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Veröffentlicht am 26.11.2017

"Einfach weiter schwimmen!"

Nur noch ein einziges Mal
1 0

Allgemeines:

Titel: Nur noch ein einziges Mal
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv (10. November 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740302
ISBN-13: 978-3423740302
ASIN: B074P5TWCX
Vom Hersteller empfohlenes ...

Allgemeines:

Titel: Nur noch ein einziges Mal
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv (10. November 2017)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740302
ISBN-13: 978-3423740302
ASIN: B074P5TWCX
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
Seitenzahl: 416 Seiten
Preis: 14,95€ (Broschiert)
10,99€ (Kindle-Edition)
Originaltitel: It Ends With Us



Inhalt:

Eine Achterbahn der Gefühle

Als Lily Ryle kennenlernt, scheinen all ihre Träume wahr zu werden: eine neue Stadt, der erste Job und dann noch Ryle – überaus attraktiv, überaus wohlhabend und überaus erfolgreich. Vergessen scheint Lilys schwierige Kindheit. Vergessen auch Atlas, ihre erste Liebe, der gegenüber von Lily squattete – bis ihr Vater die beiden erwischte und Atlas von heute auf morgen verschwand. Und dann steht Atlas auf einmal vor ihr. Als Ryle von ihrer gemeinsamen Vorgeschichte erfährt, weckt dies seine Eifersucht …


Bewertung:

Diese Rezension möchte ich mal ausnahmsweise mit den Worten einer Autorin beginnen. Colleen Hoover schreibt im Nachwort zum Roman:

"Früher habe ich immer behauptet, ich würde Bücher schreiben, um meine Leser zu unterhalten, nicht um irgendeine Botschaft weiterzugeben oder andere von meiner Meinung zu irgendeinem Thema zu überzeugen. Bei diesem Buch war das anders."

Und das tut es, es vermittelt wirklich eine Botschaft, die gleichermaßen herzzerreißend wie wichtig ist. Wenn ihr das genaue Thema noch nicht kennt, mit dem sich das Buch auseinandersetzt, dann hört genau an dieser Stelle mit dem Lesen meiner Rezension auf und lasst die Handlung einfach auf euch zu kommen. Verliebt euch Hals über Kopf in die Charaktere und erlebt die leidenschaftliche Liebesgeschichte mit all ihrer Kraft.
Seid aber gewarnt: Diese Geschichte wird euch am Ende das Herz brechen!

Als ich mir überlegt habe, wie genau ich dieses Buch nun bewerten soll, ist mir aufgefallen, dass ich bisher keinem einzigen Colleen Hoover Buch volle 5 Sterne verteilt habe, da ich finde, dass ein 5 Sterne Buch immer noch eine richtige Botschaft vermitteln muss. Das Genre Young Adult tut sich damit immer etwas schwer, wie ich finde. Die Charaktere haben immer schrecklich berührende Probleme, die Dramatik ufert aus, doch dadurch wirkt die Handlung recht fiktional und weit weg, auch wenn man die Gefühle der Protagonisten hautnah erleben kann.
Hier ist das ganz anders. Die Geschichte hat eine schwer zu beschreibende realistische Bodenständigkeit, die mich viel mehr berühren konnte, als alle ihre vorangegangenen Bücher. In meinen Augen ist "Nur noch ein einziges Mal" ihr bisher stärkstes, intensivstes und auch ihr persönlichstes Werk und ich habe wirklich jedes ihrer Bücher gelesen!


Erster Satz: "Ich sitze auf der gemauerten Brüstung einer Dachterrasse, blicke zwölf Stockwerke tief auf Boston hinunter und denke an Selbstmord."


Doch erstmal zum Cover: Dazu ein riesiges Hoch auf die Coverdesigner, die endlich mein stummes Flehen erhört haben, aus den Erfolgen der Originaltitel zu lernen und gefälligst wenigstens die dort präsentierten Hauptmotive beizubehalten. In dies Fall wäre es der zerschlagene Orchideenzweig, der sich sowohl auf dem amerikanischen Original (rechts) als auch auf der deutschen Übersetzung (links) wiederfinden lässt. Da das Cover ansonsten schlicht weiß gehalten ist und das typische dtv-meets-Colleen-Hoover- Design aufweist, gefällt es mir sogar fast besser als das Original. Die rote Schrift ist sehr groß, wirkt fast schon aufdringlich und präsentiert den erstmal nichtssagenden Titel neben der Orchidee auf eine ganz eindringliche Art und Weise, die mir erst nach dem Lesen des Buches aufgefallen ist. Auch beim Titel teilen sich die beiden Ausgaben meine Zustimmung. Der englische Titel hat dabei ein kleines Bisschen die Nase vorn, da er schon das hoffnungsvolle Ende vorausdeutet, während der deutsche Titel den tragisch traurigen Zwiespalt porträtiert, in dem Lily steckt. Der Entscheidung, seinem Herzen vor dem Verstand den Vortritt zu lassen und zu verzeihen, wo es nichts mehr zu verzeihen gibt, eine neue Chance zu geben, wo es eigentlich schon zu spät ist und sich einzureden, dass man das "nur noch ein einziges Mal" tolerieren würde...


"Oft erscheint es einfacher, den gewohnten Weg weiterzugehen, auch wenn er dornig ist, als sich der Angst zu stellen, ins Unbekannte zu springen, ohne zu wissen, ob man auf den Füßen landen wird."


Denn um genau diesen Zwiespalt dreht sich das ganze Buch. Lily und Ryle lernen sich auf einer Dachterrasse kennen, nachdem sie beide einen schweren Tag hinter sich hatten. Trotz dass sie sich noch nie zuvor begegnet sind, fühlen sich die beiden sofort zueinander hingezogen und beschließen, sich gegenseitig zu helfen, in dem sie sich "nackte Wahrheiten" erzählen und im Glauben, dass sie sich sowieso nie mehr wiedersehen, über ihre gnadenlosen Wahrheit hinwegkommen können. Nach dieser einen wundersamen, seltsamen aber doch eindrucksvollen Begegnung sehen sie sich lange Zeit nicht wieder, müssen aber ständig aneinander denken. Die Monate vergehen und es kommt wie es kommen musste - sie treffen sich zufällig wieder und es scheint, als ob das Schicksal sie unbedingt zusammenbringen will. Obwohl sie so unterschiedlich zu seien schienen, merken sie doch das sie perfekt für den anderen zu sein scheinen und können sich nicht voneinander fernhalten.


"Vielleicht muss man sich die Liebe nicht als einen Kreis vorstellen, der sich schließt, sondern als an- und abschwellende Welle, genau wie die Menschen, denen man im Laufe eines Lebens begegnet. (...) Manchmal gerät man ganz unerwartet in eine Welle, deren Sog einen mit sich reißt. Ryle ist diese Welle für mich und jetzt gleite ich auf ihrer schimmernden Oberfläche entlang."


Doch gerade, als die beiden endlich zusammenfinden können, entdeckt Lily mehr und mehr Seiten von Ryle, die sie so nie erwartet hätte. Als dann auch noch Lilys Jugendliebe Atlas wieder in ihrem Leben auftaucht, eskaliert die Situation immer mehr, da Lily Ryle von einer Seite zu sehen bekommt, die sie nie wieder an einer Person sehen wollte. Nun steht sie selbst plötzlich vor einer Entscheidung, für die sie ihre Mutter immer verachtet hat und muss für sich selbst herausfinden, wie weit sie für das Gelübde "in guten wie in schlechten Zeiten" gehen will. So wird die Erfüllung ihres größten Traumes bald zu einem Albtraum...


"Menschen tun manchmal Dinge, die schlimm sind. Aber was den Charakter eines Menschen ausmacht, sind nicht die Fehler, die er begeht, sondern wie er sich anschließend verhält. Ob er daraus lernt, statt sich herauszureden. (...) "Lily." Er streicht mit seinem Daumen über meinen. "Ich liebe dich." Ich fühle seien Worte mit jeder Zelle meines Körpers. Und als ich "Ich liebe dich auch" flüstere, ist das die nackteste Wahrheit, die ich jemals ausgesprochen habe."


Alles was über den offiziellen Klapptext und meine schon recht eindeutige Zusammenfassung herausgeht ist ein schrecklicher Spoiler. Wer also bis jetzt immer noch ahnungslos weiterliest. Aufhören!
Es geht um Häusliche Gewalt. Ganz direkt, ungeschönt und in all der nötigen Kontroverse ist hier eine Geschichte gezeichnet, die auf der einen Seite schön und voller Liebe war, auf der anderen aber viel Hass und Gewalt verbarg. Gleich im Vorwort der Autorin wird klar, dass auch sie schon Kontakt mit diesem Thema hatte, was auch erklärt, wie die Autorin es so treffend schafft, dass man als Leser Verständnis für all ihre Protagonisten entwickelt. Als Außenstehender kann man leicht urteilen und nicht nachvollziehen, warum 85% aller Frauen ihre prügelnden Männer nicht auf der Stelle verlassen, genauso wenig wie man verstehen kann, wie man als Mann seine Frau gleichzeitig so lieben und hassen kann. Diese Geschichte will nicht Paradebespiel für dieses Thema sein, sie will einfach nur Verständnis dafür schaffen, wie schwierig es ist, jemandem nicht zu verzeihen, den man liebt und dazu aufzurufen, seine eigenen Grenzen abzustecken und nicht verschieben zu lassen!


"Du hattest so Recht."
"Womit?"
Er küsst mich noch mal. "Du hast mich gewarnt, dass ich dich nicht mehr vergessen würde, wenn ich dich einmal gehabt hätte, weil du wie eine Droge wärst. Aber du hast mir nicht gesagt, dass du die stärkste Droge bist, die es gibt. Eine, nach der man sofort süchtig wird."



Ein wichtiger Teil, der zum gelingen dieser Botschaft beigetragen hat, sind die Charaktere. Colleen Hoover versteht es wie keine andere Autorin, Gefühle darzustellen, sie auf authentische Charaktere zu übertragen und uns damit zu berühren. Ihre Hauptprotagonistin Lily Bloom wird deshalb der Leidenskumpane des Lesers, der sich genau wie sie durch all diese verwirrenden und gegensätzlichen Gefühle hindurchkämpfen muss. Man lernt die junge Lily als starke, selbstbewusste Frau kennen, die für sich und für andere einsteht und sich ihren Traum verwirklicht, als sie einen eigenen Blumenladen in Boston aufmacht. Von ihrer schweren Kindheit mit ihrem prügelnden Vater geprägt, ist sie sich sicher, niemals wie ihre schwache Mutter bei einem gewalttätigen Mann bleiben zu würden. Als sie aber selbst in eine ähnliche Situation kommt und Ryle in einem ersten Streit die Hand ausrutscht, gerät alles, was sie über sich selbst und ihre Vergangenheit gedacht hat, ins Wanken.
Und sie bemerkt, dass sich die unbändige Liebe zu einem Mann, der einen auf Händen trägt, auch wenn ihm Affekt mal die Hand ausrutscht, nicht so leicht abstellen lässt. Nun steht sie vor derselben Entscheidung wie ihre Mutter. Soll sie ihn verlassen, oder ihm noch weitere Chancen geben?


