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Veröffentlicht am 26.03.2026

Vom Schweigen und Vertuschen, von Gräueltaten und alten Seilschaften

Wo der Wind die Namen trägt
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Gerne greife ich zu Anja Jonuleits Büchern, jedes einzelne kann ich wärmsten empfehlen. Wobei ich sie nicht alle gelesen habe. Noch nicht. Gerade habe ich ihren neuesten Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ ...

Gerne greife ich zu Anja Jonuleits Büchern, jedes einzelne kann ich wärmsten empfehlen. Wobei ich sie nicht alle gelesen habe. Noch nicht. Gerade habe ich ihren neuesten Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ zugeklappt, er erzählt in zwei Zeitebenen von Inge. Von der 8jährigen, dem Kind Inge und von der 85jährigen Inge Sundermann. Es ist das Jahr 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und dann ist es das Jahr 2023, als sie eine Einladung zum Klassentreffen erhält.

Sie zögert, will an diese Zeit in der Lüneburger Heide nicht erinnert werden und nun, da ich den Roman gelesen habe, kann ich sie gut verstehen. Die Idylle dieser Landschaft ist schon auch beschrieben, man möchte sich direkt aufmachen, um durch die Heide zu streifen, all die Gerüche in sich aufnehmen und so manch verwunschenen Ort näher betrachten. Da ist aber auch das Andere, die unrühmliche Vergangenheit, die hier beschriebenen Nazi-Seilschaften, die auch im Nachkriegs-Deutschland allgegenwärtig sind.

Die achtjährige Inge ist mit ihrer Mutter, einer Celler Kinderärztin, in diese Gegend gezogen. Auch hier ist die Ärztin angesehen, sie wird gar als Heldin verehrt, hat sie doch viele Kinder aus dem brennenden Krankenhaus in Celle gerettet. Inges Erinnerungen sind die ihrer Kindheit. Nicht alles konnte sie verstehen, erst im Nachhinein musste sie mit Erschrecken feststellen, dass ihr damaliges Bild, ihre geliebte Heimat und die Menschen darin, ein verklärtes Bild war. Die kleine Inge trifft auf den Geigenmann, wie sie ihn nennt und zu ihrer großen Freude unterrichtet er sie im Geigenspiel. Der Weg zu ihm führt durch einen Wald, den sie zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt. Eines Tages dann beobachtet sie ein Verbrechen…

Und da ist Helga, die den Auftrag für eine Chronik der Kreisbauernschaft erhält und dafür viel mit den Menschen hier redet. Es sind viele Tagebücher zusammengekommen, die Inge Jahrzehnte später liest und spätestens da wird ihr idyllisches Bild irreversibel zurechtgerückt. Es sind schmerzhafte Wahrheiten, von denen viele hier wussten und geschwiegen haben.

Der Roman entspricht in weiten Teilen der Wirklichkeit, untermalt von fiktiven Elementen. Es ist ein historisch belegtes Zeitdokument, das von Euthanasie an behinderten Kindern berichtet. Von einem Kriegsverbrecher, einem SS-Mann an vorderster Front, der sich unter falschem Namen jahrelang in dieser Gegend versteckt hat. Wohlgemerkt mit Hilfe der hier Ansässigen, die vieles verdrängt, sehr vieles vertuscht haben. Es waren Mitläufer, vielfach aber waren es Täter, die sich auch später dann die gut dotierten Posten zugeschachert haben. Und ja, man weiß um das Vergangene, um die Gräueltaten während des Nazi-Regimes, die nie in Vergessenheit geraten dürfen. Und doch bleibt vieles im Verborgenen.

Anja Jonuleit hat einen aufwühlenden Roman vorgelegt, der in großen Teilen von der Vergangenheit erzählt - aus Sicht der jungen Inge und aus Sicht von Helga, der Chronistin. Sämtliche Personen, denn es sind doch so einige mehr als die oben genannten, sind aufs Beste charakterisiert, die einzelnen Erzählstränge durch die verschiedenen Schriftarten gut auseinanderzuhalten und auch ist es der am Ende näher beschriebene historische Hintergrund sowie die letzten Anmerkungen der Autorin, die diesen Roman abrunden. Ein Buch, das betroffen macht. Eine Geschichte – ein Teil unserer Geschichte - die gelesen werden will, die ich allen geschichtlich Interessierten gerne empfehle.

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Veröffentlicht am 20.03.2026

Leicht, seicht, vorhersehbar

39 Grad Mord
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Hannah Krause-Bendix, ihres Zeichens Schriftstellerin, hat eine Schreibblockade. Ihr erster Krimi war ein durchschlagender Erfolg, für den nächsten dieser Art hat sie den Vorschuss kassiert, ihn auch schon ...

