. Aber es war da, vom Augenblick unserer ersten Begegnung an. Und es macht mich zugleich schwach und stärker denn je."


Die beiden Protagonisten sind wie bereits erwähnt, sehr interessant konzipiert. Erzählt wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive der Nachtalbe Sheera und der personalen Erzählperspektive des Kronprinzen des Menschenreichs Lysander. Durch die geteilte Erzählperspektive bekommen wir nicht nur einen (wenn auch kurzen) Einblick in die beiden benachbarten Reiche, das Albenreich und das Menschenreich, und deren Beziehung zueinander, sondern auch einen netten Eindruck der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Das Unwort "nett" wähle ich hier absichtlich, da die beiden leider sehr blass bleiben und sich nach der anfänglichen Vorstellung nur wenig weiterentwickeln. Lysander ist und bleibt sehr naiv, während Sheera oftmals hochmütig und leichtsinnig reagiert. Die einzige in meinen Augen wirklich runde Person ist Sheelas Rivalin Mayla, die mich aufgrund ihrer grandlinigen aber doch undurchschaubaren Art fasziniert hat.


"Mein Blick wanderte über sein Gesicht, die vollen Wimpern, seine schmalen, blassen Lippen und die weichen Züge in diesem doch eigentlich so rauen, kantigen Menschenantlitz. Er war alles, nur nicht das, was man mir mein Leben lang über Menschen erzählt hatte. Weder war sein Herz aus Stein, noch schienen sich seine Gedanken nur um das Vergießen von Blut zu drehen."


Was mich an dieser Geschichte jedoch am allermeisten enttäuscht hat, sind nicht die etwas blutleeren Protagonisten, der gewohnte Ablauf, die Fantasy-Klischees oder die offenen Fragen sondern die geringe emotionale Nähe zu den Protagonisten. Trotz, dass mir Jennifer Alice Jagers Schreibstil mit jeder Seite besser gefallen hat, liest man hier wie durch ein Fernrohr: man fühlt kaum etwas und ist nur stiller Beobachter der Geschehnisse aus der Ferne. Das sorgt leider dafür, dass die Geschichte trotz spannender Handlung einfach nicht besonders mitreißend und packend war. Das ändert sich auch nicht mehr, als die Handlung gegen Ende nochmal rasant an Fahrt aufnimmt, endlich bekannte Wege verlässt und sich die Ereignisse auf den letzten 30 Seiten praktisch überschlagen. Auch nach dem Cliffhanger, der so gemein war, dass die Geschichte fast unvollständig wirkt, ist mein Verlangen nach der Fortsetzung also zwar da, aber nicht besonders drängend.


"Ich glaube an dich", sagte er und trat einen Schritt auf mich zu. "Ich weiß, dass mehr in dir steckt, als die meisten dieser Männer und Frauen in dem Saal hinter uns ahnen. Und ich will nicht, dass du aufgibst, bevor du es ihnen allen bewiesen hast."




Fazit:


Ein ganz passabler Auftakt einer Dilogie, deren Fortsetzung ich nicht unbedingt lesen muss. Etwas blutleere Protagonisten, ein typischer Ablauf, Fantasy-Klischees, eine Menge offener Fragen und die geringe emotionale Nähe zu den Figuren stehen der spannenden Grundidee, dem flüssigen Schreibstil und dem abwechslungsreichen Setting im Weg.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.09.2020

Ein ganz passabler Auftakt einer Dilogie, deren Fortsetzung ich nicht unbedingt lesen muss.

Chroniken der Dämmerung, Band 1: Moonlight Touch
0

"Dieser Palast birgt nicht nur Schönheit. Er birgt auch viele Gefahren. Wenn du dich entscheidest, zu bleiben, wird das wahrscheinlich das größte Abendteuer deines Lebens. Aber nicht jeder ist dazu geboren, ...

"Dieser Palast birgt nicht nur Schönheit. Er birgt auch viele Gefahren. Wenn du dich entscheidest, zu bleiben, wird das wahrscheinlich das größte Abendteuer deines Lebens. Aber nicht jeder ist dazu geboren, Abenteuer zu erleben. Nicht jedem ist genug Mut gegeben."


Der Ravensburger Verlag ist ja mittlerweile bekannt für seine wunderschönen Fantasy-Cover, bei "Moonlight Touch" haben sich die GestalterInnen aber nochmal selbst übertroffen. Das metallic-graue Cover mit den glänzenden Tropfen, der erhabenen Schrift und dem blassen Mädchen in Abendgarderobe ist einfach ein absoluter Hingucker! Umso mehr hat es mich gefreut, dass ich bei der Bloggeraktion mitmachen durfte und neben dem Leseexemplar ein ganzes Paket voller Goodies wie Lesezeichen, einem Notizbuch, einer Landkarte, Aufkleber, farbigen Steinen und Postkarten erhalten habe. Auch das Innere des Buches kann mit tollen Extras wie mit Tropfen verzierte Kapitelanfänge, einer roten Karte und einem bedruckten Buchdeckel unter dem Schutzumschlag aufwarten. Leider konnte mich der wirkliche Inhalt, die Geschichte, jedoch lange nicht so beeindrucken wie die Gestaltung...


Erster Satz: "Das Herrenhaus des Barons von Embran glich einem Schloss."


Wir lernen unsere Protagonistin Sheera auf einem ihrer diebischen Streifzüge kennen, mit denen sie neben ihrer harmlosen Arbeit auf dem Markt ein bisschen Geld dazuverdient. Als geächtete Nachtalbe erfüllt sie damit das Klischee einer gefährlichen Wilden, wie sie von den Hochalben verachtet und ausgestoßen leben. Als sie bei ihrer Rückkehr in ihr Dorf durch die brutalen Blutalben gefangen genommen und in die Hauptstadt Haran gebracht wird, ist sie nicht überrascht. Doch statt für ihre Taten hingerichtet zu werden, offenbart man ihr, dass sie eine der zehn von Göttin Muraya auserwählten Anwärterinnen auf den Thron ist. Obwohl sie an eine Verschwörung glaubt und ihr überall Argwohn und Abscheu entgegenschlagen, legt sie sich bei den gestellten Aufgaben ins Zeug, um für das Ansehen der Nachtalben zu kämpfen...