"Womöglich kann man sich nie ganz von einem Menschen lösen, den man einmal wirklich geliebt hat."


Als wir Ryle zum ersten Mal kennenlernten, wirkte er auf mich irgendwie seltsam arrogant und war mir mit seiner direkten Art irgendwie suspekt. Während wir ihn zusammen mit Lily näher kennenlernen, wird ein Bild von ihm gezeichnet, das fast schon zu perfekt ist um wahr sein zu können: gutaussehend, Neurochirurg, ehrgeizig, wohlhabend, eine nette Familie, charmant, reich, einfühlsam,... In ihm steckt so viel Liebenswertes und Gutes, aber leider auch einiges, was man nicht tolerieren kann: Jähzorn, Gewalttätigkeit, Eifersucht. Als er das Gefühl hat, Lily betrüge ihn mit ihrer Jugendliebe Atlas, kommen diese Eigenschaften hervor und Lily muss entscheiden, ob ihr die schlechten oder die guten Eigenschaften wichtiger sind.


"Ich gehe auf ihn zu, greife nach seinen Händen und sage ihm nichts als die nackte Wahrheit. "Weißt du noch, was du damals auf der Dachterrasse zu mir gesagt hast. Du hast gesagt: So etwas wie schlechte Menschen gibt es nicht. Wir sind alle bloß Menschen, die manchmal schlechte Dinge tun." Er nickt und drückt meine Hände. "Du bist kein schlechter Mensch, Ryle."


Dieser Konflikt bleibt nicht nur der innere Zwiespalt der Charaktere - man spürt als Leser all die Liebe, die die beiden füreinander empfinden trotz der Vorkommnisse, den Schmerz, den sie sich gegenseitig zufügen, ohne es zu wollen. All das wird durch den wunderbaren Schreibstil wirklich super rübergebracht. Und vor allem die Zerrissenheit Lilys, die sie spürt während sie Ryles Verhalten auf der einen Seite verurteilt, es aber vor sich selbst zu rechtfertigen versucht. Ich habe mich selbst ständig dabei erwischt, wie ich Lilys Verhaltensweise nachahmte und dachte "ach ja, der arme Kerl hatte eine schwierige Vergangenheit und konnte sich einmal nicht beherrschen, ist ja nicht so schlimm, es tut ihm ja leid und er hat versprochen, es nie wieder zu tun...". Man bekommt auch Ryles Schmerz gut präsentiert, seine Reue und sein Selbsthass. Er möchte nicht das Ungeheuer sein, er möchte Lily vor den Ungeheuern beschützen. Das merkt man ihm eindeutig an, aber ist das genug?
Lilys Zerrissenheit wurde zu meiner Zerrissenheit, ihre inneren Konflikte wurden zu meinen. Ich habe ihre Liebe gespürt, ihren Hass und alles dazwischen, bis mir irgendwann gekommen ist: "nein, das ist absolut nicht genug. Es ist nicht in Ordnung, dass er manchmal Ausrutscher hat. Das ist häusliche Gewalt und sie hat das Recht und sogar die Pflicht sich zu wehren". Durch den ganzen Schmerz, der sich direkt in mein Herz gebohrt hat, kann man als Leser an dem Erkenntnisgewinn Lilys teilhaben und die Botschaft hinter der Geschichte gut verstehen.


"Es fühlt sich an, als wäre Ryle gestorben. Ich kann die Traurigkeit in mir mit Worten gar nicht beschreiben, so unermesslich groß ist sie. Es ist, als wäre ich eine einzige offene Wunde. Ich habe meinen engsten Freund verloren, meinen Geliebten, den Mann, mit dem ich mein Leben verbringen wollte, meinen Anker. Aber es gibt einen Unterschied. Da ist noch ein anderes Gefühl in mir, das normalerweise nicht zur Trauer gehört.
Hass!"



Es gab viele Stellen, an denen ich nicht wollte, dass das, was da gerade geschah, wirklich passierte, an denen ich mit einer Heftigkeit, die ich selten beim Lesen erlebt habe, wollte, dass Colleen Hoover die Geschichte anders gestaltet. Dass die Charaktere nicht so handeln, wie sie gehandelt haben. Das sich das Leben zweier Menschen nicht durch die Tat eines Momentes so drastisch - und auch unwiderruflich - ändert. Ich habe „Nur noch ein einziges Mal“ geliebt, weil ich es gleichzeitig gehasst habe. Und genau das macht diese unglaublich gute Konstruktion, wirklich aus!

Nach langem Nachdenken hab ich dann doch noch einen Kritikpunkt gefunden, über den ich mich noch kurz beschweren möchte: der zweite Handlungsstrang um Lilys Jugendliebe Atlas Corrigan, der gerade zu Beginn des Buches sehr ausführlich beleuchtet wurde, geht im letzten Drittel sehr unter und verläuft vor dem Epilog fast im Nichts. Durch Tagebucheinträge der 15jährigen Lily in Form von Briefen an die US-amerikanische Schauspielerin, Moderatorin, Komikerin, Autorin aber vor allem Showmasterin Ellen DeGeneres erfahren wir neben dem eigentlichen Plot rund um Lily und Ryle, auch über Lilys Vergangenheit mit Atlas eine ganze Menge. Diese steten Einschübe aus der Vergangenheit werden so auf sehr interessante Art und Weise präsentiert, sodass der Handlung ein zusätzlicher roter Faden verliehen wird, der dem Leser hilft, sich zu orientieren, wenn die eigentliche Handlung Zeitsprünge von mehreren Monaten vollführt.


"Manchmal muss man das, was einem am meisten am Herzen liegt, am weitesten wegschieben, weil es gleichzeitig das ist, was einem am meisten wehtut."


Als sie Atlas, den sie seit einem traumatischen Erlebnis in der Vergangenheit nicht mehr gesehen hat, plötzlich in einem Restaurant in Boston wiedersieht, beginnt sie, ihre alten Tagebücher noch einmal durchzulesen, sodass wir als Leser Atlas schon kennen, als er erneut in ihr Leben tritt. Dem Handlungsstrang rund um diese verbotene Liebe aus ihrer Jugend, haftet eine gewisse Tragik und Melancholie an, weshalb er mir sehr gut gefallen hat. Als Jugendlicher wohnte Atlas in einem verlassenen Haus neben Lily, nachdem er von seinen Eltern herausgeworfen wurde. Lily hilft ihm, über die Runden zu kommen und rettet ihn somit nicht nur rein physisch sondern vor allem psychisch vor dem Abgrund. Zusammen sehen sie sich die Shows von Ellen DeGeneres an und lieben den Film "Findet Nemo". Dories Aufmunterung an Marlin "Einfach schwimmen", also einfach weiterzumachen, um allem Schlechten zu entgehen, wird ihr Insider. Als sie sich schließlich wieder begegnen, ist es Lily, die seine Hilfe braucht und er hilft ihr dabei, "einfach weiter zu schwimmen". Das fand ich in der Gesamtheit ein einfach wunderbarer Handlungsstrang, sodass ich von Anfang an für Atlas war, der viel sanftmütiger, zäher und vor allem einfühlsamer ist, als Kyle. Er würde Lily niemals wehtun und sie vor allen Übeln der Welt beschützen. Dass er zeitweise zu wenig Raum geboten bekommt, ist verständlich, da die Autorin mit ihrer Haupthandlung schon einen ganz schönen Brocken fabriziert hat, vor allem am Ende hätte ich mir aber dann doch eine etwas schleichender Entwicklung gewünscht.

"Ja, ich weine. Aber bald werde ich mich besser fühlen. So ist das nun mal mit Menschen und ihren Gefühlen. Eine alte, schlecht vernarbte Wunde muss aufgerissen werden, damit sie richtig verheilen kann."


Ansonsten bleibt die Geschichte bis zum Ende spannend, da man schlecht einschätzen kann, wie Lily sich entscheiden wird. Einige schicksalhaften Umstände, die außerdem auf sie zukommen (die die das Buch gelesen haben, wissen welche Umstände ich meine und können bestimmt nachvollziehen, dass ich durch diese wunderschönen Schilderungen etwas abgelenkt war... ) zeihen das Ende nochmal dramatisch in die Länge, bis der Prolog endlich das Happy End bringt und uns von unseren grausamen Seelenqualen erlöst. Als ich das Buch aus der Hand legte, war ich emotional komplett am Ende! Trotzdem würde ich mir das jederzeit wieder antun - eine einmalige Achterbahn der Emotionen!

Um die Botschaft, von der ich die ganze Zeit geredet habe, noch einmal klar blau auf weiß abgedruckt zu haben, hier noch das Ende von Lilys letztem Brief an Ellen DeGeneres, welches gleichzeitig mein Lieblingszitat darstellt:

"Ich denke an die Menschen, die vor mir in dieser Situation waren. An die, die nach mir in diese Situation kommen werden. Wiederholen wir alle, nachdem wir durch die Hand des geliebten Menschen Gewalt erfahren mussten, die immer gleichen Worte in unserem Kopf? "In guten wie in schlechten Zeiten, in Reichtum und in Armut, in Gesundheit wie in Krankheit , bis dass der Tod uns scheidet"?
Vielleicht ist es an der Zeit, uns klarzumachen, dass man dieses Gelübde nicht wörtlich nehmen muss. In guten wie in schlechten Zeiten.
Scheiß drauf, verdammt.
Deine Lily."



Fazit:


Meine nackte Wahrheit: Ich liebe (liebe liebe) dieses Buch und hasse (hasse hasse) es zugleich! Wirklich unglaublich!

Veröffentlicht am 05.10.2017

OMG - Man muss dieses Buch einfach lieben!

Love and Confess
1 0

Allgemeines:

Titel: Love and Confess
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (20. November 2015)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740124
ISBN-13: 978-3423740128
ASIN: B016AOI8DA
Originaltitel: ...

Allgemeines:

Titel: Love and Confess
Autor: Colleen Hoover
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (20. November 2015)
Genre: Roman
ISBN-10: 3423740124
ISBN-13: 978-3423740128
ASIN: B016AOI8DA
Originaltitel: Confess
Seitenzahl: 400 Seiten
Preis: 9,99€ (Kindle-Edition)
12,95€ (broschiert)
Link: Hier klicken!



Inhalt:

"Ich werde dich immer lieben, Auburn", flüsterte er an meinem Mund. "Selbst dann noch, wenn ich es nicht mehr kann."

Vor fünf Jahren hat Auburn ihre erste große Liebe in Dallas zurücklassen müssen, verbunden mit einem Schmerz, den sie bis heute nicht ganz überwunden hat. Als sie eines Abends im Schaufenster einer Kunstgalerie Briefe mit anonymen Bekenntnissen entdeckt, ist sie zutiefst berührt, denn auch sie trägt ein Geheimnis mit sich. Niemand soll von ihrer Vergangenheit wissen – vor allem nicht Owen, der junge Künstler mit den grünen Augen, der sich von den Geschichtenanderer Menschen für seine Bilder inspirieren lässt. Vom ersten Augenblick an fühlt sie sich zu ihm hingezogen und Owen geht es nicht anders. Die beiden verlieben sich mit ungeahnter Wucht ineinander. Doch auch Owen hat ein Geheimnis, das alles zu zerstören droht, was ihnen wichtig ist . . .