Hannah Krause-Bendix, ihres Zeichens Schriftstellerin, hat eine Schreibblockade. Ihr erster Krimi war ein durchschlagender Erfolg, für den nächsten dieser Art hat sie den Vorschuss kassiert, ihn auch schon ausgegeben, aber ihr will nichts einfallen. Trotzdem sitzt ihr der Abgabetermin im Nacken. Was tun? Ihr Lektor hat einen Plan, dem sie sich zunächst widersetzt, ihn aber doch annimmt. Es hätte weniger luxuriös kommen können, denn er schickt sie nach Sizilien, direkt hinein in einen Traum von Haus. Dass diese Villa ihrem erfolgreichen Krimi-Kollegen gehört, weiß sie zunächst nicht. Denn ob sie dann hierher gefahren wäre, ist äußerst fraglich, kann sie doch diesen Typen so gar nicht leiden.

Dass Autoren zuweilen an einer Schreibblockade leiden, scheint momentan eine gängige Einstiegsmethode in einen Krimi zu sein. Nun gut, Hannah ist noch sehr viel mehr als nur die verhinderte Schreiberin eines schnöden Krimis, sie sieht sich vielmehr als diejenige, die nichts weniger als hochwertige Literatur verfasst. Sie leidet an Selbstüberschätzung, würde ich sagen, denn reihenweise Liebesromane sind eher seichte Kost. Sei´s drum. Sie ist auf Sizilien und kaum angekommen, sucht sie sich ein Lokal, schließlich muss sie etwas zu sich nehmen. Und ja, sie isst schon irgendwas, aber hauptsächlich ernährt sie sich nass. Sprich: sie ist dem Alkohol sehr zugetan. Und wie es der Zufall so will, findet sie in ihrem benebelten Zustand, zudem ist es dunkel geworden, nicht mehr in die Villa, also ruft sie ein Ehepaar, das sie in besagtem Lokal kennengelernt hat, an. Er holt sie ab, seine Frau Gemahlin hat gekocht, sie bechern munter weiter, also schläft sie hier. Am nächsten Tag findet sie irgendwie zu sich und, was noch beängstigender ist, sie findet die Frau des Hauses, Greta, mausetot am Küchenboden liegen.

Was ich hier etwas flapsig wiedergegeben habe, ist mein erstes und eigentlich durchgängiges Empfinden über diese Story. Die Hauptakteurin Hannah trinkt, um es mal geschönt auszudrücken. Sie ist von sich absolut überzeugt, andere sind in ihren Augen absolute Looser. Der Tod von Greta wird der örtlichen Polizei angezeigt, diese jedoch ist unfähig und selbstredend ermittelt Hannah heimlich. Und klar, nur sie hat den absoluten Spürsinn. Ihre Geliebte kommt ins Spiel, sie ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder und genau deswegen kann und will sie ihr Leben nicht aufgeben. Hannah jedoch verlangt von ihr, zigtausend Kilometer zu ihr zu ziehen, sie jedoch denkt nicht im Traum daran, ihr Singledasein aufzugeben. So geht es munter weiter, sie nennt eine junge Polizistin „Kinderpolizistin“, da sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen eben kleiner und zarter ist. Die ganze Story ist krampfhaft bemüht, originell zu sein. Dabei wird die Figur Hannah in ihrer Respektlosigkeit als Heldin gesehen. Sie agiert dummdreist und frech, lügt, was das Zeug hält. Dem kann ich absolut nichts abgewinnen und auch wenn sich das Buch ganz flott liest, so dreht sich die Story um die Daueralkoholbenebelte Hannah. Neben der Kinderpolizistin kommen noch so einige verunglückte Wortungetüme vor, die nicht mal im Ansatz witzig sind.

„39 Grad Mord“ ist sehr leichte, seichte Kost, die man lesen kann, es aber nicht zwangsläufig muss. Wer sich an aneinandergereihten Klischees und an einer vorhersehbaren Story nicht stört, wird diesen Kriminalroman durchaus etwas abgewinnen können.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Charismatisch, manipulativ, toxisch

Ultramarin
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„Das Wasser tief unter uns, ein dunkles Blau, ultramarin. Vielleicht war das schon zu viel gewesen für meine Nerven.“

Es gibt sie, diese charismatischen Menschen, die dich festhalten, dich mit allen ...

