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Veröffentlicht am 16.02.2020

Diese Geschichte wird leider nur sehr anspruchslose Fans des Genres überzeugen.

Heartbreaker
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"Heartbreaker" war meine Strategie, mit meinem Stress in der Prüfungsphase umzugehen und mich abzulenken. Das hat im Endeffekt auch gut geklappt, denn der Roman macht gute Laune - wenn man sich nicht gerade ...

"Heartbreaker" war meine Strategie, mit meinem Stress in der Prüfungsphase umzugehen und mich abzulenken. Das hat im Endeffekt auch gut geklappt, denn der Roman macht gute Laune - wenn man sich nicht gerade über die stereotype Geschichte oder die überzogene Erotik aufregt...

Das Cover passt mit der Andeutung eines Penthouses mit glänzendem Boden, Glasfront, Stahlträgern, dem Ausblick auf die Skyline von Harbor City und der Rückansicht eines Mannes im Anzug sehr gut zur Geschichte, verrät aber nicht Zuviel und lässt der Fantasie Freiheiten. Auch der Titel ist prägnant, wenn auch nicht mit besonders hohem Alleinstellungswert gewählt, wobei ich mich auch hier mal wieder fragen musste, warum man als Verlag nicht einfach den englischen Originaltitel übernehmen kann, wenn man sich schon für einen Titel in der englischen Sprache entscheidet. "The Negotiator" - wie der Roman im Original heißt, hätte für mich nochmal eine ganze Spur besser gepasst. Ansonsten kann man noch bemängeln, dass nicht gekennzeichnet ist, ab wann aus Sawyers und wann aus Clovers Perspektive (personaler Er-Erzähler) erzählt wird. An den allermeisten Stellen kann man sich es nach einigen Sätze erschließen, da aber kaum Szenen auftreten, in denen sie nicht zusammen auftauchen und die Perspektive auch gern mal mitten in der Szene wechselt, kann man schon mal verwirrt werden.


Erste Sätze: "Ich werde dich umbringen, Hudson. Langsam. Mit einem Löffel."


Schon beim ersten Satz hatte ich ein Grinsen im Gesicht. Wir lernen den Unternehmer und Millionär Sawyer Carlyle kennen, der wütend auf sein Bruder ist, weil der sich mal wieder einen Scherz erlaubt und eine Stelle als persönlicher Puffer ausgeschrieben hat, ohne damit gerechnet zu haben, dass sich tatsächlich auch jemand auf diese Stelle bewerben wird.


„Oft mürrische, arbeitssüchtige und anspruchsvolle Führungskraft sucht kurzfristig »Puffer« für lästige äußere Ablenkungen alias Menschen. Aufdringliche Freigeister mit übertriebenen Marotten oder genereller Überempfindlichkeit werden nicht eingestellt. Bewerber sollten rund um die Uhr verfügbar sein. Gehalt verhandelbar. Diskretion obligatorisch.“


Als wäre dieser öffentliche Streich gegen ihn schon genug, sitzt sein Empfangsbereich nun auch noch voll mit Bewerbern auf eine Stelle, die es gar nicht gibt. Als eine der Bewerberinnen - eine junge Abenteurerin - in einer zufälligen Begegnung Sawyers schwierige, kuppelsüchtige Diven-Mutter zur Schnecke macht und tatsächlich zum Rückzug bewegt, muss er jedoch neidlos anerkennen dass diese junge Frau sein Leben tatsächlich einfacher machen würde und er stellt sie ein. Auch für Clover ist das überraschende Jobangebot ein riesiger Gewinn. Mit den 15000 Euro, die sie für sechs Wochen Anstellung erhält, will sie sich ihr nächstes Abenteuer in Australien finanzieren. Dass sich aus dieser Win-Win-Situation mehr entwickeln würde, war keinem von ihnen klar doch als ihnen die Liebe in die Quere kommt, müssen sie ihren Lebensplan noch einmal überdenken und herausfinden, was sie wirklich mit ihrer Zeit anfangen wollen...

Was nach einer echt netten - wenn auch absolut nicht neuen - Idee klingt, stellt sich bald als sehr wenig Inhalt für die knapp 300 Seiten heraus. Denn wenn man die körperliche Anziehung, die tausend Sex-Szenen, ein paar kurze Auftritte auf sozialen Events und spritzige Dialoge abzieht, bleibt nicht mehr viel übrig. Dazu kommt, dass viele Stellen im Besten Fall unauthentisch, eher unrealistisch erscheinen. Schon das Grundkonstrukt steht meiner Meinung nach auf wackligen Beinen: ich meine als ob jemand der bei ihm zuhause wohnt und gemeinsamen Aktivitäten nachgeht, um eine angebliche Verlobung aufrechtzuerhalten, weniger von der Arbeit und einem wichtigen Deal ablenkt als die Kuppelversuche seiner Mutter? Außerdem erfährt man dafür dass Sawyer seine Arbeit so wichtig ist basically Null über das, was er eigentlich macht und erlebt ihn stattdessen immer wieder beim Sportmachen, Herumlungern oder in versauten Fantasien schwelgen. Was sehr unterhaltsam, rasant und heiß klingt und auch beginnt, wird also leider bald zu einem einzigen Klischee und wenn man die vielen Erotikszenen (und mit vielen meine ich wirklich jede zweite Szene, augenroll) abzieht, bleibt nur heiße Luft.


"Das Leben tut, was es will, es richtet sich selten danach, wie du es dir vorstellst", sagte ihre Mutter. "Außerdem haben nicht alle Abenteuer etwas mit dem Retten des Regenwaldes zu tun. Einige von ihnen beinhalten, dass du dein Herz riskierst - und diese Art von Abenteuer ist genauso wichtig."