"Weil die grauen Priester hörten, wie Muraya deinen Namen im Rauschen der Wasserfälle flüsterte, und weil du womöglich die sein wirst, die Farhir in eine neue Ära führt. Du bist auserwählt, Sheera Abendhauch. Auf dich wartet ein Schicksal, das du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen hättest vorstellen können."


Während Sheera sich den Palastintrigen und den gefährlichen Missionen stellt, treffen wir im benachbarten Amberan, dem Menschenreich, auf den Menschenprinzen Lysander, der ganz eigene Probleme hat. Zuerst verstößt sein Vater seine große Liebe Amelia, dann muss er sich verletzt einem tödlichen Turnier stellen und zur Krönung erwischt er auch noch ein zierliches, blasses Mädchen dabei, wie sie versucht, den wertvollen Dämmerstein zu stehlen. Dass er die dunkelhaarige Schönheit nicht unterschätzen darf, bemerkt er erst, als sie ihn kurzerhand entführt und in ein fremdes Land voller Magie, Blut und Tod mitnimmt...


"Am heutigen Tag entscheidest du nicht nur über dein Schicksal, Lysander", erklärte ihm sein Lehrmeister. Er packte Lysander bei den Schultern und schaute ihm direkt ins Gesicht. "Du entscheidest über das des ganzen Königreichs."


Jennifer Alice Jager hat den Einstieg in ihre Geschichte actionreich und packend gestaltet, sodass man sich sofort zusammen mit dem beiden Protagonistin in den beiden Reichen Amberan und Farhir befindet und aufmerksam verfolgt, wie ihre beiden Wege sich auf ein Treffen vorbereiten. Nach starken 50 Seiten lässt die Spannung dann aber leider wieder nach und die Geschichte rutscht sehr in die typischen Schienen eines Jugendfantasy-Romans. Es werden Intrigen gesponnen, es gibt viele Irrungen und Wirrungen, gestellte Aufgaben, eine Rebellion wird geplant und wir bewegen uns in den vorhersehbaren Kreisen des gewohnten Ablaufs. Zum gewohnten Ablauf gesellen sich viele Fantasy Klischees: der Kampf um den Thron, die perfekte Rivalin, zickige Anwärterinnen, der böse aber gutaussehende Gegenspieler, die erwählte Außenseiterin und der Feind, der zum Freund wird... Es hätte der Geschichte meiner Meinung nach besser gestanden, das besondere Setting und die spannenden Protagonisten mehr auszukosten, als die Story in bereits bekannte Formen zu pressen.


"So lange schon führte ich zwei Leben. Eines bei Tag und eines bei Nacht. Und ich hatte alles dafür getan, beides fein säuberlich voneinander getrennt zu halten, um die wenigen mir Nahestehenden nicht zu verletzten. Doch nun hing so viel mehr davon ab. (...) Es ging nicht mehr nur um mich. Es ging um das Ansehen aller Nachtalben und all jener, in deren Adern unser Erbe floss."


Dazu kommt, dass viele dieser genannten Aspekte nur grob angerissen werden, im Endeffekt aber nur eine Nebenrolle spielen. So werden zum Beispiel die Anwärterinnen auf den Thron bis auf drei noch nicht mal namentlich genannt und Sheeras Leben am Hof, ihre Reise durchs Land und die Aufgaben der anderen Mädchen ziehen durch große Zeitsprünge recht flott am Leser vorbei. Dabei haben mir vor allem der Dämmerwald und all die enthaltenen Geheimnisse, genau wie andere innovative Ideen des Settings sehr gut gefallen und ich hätte gerne noch mehr von den Nachtalben, der Göttin Muraya und der Geschichte der beiden Reiche gelesen. Auch die innerpalästliche Verschwörung war ein spannender Zusatz, wurde aber leider von Anfang an so klar angedeutet, dass ich kaum mehr, von einer nennenswerten "Wendung" sprechen möchte. Dabei wäre hier an allen Ecken und Enden Potential für ein wirklich interessantes Spannungsgefüge gewesen. Ein weiterer Punkt, den es sich auszubauen gelohnt hätte, ist die Frage nach der Magie, die hier in einigen Szenen kurz auftaucht, ansonsten aber keine tragende Rolle spielt. Vielleicht will die Autorin die Geschichte des Landes, die Hintergründe der Magie und Eckdaten ihres Setings noch im Finale der Dilogie vertiefen, hier sind mir für meinen Geschmack aber viel zu viele offene Fäden und unbeantwortete Fragen unter der oberflächlichen Spannung zu finden.


"Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist." Sein Blick wanderte über meinen Körper, hinauf zu meinen Lippen und blieb für einen Moment an ihnen hängen, bevor er mir direkt in die Augen schaute. "Und ich weiß nicht, ob du es ebenfalls spürst. Aber es war da, vom Augenblick unserer ersten Begegnung an. Und es macht mich zugleich schwach und stärker denn je."


Die beiden Protagonisten sind wie bereits erwähnt, sehr interessant konzipiert. Erzählt wird abwechselnd aus der Ich-Perspektive der Nachtalbe Sheera und der personalen Erzählperspektive des Kronprinzen des Menschenreichs Lysander. Durch die geteilte Erzählperspektive bekommen wir nicht nur einen (wenn auch kurzen) Einblick in die beiden benachbarten Reiche, das Albenreich und das Menschenreich, und deren Beziehung zueinander, sondern auch einen netten Eindruck der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Das Unwort "nett" wähle ich hier absichtlich, da die beiden leider sehr blass bleiben und sich nach der anfänglichen Vorstellung nur wenig weiterentwickeln. Lysander ist und bleibt sehr naiv, während Sheera oftmals hochmütig und leichtsinnig reagiert. Die einzige in meinen Augen wirklich runde Person ist Sheelas Rivalin Mayla, die mich aufgrund ihrer grandlinigen aber doch undurchschaubaren Art fasziniert hat.