„Das Wasser tief unter uns, ein dunkles Blau, ultramarin. Vielleicht war das schon zu viel gewesen für meine Nerven.“

Es gibt sie, diese charismatischen Menschen, die dich festhalten, dich mit allen Sinnen verführen, die dich innehalten lassen und dich von ihnen abhängig machen. Ann-Christin Kumm hat sich in ihrem Debüt ihrer angenommen, sie erzählt von ihrem manipulativen Spiel, von dem man hinterher weiß. Es eigentlich schon vorher weiß, es aber nicht wahrhaben will.

Alles beginnt mit einer Leichtigkeit, zumindest fast. Lou und Raf und Nora sind unterwegs zu dem alten Ferienhaus in Dänemark, das Rafs Familie gehört. Eigentlich sollte Sophie dabei sein, seine Schwester. Sie aber ist verhindert, deshalb schickt sie Nora mit. Sie freuen sich über unbeschwerte Tage, die vor ihnen liegen. Lou ist derjenige, der dafür sorgt, dass sie nicht hungern müssen. Und auch ansonsten ist er es, der sich kümmert.

Aus Lous Sicht wird dieses Spiel um Macht und Begehren sichtbar. Sein Blick geht zwischendurch zurück auf gemeinsam Erlebtes, auch auf Jakob, mit dem ihn viel an Intimität verband, kommt darin vor. Und immer wieder ist es Raf, der sie alle mitzieht, der sein Spiel perfekt auf seine ureigene, sehr manipulative Weise beherrscht.

Ann-Christin Kumm präsentiert ihre absolut authentisch beschriebenen Akteure in dieser sommerlichen Atmosphäre. Sie leben in den Tag hinein, genießen ihr Dasein, alles flirrt. Sie probieren sich aus, testen Grenzen aus, gehen weit darüber hinweg. Dieses Spiel um Erotik, Macht und Begehren ist hoch toxisch, die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen werden deutlich sichtbar, auch wenn man am liebsten die Augen davor verschließen möchte.

Die Autorin versteht es, ihre Leser direkt mit hineinzuziehen in dieses Machtgefüge. Zunächst war ich ob der Zeitsprünge etwas verwirrt, ihr ganz eigener Schreibstil war mit bald vertraut, sie hat mich in ihr meisterhaft konstruiertes Spiel hinein gesaugt und mich erst wieder losgelassen, als es vorbei war. Erst da wusste ich um die ganze Dramatik. Sie hat in mir eine Gefühlspalette entfacht, die nie ganz positiv war, die jedoch immer gehofft hat. Das Ende kommt abrupt, ist aber trotz der Düsternis in sich stimmig. „Ultramarin“ ist ein Buch, das ich nicht missen möchte, das mich noch lange gedanklich beschäftigen wird.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Absolut lesenswert!

Der Fährmann
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„Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Erich ...

„Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ Erich Maria Remarque.

Hannes ist sechs Jahre alt, als wir ihm das erste Mal begegnen. Wir schreiben das Jahr 1894, es ist November, draußen ist es stockfinster und eiskalt. Grad haben sie Hannes aus dem Wasser gefischt und trotzdem die Mutter ihm sofort die nassen Sachen ausgezogen und ihn warm eingepackt hat, kriecht die Kälte durch ihn durch. Schwimmen soll er dringend lernen, meint sein Onkel Georg Winkler, der als Fährmann auf der Salzach die österreichische und die deutsche Seite miteinander verbindet.

„Ich verbiete es euch, der Hannes wird kein Fährmann werden. Suchts euch einen anderen Hochzeiter für eure Salzachbraut“ schimpft die Mutter. Sie aber kommt dagegen nicht an, als jüngstem von vier Söhnen bleibt Hannes nicht recht viel anderes übrig, den Hof wird er nie übernehmen können. Und so kommt es auch, Hannes Winkler ist der Fährmann, der seiner Lebtag lang ledig bleiben muss, so ist es und so war es immer schon.

Hannes, Elisabeth und Annemarie waren als Kinder unzertrennlich und nun, kaum der Kindheit entwachsen, wird Elisabeth den jungen Steiner heiraten, die Eltern haben es so beschlossen. Der Hoferbe Josef Steiner kann nur eine heiraten, die etwas mitbringt – Sach kommt zu Sach. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich zu fügen, auch wenn sich alles in ihr nach Hannes sehnt. Die Eltern bestimmen sogar, dass Elisabeths beste Freundin Annemarie als Wirtstochter zu wenig her macht, um bei der Hochzeit ihre Kranzljungfrau zu sein. Die Ehe ist für Elisabeth kein Zuckerschlecken und wo die Liebe fehlt, ziehen Gewalt und Missbrauch ein und damit auch Hass und Härte. Und wäre es damit nicht schon genug, beginnt der Erste Weltkrieg. Die Männer müssen fort, nicht jeder kommt wieder heim und wenn doch, dann ist er ein anderer.