Bewertung:

Fast jeder Freund von Young Adult und Liebesromanen hat ihren Namen schon einmal gehört: Colleen Hoover. Diese Autorin ist einfach der Hammer - eine Frau mit einem unfassbaren Stil, die mit ihrem tollen Talent, krass emotionale, mega spannende und ultra poetische Stories in die Welt zu setzen, zu meinen absoluten Lieblingsautoren gehört. Von ihr habe ich bis jetzt fast alles gelesen und geliebt. Ihre "Will und Layken - Trilogie", "Zurück ins Leben geliebt", "Maybe Someday", "Nächstes Jahr am selben Tag", all das konnte mich begeistern, natürlich war es keine Frage, dass ich auch "Love and Confess" unbedingt lesen wollte. Ich muss zugeben, bei diesem Buch bin ich dem Hype erlegen und musste es mir einfach wünschen. Es ist dann erstmal eine Weile auf meinem SuB rumgegammelt, doch tadaaaa, ich hab´s geschafft, es doch noch recht zeitnah zu lesen. Mal wieder habe ich nur ein Wort um meinen Eindruck zu beschreiben, das diesmal witziger Weise auch sehr gut zum Inhalt passt: OMG!


Erster Satz: "In dem Wissen, dass ich heute zum letzten Mal hier sein werde, stoße ich die Schwingtür auf und trete in die Eingangshalle."


Doch beginnen wir wie immer mit dem Cover. Das Cover ist mal wieder im typischen "Colleen Hoover meets dtv Verlag Style" gehalten. Das bedeutet violette, warme Farbgebung mit dunklen Schattierungen, Farbverlauf nach oben ins Weiße, der Titel in Lila unter dem großen, dominanten Namen der Autorin. Viele ihrer Cover sind grundsätzlich so gehalten, doch dieses Mal bin ich von dieser Komposition wirklich begeistert!
Im Zentrum des Bildes ist das Profil eines Mädchens zusehen, das mit Acryl Farben in violett und Schwarz auf dem weißen Untergrund angerissen wird. Die Art, wie das Mädchen die Augen niedergeschlagen hat, passt einfach perfekt zu Auburn und auch die Art der Farben stellt eine wunderbare Verbindung zum Inhalt dar. Den Titel finde ich ebenfalls super getroffen, denn er spiegelt genau den Inhalt wieder und klingt sogar noch gut. Auffallend ist, dass die Seiten ungewöhnlich dick sind, sodass der Roman mit seinen 400 Seiten relativ dick aussieht, sich jedoch wie im Fluge weggelesen lässt. Mir gefällt das Gefühl von stabilen, dicken Seiten in den Händen sehr gut.
An dieser Stelle also ein ganz großes Lob an die Designer bei "Colleen Hoover meets dtv Verlag" - ich finde sowohl den Titel, den Klapptext als auch das Cover wunderbar und sogar besser als das Original - und dass muss etwas heißen, denn das ist auch wunderschön.


“Ich spüre seinen Blick in meinem gesamten Körper und es zieht mich mit jeder einzelnen Faser zu ihm hin. Sämtliche Zweifel (…) starren mir ins Gesicht, und ich weiß wieder, wie es sich anfühlen muss, wenn man wirklich etwas für jemanden empfindet.”


Nun gleich zu einem weiteren Punkt, den das Buch zu einem ganz besonderen Erlebnis macht: die wunderschönen, einmaligen Bilder von Künstler Danny O‘Connor, die auf berührende Art und Weise in das Buch mit eingebunden sind und die man beim Taschenbuch auf den Innenseiten der zwei Klapplaschen groß und in Farbe bewundern kann. Vor allem das großartige Porträt von Auburn (unten, mittig) passt wunderbar und ergänzt den Roman als einfach fantastische Idee der Autorin. Schon die Idee, die Gedanken eines Künstlers mit einfließen zu lassen und der schriftlichen Seite auch noch eine visuelle zur Seite zu stellen, hat mir gut gefallen. So muss man nicht alles seiner Fantasie überlassen und bekommt passende Anregungen präsentiert.

Ebenfalls ein Highlight ist Owens im Buch präsentierte Inspiration für seine Bilder. Die zahlreichen, echten Geständnisse, die zum Teil sehr interessant und bewegend, teilweise aber auch sehr erschütternd sind, machen das Buch zu etwas ganz Besonderem und lassen die Geschichte in greifbare Nähe heranrücken.


"Es gibt Geheimnisse, die niemals zu Geständnissen werden sollten"


Jetzt habe ich schon ganz viel verraten, von Owens Kunst, Geständnissen und Auburn geredet, doch wie passt diese Geschichte, die aus so vielen interessanten Puzzlesteinen besteht, zusammen?
Eigentlich hat Auburn eine konkrete Vorstellung davon, wie ihr Leben in Zukunft verlaufen soll, jetzt da sie nach Dallas gezogen ist und ihre Ziele endlich in Sichtweite sind. Für Fehler oder Chaos ist absolut kein Platz, wo sie doch noch immer den Verlust ihrer großen Liebe Adam zu verkraften hat. Doch dann begegnet sie auf der Suche nach einem Job dem talentierten Künstler Owen, dessen einzigartige Bilder sie zutiefst berühren und der ihr Leben sowie ihre Pläne gehörig durcheinander bringt. Seit Jahren hat sie sich nicht mehr so zu jemandem hingezogen gefühlt und Owen scheint das Gleiche für sie zu empfinden. Aber die Vergangenheit legt ihrer Beziehung Steine in den Weg, denn genau wie Auburn hat auch Owen Geheimnisse. Geheimnisse, durch die Auburn verlieren könnte, was ihr in ihrem Leben am Wichtigsten ist …

"Na gut, wenn du es schwörst." Sie hält mir die Tür auf. "Aber ich warne dich trotzdem - nur für den Fall. Ich kann mindestens so laut schreien wie Jamie Lee Curtis in Halloween."
Sie zeigt mir, wo das Bad ist. Sobald ich die Tür hinter mir zugemacht habe, stütze ich mich aufs Waschbecken und starre kopfschüttelnd in den Spiegel. Ich versuche, mir zu sagen, dass alles Zufall ist: dass sie heute vor meiner Tür stand. Dass sie meine Bilder anscheinend gut findet. Dass wir beide mit zweitem Namen Mason heißen.
Aber...es könnte auch Schicksal sein."

Mal wieder haben unsere beiden Protagonisten mit schweren Schicksalen und Rückschlägen im Leben zu kämpfen. Auch Spoilergründen muss ich hier leider vage bleiben, aber es geht viel um Verantwortung, Zukunft, Drogenmissbrauch, Erpressung und Ungerechtigkeit. Schwierige Themen, die angesprochen werden und Colleen Hoover schafft es mal wieder grandios, aus ihnen eine leidenschaftliche, mitreißende und authentische Geschichten zu zaubern, die noch jedes ach so kalte Leserherz berührt. Dabei ist die Handlung eigentlich recht einfach konzipiert, anders als in ihren anderen Werken gibt es eigentlich keine so richtige Wendung, natürlich kommen unerwartete Sachen ans Licht, doch das Meiste kann man sich vorher schon durch leise Andeutungen erschließen. Doch das ist vollkommen in Ordnung, denn dieses Buch erhält seine Einzigartigkeit nicht durch die Wendungen, sondern vielmehr durch kleine, herzergreifende "OMGOMGOMG - Szenen", (wenn ich von OMG spreche meine ich natürlich Owen Mason Gentry), die den Leser dazu veranlassen, sofort zum "Binch Reading" über zu gehen und jede einzelne Seite suchtartig in sich aufzuziehen, wie ein staubtrockener Schwamm, der nach Wasser lechzt. Dieses Buch hat mich weinen lassen, lachen, mit fühlen, mich dazu gebracht zu schmunzeln, die Nase rümpfen und ein paar Mal auch dazu, es kurz wegzulegen. Doch vor allem hat es mich berührt und einfach mitgerissen!!!


“Genau das ist es, was mir Angst macht. (…) Wenn ich diesmal auf mein Herz höre, werde ich danach vielleicht nie mehr in der Lage sein, es wieder zu ignorieren.”

Colleen Hoover besitzt einfach das Talent aus wenigen Worten die größten Gefühle heraus zu locken und so eigentlich aus dem Nichts ein riesiges Gefühlschaos und Drama zu erschaffen.
Dabei schafft sie es seltsamer Weise, nie ins Kitschige abzurutschen oder zu dick aufzutragen. Einen großen Bestandteil dazu trägt natürlich der unvergleichliche Schreibstil bei. Man merkt dem Buch eindeutig an, dass es eins ihrer ersten war - gerade bei der Schilderung gewisser Dinge ist sie noch recht schüchtern, doch auch hier hat ihr Stil begeistert!
Schon so oft habe ich das geschrieben: Wenn ich ein Buch von dieser Autorin aufschlage und die ersten paar Zeilen lese, dann komme ich nach Hause. Es ist ein wohlig warmes Gefühl und ich fühle mich in der Atmosphäre jedes einzelnen Buches der Autorin absolut geborgen und möchte gar nicht mehr auftauchen. Wie gewohnt spielt die Autorin nur so mit Worten. Nicht nur die vielen immer wiederkehrenden Sprüche, die die Charaktere als Insider austauschen, nein. Sie findet in jeder Situation genau die richtigen Formulierungen, um nur so mit unseren Emotionen zu spielen und kennt dabei kein Tabu, wenn es darum geht, uns Leser zu quälen.


"Ist es das jetzt? Endet es so?" Ich nicke, obwohl es das Letzte ist, was ich will. Aber es ist das Ende. "Manchmal bekommen wir keine zweite Chance, Owen. Manchmal enden die Dinge einfach." Er verzieht das Gesicht. "Wir haben doch noch nicht einmal eine erste Chance gehabt!"


Die Charaktere sind dieses Mal auch wieder das Herzstück des Romans. Abwechselnd wird aus der Sicht von Owen und Auburn erzählt, die beide wunderbare und authentische Erzähler abgeben, wobei Auburn ein wenig mehr im Vordergrund steht. Schon im Prolog, der sich um ihre Vergangenheit dreht, kann man erkennen, dass es vor allem um ihre Geschichte geht.
Auburn ist 21 Jahre alt, seit kurzem Friseurin in Dallas und hat für ihre jungen Jahre schon mehr Verantwortung, als gut für sie ist. Was es damit auf sich hat, verrate ich nicht
Trotz dass sie manchmal ein kleines Problem mit ihrem Selbstbewusstsein hat, würde ich sie als taff und stark bezeichnen. Aus vielen gut ausgearbeiteten Widersprüchen, Stärken und Schwächen, ergibt sich ein absolut authentischer, gut durchdachter und liebenswerter Charakter. So ist strahlt sie im einen Moment vor selbstbewusster Ausgeglichenheit und ist die Lebenslust persönlich, während sie im nächsten Moment vor anderen Menschen kuscht und schlechte Behandlung über sich ergehen lässt, wenn etwas auf dem Spiel steht, dass ihr etwas bedeutet. Erst durch Owen, der ihr einen neuen Blickwinkel auf ihr Leben schenkt, kann sie sich weiterentwickeln und ihre Verantwortung annehmen. Wunderbar mit anzusehen!