"Mein Blick wanderte über sein Gesicht, die vollen Wimpern, seine schmalen, blassen Lippen und die weichen Züge in diesem doch eigentlich so rauen, kantigen Menschenantlitz. Er war alles, nur nicht das, was man mir mein Leben lang über Menschen erzählt hatte. Weder war sein Herz aus Stein, noch schienen sich seine Gedanken nur um das Vergießen von Blut zu drehen."


Was mich an dieser Geschichte jedoch am allermeisten enttäuscht hat, sind nicht die etwas blutleeren Protagonisten, der gewohnte Ablauf, die Fantasy-Klischees oder die offenen Fragen sondern die geringe emotionale Nähe zu den Protagonisten. Trotz, dass mir Jennifer Alice Jagers Schreibstil mit jeder Seite besser gefallen hat, liest man hier wie durch ein Fernrohr: man fühlt kaum etwas und ist nur stiller Beobachter der Geschehnisse aus der Ferne. Das sorgt leider dafür, dass die Geschichte trotz spannender Handlung einfach nicht besonders mitreißend und packend war. Das ändert sich auch nicht mehr, als die Handlung gegen Ende nochmal rasant an Fahrt aufnimmt, endlich bekannte Wege verlässt und sich die Ereignisse auf den letzten 30 Seiten praktisch überschlagen. Auch nach dem Cliffhanger, der so gemein war, dass die Geschichte fast unvollständig wirkt, ist mein Verlangen nach der Fortsetzung also zwar da, aber nicht besonders drängend.


"Ich glaube an dich", sagte er und trat einen Schritt auf mich zu. "Ich weiß, dass mehr in dir steckt, als die meisten dieser Männer und Frauen in dem Saal hinter uns ahnen. Und ich will nicht, dass du aufgibst, bevor du es ihnen allen bewiesen hast."
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Fazit:


Ein ganz passabler Auftakt einer Dilogie, deren Fortsetzung ich nicht unbedingt lesen muss. Etwas blutleere Protagonisten, ein typischer Ablauf, Fantasy-Klischees, eine Menge offener Fragen und die geringe emotionale Nähe zu den Figuren stehen der spannenden Grundidee, dem flüssigen Schreibstil und dem abwechslungsreichen Setting im Weg.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2020

Der würdige Abschluss einer besonderen Reihe!

Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin
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Laini Taylor träumte schon in "Strange the Dreamer - Der Junge der träumte", "Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe" und "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" eine wundervolle Welt voller ...

Laini Taylor träumte schon in "Strange the Dreamer - Der Junge der träumte", "Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe" und "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" eine wundervolle Welt voller legendärer Mysterien über wütende Götter, gestohlenen Wörtern, verschwindenden Namen, unzerstörbarer Metalle, schrecklicher Albträume, gequälten Geistern, gefallenen Engeln, wunderschönen Monstern, gewiefter Alchemie und unglaublicher Magie herbei, sodass ich es kaum erwarten konnte, mit der Fortsetzung nach "Weep" zurückzukehren. Der abschließende vierte Teil des Fantasy-Epos präsentiert sich nun als einziger spannender Showdown, der endlich alle brennenden Fragen beantwortet und die vielen Fäden der Handlung kunstvoll zusammenführt.

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass die Geschichte, die im Original nur zwei Teile ("Strange the Dreamer" und "Muse of Nightmares") hat, im deutschen in vier Teile aufgeteilt wurde. Dieses Buch ist also die zweite Hälfte von "Muse of Nightmares", welches die im Deutschen vierbändige Reihe abschließt. Ich kann es auch in meiner vierten Rezension zu der Reihe nur nochmal wiederholen: Meiner Meinung nach wäre diese Trennung schlicht nicht nötig gewesen. Bei Fantasy-Reihen ist ein Buch mit über 600 Seiten absolut kein Problem und so sind die zwei Teile der Geschichte wirklich sehr dünn und wirken außerdem alleinstehend unvollständig abgewürgt. Während die ersten beiden Teile noch genügend eigenstehende Handlung hatten, um zwei separate Geschichte zu tragen, leiden vor allem der dritte und der vierte Teil sehr unter der Spaltung durch den Verlag. Denn während sich Laini Taylor in "Muse of Nightmares - Das Geheimnis des Träumers" lediglich warmläuft und neue Probleme, Charaktere und Hintergründe anteasert, ist "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" das genaue Gegenteil und besteht praktisch nur aus einem einzigen Showdown. Zusammengenommen ergeben beide Bände ein Finale, in dem zuerst eine brodelnde Grundatmosphäre aufgebaut wird, bevor es zur Sache geht. Auseinandergerissen wirken sowohl Teil 3 als auch Teil 4 unvollständig und einseitig.


Erster Satz: "Sarai gab Minya eine kleine Dosis des Lall."


Abgesehen von der fragwürdigen Aufspaltung finde ich die sonstige Gestaltung aber einfach wunderschön! Das Cover ist dieses Mal in einem matten Silber gehalten und wieder von helleren Lichtbahnen und Wolken durchzogen, die einen Hauch von Wissenschaft und Symmetrie hinzufügen. Dieser letzte Teil fügt sich damit perfekt in die Reihe ein, die nun aus jeweils zwei farbigen Covern mit Metallic-Schrift und zwei Metallic-Covern mit farbiger Schrift besteht. Im Mittelpunkt steht hier wieder die rote Form eines Adlers, der wohl Irrlicht verkörpert, welcher in der Geschichte ein zentrales Motiv darstellt. Die Kapitelanfänge werden ebenfalls durch den Adler geziert und die fantasievollen Überschriften zeigen auf, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird. Eine Protagonistin sagt an einer Stelle der Geschichte, alle wahren Geschichten seien wunderschön und voller Monster und Lazlo solle ihr etwas Wildes und Unglaubliches erträumen. Das hat sich die Autorin wohl auch als Maßstab gesetzt, denn die Geschichte, die Welt die sie für uns herbeiträumt wirkt wirklich wunderschön, monströs, morbide, sanft, farbenfroh und einfach - alles zugleich.