Wenn man sich jedoch nicht an einem klischeehaften Aufbau, dünner Handlung, überzogener Erotik oder einigen logischen Problemen stört - also ein sehr anspruchsloser Fan des Genres (oder wie in meinem Fall: sehr gestresst ist und nach Ablenkung sucht) kann man aber durchaus Spaß haben. Dafür sorgt in erster Linie Avery Flynns witziger Schreibstil mit ihrer teilweise absurden Szenengestaltung, den schlagfertigen Dialogen und der greifbaren (wenn auch stark sexualisierten) Anziehungskraft zwischen den Protagonisten. An zweiter Stelle sorgt die weibliche Protagonistin Clover alias Clover alias Jane Lee dafür, dass man zwischen dem ganzen Augenrollen auch immer wieder grinsen muss. Die spritzige Abenteurerin ist nicht auf den Mund gefallen, flucht gerne in fremden Sprachen, trägt ausgefallene Kleider, liebt Upcycling-Marathons und erscheint mit ihrer selbstbewussten und selbstbestimmten Art sehr sympathisch. Gut gefallen hat mir auch dass sie aufgrund ihrer durch die taffe Maske immer wieder durchscheinende Orientierungslosigkeit, mehr Tiefe hat als alle anderen Protagonisten zusammen.


"Ich liebe es, dass du in anderen Sprachen fluchst. Ich liebe es, dass du die erste Person bist, die ich morgens sehen will, und abends de letzte, die ich berühren will. Ich liebe es, dass du mich ausmanövriert hast, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Jedes Mal.
Ich liebe dich, Clover Lee."


Leider verwandelt aber auch sie sich in der zweiten Hälfte in ein laufendes Klischee. Die sonst so reflektierte, unabhängige Frau stürzt in eine Lebenskrise als sie denkt, er liebe sie nicht - sie wird zu einem heulenden, zickenden Etwas von dem man nur dachte: wer bist du und was hast du mit Clover gemacht. Trotzdem hat sie mir um Welten besser gefallen als Sawyer, dessen einziger Pluspunkt sein Faible für Liebeskomödien ist. Ansonsten hatte ich für den typischen heißer CEO mit übersteigertem Ego, keinem Blick für Details, Blindheit gegenüber Clovers Gefühlen und seiner nervigen Dauergeilheit nicht viel übrig. Wie in diesem Genre so häufig scheint er eine reine Projektionsfigur für weibliche Fantasien zu sein lässt aber vermissen, was ich an Protagonisten wirklich mag: Charakterentwicklung! Trotz dass beide Protagonisten abwechselnd erzählen, fehlte mir definitiv die Nähe zu Sawyer, sodass ich ihn leider bald nur noch als Pseudocharakter wahrnahm.

Als wir dann nach viel vorhersehbarem Hin und Her gerade die obligatorische Prä-Happy-End-Krise überstanden hatten und ich dachte, wir könnten jetzt endlich noch ein bisschen emotionale Entwicklung abseits von Drama oder Sex bekommen - hörte das Buch einfach auf und die Restseiten in meiner Hand, die mir noch Hoffnung geschenkt hatten entpuppten sich als 50 (!) Seiten an Leseproben für die beiden folgenden Bände. Als dann auf den plötzlichen Schluss auch noch ein echt übertriebenes Happy End folgte, welches mir mit der "plötzliche Heirat/ Kinder/Liebe des Lebens"-Nummer vor dem Hintergrund, dass die Charaktere sich 300 Seiten entweder angegiftet haben oder Sex hatten, ein wenig überzogen erschien. So ließ mich das Buch ein wenig unentschlossen zurück, ob ich die weiteren Bände auch lesen soll.


Fazit:


Ziemlich viele Klischees, eine sehr dünne Handlung, kaum emotionale Entwicklung, viel zu viel Erotik und ein stereotyper, teilweise unsympathischer männlicher Protagonist - diese Geschichte wird leider nur sehr anspruchslose Fans des Genres überzeugen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.02.2020

Diese Geschichte wird leider nur sehr anspruchslose Fans des Genres überzeugen.

Heartbreaker
0

"Heartbreaker" war meine Strategie, mit meinem Stress in der Prüfungsphase umzugehen und mich abzulenken. Das hat im Endeffekt auch gut geklappt, denn der Roman macht gute Laune - wenn man sich nicht gerade ...

"Heartbreaker" war meine Strategie, mit meinem Stress in der Prüfungsphase umzugehen und mich abzulenken. Das hat im Endeffekt auch gut geklappt, denn der Roman macht gute Laune - wenn man sich nicht gerade über die stereotype Geschichte oder die überzogene Erotik aufregt...

Das Cover passt mit der Andeutung eines Penthouses mit glänzendem Boden, Glasfront, Stahlträgern, dem Ausblick auf die Skyline von Harbor City und der Rückansicht eines Mannes im Anzug sehr gut zur Geschichte, verrät aber nicht Zuviel und lässt der Fantasie Freiheiten. Auch der Titel ist prägnant, wenn auch nicht mit besonders hohem Alleinstellungswert gewählt, wobei ich mich auch hier mal wieder fragen musste, warum man als Verlag nicht einfach den englischen Originaltitel übernehmen kann, wenn man sich schon für einen Titel in der englischen Sprache entscheidet. "The Negotiator" - wie der Roman im Original heißt, hätte für mich nochmal eine ganze Spur besser gepasst. Ansonsten kann man noch bemängeln, dass nicht gekennzeichnet ist, ab wann aus Sawyers und wann aus Clovers Perspektive (personaler Er-Erzähler) erzählt wird. An den allermeisten Stellen kann man sich es nach einigen Sätze erschließen, da aber kaum Szenen auftreten, in denen sie nicht zusammen auftauchen und die Perspektive auch gern mal mitten in der Szene wechselt, kann man schon mal verwirrt werden.


Erste Sätze: "Ich werde dich umbringen, Hudson. Langsam. Mit einem Löffel."


Schon beim ersten Satz hatte ich ein Grinsen im Gesicht. Wir lernen den Unternehmer und Millionär Sawyer Carlyle kennen, der wütend auf sein Bruder ist, weil der sich mal wieder einen Scherz erlaubt und eine Stelle als persönlicher Puffer ausgeschrieben hat, ohne damit gerechnet zu haben, dass sich tatsächlich auch jemand auf diese Stelle bewerben wird.