“Es ist, als hätte sie Angst, ich könnte ihrer inneren Leinwand Pinselstriche hinzufügen, die sie für immer verändern würden, wenn ich ihr zu nahe käme. Und das kann ich gut nachvollziehen. Mir geht es nämlich umgekehrt genauso.”


Auch von Owen (Owen Mason Gentry - OMG) bin ich wirklich begeistert, so hat es Colleen Hoover mal wieder geschafft, das Abbild eines perfekten Mannes in Worte zu kleiden. Owen ist Maler und besitzt ein eigenes Atelier, in dem er die anonymen Geständnisse anderer Menschen mit Acrylfarben auf Leinwände bringt und schließlich verkauft. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt, denn die Beziehung zu seinem reichen Anwalt-Vater ist seit einigen Jahren nicht mehr so, wie sie zwischen Vater und Sohn sein sollte. Natürlich ist er nicht nur erfolgreich, weltoffen und kreativ, sondern sieht auch noch unfassbar gut aus und hat eine wahnsinnig sympathische Art - kämpferisch, mitfühlend, selbstlos, verständnisvoll. Er weiß einfach immer und zu jederzeit das Richtige zu tun oder zu sagen, um die Herzen von Hauptfigur Auburn und dem jeweiligen Leser bzw. der Leserin hinter den Zeilen höher schlagen zu lassen. Ist das nicht ein wenig utopisch? Naja, egal, Liebesromane sind ja zum Träumen da - und das hat bei mir auch geklappt...

Neben den beiden hat das Buch noch eine ganze Reihe weiterer, toller Charaktere zu bieten. Aus Spoilergründen kann ich leider nicht viel verraten, aber mein absoluter Liebling war neben AJ Auburns Mitbewohnerin. Sie hat einfach eine ganz besondere, spießige Art, die man einfach genial finden muss.


„Es gibt Menschen, die man kennenlernt, und solche, die man schon vom ersten Moment an kennt. Owen gehörte definitiv zur zweiten Sorte“


Ja, und dann ist das Buch auch schon wieder vorbei gewesen und das Ende war im Anmarsch. Es ging mir zum Schluss alles ein klein wenig zu schnell und zu glatt von der Bühne, doch da das Happy End dann noch mal die ganze Schnulz-Palette aufführt, war das schnell vergessen. In den letzten Seiten erfahren wir endlich Owens ominöse Verbindung zu Auburns Vergangenheit, die über all schon so unheilschwanger angedeutet wurde, obwohl die wirkliche Enthüllung eher ein unausgesprochenes Geständnis an uns Leser ist und weder für Herzschmerz noch für Probleme sorgt. Das hat mich dann wirklich beruhigt, denn noch mehr Probleme hätte ich definitiv nicht mehr verkraftet. Stattdessen bekommen wir einen Abgang präsentiert, der so voller Charme, Tragödie und Liebe ist, das jedem weiblichen Leser (und bestimmt auch männlichen) die Tränen kommen.

Ich hoffe, nach meiner ganzen Lobrede ist die Message angekommen. Wenn nicht, nun noch mal ganz deutlich: LEST DIESES BUCH!


„Ich verliere mich nicht, weil ich spüre, dass ich endlich gefunden worden bin.“



Fazit:

Kurz und knapp formuliert: Man muss dieses Buch einfach lieben!

Veröffentlicht am 29.09.2017

Leise Töne, außergewöhnliche Charaktere, atmosphärische Landschaften und eine seltsam-gute Stimmung

Die Schlange von Essex
1 0

Allgemeines:

Titel: Die Schlange von Essex
Autor: Sarah Perry
Verlag: Eichborn Verlag, Imprint der Bastei Lübbe AG (29. September 2017)
Genre: Historischer Roman
ISBN-10: 3847900307
ISBN-13: 978-3847900306
ASIN: ...

Allgemeines:

Titel: Die Schlange von Essex
Autor: Sarah Perry
Verlag: Eichborn Verlag, Imprint der Bastei Lübbe AG (29. September 2017)
Genre: Historischer Roman
ISBN-10: 3847900307
ISBN-13: 978-3847900306
ASIN: B07143NJZZ
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
Originaltitel: The Essex Serpent
Seitenzahl: 496 Seiten
Preis: 24€ (gebundene Ausgabe)
17,99€ (Kindle-Edition)
Link: Hier klicken!
!Britischer Buchpreis für den besten Roman des Jahres 2016!



Inhalt:

London im Jahr 1893:

Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Cora Seaborne die Hauptstadt und reist gemeinsam mit ihrem Sohn Francis in den Küstenort Aldwinter. Als Cora Seaborne vom Gerücht hört, der mythische Lindwurm von Essex sei zurückgekehrt und fordere die ersten Menschenleben, muss sie sich das unbedingt ansehen. Cora, eine Anhängerin der provokanten Thesen Charles Darwins, vermutet hinter dem Sagengeschöpf eine bislang unbekannte Tierart. Auch der Vikar von Aldwinter, William Ransome, glaubt den Gerüchten nicht, und versucht, seine Gemeinde zu beruhigen. Zwischen Cora und Will entspinnt sich eine besondere Beziehung und obwohl sie in rein gar nichts einer Meinung sind, fühlen sie sich unausweichlich zueinander hingezogen...


Bewertung:

DISCLAIMER: Vielen Dank an die Verlagsgruppe Lübbe für das Bereitstellen eines Vorableseexemplars!!!

Seltsam! Das war das Wort, das mir schon beim Betrachten des Covers durch den Kopf ging, sich während des Lesens des ersten Satzes bestätigt und mich durch das ganze Buch hinweg begleitet hat. Dabei wechselten sich gleichermaßen in positiven wie auch negativem Sinne interessant-seltsame, gruselig-seltsame sowie nervig-seltsame Situationen ab, die aber insgesamt ein so stimmiges und spezielles Gesamtbild ergeben, sodass ich nicht wirklich weiß, wie ich diesen Roman bewerten soll.

Denn dies ist absolut kein Buch, dass man einfach für Zwischendurch mal schnell lesen kann - teilweise ist das Vorrankommen schon fast Arbeit und ich habe auch über zwei Wochen an den gerade mal 500 Seiten gelesen, was für mich eine ellenlange Zeit ist. Um nicht den Anschluss in den poetischen, verschnörkelten Darstellungen zu verlieren, muss man ganz genau aufpassen, zwischen den Zeilen lesen und viel darüber nachdenken, wie etwas gemeint sein könnte. Dabei gehen schillernde Außergewöhnlichkeit und atmosphärische Widersprüche so einzigartig einher, dass man von all den Eindrücken geradezu erschlagen wird. Gerade dafür hat das englischsprachige Original den Preis für das beste Buch des Jahres bekommen und die deutsche Leserschaft erwartet die Veröffentlichung am heutigen Tag gespannt. Ich bin noch am Überlegen, ob ich dieses Werk nun wirklich genial und des Preises würdig sehen oder als mir persönlich zu seltsam abtun soll, doch Genialität und Verrücktheit liegen ja oft sehr nah beieinander...


Erster Satz: "Ein junger Mann geht unter dem kalten Vollmond am Ufer des Blackwaters spazieren."


Doch beginnen wir wie immer mit dem Cover, dass mit seinem wilden, einzigartigen und doch irgendwie friedlich wirkendem Muster perfekt ins Gesamtbild passt. Ich würde es nicht wirklich als schön bezeichnen - mit den orangenen Pflanzen und der grünen Schlange auf dem schwarzen Untergrund wirkt es mir irgendwie zu unruhig - doch es hat etwas hypnotisierendes, etwas einzigartiges, was auch das Buch an sich hat. Man fühlt sich sofort an die rauen Salzwiesen Aldwinters erinnert, an das Ungeheuer, das dort droht. Es ist dem englischen Original und allen anderen Übersetzungen sehr ähnlich gestaltet. Auch der Titel passt sehr gut und ist dem englischen direkt nachempfunden. Unter dem bedruckten Schutzumschlag der gebundenen Ausgabe findet man einen dunkelgrünen Buchdeckel mit geriffeltem Schlangenmuster zusehen, wenn man das buch in der Hand hält, kann man die einzelnen Schuppen spüren. Unterstrichen wird der Gesamteindruck dann noch durch das orangene Lesebändchen und die weißen Blumenranken auf orangenem Untergrund, die ähnlich denen auf dem Cover, die Innenseite des Buches verzieren. Eine wirklich wunderbar runde und besondere Gestaltung! Ob so etwas sein muss, damit das Buch dann 24€ kosten darf, ist eine andere Frage, über die man diskutieren könnte...

Ich gebe ganz offen zu, dass ich mich beim Anfragen dieses Buches auf meinen ersten Eindruck und auf den erhaltenen Preis verlassen habe und nach dem ersten Drittel recht enttäuscht war.
Die Geschichte von Cora, William und der Schlange von Essex beginnt sehr langsam und wird in sehr ruhigen und intensiven Tönen erzählt. Zuerst befasst ich die Autorin damit, uns ihre sehr speziellen und einzigartigen (man kann auch "seltsamen" sagen) Charaktere nahezubringen, ohne sie uns jemals durchschauen zu lassen. Auch wenn der Einstieg durchaus gut gemacht ist, habe ich sehr lange gebraucht, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen bin. Wir werden der starrsinnigen Witwe Cora Seaborne zur Seite gestellt, die versucht, sich nach dem Tod ihres Mannes selbst zu verwirklichen. Zusammen mit ihrer sozialistisch überzeugten Freundin und Haushälterin Martha und ihrem leicht autistischen Sohn zieht es sie aufs Land hinaus, wo sie ihre neuen Freiheiten zu genießen versucht. Als überzeugte Hobby- Paläontologin entpuppt sich Essex, bald als Goldgrube, denn dort wird ein Volksmärchen anscheinend lebendig: im Blackwater soll eine gruselige Kreatur hausen, die Kinder klaut, Männer ertränkt und die Bewohner von Aldwinter für ihre Sünden büßen lassen soll - die Schlange von Essex. Ganz zum Leiden des Aldwinter Pfarrers William Ransome, der diese Geschichte für Unfug hält und Cora anhält, seine Gemeinde nicht mit solchen Spinnereien zu verunsichern. Aus einer ersten Meinungsverschiedenheit entwickelt sich bald eine Beziehung in der redegewandten Opposition und unausgesprochenen Anziehungskraft miteinander ringen...