Während im ersten Teil eher die Abenteuerkomponente von Lazlos Reise und die Magie des Ergründens des Geheimnisses von Weep im Vordergrund standen, der zweite Teil eher eine Liebesgeschichte war, die in einem spektakulären Showdown gipfelt und sich der dritte Teil wie eine sich langsam steigernde Vorbereitung für das große Finale las, geht es hier endlich zur Sache. Zwar kann man nur äußerst wenig über den Verlauf der Handlung verraten, ohne zu spoilern, ich kann aber versichern, dass hier einige actionreiche Kämpfe, dramatische Racheaktionen, überraschende Wendungen und spannende Zusammentreffen auf uns zukommen. Denn wenn die Autorin eines beherrscht, dann ist es ihr Handlung in unvorhergesehene Gefilde abseits der typischen Fantasy-Abläufe zu treiben. Wieder einmal scheinen Laini Taylor Genregrenzen und Erzählgrundsätze nicht besonders wichtig zu sein, denn sie tanzt zwischen verschiedenen Genres und schildert unglaubliche Situationen, durch die die Geschichte wie ein einziger skurriler, kunterbunter, wunderschöner Traum, aus dem man gar nicht mehr erwachen will. Statt uns wie so oft in Fantasy-Finals eine große Schlacht aufzutischen, setzt sie auf ein chaotisches Aufeinandertreffen aller sorgfältig vorgestellten Parteien, welches absolut unvorhersehbar aufläuft und alle Handlungsfäden kunstvoll vereint.


"Früher einmal war Nova nur die Hälfte eines Namens gewesen. Koraundnova klang wie Musik, heil und ganz. Nova allein war ein scharfkantiges, zerbrechliches Fragment. Wann immer sie es hörte, zerbrach sie innerlich aufs Neue."


Dabei setzt sie jedoch nicht nur auf Kämpfe und Wendungen sondern nimmt sich auch genügend Zeit, alle brennenden Fragen über das Mysterium Weep, die Kinder der Götter, die Seraphim, der Vogel Irrlicht und die Zitadelle zu beantworten. Auch Kora und Nova, die wir zu Beginn des dritten Teils kennengelernt haben und deren Geschichte zu Beginn in keinem Zusammenhang mit der Haupthandlung in Weep zu stehen schien, spielen hier eine unerwartete Schlüsselrolle. Sprich: War die Reihe zuvor noch von atmosphärischer Spannung, unbeantworteten Geheimnissen und einzelnen Highlights geprägt, schaltet die Autorin in den Action Modus um und enthüllt im Kapiteltakt, was lange verborgen war. Sehr nett ist auch, dass Fans der Autorin einige subtile Querverweise zu einer anderen Fantasy-Reihe auffallen werden und weitere Andeutungen Platz für eine Spinn-Off-Reihe freiräumen.


"Der Vogel wirbelte einen Windstoß hinter sich her, der eine weitere Stimme mitbrachte. In harscher Harmonie rankte sie sich um den gellenden Adlerschrei. Das Wabern in der Luft dellte sich hervor, klaffte auf und enthüllte Leiber, Arme, Waffen. Ein gnadenloser Ansturm. "


Abermals lobend zu erwähnen ist auch Laini Taylors unfassbarer Schreibstil, der zu den schönsten gehört, die ich jemals kosten durfte. Legendäre Mysterien über wütende Götter, gestohlenen Wörtern, verschwindenden Namen, unzerstörbare Metalle, schreckliche Albträume, gequälte Geister, gefallene Engel, wunderschöne Monster, gewiefte Alchemie und unglaubliche Magie - sanft und poetisch, eindringlich und voll träumerischer Süße nimmt sie uns mit auf eine ereignisreiche Reise durch die sagenumwobene Stadt Weep und darüber hinaus... Im Großen wie im Kleinen findet sie dabei großartige und manchmal auch absurde Sprachbilder, die uns ihr Setting oder die Gefühle der Protagonisten näher bringen und als weiteres Alleinstellungsmerkmal hervorstechen. Dabei kommen auch detailreiche, bildhafte Ausschmückungen nicht zu kurz, sodass eine magische Atmosphäre entsteht, die dank der fabelhaften Übersetzung Ulrike Raimer-Noltes nicht leidet. Falls das überhaupt möglich sein sollte, wird ihr Schreibstil hier noch besser - denn diese Geschichte besteht praktisch nur aus diesem gewissen, magischen Etwas, dem fantastischen Prickeln, das man nur in wenigen Büchern findet.


"Eril-Fane spürte, wie seine Kehle sich verengte und seine Fäuste sich zusammenkrampften, während seien Herzen von einer plötzlichen Liebe anschwollen, die schlicht und allumfassend war: für seine Stadt, sein Volk, seine Mutter, seien Ehefrau und diese wunderschönen blauen Kinder, die ganz auf sich alleingestellt überlebt hatten."