„Oft mürrische, arbeitssüchtige und anspruchsvolle Führungskraft sucht kurzfristig »Puffer« für lästige äußere Ablenkungen alias Menschen. Aufdringliche Freigeister mit übertriebenen Marotten oder genereller Überempfindlichkeit werden nicht eingestellt. Bewerber sollten rund um die Uhr verfügbar sein. Gehalt verhandelbar. Diskretion obligatorisch.“


Als wäre dieser öffentliche Streich gegen ihn schon genug, sitzt sein Empfangsbereich nun auch noch voll mit Bewerbern auf eine Stelle, die es gar nicht gibt. Als eine der Bewerberinnen - eine junge Abenteurerin - in einer zufälligen Begegnung Sawyers schwierige, kuppelsüchtige Diven-Mutter zur Schnecke macht und tatsächlich zum Rückzug bewegt, muss er jedoch neidlos anerkennen dass diese junge Frau sein Leben tatsächlich einfacher machen würde und er stellt sie ein. Auch für Clover ist das überraschende Jobangebot ein riesiger Gewinn. Mit den 15000 Euro, die sie für sechs Wochen Anstellung erhält, will sie sich ihr nächstes Abenteuer in Australien finanzieren. Dass sich aus dieser Win-Win-Situation mehr entwickeln würde, war keinem von ihnen klar doch als ihnen die Liebe in die Quere kommt, müssen sie ihren Lebensplan noch einmal überdenken und herausfinden, was sie wirklich mit ihrer Zeit anfangen wollen...

Was nach einer echt netten - wenn auch absolut nicht neuen - Idee klingt, stellt sich bald als sehr wenig Inhalt für die knapp 300 Seiten heraus. Denn wenn man die körperliche Anziehung, die tausend Sex-Szenen, ein paar kurze Auftritte auf sozialen Events und spritzige Dialoge abzieht, bleibt nicht mehr viel übrig. Dazu kommt, dass viele Stellen im Besten Fall unauthentisch, eher unrealistisch erscheinen. Schon das Grundkonstrukt steht meiner Meinung nach auf wackligen Beinen: ich meine als ob jemand der bei ihm zuhause wohnt und gemeinsamen Aktivitäten nachgeht, um eine angebliche Verlobung aufrechtzuerhalten, weniger von der Arbeit und einem wichtigen Deal ablenkt als die Kuppelversuche seiner Mutter? Außerdem erfährt man dafür dass Sawyer seine Arbeit so wichtig ist basically Null über das, was er eigentlich macht und erlebt ihn stattdessen immer wieder beim Sportmachen, Herumlungern oder in versauten Fantasien schwelgen. Was sehr unterhaltsam, rasant und heiß klingt und auch beginnt, wird also leider bald zu einem einzigen Klischee und wenn man die vielen Erotikszenen (und mit vielen meine ich wirklich jede zweite Szene, augenroll) abzieht, bleibt nur heiße Luft.


"Das Leben tut, was es will, es richtet sich selten danach, wie du es dir vorstellst", sagte ihre Mutter. "Außerdem haben nicht alle Abenteuer etwas mit dem Retten des Regenwaldes zu tun. Einige von ihnen beinhalten, dass du dein Herz riskierst - und diese Art von Abenteuer ist genauso wichtig."


Wenn man sich jedoch nicht an einem klischeehaften Aufbau, dünner Handlung, überzogener Erotik oder einigen logischen Problemen stört - also ein sehr anspruchsloser Fan des Genres (oder wie in meinem Fall: sehr gestresst ist und nach Ablenkung sucht) kann man aber durchaus Spaß haben. Dafür sorgt in erster Linie Avery Flynns witziger Schreibstil mit ihrer teilweise absurden Szenengestaltung, den schlagfertigen Dialogen und der greifbaren (wenn auch stark sexualisierten) Anziehungskraft zwischen den Protagonisten. An zweiter Stelle sorgt die weibliche Protagonistin Clover alias Clover alias Jane Lee dafür, dass man zwischen dem ganzen Augenrollen auch immer wieder grinsen muss. Die spritzige Abenteurerin ist nicht auf den Mund gefallen, flucht gerne in fremden Sprachen, trägt ausgefallene Kleider, liebt Upcycling-Marathons und erscheint mit ihrer selbstbewussten und selbstbestimmten Art sehr sympathisch. Gut gefallen hat mir auch dass sie aufgrund ihrer durch die taffe Maske immer wieder durchscheinende Orientierungslosigkeit, mehr Tiefe hat als alle anderen Protagonisten zusammen.


"Ich liebe es, dass du in anderen Sprachen fluchst. Ich liebe es, dass du die erste Person bist, die ich morgens sehen will, und abends de letzte, die ich berühren will. Ich liebe es, dass du mich ausmanövriert hast, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. Jedes Mal.
Ich liebe dich, Clover Lee."


Leider verwandelt aber auch sie sich in der zweiten Hälfte in ein laufendes Klischee. Die sonst so reflektierte, unabhängige Frau stürzt in eine Lebenskrise als sie denkt, er liebe sie nicht - sie wird zu einem heulenden, zickenden Etwas von dem man nur dachte: wer bist du und was hast du mit Clover gemacht. Trotzdem hat sie mir um Welten besser gefallen als Sawyer, dessen einziger Pluspunkt sein Faible für Liebeskomödien ist. Ansonsten hatte ich für den typischen heißer CEO mit übersteigertem Ego, keinem Blick für Details, Blindheit gegenüber Clovers Gefühlen und seiner nervigen Dauergeilheit nicht viel übrig. Wie in diesem Genre so häufig scheint er eine reine Projektionsfigur für weibliche Fantasien zu sein lässt aber vermissen, was ich an Protagonisten wirklich mag: Charakterentwicklung! Trotz dass beide Protagonisten abwechselnd erzählen, fehlte mir definitiv die Nähe zu Sawyer, sodass ich ihn leider bald nur noch als Pseudocharakter wahrnahm.

Als wir dann nach viel vorhersehbarem Hin und Her gerade die obligatorische Prä-Happy-End-Krise überstanden hatten und ich dachte, wir könnten jetzt endlich noch ein bisschen emotionale Entwicklung abseits von Drama oder Sex bekommen - hörte das Buch einfach auf und die Restseiten in meiner Hand, die mir noch Hoffnung geschenkt hatten entpuppten sich als 50 (!) Seiten an Leseproben für die beiden folgenden Bände. Als dann auf den plötzlichen Schluss auch noch ein echt übertriebenes Happy End folgte, welches mir mit der "plötzliche Heirat/ Kinder/Liebe des Lebens"-Nummer vor dem Hintergrund, dass die Charaktere sich 300 Seiten entweder angegiftet haben oder Sex hatten, ein wenig überzogen erschien. So ließ mich das Buch ein wenig unentschlossen zurück, ob ich die weiteren Bände auch lesen soll.


