Ein queer-feministischer Denkanstoß und differenzierte Orientierungshilfe
Lesbisch werden in zehn SchrittenMit "Lesbisch werden in zehn Schritten" legt Louise Morel weniger einen klassischen Ratgeber als vielmehr eine essayistische, hochpolitische Dekonstruktion von Heteronormativität vor. Hinter dem gezielt ...
Mit "Lesbisch werden in zehn Schritten" legt Louise Morel weniger einen klassischen Ratgeber als vielmehr eine essayistische, hochpolitische Dekonstruktion von Heteronormativität vor. Hinter dem gezielt provokanten, doch auch leicht irreführenden Titel verbergen sich nämlich weniger konkrete Anleitungen oder Ratschläge, sondern eine kluge Einführung in queer-feministische Denkweisen und den politischen Lesbianismus.
Dafür werden in zehn Überkapiteln autobiografische Erfahrungen der Autorin mit theoretischen Überlegungen verbunden, die dazu einladen, die eigene Sexualität und Identität, aber vor allem die Art und Weise, wie wir im Patriarchat Beziehungen gestalten zu hinterfragen. Louise Morel bietet uns also praktisch mit ihrer Liebeserklärung ans lesbische Leben den ultimativen Ausbruch aus dem Patriarchat an. Eine reizvolle Vorstellung, die jedoch an manchen Stellen durch eigene Erfahrungen etwas zu stark romantisiert wird. Auch stilistisch schwankt der Text zwischen Essay und Selbstbericht und ist gelegentlich etwas derb geraten. Manche etwas gewöhnungsbedürftige Formulierungen werden vermutlich der Übersetzung aus dem Französischen geschuldet sein.
Nichtsdestotrotz war es eine kurzweilige und hochinformative Lektüre. Besonders spannend finde ich ihre äußerst bedachte Auseinandersetzung mit der Frage, ob Sexualität als gegeben oder veränderbar verstanden werden sollte und welche Implikationen das in der aktuellen politischen Laga hat. Die "born this way"-Annahme wurde in den letzten Jahren nicht zuletzt wissenschaftlich widerlegt, was besonders im Zuge von zunehmender Queerfeindlichkeit einige Fragen aufwirft. Denn wenn man homosexuell "werden" kann, könnte man ja auch theoretisch heterosexuell werden, was die Tür für Konversionstherapien und problematische Narrative öffnet. Allerdings ist eine festes und unveränderliches Verständnis von Sexualität nun mal ebenfalls nicht haltbar.
Dieses Buch versucht in diesem Spannungsfeld Orientierung zu geben und den eigenen Horizont zu erweitern. Damit richtet es sich in erster Linie an Personen, die sich gerade in einem Queer Awakening befinden, liefert aber generell sinnvolle Denkanstöße und Inhalte für Hetero-Personen genau wie für Allies und Personen der LGBTQIA+-Community. Außerdem ist das Label "lesbisch" hier sehr weit definiert und bietet einen intersektionalen, trans- und bi/pan-inklusiven Blickwinkel, der undogmatisch jede Menge Raum für individuelle Deutungen und Lebensentwürfe lässt.
"Anstatt uns für die Kraft und Erfolge der anderen zu freuen, lernen wir, sie als Ansporn für ein Wetteifern zu begreifen. Auf die gleiche Weise wie der Kapitalismus Arbeiterinnen in die Konkurrenz treibt, um zu verhindern, dass sie sich auflehnen, sät das Patriarchat Zwietracht zwischen Frauen und FLINTAs, um die eigene Herrschaft zu sichern."
Fazit*
"Lesbisch werden in zehn Schritten" liest sich weniger als Ratgeber, sondern eher als queer-feministischer Denkanstoß, differenzierte Orientierungshilfe und Einladung, gewohnte Vorstellungen von Liebe und Begehren neu zu denken.