Fast noch wichtiger als Setting und Schreibstil sind jedoch die zwei wundervollen Protagonisten, die wir hier trotz des Handlungsfokus´ nicht aus den Augen verlieren. Mit feinfühligen Beschreibungen hebt Laini Taylor ihre beiden Protagonisten aus dem bunten Meer aus Träumereien, Göttern, Monstern und Geistern hervor und lässt sie lebendig werden. Dabei ist vor allem Lazlo fern ab von jeglichem Klischee konstruiert und unterscheidet sich drastisch von üblichen oder gar durchschnittlichen Protagonisten einer Fantasy-Serie. Der unscheinbare, unansehnliche Junge besitzt nichts als seine Geschichten, seine Träume, seine Fantasie, welche er tief im Herzen als seinen größten Schatz verwahrt und doch macht ihn das zur reichsten Person des ganzen Landes. Seine kindliche Ehrfurcht, die neugierige Begeisterung und die demütige Höflichkeit, mit der er der Welt begegnet nehmen den Leser sofort für diesen sanftmütigen, jungen Mann ein und garantieren, dass man mit ihm mitfiebert und dieser Figur von Herzen das Beste wünscht. Dass er selbst ein mächtiger Gott ist, das Mesarthium befehlen kann, eine Familie hat, eine Schwester und zugleich durch Sarais Tod so viel verloren hat, setzt ihm natürlich sehr zu und bringt sein Selbstbild durcheinander. Hier nimmt sich die Autorin tatsächlich ausreichend Zeit, sich mit den Auswirkungen der Enthüllung auf seinen Charakter zu beschäftigen, was man bei Fantasy-Romanen auch nicht jeden Tag liest!


"Wünsche erfüllen sich nicht einfach. Sie sind nur die Zielscheibe, die man um seine Zukunftspläne malt. Ins Schwarze treffen musst du schon selbst."


Auch Sarai scheint nicht in die Welt zu passen, in der sie lebt - eingesperrt mit Monstern, die ihre Familie sind, in einem Schloss hoch über den Wolken. Genauso sehr wie sich Lazlo nach dem Absonderlichen und Wunderbaren streckt, sehnt sich danach, einfach normal zu sein und dazuzugehören. Durch die täglichen Besuche in den Träumen der Bewohner von Weep hat sie etwas gefunden, dass den schwelenden Hass, der in den Herzen der Götterkinder auch nach Jahren noch glüht, abgekühlt hat: Mitgefühl und Verständnis. Trotz des vielen Leids, Unverständnisses und Schams, von denen ihr Dasein geprägt ist, ist sie in der Lage, mit den Menschen mitzufühlen, die Minya gerne zu ihren Feinden erklärt und so wird auch sie zur zerrissenen, tragischen Heldin, die wie Lazlo auch einfach nur dazugehören will. Durch die unglücklichen Verstrickungen am Ende des zweiten Teils hat sie zwar ihr Leben verloren, kann als Geist aber trotzdem noch denen nahe sein, die sie liebt und auch ihre Gabe ist nicht verloren. Leider ist sie aber nun abhängig von Minyas Güte und nur ein Fehler könnte ihr Dasein endgültig beenden. Hier muss sie sich nun endgültig entscheiden, wer sie sein will: die Muse der Albträume oder die Göttin der Träume...


"Göttin der Träume. Die Worte träufelten honigsüß in Sarais Bewusstsein, und sie sah das Bild zweier Mädchen mit zimtfarbenen Haaren vor sich, die sich gegenseitig im Spiegel betrachteten, die Muse der Albträume und die Göttin der Träume. Welche war real und welche nur ein Abbild?"


Die Beziehung zwischen Lazlo und Sarai, die im vergangenen Band so zart entwickelt wurde, blüht hier trotz aller widrigen Umstände weiter auf, tritt jedoch zugunsten eines weiteren Charakters ein wenig in den Hintergrund: Minya. Gerade als ich dachte, dass ich endlich einen ganz eindeutig bösen Protagonisten gefunden habe, den ich hassen kann, wendet die Autorin das Blatt komplett, erzählt ihre Geschichte und nimmt uns mit in ihre Träume, ihren verwirrten, traumatisierten Geist und füllt uns mit Mitgefühl und Verständnis für dieses arme Geschöpf in Gestalt eines alterslosen Mädchens mit kalten Augen... Neben Minya werden auch eine ganze Menge weiterer Protagonisten vertieft und weiterentwickelt. Zum Beispiel wird die Hintergrundgeschichte von Eril-Fane und Azareen endlich lückenlos erzählt und auch Lazlos ehemalige Reisegefährten rücken hier wieder ein bisschen mehr in den Vordergrund. Das Sahnehäubchen auf der Torte stellte dann die sich leise anbahnende Romanze zwischen dem eingebildeten Alchemisten-Schönling Nero und dem Tizerkan Ruza dar, die so natürlich und sympathisch daherkam, dass man der Autorin den sehr späten Zeitpunkt dieser Entwicklung großmütig nachsah. Neben diesem bekannten, bunten Kreis an liebgewonnenen Protagonisten tauchen auch in den aller letzten Zügen der Geschichte noch einige spannende, neue Gesichert auf, die die ungewöhnliche Wohngemeinschaft in der Zitadelle ordentlich aufmischen. Wen ich damit meine - lest selbst...


"Das Bewusstsein ist gut im Verstecken, aber eine Fähigkeit besitzt es nicht: Es kann nichts ausradieren. Was verborgen und begraben wird, ist deshalb nicht fort. In Minyas Gedächtnis befand sich eine unsichtbare Falltür. Oder auch eine Schublade mit einem Geheimfach ... eine schwebende Metallkugel mit einem Portal, das in eine albtraumhafte Welt führte. Jedenfalls war dieser Ort nu aufgesplittert, explodiert, und die Wahrheit quoll heraus wie Blut."


Das eigentliche Ende gönnt dem Leser nach dem temporeichen Showdown einen kleinen Moment zum Luftschnappen, bevor es an den Abschied geht. Auch in diesem Ende bleibt sich die Autorin treu und wählt keinen allerwelts-Abschluss für ihre besondere Reihe, was dieses Finale zu genau dem macht, was ein Finale sein sollte: ein würdiger Abschluss, der in eine unvorhergesehene aber stimmige Richtung geht. Zwar gibt es nicht für jeden ein Happy End, mit einer ordentlichen Portion Offenheit in den einen und süßer Gewissheit in anderen Handlungssträngen ist dieser Schluss aber schön zu Ende gedacht und alles in allem ein befriedigender Abschluss.