Fazit:


Ziemlich viele Klischees, eine sehr dünne Handlung, kaum emotionale Entwicklung, viel zu viel Erotik und ein stereotyper, teilweise unsympathischer männlicher Protagonist - diese Geschichte wird leider nur sehr anspruchslose Fans des Genres überzeugen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.02.2020

Rasant, authentisch, undurchsichtig.

Falling Skye (Bd. 1)
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Ich habe mittlerweile seit längerem keine Dystopie mehr gelesen - schlicht und einfach weil mich der immergleiche Aufbau, die vielen auffälligen Parallelen zu anderen Geschichten und die Holzhammer-Gesellschaftskritik ...

Ich habe mittlerweile seit längerem keine Dystopie mehr gelesen - schlicht und einfach weil mich der immergleiche Aufbau, die vielen auffälligen Parallelen zu anderen Geschichten und die Holzhammer-Gesellschaftskritik zunehmenden nerven. Bei "Falling Skye" hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl: nicht nur dass Cover und Klapptext vielversprechend aussahen und ich natürlich meine Psychologie-Kollegin unterstützen musste - die Geschichte hat mich mit ihrem einzigartigen Stil auch von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen.

Das Cover ist mit dem großen, zersplitternden Kristall mit den Leuchteffekten, dem dynamischen, blauen Hintergrund und dem silbern glänzenden Titel ein wahrer Blickfang. Durch die Silhouette des dunkelhaarigen Mädchens und die Skyline von New York im Hintergrund wird dem futuristischen Motiv etwas Bekanntes entgegengesetzt und die feinen geometrischen Linien rund um den Diamanten, die bei genauerem Hinsehen zu erkennenden roten Blutspuren auf dem Kristall, sowie die Reflexionen der Glassplitter runden das Bild gekonnt ab. Schön ist auch dass die 47 Kapitel durch eine Kristallform voneinander getrennt werden. Der Titel ist ein spannendes Sprachspiel, auf das tatsächlich schon in der ersten Szene indirekt Bezug genommen wird


Erster Satz: "Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man genau weiß, was gleich passieren wird - und man das Unausweichliche trotzdem nicht ändern kann."


Wir steigen nämlich mit einem Sturz bei einem von Skyes Laufwettkämpfen ein - eine von vielen Aktivitäten, die sie einen Schritt näher an ihren großen Traum bringen soll: nach der Kristallisierung ein "R" auf dem Handgelenk stehen zu haben um an der Cremonte Universität ihr Wahlfach studieren zu können - Journalismus, wie ihre Mutter, die vor vier Jahren verschwunden ist. In Skyes Leben dreht sich alles um Leistung, Schule, Abschlussprüfungen und die in zwei Jahren anstehende Kristallisierung, die über ihre Zukunft entscheiden wird: ist sie emotional oder rational? Ist sie ein "E" oder ein "R"? Wird sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können oder sich zu ihrem eigenen Schutz von der Gesellschaft führen lassen? Angesichts so einer wichtigen Entscheidung bleibt kein Platz für Gefühle, schließlich steht für sie genau fest, was sie werden will. Doch dann geht plötzlich alles schief: nicht nur verletzt sie ihren Schwarm Elias und handelt unüberlegt impulsiv sondern wird auch noch zwei Jahre zu früh zur Testung eingeladen wird. Schon auf dem Weg zum Zentrum muss Skye feststellen, dass sie weder ihrem Verstand noch ihren Gefühlen vertrauen darf, wenn sie ihr Leben nicht gefährden soll. Doch wem dann? Dem gutaussehenden, geheimnisvollen Testleiter, der ihr zu folgen scheint und immer wieder hilft? Dem System, dass es sie schon richtig klassifizieren wird? Im weit abgelegenen Zentrum muss Skye dann aber bald feststellen, dass mehr auf dem Spiel steht, als nur ihr "R", denn nächtliche Abtransports, öffentliche Demütigungen und tragische "Unfälle" lassen sie zweifeln, was bei der Kristallisierung wirklich getestet wird: ihr Trait oder ihre Treue...


"Wir werden mit unterschiedlichen Veranlagungen geboren, die darüber entscheiden, was für ein Leben zu uns passt. Das schreibt Cloe Cremonte im Silberstreif und daran habe ich immer geglaubt. Aber einer Führung, die eiskalte Gefühlslosigkeit als rationales Ideal verkauft, kann ich doch nicht treu sein!"


Nachdem wir kurz in Skyes Alltagswelt eingeführt werden, die sich im Grunde nicht groß von unserem Leben unterscheidet bis auf dass die USA in die "Gläsernen Nationen" umbenannt worden sind und die Klassifizierung der Gesellschaft nach Traits für Frieden und Gerechtigkeit sorgen soll, wandelt sich die lockere Atmosphäre schon bald und nimmt Thriller-artige Züge an. Erschien Skyes Leben zuvor noch recht harmlos wie das eines normalen Teenagers, häufen sich bald Indizien dafür, dass sie in einem maroden, korrupten System lebt, dass sich unter dem Deckmantel einer zukunftsorientierten, perfekten Gesellschaft versteckt. Denn neben den Tests auf verschiedenen Persönlichkeitsdimensionen wie Neurotizismus, Verträglichkeit, Extraversion, Zielstrebigkeit und Temperament (die ersten drei gehören tatsächlich zu den "Big Five" der Persönlichkeit) gibt es außerdem ein rätselhaftes Ranking, eine "Gläserne Stunde" in der die Mädchen ihre Geheimnisse verraten müssen und lückenlose Überwachung. Wozu das alles, wenn doch die Tests klar die Traits herausarbeiten sollen? Bald wird dem Leser klar, dass hinter der Testung noch viel mehr steckt als die Kategorisierung der Jugendlichen und hinter der gläsernen Fassade viele Abgründe lauern. Diskriminierung, Sexismus, Diktatur, Gleichschaltung der Medien und Zensur - statt üble Auswüchse zu vermeiden hat die neue Ordnung noch viel mehr hervorgerufen. Zusammen mit Skye geraten wir in einen rasanten, undurchsichtigen Strudel aus Ereignissen, der ihre Welt komplett über den Haufen wirft.