Durchaus spannend geht es nach dem Einstieg weiter - dabei hat dieser historische Roman nichts von einem Abenteuer, mehr von einem leisen Selbstfindungsbuch einer Frau, die nicht in die Gesellschaft passen zu scheint. Eigentlich nicht so ganz mein Genre - etwas hat mich aber so fasziniert, dass ich es trotzdem spannend fand. Diese sonderbare Art und Weise des Feingefühls, mit dem die Autorin Szenen kreiert, sodass sie gleichzeitig sehr fremd und fern, wie auch vertraut und berührend wirken, ist wirklich einzigartig. Durch die eigenwillige Erzählweise, in der die Szenen ineinander übergehen, die Perspektiven so fließend wechseln, große Zeitspannen schnell überbrückt werden und die Handlung so schnell vorbeizieht, dass man es gar nicht bemerkt, ist es sehr schwierig mit dem Lesen aufzuhören und nicht zu vermeiden, dass man dann irgendwie doch hinabgezogen wird, in die Dunkelheit Aldwinters und die geheimnisvollen Tiefen des Blackwaters. Das Buch lebt nicht von der packenden Handlung, sondern viel mehr von den sehr speziellen und einzigartigen Charakteren, die Sarah Perry mit sehr viel Liebe, Kreativität und Engagement erschaffen hat. Sarah Perry hat keinen wilden, spannungsgeladenen „Page Turner“ geschrieben, sondern einen sehr atmosphärischen und bisweilen düsteren, ungewöhnlichen historischen Roman, der einem noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Der Schreibstil der Autorin ist wirklich einmalig und ich denke im englischen Original viel eindrucksvoller. So sind einige Kleinigkeiten etwas seltsam übersetzt und man stockt ein wenig, wenn von "die Strand" die Rede ist, was dann eine Straße meint oder irgendwelche Zeitkugeln herunterfallen. Ansonsten werden vor allem Landschaften sehr atmosphärisch beschrieben und zeitweise verdichtete schon poetisch anmutende Formulierungen entführen uns in das kleine Städtchen Aldwinter.


"Wichtig ist nicht, was ich sehe, sondern was ich fühle. Ich kann den Äther nicht sehen, und doch spüre ich ihn bei jedem Atemzug und brauche ihn zum Leben. Ich fühle es, da kommt etwas auf uns zu, früher oder später; merken Sie sich meine Worte. Es war schon einmal hier, wie Sie selbst wissen, und es wird sich wieder zeigen - wenn nicht zu meinen Lebzeiten, dann zu Ihren, oder denen Ihrer Kinder oder Kindeskinder; und deshalb werde ich mich rüsten, Hochwürden, und ich würde Ihnen raten, es mir gleichzutun."


Das Geheimnis der Schlange in Essex nimmt leider nur eine gewisse Nebenrolle ein. Ich habe mich natürlich die ganze Zeit über gefragt, was es denn jetzt mit diesem mysteriösen Ungeheuer auf sich hat, das Cover, Titel und Klapptext so eindeutig beschreibt. Gibt es sie wirklich, oder ist sie nur ein Sinnbild für die Angst der Leute, die eine Erklärung für die Geschehnisse brauchen, die sie sich nicht erklären können. Seit der Entdeckung eines Ertrunkenen an Neujahr, fühlt sich das Dorf unsicher und unter Beobachtung. Warum ist die Schlange, die der Legende nach die Gegend schon 1669 mit seinen ledernen Flügeln und schnappendem Schnabel terrorisierte, nun zurückgekehrt? Was haben die Dorfbewohner falsch gemacht? Wo haben sie sich versündigt? An dieser Stelle nutzt Perry die symbolische Wirkung ihres Ungeheuers aus, um eine Gesellschaft zu zeichnen, die immer noch weit hinter der Aufklärung zurück hängt und charakterisiert durch die Reaktionen auf sie die Charaktere.

Für Cora, die gerne ein echtes Ungeheuer sehen würde, verkörpert die Schlange ein Wenig von der Überraschung, dem Entzücken, der Freiheit, der Entlassung aus der Welt, die nun durch den Tod ihres Mannes greifbar scheint. Für Will hingehen bedeutet die Schlange nur Ärger, ebenso wie die Wissenschaft. Menschen bräuchten die Sicherheit der Religion, oder sie beginnen, Dämonen zu erfinden - Geologie und Evolution seien nur in Mode, Theorien kommen und gehen, Gott bleibt. So ist es nicht verwunderlich, dass sie ständig aneinander geraten, der gläubige, gebildete Dorfpfarrer mit dem gesicherten Leben und die modern denkende Cora, die zwar reich und attraktiv ist, sich aber kleidet wie ein Mann und gerne im Dreck herumwühlt.

Ihre angeregten Konversationen und Diskussionen werden dem Leser zu einem großen Teil in Briefform präsentiert. Das verleiht der Handlung noch einmal einen sehr viel persönlicheren Charakter, und wir erfahren viel über Cora und ihre Person, da der Briefwechsel nicht nur zwischen William und ihr, sondern auch zwischen Cora und ihren anderen Freunden stattfindet. Dieser rege Briefwechsel ermöglicht es, größere Zeitspannen elegant zu überbrücken und zeigt außerdem, welchen Stellenwert Freundschaft einnehmen kann, wenn die Auffassungen grundverschieden sind. Denn trotz der vielen Diskussionen fliegen bald die Funken zwischen den beiden, wie wir natürlich von Anfang an geahnt hatten.


"Was suchen Sie hier?" "Das weiß ich noch nicht. Meine Freiheit vielleicht. Ich habe zu lange mit Hemmnissen gelebt. Sie fragen mich, warum ich im Schlamm wühle? Weil ich es aus meiner Kindheit kenne. Ich habe kaum jemals Schuhe getragen, ich habe Ginster für den Kräuterlikör gepflückt und Teiche gesehen, die vor Frösche brodelten. Aber dann kam Michael... (..) Aber jetzt bin ich frei!"


Gut gefallen hat mir, dass wir hier nicht die typische Liebesgeschichte präsentiert bekommen, denn Will ist glücklich verheiratet und auch Cora nicht gewillt eine Beziehung einzugehen - es ist von Anfang an klar, dass da nichts daraus werden kann.
In ihren verzweifelten Versuchen, die Anziehungskraft zwischen ihnen zu leugnen, bringen die beiden auch ihre Freunde durcheinander und immer wieder wird gezeigt, dass Liebe auch zerstören kann: Luke Garrett, Londons bester junger Chirurg, verliert in seiner verzweifelten Verliebtheit zu Cora seine operativen Fähigkeiten bei einem Unfall; George Spencer, der reiche Freund Lukes versucht, sich durch den Sozialismus Coras Begleiterin Martha zu nähern, deren Herz nur für die Gerechtigkeit schlägt; Williams schöne Ehefrau Stella, die an einer Krankheit sterbend die Herzen ihrer Familie bricht; Martha, die Cora auf eine gewisse Art liebt und Angst hat, sie als Freundin zu verlieren, Charles und Katherine Ambrose, die konservativen Freunde aus der High Society, die großzügig ihr Bestes tun, um ihren Freunden zu helfen und mitleiden müssen, Francis, Coras autistischer Sohn, der mit Liebe und Verständnis wenig anfangen kann und sich gerne mit seinen gesammelten Kostbarkeiten zurückzieht,... die verschiedenen Arten von Liebe, die hier in diesem Buch gezeigt werden sind vielfältig und haben doch alle etwas gemeinsam: sie verursachen viel Schmerz.

Im Mittelpunkt des Ganzen stehen also eindeutig Cora und ihre Beziehungen zu verschiedenen Leuten, die alle auf sehr verschiedene Art und Weisen intensiv sind. Cora an sich ist eine super Protagonistin - hier ein großes Lob an die Autorin, die es geschafft hat einen Charakter zu kreieren, der gleichzeitig echt, widersprüchlich, eigenwillig, liebenswert, seltsam, störrisch, schön, hässlich und einfach nur glaubwürdig erscheint. Ihre Vergangenheit ist höchst fragwürdig, es gibt einige Andeutungen, die aber nie ganz geklärt werden. Früh ist sie an einen älteren Mann geraten, der sie nach seinen Wünschen formen wollte und es sogar geschafft hat. Obwohl er Cora nicht gut behandelt hat, hat sie ihn auf ihre Art geliebt, was sie nicht davon abhält, eine gewisse Art der Erleichterung zu verspüren, als er verstirbt. Denn jetzt kann sie endlich sich selbst sein. Dass sie noch nicht so genau weiß, wer dieser neue Jemand sein soll, stellt man allzu bald fest, denn sich widerspricht ich ständig selbst, lässt sich nur von ihren Gefühlen leiten und bringt dadurch ihr ganzes Umfeld ganz schön durcheinander.

Auch die anderen Charaktere sind sehr gut und authentisch dargestellt, alle verkörpern ein kleines Stück der Mentalität dieser Zeit um 1893 herum - dem Viktorianischen Zeitalter. Immer wieder springt das Buch zwischen der Stadt London mit seinen zivilisierten Gesellschaftsregeln und Problemen und den Salzwiesen Aldwinters umher. Dabei wird medizinischer Fortschritt im Gegensatz zum Glauben thematisiert, Feminismus, aber auch die sozialistische Ideen, die nach der Industrialisierung entstanden. Man bekommt viele Armenviertel gezeigt, sieht dass die Beziehung zwischen Arbeiter und Unternehmer leidet, Wohnungen fehlen, hat aber auch einen Einblick in das Leben der reicheren und in ihre Gedanken. So redet zum Beispiel Charles Ambrose, der sonst ein anständiger Mann ist, von den niedrigen Wesen, die es zu nichts besserem gebracht haben, und eine andere Art behandelt zu werden gar nicht verdienen.


"Unvorstellbar, dass er jahrelang den ihm zugewiesenen Platz eingenommen und sich ohne zu Murren in die riesige malmende Maschinerie namens London eingefügt hatte. Wenn er heute um sich blickte, sah er einen kranken Körper in den letzten Fieberzuckungen - die Krankheit strömte durch Verkehrsadern zu Wasser und zu Lande, und in den Hallen und Fabriken sammelt sich das Gift. Nun war er aufgewacht."


Auch gesellschaftliche Strukturen, von denen Cora absolut kein Freund ist, werden thematisiert. Sehr interessant ist, dass Cora, die eigentlich offen gegen diese Strukturen und Rollenbilder rebelliert, indem sie unanständige Dinge tun, sich unweiblich kleidet, manchmal aber wieder davon eingeholt zu werden scheint und dann ein Seidenkleid trägt und Dinner Partys veranstaltet - sie also Anflüge von Scham empfindet, eben weil sie sich nicht verhält oder nicht so fühlt, wie von ihr erwartet wird. Und wie sie das wiederum dann so lächerlich findet, dass sie diese Gedanken wieder verwirft.

Insgesamt ergibt sich also ein vielfältiges Bild, die diese vergangene Zeit nicht nur als verklemmte und von Religion und Etikette versklavten Ära darstellt, sondern auch hervorhebt, dass es viele Menschen gab, die begonnen haben anders zu denken und einen Sinn für das Absonderliche entwickelt haben.

Und nur durch diesen Sinn für das Absonderliche muss ich schlussendlich auch sagen, dass ich das Buch doch faszinierend und empfehlenswert fand, auch wenn es wirklich seltsam ist. Gerade das sehr unkonventionelle Ende hat mir wieder sehr gut gefallen. Also zählt hier auch, was wir von den tausend komischen Schullektüren aus den vorherigen Jahrhunderten mitgenommen haben: Gute Literatur muss eben manchmal ein wenig abstrus sein!



Fazit:

Leise Töne, außergewöhnliche Charaktere, atmosphärische Landschaften und eine seltsam-gute Stimmung - eine etwas andere Darstellung des Viktorianischen Zeitalters, die ich nur jedem empfehlen kann!

Veröffentlicht am 17.01.2018

Voller Magie, WItz, Ernsthaftigkeit und ein wenig Tiefsinn

Imago
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Allgemeines:

Titel: Imago
Autor: Isabel Abedi
Verlag: Arena (1. Januar 2008)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3401029088
ISBN-13: 978-3401029085
ASIN: B00AAT6K9Q
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
12,99€ ...

Allgemeines:

Titel: Imago
Autor: Isabel Abedi
Verlag: Arena (1. Januar 2008)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3401029088
ISBN-13: 978-3401029085
ASIN: B00AAT6K9Q
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
12,99€ (gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 408 Seiten


Inhalt:

Ein geheimnisvolle Ausstellung, ein magischer Zirkus, viele fehlende Väter und zwei Jugendliche, die lernen ihre Angst zu besiegen.


Wanja liebt sie - diese Minuten vor Mitternacht, kurz bevor auf ihrem Radiowecker alle vier Ziffern auf einmal wegkippen und eine ganz neue Zeit erscheint. Doch heute um Mitternacht verändert sich nicht nur das Datum für Wanja. Sie bekommt eine geheimnisvolle Einladung zu der Ausstellung Vaterbilder. Und damit einen Schlüssel, der die Tür zu einer anderen Welt öffnet: in das Land Imago.


Bewertung:

Nachdem mich Isabel Abedi schon in "Whisper" und "Lucian" durch einen magischen Schreibstil, liebevolle Charakterzeichnungen und einer krassen Ambivalenz, die sowohl Witz und Tiefgang auf wundersame Weise zu vereinen weiß, verzaubert hat, musste ich natürlich auch "Imago" lesen. Da sich diese Geschichte um die 12-jährige Wanja dreht, die aus ihrem Teenie-Leben erzählt ist diese Geschichte eher als Jugendbuch oder sogar Kinderbuch für Leser ab 10 Jahren einzuordnen, die tiefsinnige Story mit viel Herz kann ich aber auch jedem Erwachsenen gut empfehlen! Wie auch schon in ihren vorangegangenen Romanen verbindet Isabel Abedi in ihrem Buch die eiskalte, harte Realität mit etwas Magischen, Irrealen, wodurch die Geschichte sehr abwechslungsreich ist. In "Imago" vereint die Autorin Familie, Freundschaft, Mut und die Suche nach seiner eigenen Identität, zu einem großartigen Roman.


"In drei Minuten war Mitternacht. In zwei, in einer, jetzt. Die Ziffern klappten nach hinten. 00:00 Uhr. Alles blieb still. (...) Nur ihr Herz hörte Wanja schlagen. Sie legte die Hand auf die Stelle. Es war etwas geschehen. Und Wanja fühlte, dass dieses Etwas erst der Anfang war."


Das Cover des Romans ist in nun fast schon typischer Abedi-Manier gehalten: ein schwarzer Hintergrund, der nur durch einen farblichen Highlight und ein Motiv unterbrochen wird. In diesem Fall ist das Highlight gelb und ein geheimnisvoller Bilderrahmen mit goldenen Rankenmustern lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Insgesamt also eine sehr schlichte Gestaltung, die aber dennoch Interesse weckt und durchaus ansprechend aussieht. Der Bilderrahmen passt natürlich wunderbar zur Geschichte, auch wenn er der Vollständigkeit halber eigentlich rot hätte sein müssen. Trotzdem bin ich ganz zufrieden mit der Gestaltung, die somit wunderbar zu den anderen Büchern passt, die schon von der Autorin in meinem Schrank stehen.


Erste Sätze: "Erzähl mir nicht, wie mein Vater zu sein hat. Du weißt ja noch nicht mal, wie deiner aussieht!"


Mit dieser verletzenden Aussage Brittas gegenüber ihrer Freundin wird die Grundproblematik des Buches zum ersten Mal aufgegriffen:
Die Vaterfigur spielt eine große Rolle, nach dem in "Whisper" vor allem Mutter-Tochter Beziehungen gut ausgeleuchtet wurden. Die junge Wanja hat keinen Vater, sie lebt alleine mit ihrer Mutter Jo und ihrem alten Kater Schröder in einem hübschen, alten Haus am Wald in der Nähe von Hamburg. Unter ihrem nicht vorhandenen Vater leidet Wanja nicht so sehr wie unter der Ungewissheit und dem ständigen Totschweigen ihrer Mutter. Die Geschichte beginnt ehrlich gesagt ein wenig schnarchig und relativ zurückhaltend. Während die Autorin sich sehr viel Zeit nimmt, uns die Protagonistin Wanja und ihr normales Leben mit allen Alltagsproblemen genau vorzustellen, hat mir noch das gewisse Etwas gefehlt.


"In Wanja kippte etwas. Sie stand plötzlich an der Schwelle eines Gefühls, das die meisten Menschen vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht empfinden. Es war mehr eine Ahnung als ein Gefühl; ein seltsames Wissen darum, dass ab diesem Moment alles möglich war - und Wanja war bereit, sich darauf einzulassen."


Als Wanja dann mitten in der Nacht eine geheimnisvolle Einladung zu einer Kunstausstellung namens "Vaterbilder" bekommt, erwacht in ihr die Hoffnung, endlich mehr über ihre Wurzeln herauszufinden. In der geheimnisvollen Ausstellung stehen für die geladenen Jugendlichen Bilder mit unterschiedlichen Motiven bereit, die Portale in eine andere Welt darstellen: Imago. Mit dem Auftreten dieses Fantasy-Motivs kommt ordentlich Schwung und magische Atmosphäre in die Handlung und Realität und Fiktion vermengen sich zu einer kunterbunten, fantastischen Mischung.
Als Wanja schließlich ein Bild mit einem eleganten Akrobaten auf einem Trapez entdeckt, weiß sie sofort, dass es ihr Bild ist und schwupst landet sie im Zirkus Anima, wo sie den Akrobaten Taro und eine ganze Reihe anderer Artisten kennenlernt. Doch Wanja ist nicht allein in den Zirkus gekommen, auch Mischa, ein älterer, etwas vernachlässigt aussehender Junge aus ihrer Schule, ist mit ihr aus dem Bild gestiegen. Während sie das abenteuerliche Zirkusleben genießen, tauchen jedoch auch in Imago eine Menge Probleme auf und bald wird klar, dass die ganze Ausstellung nur einem Zweck dient: den Mut zu finden, über sich selbst hinauszuwachsen und sich der unangenehmen Wahrheiten der Realität zu stellen...


"Der Moment, in dem sich unsere tiefsten Wünsche erfüllen, erzeugt Angst."


Schnell wird klar, dass die ganze Fantasiegeschichte eigentlich mehr als Metapher dient und auf übertragener Ebene verstanden werden kann. Denn die Geschichte über zwei Kinder auf der Suche nach ihren Wurzeln ist nur voll von allen möglichen anderen Arten von Gefühlen und Gedanken, die das Erwachsenwerden und das ganze weitere Leben bestimmen. Gerade die Verbindung aus spannender und magischer Fantasiewelt voller Abenteuer, Musik und Liebe und berührenden tragischen Geschichten in der Realität, die sich immer wieder in Wanjas Hamburger Alltag mischen, macht diese Geschichte so besonders.
Wieder werden einige schwierige Themen wunderbar sanft aber dennoch direkt genug angesprochen. Der Alkoholmissbrauch und die Gewalttätigkeit Mischas Vaters zum Beispiel, oder wie schwer es sein kann, wenn man weg ziehen muss, wie beispielsweise Tina, die Eltern sich trennen wie Brittas Eltern oder ein Haustier stirbt. Viele kleine und große Probleme werden angesprochen und es ergibt sich ein stimmiger Mix aus der Suche nach der eigenen Identität, Probleme in der Familie, Angst vor dem Erwachsenwerden, Konfrontation mit Respektspersonen, Auseinandersetzung mit der Kindheit, Liebe, Freundschaft, unerfüllte Träume und die Frage, was man sich selbst zutraut und was nicht. Mut nimmt eine ganz wichtige Rolle ein und der Leser selbst wird während dem Lesen indirekt in seinen Fähigkeiten, Ängsten und Träumen bestätigt.


"Stille kann peinlich sein, drückend, verbissen oder unheimlich. Stille kann Stillstand bedeuten, wie bei Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, oder sie kann durch Einsamkeit entstehen, wie bei Menschen, die niemanden mehr haben, dem sie etwas sagen können. Die Stille, die Wanja hier umgab hatte nichts on alledem. Es war eine seltene Form der Stille, die groß und vollkommen ist und die noch reicher wird, wenn man sie mit Menschen teil, die einem nahe sind."


Da verzeiht man es der Geschichte natürlich nur zu gerne, dass sie Großteils ein wenig hervorsehbar in ihrer Entwicklung ist. Was mit Brittas Eltern passieren wird, bahnt sich ganz klar an, genau wie Wanjas Verbindung zu Mischa von Anfang an nur allzu deutlich erscheint. Doch dieses Buch hat es nicht nötig, durch offensichtliche Spannung zu fesseln und mit überraschenden Wendungen bei Stange zu halten, alleine die magische Atmosphäre, die mir ständig eine Gänsehaut über den Rücken gejagt hat, reicht aus, um mich zu fesseln. So liegt über jeder stinknormalen Alltagshandlung eine stetige Grundspannung, welche auch gerade durch die wenigen Einschübe aus dem Land Imago aufrechterhalten wird. Das abenteuerliche Zirkusleben, welches auch in mir den Traum geweckt hat, für eine kurze Zeit Teil dieser lebendigen und schillernden Gemeinschaft zu werden, ist eine Sache, der grausam-böse erscheinende Vogel, der alle Farbe aus Imago fegt, wenn er auftaucht und die Idylle durch Attacken auf Taro stört, eine andere. Einige gruselige und sogar blutige Szenen haben mich kurz zweifeln lassen, ob man dieses Buch wirklich 10jährigen empfehlen sollte. Der leichte Anflug von Bedrohung und Panik deckt den sonst so lustigen, lebensfrohen Erzählstil ein wenig zu und flechtet düstere, melancholische Elemente mit ein. Vor allem aber die Bestätigung ihrer Talente und die Aufmerksamkeit, die die beiden Heranwachsenden im Zirkus Anima erhalten, vor allem vom Akrobaten und Musiker Taro, machen die kurzen Stunden in Imago noch kostbarer für die beiden.


"Die großen Geheimnisse sind immer offensichtlich."


Auch ich habe mich immer besonders auf die Besuche gefreut, denen immer ein Zauber und eine leichte Poesie inne wohnten.
Allgemein ist der Schreibstil jedoch von vielen liebevollen Details, einem lockeren Witz und emotionalen Szenen geprägt. So lockern zum Beispiel der Schweinetick ihrer Mutter, die vielen süße Spitznamen, die sie Wanja gibt, oder der quirlig/nervige Nachbarsjunge mit dem wohlklingenden Namen Breien alias Brian Trockenbrodt, die Atmosphäre ordentlich auf.

Neben dem Plot an sich begeistert vor allem die liebevolle Charaktergestaltung, die sehr breit gefächert ist, auch wenn auf unserer Protagonistin Wanja Walters, als personale Erzählerin, das Hauptaugenmerk liegt. Das junge Mädchen hat eine Begabung für Geschichten und das Trapez, hasst Mathematik und vor allem ihren Lehrer Herr Schönhaupt, ist ein kleiner Wirbelwind und entwickelt sich rasend schnell in dieser Geschichte. Zu Beginn hatte ich noch recht große Probleme, mich mit ihr zu identifizieren, da sie noch so jung war, dann aber doch teilweise so viel älter wirkte, weshalb ich mich schlecht auf sie einstellen konnte. Im Laufe der Geschichte wird ihre Unsicherheit immer weniger und die Geborgenheit Imagos lässt sie über sich hinauswachsen. Zu ihrer Mutter Jo hat sie ein recht schwieriges Verhältnis. Eigentlich haben sich beide sehr lieb und können auch recht viel miteinander anfangen, Jo arbeitet jedoch viel zu viel, ist fast immer gestresst und versteht ihre Tochter nicht mehr. Dazu kommt, dass zwischen den beiden die ungeklärte Vaterfrage wie eine Mauer steht, sodass man anfangs relativ wenig Verständnis für die junge Jo hat und eher zu Wanja hält, die ein wenig enttäuscht von ihrer Mutter ist. Später bekommt jedoch auch die junge Mutter eine nennenswerte Geschichte und man versteht besser, weshalb sie sich so verhält.


"Wanja verstummte. Sie sah auf Mischa herab. Tränen liefen lautlos über ihre Wangen. Es war unendlich still. Und aus dieser Stille erhob sich ein Gefühl."


Mischa Konjow ist ein Jahr älter als Wanja und in sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Im Gegensatz zu Wanja hat er zwar einen Vater, er ist jedoch ein gewalttätiger, ekelhafter Trinker, der seine Familie schlecht behandelt, weshalb ihm lieber wäre, er hätte gar keinen. Wanjas oberflächliche Freundinnen nennen ihn den "Penner" und verurteilen ihn wegen seinem etwas verlotterten Äußeren, seiner zerrissenen Jeans und der abgetragenen Cordjacke, die er immer trägt. Doch während sich Wanja und er besser kennenlernen, da sie dieselben Gefühle für Imago und Taro haben, erfahren wir, wie sehr er unter seinem Vater leidet und sich deshalb in die Musik und Kunst flüchtet. Auch sein Charakter hat mich sehr berührt, auch wenn er nicht wirklich in den Altersbereich gefallen ist, mit dem ich mich sonst beschäftige.

Die erstaunlich vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten der Nebencharaktere, die vielschichtig und farbenfroh beschrieben wurden, hauchen der ganzen Geschichte ordentlich Leben ein, auch wenn es fast mehr sind, als für die eigentliche Geschichte notwendig gewesen wären. Vor allem die farbenrohe Zirkustruppe hat es mir sehr angetan. Neben Taro, der eine absolute Schlüsselrolle einnimmt, sorgen noch der Turban tragende Zirkusdirektor Baba, der mutige Feuerschlucker Perum, die wunderschöne Sängerin Noaeh, der traurige Clown Reimundo, die dunkel schillernde Schwarze Witwe Madame Nui, der witzige Zauberer Pati Tatü mit den gelben Blumenkohllocken, die stumme Schlangenfrau Sulana, der alte und geheimnisvolle Zauberer Amon, die starken Zwillinge Thyrm und Thyra und auch die katzenhafte Turnerin Gata für ordentlich Schwung. Auch Jos beste Freundin Flora war ein schillernder Charakter, der mir sehr gefallen hat.


"Und dann lächelte er. Stand da und lächelte, und Wanja fühlte, wie eine tiefe Traurigkeit in ihr aufstieg. Wie eine Welle bäumte sie sich in ihr auf, stieg höher und höher, strömte aus ihren Augen und lief ihr als Tränen die Wangen herab, groß und leise, wie das Lächeln des Clowns."


Ich denke, dass jeder einen Zirkus Anima braucht um schwere Zeiten, Findungsphasen oder andere Probleme überwinden zu können. Einfach abschalten, an etwas anderes denken, gut zugeredet bekommen, wahrgenommen werden und sich wirklich ausleben können um wieder neuen Mut und Kraft für den alltäglichen Kampf zu schöpfen - dass können viele Orte und Menschen für einen bewirken. Doch gerade wenn man als Kind nicht genug Zuwendung erhält, nicht mit genügend Stabilität und Gewissheit aufwächst, muss man sich solche Orte wo anders suchen. Diese Geschichte hat mir gezeigt, dass auch die Fantasie ein wunderbarer Ausweg sein kann und immer das real ist, was wir als solches empfinden. Wir wünschen uns so viele Dinge, malen die buntesten Bilder und Träume in unseren Köpfen, aber auch dort kommen früher oder später dunkle Wolken auf. Und um genau diese Bilder in unsere Realität zu übertragen, müssen wir den Auslöser für die dunklen Wolken finden und diesen bekämpfen. So dürfen wir zwar alle Träumer bleiben und auf unerwartete Fügungen hoffen, werden aber auch dazu angehalten uns aufzuraffen und unser Schicksal selber in die Hand zu nehmen.


"Und wenn sich unser Innerstes für eine Welt öffnet […], dann öffnet sich diese Welt auch für unser Innerstes und wird unsere Wirklichkeit – solange wir es brauchen."




Fazit:

Eine magische, berührende Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität gepaart mit der Sehnsucht nach der Erfüllung von Träumen. Voller Magie, Witz, Ernsthaftigkeit und ein wenig Tiefsinn - für jedermann zu empfehlen!

Veröffentlicht am 17.01.2018

Voller Magie, Witz, Ernsthaftigkeit und ein wenig Tiefsinn

Imago
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Allgemeines:

Titel: Imago
Autor: Isabel Abedi
Verlag: Arena (1. Januar 2008)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3401029088
ISBN-13: 978-3401029085
ASIN: B00AAT6K9Q
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
12,99€ ...

Allgemeines:

Titel: Imago
Autor: Isabel Abedi
Verlag: Arena (1. Januar 2008)
Genre: Fantasy
ISBN-10: 3401029088
ISBN-13: 978-3401029085
ASIN: B00AAT6K9Q
Preis: 8,99€ (Kindle-Edition)
9,99€ (Taschenbuch)
12,99€ (gebundene Ausgabe)
Seitenzahl: 408 Seiten


Inhalt:

Ein geheimnisvolle Ausstellung, ein magischer Zirkus, viele fehlende Väter und zwei Jugendliche, die lernen ihre Angst zu besiegen.


Wanja liebt sie - diese Minuten vor Mitternacht, kurz bevor auf ihrem Radiowecker alle vier Ziffern auf einmal wegkippen und eine ganz neue Zeit erscheint. Doch heute um Mitternacht verändert sich nicht nur das Datum für Wanja. Sie bekommt eine geheimnisvolle Einladung zu der Ausstellung Vaterbilder. Und damit einen Schlüssel, der die Tür zu einer anderen Welt öffnet: in das Land Imago.


Bewertung:

Nachdem mich Isabel Abedi schon in "Whisper" und "Lucian" durch einen magischen Schreibstil, liebevolle Charakterzeichnungen und einer krassen Ambivalenz, die sowohl Witz und Tiefgang auf wundersame Weise zu vereinen weiß, verzaubert hat, musste ich natürlich auch "Imago" lesen. Da sich diese Geschichte um die 12-jährige Wanja dreht, die aus ihrem Teenie-Leben erzählt ist diese Geschichte eher als Jugendbuch oder sogar Kinderbuch für Leser ab 10 Jahren einzuordnen, die tiefsinnige Story mit viel Herz kann ich aber auch jedem Erwachsenen gut empfehlen! Wie auch schon in ihren vorangegangenen Romanen verbindet Isabel Abedi in ihrem Buch die eiskalte, harte Realität mit etwas Magischen, Irrealen, wodurch die Geschichte sehr abwechslungsreich ist. In "Imago" vereint die Autorin Familie, Freundschaft, Mut und die Suche nach seiner eigenen Identität, zu einem großartigen Roman.


"In drei Minuten war Mitternacht. In zwei, in einer, jetzt. Die Ziffern klappten nach hinten. 00:00 Uhr. Alles blieb still. (...) Nur ihr Herz hörte Wanja schlagen. Sie legte die Hand auf die Stelle. Es war etwas geschehen. Und Wanja fühlte, dass dieses Etwas erst der Anfang war."


Das Cover des Romans ist in nun fast schon typischer Abedi-Manier gehalten: ein schwarzer Hintergrund, der nur durch einen farblichen Highlight und ein Motiv unterbrochen wird. In diesem Fall ist das Highlight gelb und ein geheimnisvoller Bilderrahmen mit goldenen Rankenmustern lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Insgesamt also eine sehr schlichte Gestaltung, die aber dennoch Interesse weckt und durchaus ansprechend aussieht. Der Bilderrahmen passt natürlich wunderbar zur Geschichte, auch wenn er der Vollständigkeit halber eigentlich rot hätte sein müssen. Trotzdem bin ich ganz zufrieden mit der Gestaltung, die somit wunderbar zu den anderen Büchern passt, die schon von der Autorin in meinem Schrank stehen.


Erste Sätze: "Erzähl mir nicht, wie mein Vater zu sein hat. Du weißt ja noch nicht mal, wie deiner aussieht!"


Mit dieser verletzenden Aussage Brittas gegenüber ihrer Freundin wird die Grundproblematik des Buches zum ersten Mal aufgegriffen:
Die Vaterfigur spielt eine große Rolle, nach dem in "Whisper" vor allem Mutter-Tochter Beziehungen gut ausgeleuchtet wurden. Die junge Wanja hat keinen Vater, sie lebt alleine mit ihrer Mutter Jo und ihrem alten Kater Schröder in einem hübschen, alten Haus am Wald in der Nähe von Hamburg. Unter ihrem nicht vorhandenen Vater leidet Wanja nicht so sehr wie unter der Ungewissheit und dem ständigen Totschweigen ihrer Mutter. Die Geschichte beginnt ehrlich gesagt ein wenig schnarchig und relativ zurückhaltend. Während die Autorin sich sehr viel Zeit nimmt, uns die Protagonistin Wanja und ihr normales Leben mit allen Alltagsproblemen genau vorzustellen, hat mir noch das gewisse Etwas gefehlt.


"In Wanja kippte etwas. Sie stand plötzlich an der Schwelle eines Gefühls, das die meisten Menschen vielleicht in ihrem ganzen Leben nicht empfinden. Es war mehr eine Ahnung als ein Gefühl; ein seltsames Wissen darum, dass ab diesem Moment alles möglich war - und Wanja war bereit, sich darauf einzulassen."


Als Wanja dann mitten in der Nacht eine geheimnisvolle Einladung zu einer Kunstausstellung namens "Vaterbilder" bekommt, erwacht in ihr die Hoffnung, endlich mehr über ihre Wurzeln herauszufinden. In der geheimnisvollen Ausstellung stehen für die geladenen Jugendlichen Bilder mit unterschiedlichen Motiven bereit, die Portale in eine andere Welt darstellen: Imago. Mit dem Auftreten dieses Fantasy-Motivs kommt ordentlich Schwung und magische Atmosphäre in die Handlung und Realität und Fiktion vermengen sich zu einer kunterbunten, fantastischen Mischung.
Als Wanja schließlich ein Bild mit einem eleganten Akrobaten auf einem Trapez entdeckt, weiß sie sofort, dass es ihr Bild ist und schwupst landet sie im Zirkus Anima, wo sie den Akrobaten Taro und eine ganze Reihe anderer Artisten kennenlernt. Doch Wanja ist nicht allein in den Zirkus gekommen, auch Mischa, ein älterer, etwas vernachlässigt aussehender Junge aus ihrer Schule, ist mit ihr aus dem Bild gestiegen. Während sie das abenteuerliche Zirkusleben genießen, tauchen jedoch auch in Imago eine Menge Probleme auf und bald wird klar, dass die ganze Ausstellung nur einem Zweck dient: den Mut zu finden, über sich selbst hinauszuwachsen und sich der unangenehmen Wahrheiten der Realität zu stellen...


"Der Moment, in dem sich unsere tiefsten Wünsche erfüllen, erzeugt Angst."


Schnell wird klar, dass die ganze Fantasiegeschichte eigentlich mehr als Metapher dient und auf übertragener Ebene verstanden werden kann. Denn die Geschichte über zwei Kinder auf der Suche nach ihren Wurzeln ist nur voll von allen möglichen anderen Arten von Gefühlen und Gedanken, die das Erwachsenwerden und das ganze weitere Leben bestimmen. Gerade die Verbindung aus spannender und magischer Fantasiewelt voller Abenteuer, Musik und Liebe und berührenden tragischen Geschichten in der Realität, die sich immer wieder in Wanjas Hamburger Alltag mischen, macht diese Geschichte so besonders.
Wieder werden einige schwierige Themen wunderbar sanft aber dennoch direkt genug angesprochen. Der Alkoholmissbrauch und die Gewalttätigkeit Mischas Vaters zum Beispiel, oder wie schwer es sein kann, wenn man weg ziehen muss, wie beispielsweise Tina, die Eltern sich trennen wie Brittas Eltern oder ein Haustier stirbt. Viele kleine und große Probleme werden angesprochen und es ergibt sich ein stimmiger Mix aus der Suche nach der eigenen Identität, Probleme in der Familie, Angst vor dem Erwachsenwerden, Konfrontation mit Respektspersonen, Auseinandersetzung mit der Kindheit, Liebe, Freundschaft, unerfüllte Träume und die Frage, was man sich selbst zutraut und was nicht. Mut nimmt eine ganz wichtige Rolle ein und der Leser selbst wird während dem Lesen indirekt in seinen Fähigkeiten, Ängsten und Träumen bestätigt.


"Stille kann peinlich sein, drückend, verbissen oder unheimlich. Stille kann Stillstand bedeuten, wie bei Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, oder sie kann durch Einsamkeit entstehen, wie bei Menschen, die niemanden mehr haben, dem sie etwas sagen können. Die Stille, die Wanja hier umgab hatte nichts on alledem. Es war eine seltene Form der Stille, die groß und vollkommen ist und die noch reicher wird, wenn man sie mit Menschen teil, die einem nahe sind."


Da verzeiht man es der Geschichte natürlich nur zu gerne, dass sie Großteils ein wenig hervorsehbar in ihrer Entwicklung ist. Was mit Brittas Eltern passieren wird, bahnt sich ganz klar an, genau wie Wanjas Verbindung zu Mischa von Anfang an nur allzu deutlich erscheint. Doch dieses Buch hat es nicht nötig, durch offensichtliche Spannung zu fesseln und mit überraschenden Wendungen bei Stange zu halten, alleine die magische Atmosphäre, die mir ständig eine Gänsehaut über den Rücken gejagt hat, reicht aus, um mich zu fesseln. So liegt über jeder stinknormalen Alltagshandlung eine stetige Grundspannung, welche auch gerade durch die wenigen Einschübe aus dem Land Imago aufrechterhalten wird. Das abenteuerliche Zirkusleben, welches auch in mir den Traum geweckt hat, für eine kurze Zeit Teil dieser lebendigen und schillernden Gemeinschaft zu werden, ist eine Sache, der grausam-böse erscheinende Vogel, der alle Farbe aus Imago fegt, wenn er auftaucht und die Idylle durch Attacken auf Taro stört, eine andere. Einige gruselige und sogar blutige Szenen haben mich kurz zweifeln lassen, ob man dieses Buch wirklich 10jährigen empfehlen sollte. Der leichte Anflug von Bedrohung und Panik deckt den sonst so lustigen, lebensfrohen Erzählstil ein wenig zu und flechtet düstere, melancholische Elemente mit ein. Vor allem aber die Bestätigung ihrer Talente und die Aufmerksamkeit, die die beiden Heranwachsenden im Zirkus Anima erhalten, vor allem vom Akrobaten und Musiker Taro, machen die kurzen Stunden in Imago noch kostbarer für die beiden.


"Die großen Geheimnisse sind immer offensichtlich."


Auch ich habe mich immer besonders auf die Besuche gefreut, denen immer ein Zauber und eine leichte Poesie inne wohnten.
Allgemein ist der Schreibstil jedoch von vielen liebevollen Details, einem lockeren Witz und emotionalen Szenen geprägt. So lockern zum Beispiel der Schweinetick ihrer Mutter, die vielen süße Spitznamen, die sie Wanja gibt, oder der quirlig/nervige Nachbarsjunge mit dem wohlklingenden Namen Breien alias Brian Trockenbrodt, die Atmosphäre ordentlich auf.

Neben dem Plot an sich begeistert vor allem die liebevolle Charaktergestaltung, die sehr breit gefächert ist, auch wenn auf unserer Protagonistin Wanja Walters, als personale Erzählerin, das Hauptaugenmerk liegt. Das junge Mädchen hat eine Begabung für Geschichten und das Trapez, hasst Mathematik und vor allem ihren Lehrer Herr Schönhaupt, ist ein kleiner Wirbelwind und entwickelt sich rasend schnell in dieser Geschichte. Zu Beginn hatte ich noch recht große Probleme, mich mit ihr zu identifizieren, da sie noch so jung war, dann aber doch teilweise so viel älter wirkte, weshalb ich mich schlecht auf sie einstellen konnte. Im Laufe der Geschichte wird ihre Unsicherheit immer weniger und die Geborgenheit Imagos lässt sie über sich hinauswachsen. Zu ihrer Mutter Jo hat sie ein recht schwieriges Verhältnis. Eigentlich haben sich beide sehr lieb und können auch recht viel miteinander anfangen, Jo arbeitet jedoch viel zu viel, ist fast immer gestresst und versteht ihre Tochter nicht mehr. Dazu kommt, dass zwischen den beiden die ungeklärte Vaterfrage wie eine Mauer steht, sodass man anfangs relativ wenig Verständnis für die junge Jo hat und eher zu Wanja hält, die ein wenig enttäuscht von ihrer Mutter ist. Später bekommt jedoch auch die junge Mutter eine nennenswerte Geschichte und man versteht besser, weshalb sie sich so verhält.


"Wanja verstummte. Sie sah auf Mischa herab. Tränen liefen lautlos über ihre Wangen. Es war unendlich still. Und aus dieser Stille erhob sich ein Gefühl."


Mischa Konjow ist ein Jahr älter als Wanja und in sehr schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Im Gegensatz zu Wanja hat er zwar einen Vater, er ist jedoch ein gewalttätiger, ekelhafter Trinker, der seine Familie schlecht behandelt, weshalb ihm lieber wäre, er hätte gar keinen. Wanjas oberflächliche Freundinnen nennen ihn den "Penner" und verurteilen ihn wegen seinem etwas verlotterten Äußeren, seiner zerrissenen Jeans und der abgetragenen Cordjacke, die er immer trägt. Doch während sich Wanja und er besser kennenlernen, da sie dieselben Gefühle für Imago und Taro haben, erfahren wir, wie sehr er unter seinem Vater leidet und sich deshalb in die Musik und Kunst flüchtet. Auch sein Charakter hat mich sehr berührt, auch wenn er nicht wirklich in den Altersbereich gefallen ist, mit dem ich mich sonst beschäftige.

Die erstaunlich vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten der Nebencharaktere, die vielschichtig und farbenfroh beschrieben wurden, hauchen der ganzen Geschichte ordentlich Leben ein, auch wenn es fast mehr sind, als für die eigentliche Geschichte notwendig gewesen wären. Vor allem die farbenrohe Zirkustruppe hat es mir sehr angetan. Neben Taro, der eine absolute Schlüsselrolle einnimmt, sorgen noch der Turban tragende Zirkusdirektor Baba, der mutige Feuerschlucker Perum, die wunderschöne Sängerin Noaeh, der traurige Clown Reimundo, die dunkel schillernde Schwarze Witwe Madame Nui, der witzige Zauberer Pati Tatü mit den gelben Blumenkohllocken, die stumme Schlangenfrau Sulana, der alte und geheimnisvolle Zauberer Amon, die starken Zwillinge Thyrm und Thyra und auch die katzenhafte Turnerin Gata für ordentlich Schwung. Auch Jos beste Freundin Flora war ein schillernder Charakter, der mir sehr gefallen hat.


"Und dann lächelte er. Stand da und lächelte, und Wanja fühlte, wie eine tiefe Traurigkeit in ihr aufstieg. Wie eine Welle bäumte sie sich in ihr auf, stieg höher und höher, strömte aus ihren Augen und lief ihr als Tränen die Wangen herab, groß und leise, wie das Lächeln des Clowns."


Ich denke, dass jeder einen Zirkus Anima braucht um schwere Zeiten, Findungsphasen oder andere Probleme überwinden zu können. Einfach abschalten, an etwas anderes denken, gut zugeredet bekommen, wahrgenommen werden und sich wirklich ausleben können um wieder neuen Mut und Kraft für den alltäglichen Kampf zu schöpfen - dass können viele Orte und Menschen für einen bewirken. Doch gerade wenn man als Kind nicht genug Zuwendung erhält, nicht mit genügend Stabilität und Gewissheit aufwächst, muss man sich solche Orte wo anders suchen. Diese Geschichte hat mir gezeigt, dass auch die Fantasie ein wunderbarer Ausweg sein kann und immer das real ist, was wir als solches empfinden. Wir wünschen uns so viele Dinge, malen die buntesten Bilder und Träume in unseren Köpfen, aber auch dort kommen früher oder später dunkle Wolken auf. Und um genau diese Bilder in unsere Realität zu übertragen, müssen wir den Auslöser für die dunklen Wolken finden und diesen bekämpfen. So dürfen wir zwar alle Träumer bleiben und auf unerwartete Fügungen hoffen, werden aber auch dazu angehalten uns aufzuraffen und unser Schicksal selber in die Hand zu nehmen.


"Und wenn sich unser Innerstes für eine Welt öffnet […], dann öffnet sich diese Welt auch für unser Innerstes und wird unsere Wirklichkeit – solange wir es brauchen."




Fazit:

Eine magische, berührende Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität gepaart mit der Sehnsucht nach der Erfüllung von Träumen. Voller Magie, Witz, Ernsthaftigkeit und ein wenig Tiefsinn - für jedermann zu empfehlen!