"Es war einmal ein Mädchen, das seiner Schwester einen Schwur leistete und nicht wusste, wie sie ihn brechen sollte. Stattdessen wurde sie davon gebrochen. Es war einmal eine Schwester, der das Unmögliche gelang, doch um Haaresbreite zu spät. (...) Dann war alles vorbei. Oder vielleicht fing etwas Neues an. Wer es weiß, kann nicht davon erzählen, und die die davon erzählen, wissen es nicht."




Fazit:


Der abschließende vierte Teil des Fantasy-Epos präsentiert sich nun als einziger spannender Showdown, der endlich alle brennenden Fragen beantwortet und die vielen Fäden der Handlung kunstvoll zusammenführt. War die Reihe zuvor noch von atmosphärischer Spannung, unbeantworteten Geheimnissen und einzelnen Highlights geprägt, schaltet die Autorin in den Action Modus um und enthüllt im Kapiteltakt, was lange verborgen war. Zusammen mit dem tollen Schreibstil und den weitergeführten Charakterisierungen ist "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" ein würdiger Abschluss einer besonderen Reihe.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.09.2020

Der würdige Abschluss einer besonderen Reihe!

Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin
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Laini Taylor träumte schon in "Strange the Dreamer - Der Junge der träumte", "Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe" und "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" eine wundervolle Welt voller ...

Laini Taylor träumte schon in "Strange the Dreamer - Der Junge der träumte", "Strange the Dreamer - Ein Traum von Liebe" und "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" eine wundervolle Welt voller legendärer Mysterien über wütende Götter, gestohlenen Wörtern, verschwindenden Namen, unzerstörbarer Metalle, schrecklicher Albträume, gequälten Geistern, gefallenen Engeln, wunderschönen Monstern, gewiefter Alchemie und unglaublicher Magie herbei, sodass ich es kaum erwarten konnte, mit der Fortsetzung nach "Weep" zurückzukehren. Der abschließende vierte Teil des Fantasy-Epos präsentiert sich nun als einziger spannender Showdown, der endlich alle brennenden Fragen beantwortet und die vielen Fäden der Handlung kunstvoll zusammenführt.

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass die Geschichte, die im Original nur zwei Teile ("Strange the Dreamer" und "Muse of Nightmares") hat, im deutschen in vier Teile aufgeteilt wurde. Dieses Buch ist also die zweite Hälfte von "Muse of Nightmares", welches die im Deutschen vierbändige Reihe abschließt. Ich kann es auch in meiner vierten Rezension zu der Reihe nur nochmal wiederholen: Meiner Meinung nach wäre diese Trennung schlicht nicht nötig gewesen. Bei Fantasy-Reihen ist ein Buch mit über 600 Seiten absolut kein Problem und so sind die zwei Teile der Geschichte wirklich sehr dünn und wirken außerdem alleinstehend unvollständig abgewürgt. Während die ersten beiden Teile noch genügend eigenstehende Handlung hatten, um zwei separate Geschichte zu tragen, leiden vor allem der dritte und der vierte Teil sehr unter der Spaltung durch den Verlag. Denn während sich Laini Taylor in "Muse of Nightmares - Das Geheimnis des Träumers" lediglich warmläuft und neue Probleme, Charaktere und Hintergründe anteasert, ist "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" das genaue Gegenteil und besteht praktisch nur aus einem einzigen Showdown. Zusammengenommen ergeben beide Bände ein Finale, in dem zuerst eine brodelnde Grundatmosphäre aufgebaut wird, bevor es zur Sache geht. Auseinandergerissen wirken sowohl Teil 3 als auch Teil 4 unvollständig und einseitig.


Erster Satz: "Sarai gab Minya eine kleine Dosis des Lall."


Abgesehen von der fragwürdigen Aufspaltung finde ich die sonstige Gestaltung aber einfach wunderschön! Das Cover ist dieses Mal in einem matten Silber gehalten und wieder von helleren Lichtbahnen und Wolken durchzogen, die einen Hauch von Wissenschaft und Symmetrie hinzufügen. Dieser letzte Teil fügt sich damit perfekt in die Reihe ein, die nun aus jeweils zwei farbigen Covern mit Metallic-Schrift und zwei Metallic-Covern mit farbiger Schrift besteht. Im Mittelpunkt steht hier wieder die rote Form eines Adlers, der wohl Irrlicht verkörpert, welcher in der Geschichte ein zentrales Motiv darstellt. Die Kapitelanfänge werden ebenfalls durch den Adler geziert und die fantasievollen Überschriften zeigen auf, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen wird. Eine Protagonistin sagt an einer Stelle der Geschichte, alle wahren Geschichten seien wunderschön und voller Monster und Lazlo solle ihr etwas Wildes und Unglaubliches erträumen. Das hat sich die Autorin wohl auch als Maßstab gesetzt, denn die Geschichte, die Welt die sie für uns herbeiträumt wirkt wirklich wunderschön, monströs, morbide, sanft, farbenfroh und einfach - alles zugleich.

Während im ersten Teil eher die Abenteuerkomponente von Lazlos Reise und die Magie des Ergründens des Geheimnisses von Weep im Vordergrund standen, der zweite Teil eher eine Liebesgeschichte war, die in einem spektakulären Showdown gipfelt und sich der dritte Teil wie eine sich langsam steigernde Vorbereitung für das große Finale las, geht es hier endlich zur Sache. Zwar kann man nur äußerst wenig über den Verlauf der Handlung verraten, ohne zu spoilern, ich kann aber versichern, dass hier einige actionreiche Kämpfe, dramatische Racheaktionen, überraschende Wendungen und spannende Zusammentreffen auf uns zukommen. Denn wenn die Autorin eines beherrscht, dann ist es ihr Handlung in unvorhergesehene Gefilde abseits der typischen Fantasy-Abläufe zu treiben. Wieder einmal scheinen Laini Taylor Genregrenzen und Erzählgrundsätze nicht besonders wichtig zu sein, denn sie tanzt zwischen verschiedenen Genres und schildert unglaubliche Situationen, durch die die Geschichte wie ein einziger skurriler, kunterbunter, wunderschöner Traum, aus dem man gar nicht mehr erwachen will. Statt uns wie so oft in Fantasy-Finals eine große Schlacht aufzutischen, setzt sie auf ein chaotisches Aufeinandertreffen aller sorgfältig vorgestellten Parteien, welches absolut unvorhersehbar aufläuft und alle Handlungsfäden kunstvoll vereint.