"Ich bin nicht nur das zielstrebige Mädchen, das Probleme logisch löst. Ich bin nicht nur die ehrgeizige Wettkampfsportlerin, die ihrem Erfolg alles andere unterordnet. Ich bin auch das Mädchen, das in den See springt, wenn jemand in Gefahr ist - ohne über die Strömung nachzudenken. Das Mädchen, das Alexander vertraut, obwohl nichts dafür spricht außer einem Gefühl. Ich bin nicht nur rational. Und seltsamerweise löst diese Feststellung keine Panik mehr in mir aus, sondern Trotz. Warum muss ich mich für eine der Seiten entscheiden?"


Beim Lesen merkt man bald, dass die junge Autorin Psychologie studiert. Nicht nur weil ihre Protagonisten im Matheunterricht über Regressionsgeraden und die Methode der kleinsten Quadrate reden, sondern auch weil ihre spannend konzipierte Gesellschaft, Skyes einfühlsame Identitätssuche, der besondere Fokus auf die Gruppendynamik der Mädchen, die abgekarteten Manipulationen und durchdachten Kampagnen der Kristallisier Wissen über menschliches Verhalten, Erleben und vor allem auch über soziale Beeinflussung erkennen lassen. Auch ihr einfühlsamer, häufig auf den Punkt treffender Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Zwar ist das Erzähltempo durch den genauen Blick auf Skyes Gedanken- und Gefühlswelt während der Tests und das Miteinbeziehen von einer kleinen Portion Teenie-Drama nicht so hoch, wie es das vielleicht hätte sein können, dennoch brodelt die Spannung geradezu und ich konnte das Buch zu keinem Zeitpunkt aus der Hand legen.

Skye ist als Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin sehr liebenswürdig und definitiv ein Sympathieträger, auch wenn sie zu Beginn sehr systemkonform, in gewisser Weise naiv und mit ihrer Zielstrebigkeit und erzwungener Emotionslosigkeit kalt wirkt. An ihrem Mitgefühl, ihrer Impulsivität wenn andere in Gefahr sind und an ihrer Leidenschaft, mit der sie sich, ihre Werte und ihre Freunde verteidigt, merkt man jedoch schnell, dass sie nicht so emotionslos und rational ist, wie sie vorgibt zu sein. Auch in anderen Charakteren täuschen wir uns zu Beginn und müssen im Verlauf der Geschichte bestellen, dass der erste Eindruck trügen kann: die kalte Jasmine lässt hinter ihre Fassade blicken, der perfekte Elias verliert sich in seiner Konformität, die emotionale Luce verbirgt ein großes Geheimnis, der schwächliche Colin packt geheime Skills aus, der geheimnisvolle Testleiter Alexander entpuppt sich als Skye wichtigster Verbündeter und auch ihre Eltern erscheinen vor dem Hintergrund der Kristallisierung plötzlich in einem ganz anderen Licht... Einen besonderen Einblick bekommen wir durch die zweite Erzählperspektive, die durch eine andere Schriftart optisch hervorgehoben wurde, die das Innenleben von Alexander/Hunter beschreibt. Leider bleibt er erstmal eine recht eindimensionale Randfigur, die vor allem die Spannung steigern und die Handlung vorantreiben soll. Auch die Liebesgeschichte schöpft ihr Potential nicht aus - so kommt Skyes plötzliche Verliebtheit fast aus dem Nichts und konnte von mir nicht ganz nachvollzogen werden. Ich habe aber die Hoffnung, dass er sich im zweiten Teil zu einer genauso eindrücklichen Persönlichkeit entwickelt wie Skye.


"Pass auf dich auf", flüstere ich, bevor ich mich abwende. Irgendwo unter dieser Festung aus Glas verbirgt sich ein Geheimnis, für das Menschen sterben müssen. Und wir werden es finden."


Bevor ich meine Lobeshymne abschließe, muss ich noch einen Kritikpunkt anbringen: an einigen Stellen wirkt die sonst so runde Handlung etwas unrealistisch. Beispielsweise scheint Alexander der Einzige zu sein, dem Skyes Fehltritte auffallen, außerdem manipuliert er immer wieder die Ergebnisse oder das ganze System, ohne dass es jemandem auffällt. Seine Verbindung zu Skye ist so offensichtlich, dass sie die anderen Mädchen damit aufziehen aber von den Testleitern merkt keiner etwas? Und trotz der vollkommenen Überwachung und neuster Technik finden die Protagonisten immer ein Schlupfloch, sich zu unterhalten? Man kann sich in den Aufgaben so nach seinem Wunsch-Trait verhalten, dass die Testung beeinflusst wird und das obwohl alle physischen Parameter genauestens aufgezeichnet werden? Für mich war die Darstellung von Überwachung und neuer Technik auf der einen Seite und Nachlässigkeiten und Schlupflöcher auf der anderen Seite ein wenig unglaubwürdig.

Leider musste ich zudem in der Hälfe feststellen, dass die Grundidee nicht ganz neu erschien. Tests zur Kategorisierung der Persönlichkeit, Konfrontation mit Ängsten in Simulationen, ein geheimer Komplott hinter den Kulissen, eine Liebesbeziehung zu einem Testleiter/Ausbilder … wen erinnert das auch ein bisschen an "Die Bestimmung"? Etliche erschütternde Geheimnisse, Tod, Verrat, Angst und mehrere überraschende Wendungen später musste ich mein Urteil dann aber nochmal überdenken. Denn die wahre Agenda, die sich hinter der Kristallisierung verbirgt ist wahrhaft gut durchdacht, glaubwürdig, authentisch und ABSOLUT EKELHAFT! Was wirklich hinter alldem steckt, hätte ich niemals erraten und vor der Art und Weise, wie die Autorin und hier überrascht und es noch schafft, eine subtile Botschaft an die Enthüllung zu hängen, hat mich wirklich beeindruckt! Von der großen Wendung abgesehen ist das Ende sehr offen und weckt vor allem die Spannung auf den nächsten Teil, der leider erst im Herbst 2020 erscheint. Ich werde auf jeden Fall weiterlesen und freue mich schon sehr auf die Fortsetzung!


"Meine Wut macht mich mutiger, als ich bin. "In Wirklichkeit geht es doch bloß darum, dass ihr Angst vor uns habt." Ich trete näher an den Konsiliar heran, der nicht viel größer ist als ich selbst. "Denn Sie irren sich: Frauen wurden keine Rechte gegeben - sie haben sie sich genommen. Und wir werden sie uns zurückholen, wenn man uns dazu zwingt."




Fazit:


Ein treffsicherer Schreibstil, eine liebenswürdige Protagonistin, ein glaubwürdiges, böses System mit Realitätsrelevanz, eine feministische Botschaft, etliche spannende Wendungen und eine atmosphärische Spannung machen dieses Debüt zu einem wirklichen Dystopie-Highlight. Rasant, authentisch, undurchsichtig: eine Mischung aus psychologischer Spannung, Gesellschaftskritik und Teenie-Drama.

Veröffentlicht am 13.02.2020

Rasant, authentisch, undurchsichtig

Falling Skye (Bd. 1)
0

Ich habe mittlerweile seit längerem keine Dystopie mehr gelesen - schlicht und einfach weil mich der immergleiche Aufbau, die vielen auffälligen Parallelen zu anderen Geschichten und die Holzhammer-Gesellschaftskritik ...

Ich habe mittlerweile seit längerem keine Dystopie mehr gelesen - schlicht und einfach weil mich der immergleiche Aufbau, die vielen auffälligen Parallelen zu anderen Geschichten und die Holzhammer-Gesellschaftskritik zunehmenden nerven. Bei "Falling Skye" hatte ich von Anfang an ein gutes Gefühl: nicht nur dass Cover und Klapptext vielversprechend aussahen und ich natürlich meine Psychologie-Kollegin unterstützen musste - die Geschichte hat mich mit ihrem einzigartigen Stil auch von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen.

Das Cover ist mit dem großen, zersplitternden Kristall mit den Leuchteffekten, dem dynamischen, blauen Hintergrund und dem silbern glänzenden Titel ein wahrer Blickfang. Durch die Silhouette des dunkelhaarigen Mädchens und die Skyline von New York im Hintergrund wird dem futuristischen Motiv etwas Bekanntes entgegengesetzt und die feinen geometrischen Linien rund um den Diamanten, die bei genauerem Hinsehen zu erkennenden roten Blutspuren auf dem Kristall, sowie die Reflexionen der Glassplitter runden das Bild gekonnt ab. Schön ist auch dass die 47 Kapitel durch eine Kristallform voneinander getrennt werden. Der Titel ist ein spannendes Sprachspiel, auf das tatsächlich schon in der ersten Szene indirekt Bezug genommen wird


Erster Satz: "Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn man genau weiß, was gleich passieren wird - und man das Unausweichliche trotzdem nicht ändern kann."


Wir steigen nämlich mit einem Sturz bei einem von Skyes Laufwettkämpfen ein - eine von vielen Aktivitäten, die sie einen Schritt näher an ihren großen Traum bringen soll: nach der Kristallisierung ein "R" auf dem Handgelenk stehen zu haben um an der Cremonte Universität ihr Wahlfach studieren zu können - Journalismus, wie ihre Mutter, die vor vier Jahren verschwunden ist. In Skyes Leben dreht sich alles um Leistung, Schule, Abschlussprüfungen und die in zwei Jahren anstehende Kristallisierung, die über ihre Zukunft entscheiden wird: ist sie emotional oder rational? Ist sie ein "E" oder ein "R"? Wird sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können oder sich zu ihrem eigenen Schutz von der Gesellschaft führen lassen? Angesichts so einer wichtigen Entscheidung bleibt kein Platz für Gefühle, schließlich steht für sie genau fest, was sie werden will. Doch dann geht plötzlich alles schief: nicht nur verletzt sie ihren Schwarm Elias und handelt unüberlegt impulsiv sondern wird auch noch zwei Jahre zu früh zur Testung eingeladen wird. Schon auf dem Weg zum Zentrum muss Skye feststellen, dass sie weder ihrem Verstand noch ihren Gefühlen vertrauen darf, wenn sie ihr Leben nicht gefährden soll. Doch wem dann? Dem gutaussehenden, geheimnisvollen Testleiter, der ihr zu folgen scheint und immer wieder hilft? Dem System, dass es sie schon richtig klassifizieren wird? Im weit abgelegenen Zentrum muss Skye dann aber bald feststellen, dass mehr auf dem Spiel steht, als nur ihr "R", denn nächtliche Abtransports, öffentliche Demütigungen und tragische "Unfälle" lassen sie zweifeln, was bei der Kristallisierung wirklich getestet wird: ihr Trait oder ihre Treue...


"Wir werden mit unterschiedlichen Veranlagungen geboren, die darüber entscheiden, was für ein Leben zu uns passt. Das schreibt Cloe Cremonte im Silberstreif und daran habe ich immer geglaubt. Aber einer Führung, die eiskalte Gefühlslosigkeit als rationales Ideal verkauft, kann ich doch nicht treu sein!"