Den Fährmann und die Geschichte drumherum begleiten wir von 1894 an, als sie noch unbeschwert Kinder sein durften, bis zum Kriegsjahr 1915. Viel ist geschehen, auch schon vor dem Krieg. Als Bäuerin auf dem Steiner-Hof hat Elisabeth nicht viel zu melden, der alte Steiner führt nach wie vor das Regiment und Josef, der Jungbauer, steht in seinem Wesen dem Alten in nichts nach. Er nimmt sich, was und wen er will und wird grob, wenn eine aufmuckt.

Die kurzen Kapitel mit Zeitangabe wechseln von Elisabeth zu Hannes zu Annemarie und auch zu Josef. War es schon vor dem Krieg kaum auszuhalten, so wird es später dann richtig schlimm. Dabei ist es Hannes, der die beiden jungen Frauen immer wieder auffängt, er ist ihr Ruhepol und auch wenn er selber oft darunter leidet, lässt er sich nichts anmerken.

Die Geschichte hat trotz des unerbittlichen Schicksals eines jeden einzelnen eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann und wenn man meint, alles ist kaum auszuhalten, kommt es noch ein Stück weit schlimmer. Die Rolle der Frauen, der verheirateten und der ledigen und jenen, die als Hexe abgestempelt sind, wird deutlich sichtbar und auch die des Mannes. Das Patriarchat und die Unterordnung der Frauen war gang und gäbe, keiner hat diese Rangordnung je infrage gestellt und wenn doch, hat er (hat sie) dies am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Es ist eine schmerzhafte Geschichte, die Regina Denk erzählt. Die nichts beschönigt, die voller Gewalt und Wutausbrüchen ist, aber auch die liebevollen Momente sind da, wenn auch rat gesät. Es ist ein wunderbares Buch, eine eindringlich erzählte Geschichte, aufwühlend und atmosphärisch. Ein historischer Roman, der gelesen werden will. Unbedingt.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Die vierzigste Gefangene kannte die Männer nicht

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Sie waren eingesperrt, ohne zu wissen, warum. 39 Frauen, die sich nicht oder nur sehr vage an das Davor erinnern können. Und da ist „die Kleine“, die vierzigste Gefangene, die von klein auf hier war, die ...

Sie waren eingesperrt, ohne zu wissen, warum. 39 Frauen, die sich nicht oder nur sehr vage an das Davor erinnern können. Und da ist „die Kleine“, die vierzigste Gefangene, die von klein auf hier war, die für sie alle als so etwas wie ein Zeitmesser fungiert. Jede hat ihren eigenen Käfig, den Tagesrhythmus bestimmen die Wärter, unter deren permanenter Aufsicht sie sind. Sie kommen immer zu dritt außer bei der Ablöse, da sind sie zu sechst - sie sprechen nie. Nicht mit ihnen und nicht miteinander. Eines Tages ertönt ein Alarm, die Wachen verschwinden, in der Tür steckt der Schlüssel. Die Frauen sind frei – aber sind sie das wirklich?

Aus Sicht der Kleinen schrieb die Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Jacqueline Harpman diesen erstmals 1995 erschienenen Roman. Sie nimmt ihre Leser mit eine dystopische Welt, geprägt von allumfassender Überwachung, einhergehend mit dem Verlust von Freiheit und jeglicher Individualität.

Auch wenn gefühlt nicht viel passiert, passiert doch eine ganze Menge. Nun, da sie draußen sind, sind sie auf sich gestellt. Ihr ganzes Leben hatten sie sich danach gesehnt und jetzt scheinen sie überfordert zu sein mit dem Überleben, mit dem Weiterleben, das sie von nun an selbst in der Hand haben. Die einzelnen Persönlichkeiten kristallisieren sich heraus, es geht um das Miteinander, um das Frau-sein in all seinen Facetten, um das Alter, um Krankheit und den Tod, der unweigerlich zum Leben gehört. Von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit lese ich, die Atmosphäre ist eher beklemmend. Es ist eine sonderbare Welt, in der sie lebten und auch jetzt leben, nachdem sie den unterirdischen Bunker verlassen konnten.

Trotz der düsteren Grundstimmung hat dieser Roman eine Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann. Die Ich-Erzählerin kennt nichts außer Gefangenschaft, in der es galt, Regeln einzuhalten, in der keine Fragen gestellt werden durften, in der Berührungen verboten waren. Kann man sich davon befreien? Eine spannende Frage, ein fesselnder Roman, der sehr nachdenklich stimmt.

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