"Früher einmal war Nova nur die Hälfte eines Namens gewesen. Koraundnova klang wie Musik, heil und ganz. Nova allein war ein scharfkantiges, zerbrechliches Fragment. Wann immer sie es hörte, zerbrach sie innerlich aufs Neue."


Dabei setzt sie jedoch nicht nur auf Kämpfe und Wendungen sondern nimmt sich auch genügend Zeit, alle brennenden Fragen über das Mysterium Weep, die Kinder der Götter, die Seraphim, der Vogel Irrlicht und die Zitadelle zu beantworten. Auch Kora und Nova, die wir zu Beginn des dritten Teils kennengelernt haben und deren Geschichte zu Beginn in keinem Zusammenhang mit der Haupthandlung in Weep zu stehen schien, spielen hier eine unerwartete Schlüsselrolle. Sprich: War die Reihe zuvor noch von atmosphärischer Spannung, unbeantworteten Geheimnissen und einzelnen Highlights geprägt, schaltet die Autorin in den Action Modus um und enthüllt im Kapiteltakt, was lange verborgen war. Sehr nett ist auch, dass Fans der Autorin einige subtile Querverweise zu einer anderen Fantasy-Reihe auffallen werden und weitere Andeutungen Platz für eine Spinn-Off-Reihe freiräumen.


"Der Vogel wirbelte einen Windstoß hinter sich her, der eine weitere Stimme mitbrachte. In harscher Harmonie rankte sie sich um den gellenden Adlerschrei. Das Wabern in der Luft dellte sich hervor, klaffte auf und enthüllte Leiber, Arme, Waffen. Ein gnadenloser Ansturm. "


Abermals lobend zu erwähnen ist auch Laini Taylors unfassbarer Schreibstil, der zu den schönsten gehört, die ich jemals kosten durfte. Legendäre Mysterien über wütende Götter, gestohlenen Wörtern, verschwindenden Namen, unzerstörbare Metalle, schreckliche Albträume, gequälte Geister, gefallene Engel, wunderschöne Monster, gewiefte Alchemie und unglaubliche Magie - sanft und poetisch, eindringlich und voll träumerischer Süße nimmt sie uns mit auf eine ereignisreiche Reise durch die sagenumwobene Stadt Weep und darüber hinaus... Im Großen wie im Kleinen findet sie dabei großartige und manchmal auch absurde Sprachbilder, die uns ihr Setting oder die Gefühle der Protagonisten näher bringen und als weiteres Alleinstellungsmerkmal hervorstechen. Dabei kommen auch detailreiche, bildhafte Ausschmückungen nicht zu kurz, sodass eine magische Atmosphäre entsteht, die dank der fabelhaften Übersetzung Ulrike Raimer-Noltes nicht leidet. Falls das überhaupt möglich sein sollte, wird ihr Schreibstil hier noch besser - denn diese Geschichte besteht praktisch nur aus diesem gewissen, magischen Etwas, dem fantastischen Prickeln, das man nur in wenigen Büchern findet.


"Eril-Fane spürte, wie seine Kehle sich verengte und seine Fäuste sich zusammenkrampften, während seien Herzen von einer plötzlichen Liebe anschwollen, die schlicht und allumfassend war: für seine Stadt, sein Volk, seine Mutter, seien Ehefrau und diese wunderschönen blauen Kinder, die ganz auf sich alleingestellt überlebt hatten."


Fast noch wichtiger als Setting und Schreibstil sind jedoch die zwei wundervollen Protagonisten, die wir hier trotz des Handlungsfokus´ nicht aus den Augen verlieren. Mit feinfühligen Beschreibungen hebt Laini Taylor ihre beiden Protagonisten aus dem bunten Meer aus Träumereien, Göttern, Monstern und Geistern hervor und lässt sie lebendig werden. Dabei ist vor allem Lazlo fern ab von jeglichem Klischee konstruiert und unterscheidet sich drastisch von üblichen oder gar durchschnittlichen Protagonisten einer Fantasy-Serie. Der unscheinbare, unansehnliche Junge besitzt nichts als seine Geschichten, seine Träume, seine Fantasie, welche er tief im Herzen als seinen größten Schatz verwahrt und doch macht ihn das zur reichsten Person des ganzen Landes. Seine kindliche Ehrfurcht, die neugierige Begeisterung und die demütige Höflichkeit, mit der er der Welt begegnet nehmen den Leser sofort für diesen sanftmütigen, jungen Mann ein und garantieren, dass man mit ihm mitfiebert und dieser Figur von Herzen das Beste wünscht. Dass er selbst ein mächtiger Gott ist, das Mesarthium befehlen kann, eine Familie hat, eine Schwester und zugleich durch Sarais Tod so viel verloren hat, setzt ihm natürlich sehr zu und bringt sein Selbstbild durcheinander. Hier nimmt sich die Autorin tatsächlich ausreichend Zeit, sich mit den Auswirkungen der Enthüllung auf seinen Charakter zu beschäftigen, was man bei Fantasy-Romanen auch nicht jeden Tag liest!


"Wünsche erfüllen sich nicht einfach. Sie sind nur die Zielscheibe, die man um seine Zukunftspläne malt. Ins Schwarze treffen musst du schon selbst."