Nachdem wir kurz in Skyes Alltagswelt eingeführt werden, die sich im Grunde nicht groß von unserem Leben unterscheidet bis auf dass die USA in die "Gläsernen Nationen" umbenannt worden sind und die Klassifizierung der Gesellschaft nach Traits für Frieden und Gerechtigkeit sorgen soll, wandelt sich die lockere Atmosphäre schon bald und nimmt Thriller-artige Züge an. Erschien Skyes Leben zuvor noch recht harmlos wie das eines normalen Teenagers, häufen sich bald Indizien dafür, dass sie in einem maroden, korrupten System lebt, dass sich unter dem Deckmantel einer zukunftsorientierten, perfekten Gesellschaft versteckt. Denn neben den Tests auf verschiedenen Persönlichkeitsdimensionen wie Neurotizismus, Verträglichkeit, Extraversion, Zielstrebigkeit und Temperament (die ersten drei gehören tatsächlich zu den "Big Five" der Persönlichkeit) gibt es außerdem ein rätselhaftes Ranking, eine "Gläserne Stunde" in der die Mädchen ihre Geheimnisse verraten müssen und lückenlose Überwachung. Wozu das alles, wenn doch die Tests klar die Traits herausarbeiten sollen? Bald wird dem Leser klar, dass hinter der Testung noch viel mehr steckt als die Kategorisierung der Jugendlichen und hinter der gläsernen Fassade viele Abgründe lauern. Diskriminierung, Sexismus, Diktatur, Gleichschaltung der Medien und Zensur - statt üble Auswüchse zu vermeiden hat die neue Ordnung noch viel mehr hervorgerufen. Zusammen mit Skye geraten wir in einen rasanten, undurchsichtigen Strudel aus Ereignissen, der ihre Welt komplett über den Haufen wirft.


"Ich bin nicht nur das zielstrebige Mädchen, das Probleme logisch löst. Ich bin nicht nur die ehrgeizige Wettkampfsportlerin, die ihrem Erfolg alles andere unterordnet. Ich bin auch das Mädchen, das in den See springt, wenn jemand in Gefahr ist - ohne über die Strömung nachzudenken. Das Mädchen, das Alexander vertraut, obwohl nichts dafür spricht außer einem Gefühl. Ich bin nicht nur rational. Und seltsamerweise löst diese Feststellung keine Panik mehr in mir aus, sondern Trotz. Warum muss ich mich für eine der Seiten entscheiden?"


Beim Lesen merkt man bald, dass die junge Autorin Psychologie studiert. Nicht nur weil ihre Protagonisten im Matheunterricht über Regressionsgeraden und die Methode der kleinsten Quadrate reden, sondern auch weil ihre spannend konzipierte Gesellschaft, Skyes einfühlsame Identitätssuche, der besondere Fokus auf die Gruppendynamik der Mädchen, die abgekarteten Manipulationen und durchdachten Kampagnen der Kristallisier Wissen über menschliches Verhalten, Erleben und vor allem auch über soziale Beeinflussung erkennen lassen. Auch ihr einfühlsamer, häufig auf den Punkt treffender Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Zwar ist das Erzähltempo durch den genauen Blick auf Skyes Gedanken- und Gefühlswelt während der Tests und das Miteinbeziehen von einer kleinen Portion Teenie-Drama nicht so hoch, wie es das vielleicht hätte sein können, dennoch brodelt die Spannung geradezu und ich konnte das Buch zu keinem Zeitpunkt aus der Hand legen.

Skye ist als Hauptprotagonistin und Ich-Erzählerin sehr liebenswürdig und definitiv ein Sympathieträger, auch wenn sie zu Beginn sehr systemkonform, in gewisser Weise naiv und mit ihrer Zielstrebigkeit und erzwungener Emotionslosigkeit kalt wirkt. An ihrem Mitgefühl, ihrer Impulsivität wenn andere in Gefahr sind und an ihrer Leidenschaft, mit der sie sich, ihre Werte und ihre Freunde verteidigt, merkt man jedoch schnell, dass sie nicht so emotionslos und rational ist, wie sie vorgibt zu sein. Auch in anderen Charakteren täuschen wir uns zu Beginn und müssen im Verlauf der Geschichte bestellen, dass der erste Eindruck trügen kann: die kalte Jasmine lässt hinter ihre Fassade blicken, der perfekte Elias verliert sich in seiner Konformität, die emotionale Luce verbirgt ein großes Geheimnis, der schwächliche Colin packt geheime Skills aus, der geheimnisvolle Testleiter Alexander entpuppt sich als Skye wichtigster Verbündeter und auch ihre Eltern erscheinen vor dem Hintergrund der Kristallisierung plötzlich in einem ganz anderen Licht... Einen besonderen Einblick bekommen wir durch die zweite Erzählperspektive, die durch eine andere Schriftart optisch hervorgehoben wurde, die das Innenleben von Alexander/Hunter beschreibt. Leider bleibt er erstmal eine recht eindimensionale Randfigur, die vor allem die Spannung steigern und die Handlung vorantreiben soll. Auch die Liebesgeschichte schöpft ihr Potential nicht aus - so kommt Skyes plötzliche Verliebtheit fast aus dem Nichts und konnte von mir nicht ganz nachvollzogen werden. Ich habe aber die Hoffnung, dass er sich im zweiten Teil zu einer genauso eindrücklichen Persönlichkeit entwickelt wie Skye.


"Pass auf dich auf", flüstere ich, bevor ich mich abwende. Irgendwo unter dieser Festung aus Glas verbirgt sich ein Geheimnis, für das Menschen sterben müssen. Und wir werden es finden."


Bevor ich meine Lobeshymne abschließe, muss ich noch einen Kritikpunkt anbringen: an einigen Stellen wirkt die sonst so runde Handlung etwas unrealistisch. Beispielsweise scheint Alexander der Einzige zu sein, dem Skyes Fehltritte auffallen, außerdem manipuliert er immer wieder die Ergebnisse oder das ganze System, ohne dass es jemandem auffällt. Seine Verbindung zu Skye ist so offensichtlich, dass sie die anderen Mädchen damit aufziehen aber von den Testleitern merkt keiner etwas? Und trotz der vollkommenen Überwachung und neuster Technik finden die Protagonisten immer ein Schlupfloch, sich zu unterhalten? Man kann sich in den Aufgaben so nach seinem Wunsch-Trait verhalten, dass die Testung beeinflusst wird und das obwohl alle physischen Parameter genauestens aufgezeichnet werden? Für mich war die Darstellung von Überwachung und neuer Technik auf der einen Seite und Nachlässigkeiten und Schlupflöcher auf der anderen Seite ein wenig unglaubwürdig.

Leider musste ich zudem in der Hälfe feststellen, dass die Grundidee nicht ganz neu erschien. Tests zur Kategorisierung der Persönlichkeit, Konfrontation mit Ängsten in Simulationen, ein geheimer Komplott hinter den Kulissen, eine Liebesbeziehung zu einem Testleiter/Ausbilder … wen erinnert das auch ein bisschen an "Die Bestimmung"? Etliche erschütternde Geheimnisse, Tod, Verrat, Angst und mehrere überraschende Wendungen später musste ich mein Urteil dann aber nochmal überdenken. Denn die wahre Agenda, die sich hinter der Kristallisierung verbirgt ist wahrhaft gut durchdacht, glaubwürdig, authentisch und ABSOLUT EKELHAFT! Was wirklich hinter alldem steckt, hätte ich niemals erraten und vor der Art und Weise, wie die Autorin und hier überrascht und es noch schafft, eine subtile Botschaft an die Enthüllung zu hängen, hat mich wirklich beeindruckt! Von der großen Wendung abgesehen ist das Ende sehr offen und weckt vor allem die Spannung auf den nächsten Teil, der leider erst im Herbst 2020 erscheint. Ich werde auf jeden Fall weiterlesen und freue mich schon sehr auf die Fortsetzung!


"Meine Wut macht mich mutiger, als ich bin. "In Wirklichkeit geht es doch bloß darum, dass ihr Angst vor uns habt." Ich trete näher an den Konsiliar heran, der nicht viel größer ist als ich selbst. "Denn Sie irren sich: Frauen wurden keine Rechte gegeben - sie haben sie sich genommen. Und wir werden sie uns zurückholen, wenn man uns dazu zwingt."




Fazit:


Ein treffsicherer Schreibstil, eine liebenswürdige Protagonistin, ein glaubwürdiges, böses System mit Realitätsrelevanz, eine feministische Botschaft, etliche spannende Wendungen und eine atmosphärische Spannung machen dieses Debüt zu einem wirklichen Dystopie-Highlight. Rasant, authentisch, undurchsichtig: eine Mischung aus psychologischer Spannung, Gesellschaftskritik und Teenie-Drama.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.02.2020

Eine typische Jugendbuchreihe made in "Dystopien-Phase".

Cassia & Ky – Die Flucht
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Die Eindrücke:

Disclaimer: In der Dystopie-Phase geschrieben und veröffentlicht wurde diese Reihe erst groß gehyped und dann stark kritisiert. Acht Jahre später mit mehr Abstand schreibe ich nun meine ...

Die Eindrücke:

Disclaimer:
In der Dystopie-Phase geschrieben und veröffentlicht wurde diese Reihe erst groß gehyped und dann stark kritisiert. Acht Jahre später mit mehr Abstand schreibe ich nun meine Eindrücke zur gesamten Reihe in dieser Kurzrezension nieder.

Handlung: Wie fast alle anderen Jugenddystopien folgt die "Cassia und Ky"-Reihe dem typischen Dystopien-Aufbau: ein systemkonformes Mädchen trifft einen rebellischen Jungen, verliebt sich, findet heraus dass das System korrupt und böse ist und beginnt einen Widerstand, während dessen sie sich nicht nur für eine Seite entscheiden sondern auch noch ihre große Liebe retten und ihre eigene Identität und ihren Platz in der Welt suchen muss. Soweit so bekannt. Ally Condie würzt diesen Ablauf aber mit einer Menge interessanter wie gruseliger Ideen (von Regierungs-Parship über einem unheilbaren Virus bis hin zu Stellungskämpfen von Rebellenmilizen ist wirklich alles dabei), die ab und zu ein wenig am Ziel vorbeischießen, an anderen Stellen aber gekonnt zum Nachdenken anregen. Ihr volles Potential entfalten kann die Geschichte jedoch erst ab Band 2, wonach wir trotz des vielen Hin- und Hers und trotz einiger vorhersehbaren Wendungen mit einer runden, mitreißenden Revolution und einem herrlich offenen Ende die Reihe abschließen.

Schreibstil: Ally Condie startet in Band 1 "Die Auswahl" mit dem eintönigen, überwachten, geregelten Leben der jungen Cassia, in dem jedes kleinste Detail - vom Partner bis zum Sterbetag - vom System festgelegt wird. Ebenso fade und langweilig wie diese graue, Kultur- und Spannungslose Welt, die sie vorstellt, ist leider auch der Beginn. Als Cassia es aber schafft, langsam aus dem System auszubrechen, beginnt ein vielseitiges, spannendes Abenteuer, das zwar immer wieder durchwachsene Stellen hat, insgesamt aber mit Ideenreichtum, detailreicher Erzählung und einfühlsamer Charakterbeschreibung überzeugt. Während der erste Teil noch von Cassia aus der Ich-Perspektive erzählt wird, gibt es in "Die Flucht" zwei und im letzten Teil "Die Ankunft" drei erzählende Protagonisten. Doch nicht nur die Erzählperspektiven werden immer komplexer - gleichzeitig nehmen auch Spannung, Handlungsdichte und sprachliches Niveau rasant zu.

Charaktere: Im Mittelpunkt steht zuerst einmal Cassia, die zu Beginn sehr naiv ist und sich schwer damit tut, aus den gewohnten Denkmustern auszubrechen. Wie sie langsam beginnt, selbstständig und kritisch zu denken und ihr eigenes Leben zunehmend selbst gestaltend in die Hand nimmt ist wie immer eine äußerst erfreuliche Entwicklung. Ky ist ihr (leicht stereotyper) Gegenpart, der als typischer Rebell natürlich unheimlich beschäftigt, geheimnisvoll und heldenhaft augenroll daherkommt. In der Rolle des besten Freundes-Schrägstrich-verschmähter-Love-Interest macht Xander die klassische Dreiecksstory komplett, die hier erstmal unnötigerweise breitgetreten wird, obwohl die Romantik nie an erster Stelle zu stehen scheint. Erst im letzten Teil schaffen es die Protagonisten (vor allem die zwei Jungs), als eigenständige Figuren aufzutreten und sich von ihrer Rolle im Liebesdreieck zu lösen.

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Das Urteil:

Eine typische Jugendbuchreihe made in "Dystopien-Phase". Wenn man über den typischen Dystopien-Aufbau, den verschlafenen Beginn und einige eher durchwachsene Stellen hinwegsieht, ergeben die drei Teile jedoch ein vielseitiges, spannendes Abenteuer, das mit Ideenreichtum, detailreicher Erzählung und einfühlsamer Charakterbeschreibung überzeugt.

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