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Veröffentlicht am 13.05.2025

Ein tiefer Blick in menschliche Abgründe

Der dunkle Sommer
1

Nachdem mich „Wolfskinder“ und „Das Baumhaus“ komplett gefesselt haben, wollte ich mir Vera Bucks neuestes Buch „Der dunkle Sommer“, das ich mir habe vorlesen lassen, nicht entgehen lassen. Und es geht ...

Nachdem mich „Wolfskinder“ und „Das Baumhaus“ komplett gefesselt haben, wollte ich mir Vera Bucks neuestes Buch „Der dunkle Sommer“, das ich mir habe vorlesen lassen, nicht entgehen lassen. Und es geht gleich richtig zur Sache, sowohl der Prolog als auch der Anfang dieses beklemmenden Thrillers lassen mir den Atem stocken. Ich bin sofort dabei und bleibe es - die Spannung hält permanent an. Bis zum letzten Satz.

Es sind zwei Zeitebenen, die mir das Sprecherteam aus verschiedenen Perspektiven nahebringt. Über 10 Stunden und 26 Minuten schaffen sie eine Atmosphäre, die unheimlich und verstörend, die beunruhigend und bewegend ist. Mit jeder einzelnen Figur fiebere ich mit oder aber ich verdamme den ein oder anderen, allesamt sind sie lebendig und nahbar.

Ein Haus für einen Euro, noch dazu auf Sardinien – wenn das nicht verlockend ist! Natürlich dürfte jedem klar sein, dass an so einem Gebäude noch so einiges zu tun ist, aber für Tilda, die Architektin ist, also beruflich im Bausektor durchaus kompetent sein dürfte, ist dies kein Hindernis. Sie lernt den Journalisten Enzo kennen, auch den verschrobenen Silvio, der als einziger hier noch wohnt, alle anderen scheinen das Dorf verlassen zu haben. Eines schönen Tages taucht Tildas Bruder Nino auf, was ihr so gar nicht gefällt. Nun, sie lässt ihn bei sich wohnen, mit Enzo erforscht sie die Vergangenheit des Dorfes, es geschehen einige seltsame, nicht erklärbare Dinge und dann ist Nino ohne ein Wort verschwunden.

Und da ist auch Franca, auch von deren tragischer Geschichte, die sich ab 1983 zuträgt, erfahre ich mehr. Was ihr widerfährt ist so schrecklich, so aufwühlend, so verstörend – ich kann es gar nicht fassen, zu was Menschen fähig sind.

Wie gesagt, mich hat Vera Buck mit jedem ihrer Bücher erreicht. Und auch mit diesem hier. Es ist so eindrücklich geschildert und auch die Sprecher haben einen Superjob gemacht, als ob sie direkt im Geschehen wären, als ob sie all diese nicht fassbaren Grausamkeiten selber erleben würden.

Im Nachwort erfährt man, das diese Verbrechen den Tatsachen entsprechen, Sardinien war zu jener Zeit das Land der geraubten Menschen. Tragödien, die über Jahrzehnte hinweg in Italien und speziell auf Sardinien unerbittlich durchgezogen wurden. Vera Buck hat sich dieser düsteren Thematik angenommen, hat bestens recherchiert und ihre Geschichten perfekt wiedergegeben. Mich hat sie voll erwischt, ich habe in tiefste menschliche Abgründe geblickt. Ein Thriller vom Allerfeinsten, absolut lesens- und/oder hörenswert.

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Veröffentlicht am 08.05.2025

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf

Wut und Liebe
1

Martin Suter berichtet in drei Teilen von „Wut und Liebe“, von Noah, dem erfolglosen Künstler und von Camilla, seiner großen Liebe. Und da ist noch Betty, die Noah in der Blauen Tulpe eher zufällig kennenlernt. ...

Martin Suter berichtet in drei Teilen von „Wut und Liebe“, von Noah, dem erfolglosen Künstler und von Camilla, seiner großen Liebe. Und da ist noch Betty, die Noah in der Blauen Tulpe eher zufällig kennenlernt. Beide scheinen sie eine Schwäche für Mojitos zu haben, denn bald kommen sie darüber ins Gespräch. Die 65jährige Betty ist auf dem Weg zur Herzpraxis kurz in dieses Lokal abgebogen und wie es manchmal so ist, macht der Alkohol die Zungen locker. Sie lässt ihn ein wenig hinter die Kulissen ihres Leben blicken und – macht ihm ein so verlockendes wie unanständiges Angebot.

Noah und Camilla sind seit drei Jahren ein Paar, sie lieben sich, jedoch beschließt Camilla, ihn nicht weiter finanziell zu unterstützen. Sie trennen sich. Derweilen wird der Kontakt zwischen Noah und Betty intensiver – das Verhängnis nimmt seinen Lauf…

…und die Erzählung scheint über weite Strecken eher dahinzuplätschern. Wobei es mich schon vorwärts treibt, denn dass Suter am Ende eine nicht vorhersehbare Wendung bereit hält, ahne ich und auch weiß ich dies aus seinen anderen Büchern. Also lasse ich mich auf Noahs Geschichte ein, der von Betty viel über den Geschäftspartner ihres verstorbenen Ehemannes erfährt und noch immer will er Camilla zurückerobern, dafür würde er auch auf nicht ganz legale Methoden zurückgreifen.

Martin Suter ist ein brillanter Erzähler, er nimmt hier seine Leser mit in eine Unternehmensberatung, deren vermögende Kunden Verschwiegenheit erwarten. Mit Noah ist es der arme Künstler, der fest an seinen Durchbruch und mit Betty seine Mäzenin gefunden zu haben glaubt. Dabei schreibt er unaufgeregt und launig, ich höre ihm, dem Schweizer, direkt zu. Die Story entwickelt sich eher gemächlich, das ganze Buch über erwartet man, dass etwas Entscheidendes passiert. Und ja – die ganze Dramatik offenbart sich, je mehr wir dem Ende zusteuern.

Auf unterhaltsame Weise werden so manch menschliche Abgründe aufgezeigt, Wut und Liebe sind nah beieinander, auch spielen Rachegelüste in vielerlei Form ebenso mit hinein wie Lug und Betrug. Das Buch macht nachdenklich und auch wenn es nicht an „Melody“ herankommt, so habe ich es doch gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 07.05.2025

Eine unerschrockene Frau im Nachkriegs-Wien

Die Trümmerschule – Zeit der Hoffnung
1

„Die Trümmerschule - Zeit der Hoffnung“ ist das erste von zwei Büchern, es handelt von einer mutigen Lehrerin, die im Wien der Nachkriegszeit für ein besseres Morgen kämpft. Beate Maly hat sich in diesem ...

„Die Trümmerschule - Zeit der Hoffnung“ ist das erste von zwei Büchern, es handelt von einer mutigen Lehrerin, die im Wien der Nachkriegszeit für ein besseres Morgen kämpft. Beate Maly hat sich in diesem Roman vom Leben der Pädagogin und Politikerin Stella Klein-Löw inspirieren lassen, wie sie im Nachwort verrät. Ein historischer Roman, der auf Tatsachen beruht, dessen Protagonisten jedoch fiktiv sind.

Die jüdische Lehrerin Stella Herzig (Klein-Löws Geburtsname) kehrt nach acht Jahren im Londoner Exil ins zerbombte Wien zurück, in den weitgehend zerstörten Schulen herrscht nach wie vor der Geist des Nationalsozialismus. Sie kommt bei ihrer Freundin Feli unter, die ihr am Lindengymnasium eine Anstellung als Deutsch- und Englischlehrerin verschafft hat. Es liegt im amerikanischen Sektor, in dem sich im Gegensatz zum sowjetisch besetzten Bezirk um einiges besser leben lässt. Pfeifer, der Direktor des Gymnasiums, befürwortet ihre fortschrittlichen Lehrmethoden, sie sieht und fördert jedes einzelne Kind, was so einigen im Lehrerkollegium jedoch aufs Äußerste missfällt. Deren althergebrachter, autoritärer Stil, ist auch bei vielen Eltern noch weit verbreitet, wir schreiben das Jahr 1946.

Beate Maly schafft es sofort, mich in ihre Geschichte zu ziehen. Die „Zeit der Hoffnung“ kommt trotz der Schwere der Themen gut durch wie etwa die Arisierung der Wohnungen, die sie gekonnt mit einflicht und auch der Hunger und der Schwarzmarkt sind Thema. Viele Soldaten sind im Krieg geblieben, andere schwer traumatisiert und/oder versehrt zwar wieder daheim, aber für ihr weiteres Leben gezeichnet. Stella hat Schlimmes erlebt, ihre jüdische Familie hat das Nazi-Regime nicht überlebt und auch jetzt ist sie vor verdeckten und auch offenen Anfeindungen nicht gefeit. Und doch gibt es Zusammenhalt, Freundschaft und Liebe, all das ist gut eingebunden in diese Zeit des Wiederaufbaus inmitten des Schulalltags. Stella ist stellvertretend für die vielen starken, unerschrockenen, zupackenden Frauen eine beeindruckende und lebensnahe Protagonistin, auch die anderen Figuren sind glaubhaft angelegt.

Es ist ein versöhnliches Buch, aber auch ein erschreckend aktuelles Buch. Der Juden- und der Fremdenhass greifen wieder vermehrt um sich, das Geschichtsbewusstsein scheint in einigen Schichten unserer Gesellschaft vergessen zu sein. Dabei sollten wir unsere Vergangenheit nie vergessen. Ein lesenswertes Buch, dessen zweiten Teil „Jahre der Kinder“ ich nicht versäumen werde.

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Veröffentlicht am 06.05.2025

Die Falkenbachs inmitten der Kriegswirren

Die Stunde des Widerstands
1

„Die Stunde des Widerstands“ ist der zwölfte Teil der Falkenbach-Saga. Ellin Carsta nimmt ihre Leser mit in die Jahre 1942/43. Es sind finstere Zeiten, es sind gefährliche Zeiten. Sie thematisiert etwa ...

„Die Stunde des Widerstands“ ist der zwölfte Teil der Falkenbach-Saga. Ellin Carsta nimmt ihre Leser mit in die Jahre 1942/43. Es sind finstere Zeiten, es sind gefährliche Zeiten. Sie thematisiert etwa die Weiße Rose, eine Widerstandgruppe um die Geschwister Scholl, eine der bekanntesten Gruppen im Widerstand der NS-Zeit, auch Teile von Goebbels Sportpalastrede hat sie mit einfließen lassen, in der er die deutsche Bevölkerung auf den totalen Krieg einschwört. Dies sind nur zwei von vielen historisch verbürgten Fakten, die sie gekonnt in die fiktive Falkenbach-Saga einbindet.

Die Familien von Falkenbach und Lehmann bangen um ihre Söhne Gustav und Leopold, die beide an der Front sind. „Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich weiß nicht einmal, wie lange ich noch atme“ denkt Leopold Lehmann, dem sein Einsatz im Kriegsgebiet arg zusetzt und auch Gustav, der als Arzt keinerlei Empathie entwickeln darf, kommt an seine Grenzen und doch heißt es durchhalten, alles andere wird nicht geduldet.

Daheim in Bernried am Starnberger See ist ihnen Viktor Sander als Leiter des Arbeitslagers zugeteilt, er wird mit Argwohn betrachtet, allerdings scheint er Wilhelmine von Falkenbach sehr zugetan zu sein. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass sie bespitzelt werden, jedoch wissen sie nicht, wer dies sein könnte. „Wer ist Feind, wer Freund – und wie kann ich sie unterscheiden“ fragt sich Ferdinand Lehmann. Sie wissen, dass es hier immer gefährlicher wird und schon länger trägt sich Paul-Friedrich von Falkenbach mit dem Gedanken, mit der gesamten Familie nach Argentinien auszuwandern. Was gründlich überlegt und vorbereitet sein will und nicht so leicht zu bewerkstelligen ist.

Auch dieser zwölfte Teil der Saga hat nichts an Spannung eingebüßt und was mir immer gut gefällt ist die Tatsache, dass neben der fiktiven Story viel Historisches mit einfließt. Hier sind wir mitten im Zweiten Weltkrieg, haben Einblick etwa ins Lazarett und in so manch schwerwiegende Entscheidung über Leben und Tod. Und auch in der Heimat ist alles anders, sie werden bespitzelt und denunziert, keinem ist zu trauen, Gedanken sollten nicht laut ausgesprochen werden.

Ellin Carsta versteht es, diese schwere Zeit, diese schwerwiegenden Themen atmosphärisch und unterhaltsam zu schildern. Und – die Saga geht weiter, ich bin gespannt.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Berührend und bedrückend zugleich

Beeren pflücken
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„Beeren pflücken“ ist Amanda Peters berührendes Debüt, das über Liebe und Verlust und Verrat erzählt. Es handelt von einer Mi'kmaq-Familie, die wie andere auch jeden Hochsommer aus Nova Scotia nach Maine ...

„Beeren pflücken“ ist Amanda Peters berührendes Debüt, das über Liebe und Verlust und Verrat erzählt. Es handelt von einer Mi'kmaq-Familie, die wie andere auch jeden Hochsommer aus Nova Scotia nach Maine kommt, um für acht bis zwölf Wochen bei der Blaubeer-Ernte zu helfen. Mom und Dad und ihre Kinder Ben, Mae, Charlie, Joe und Ruthie richten sich für diese Zeit in einer Hütte am Rande eines Feldes häuslich ein, andere Erntehelfer müssen sich mit Zelten begnügen und notfalls auf dem harten Boden schlafen.

Als eines Tages die vierjährige Ruthie spurlos verschwindet, ist nichts mehr so, wie es war. „Sie ist noch nicht lange genug verschwunden, und ihr seid keine richtigen Einwohner von Maine und geltet als Durchreisende“ macht der Polizist ihnen wenig Hoffnung. Sechs Wochen lang suchen sie vergeblich nach Ruthie. Als die Beerenfelder abgeerntet sind, fahren sie noch ein letztes Mal an dem großen Stein vorbei, auf dem Ruthie zuletzt gesehen wurde. Ihr Verschwinden breitet einen Mantel der Trauer über die Familie, die Leichtigkeit ist dahin.

Der Roman wird zum einen aus Joes Sicht erzählt. Ab dem Jahre 1962 – es ist das Jahr, als Ruthie verschwand – erzählt er von sich, von der Familie, von seinem Leben.

Im zweiten Erzählstrang ist es Norma, der wir folgen. Sie hat oft seltsame Träume, die begonnen haben, als sie vier oder fünf Jahre alt war. Es waren Träume voller Licht, andere dagegen waren dunkel. Darin hört sie ihren Bruder lachen, was aber nicht sein kann, denn sie ist Einzelkind. Auch sieht sie ihre Mutter, das Gesicht jedoch ist nicht ihres. Noch mehr Unerklärliches ist es, das sie nie zuordnen kann und sehr viel später wird ihr klar, dass es sich immer um ein- und denselben Traum handelt.

Zwei Lebensgeschichten, die auf den ersten Blick so gar nichts miteinander zu tun haben. Bald weiß man, um wen es sich bei Norma handelt, deren Mutter sie nie alleine lässt und sie ängstlich behütet und auch ihre Tante Jane benimmt sich zuweilen seltsam. Es gibt keine Fotos von ihr als Kleinkind und auf die Frage, warum sie als einzige in der Familie eine so dunkle Haut hat, wird dafür ein italienischer Großvater verantwortlich gemacht.

Es ist eine Geschichte über eine lebenslange Lüge, über ein Verbrechen, das sprachlos macht. Über ein indianisches Volk, die Mi’kmaq, deren Daseinsberechtigung von den Weißen oftmals mit Füßen getreten wird. Norma spürt, dass ihr etwas Entscheidendes fehlt, sie entdeckt im Laufe der Jahre immer mehr an Ungereimtheiten und ja, sie weiß viel mehr, sie erkennt so manch schreckliches Geheimnis. Und nicht die Schuldigen, nein, sie selber spricht letztendlich klar aus, was ihr ein Leben lang verschwiegen wird. Es ist ein Buch, das betroffen macht und auch ist es ein Buch über Liebe und Vergebung – trotz allem.

Amanda Peters ist eine Schriftstellerin mit Mi'kmaq- und Siedlerabstammung. Sie weiß also, welches Volk sie in den Mittelpunkt ihrer Erzählung stellt. Ihre Figuren zeigen die ganze Palette menschlicher Verhaltensweisen, sie sind zugänglich und verschlossen, sie handeln eigennützig oder auch nicht. Jeder hat seine eigene Art, mit Verlust umzugehen. Trauer hat viele Facetten, genau so die Liebe. „Beeren pflücken“ ist eine Erzählung voller Intensität, die ich schweren Herzens beendet habe, die mir viel bedeutet, die noch lange nachhallt.

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