Auch Sarai scheint nicht in die Welt zu passen, in der sie lebt - eingesperrt mit Monstern, die ihre Familie sind, in einem Schloss hoch über den Wolken. Genauso sehr wie sich Lazlo nach dem Absonderlichen und Wunderbaren streckt, sehnt sich danach, einfach normal zu sein und dazuzugehören. Durch die täglichen Besuche in den Träumen der Bewohner von Weep hat sie etwas gefunden, dass den schwelenden Hass, der in den Herzen der Götterkinder auch nach Jahren noch glüht, abgekühlt hat: Mitgefühl und Verständnis. Trotz des vielen Leids, Unverständnisses und Schams, von denen ihr Dasein geprägt ist, ist sie in der Lage, mit den Menschen mitzufühlen, die Minya gerne zu ihren Feinden erklärt und so wird auch sie zur zerrissenen, tragischen Heldin, die wie Lazlo auch einfach nur dazugehören will. Durch die unglücklichen Verstrickungen am Ende des zweiten Teils hat sie zwar ihr Leben verloren, kann als Geist aber trotzdem noch denen nahe sein, die sie liebt und auch ihre Gabe ist nicht verloren. Leider ist sie aber nun abhängig von Minyas Güte und nur ein Fehler könnte ihr Dasein endgültig beenden. Hier muss sie sich nun endgültig entscheiden, wer sie sein will: die Muse der Albträume oder die Göttin der Träume...


"Göttin der Träume. Die Worte träufelten honigsüß in Sarais Bewusstsein, und sie sah das Bild zweier Mädchen mit zimtfarbenen Haaren vor sich, die sich gegenseitig im Spiegel betrachteten, die Muse der Albträume und die Göttin der Träume. Welche war real und welche nur ein Abbild?"


Die Beziehung zwischen Lazlo und Sarai, die im vergangenen Band so zart entwickelt wurde, blüht hier trotz aller widrigen Umstände weiter auf, tritt jedoch zugunsten eines weiteren Charakters ein wenig in den Hintergrund: Minya. Gerade als ich dachte, dass ich endlich einen ganz eindeutig bösen Protagonisten gefunden habe, den ich hassen kann, wendet die Autorin das Blatt komplett, erzählt ihre Geschichte und nimmt uns mit in ihre Träume, ihren verwirrten, traumatisierten Geist und füllt uns mit Mitgefühl und Verständnis für dieses arme Geschöpf in Gestalt eines alterslosen Mädchens mit kalten Augen... Neben Minya werden auch eine ganze Menge weiterer Protagonisten vertieft und weiterentwickelt. Zum Beispiel wird die Hintergrundgeschichte von Eril-Fane und Azareen endlich lückenlos erzählt und auch Lazlos ehemalige Reisegefährten rücken hier wieder ein bisschen mehr in den Vordergrund. Das Sahnehäubchen auf der Torte stellte dann die sich leise anbahnende Romanze zwischen dem eingebildeten Alchemisten-Schönling Nero und dem Tizerkan Ruza dar, die so natürlich und sympathisch daherkam, dass man der Autorin den sehr späten Zeitpunkt dieser Entwicklung großmütig nachsah. Neben diesem bekannten, bunten Kreis an liebgewonnenen Protagonisten tauchen auch in den aller letzten Zügen der Geschichte noch einige spannende, neue Gesichert auf, die die ungewöhnliche Wohngemeinschaft in der Zitadelle ordentlich aufmischen. Wen ich damit meine - lest selbst...


"Das Bewusstsein ist gut im Verstecken, aber eine Fähigkeit besitzt es nicht: Es kann nichts ausradieren. Was verborgen und begraben wird, ist deshalb nicht fort. In Minyas Gedächtnis befand sich eine unsichtbare Falltür. Oder auch eine Schublade mit einem Geheimfach ... eine schwebende Metallkugel mit einem Portal, das in eine albtraumhafte Welt führte. Jedenfalls war dieser Ort nu aufgesplittert, explodiert, und die Wahrheit quoll heraus wie Blut."


Das eigentliche Ende gönnt dem Leser nach dem temporeichen Showdown einen kleinen Moment zum Luftschnappen, bevor es an den Abschied geht. Auch in diesem Ende bleibt sich die Autorin treu und wählt keinen allerwelts-Abschluss für ihre besondere Reihe, was dieses Finale zu genau dem macht, was ein Finale sein sollte: ein würdiger Abschluss, der in eine unvorhergesehene aber stimmige Richtung geht. Zwar gibt es nicht für jeden ein Happy End, mit einer ordentlichen Portion Offenheit in den einen und süßer Gewissheit in anderen Handlungssträngen ist dieser Schluss aber schön zu Ende gedacht und alles in allem ein befriedigender Abschluss.


"Es war einmal ein Mädchen, das seiner Schwester einen Schwur leistete und nicht wusste, wie sie ihn brechen sollte. Stattdessen wurde sie davon gebrochen. Es war einmal eine Schwester, der das Unmögliche gelang, doch um Haaresbreite zu spät. (...) Dann war alles vorbei. Oder vielleicht fing etwas Neues an. Wer es weiß, kann nicht davon erzählen, und die die davon erzählen, wissen es nicht."




Fazit:


Der abschließende vierte Teil des Fantasy-Epos präsentiert sich nun als einziger spannender Showdown, der endlich alle brennenden Fragen beantwortet und die vielen Fäden der Handlung kunstvoll zusammenführt. War die Reihe zuvor noch von atmosphärischer Spannung, unbeantworteten Geheimnissen und einzelnen Highlights geprägt, schaltet die Autorin in den Action Modus um und enthüllt im Kapiteltakt, was lange verborgen war. Zusammen mit dem tollen Schreibstil und den weitergeführten Charakterisierungen ist "Muse of Nightmares - Das Erwachen der Träumerin" ein würdiger Abschluss einer besonderen Reihe.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere