Vom Schweigen und Vertuschen, von Gräueltaten und alten Seilschaften
Wo der Wind die Namen trägtGerne greife ich zu Anja Jonuleits Büchern, jedes einzelne kann ich wärmsten empfehlen. Wobei ich sie nicht alle gelesen habe. Noch nicht. Gerade habe ich ihren neuesten Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ ...
Gerne greife ich zu Anja Jonuleits Büchern, jedes einzelne kann ich wärmsten empfehlen. Wobei ich sie nicht alle gelesen habe. Noch nicht. Gerade habe ich ihren neuesten Roman „Wo der Wind die Namen trägt“ zugeklappt, er erzählt in zwei Zeitebenen von Inge. Von der 8jährigen, dem Kind Inge und von der 85jährigen Inge Sundermann. Es ist das Jahr 1946, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und dann ist es das Jahr 2023, als sie eine Einladung zum Klassentreffen erhält.
Sie zögert, will an diese Zeit in der Lüneburger Heide nicht erinnert werden und nun, da ich den Roman gelesen habe, kann ich sie gut verstehen. Die Idylle dieser Landschaft ist schon auch beschrieben, man möchte sich direkt aufmachen, um durch die Heide zu streifen, all die Gerüche in sich aufnehmen und so manch verwunschenen Ort näher betrachten. Da ist aber auch das Andere, die unrühmliche Vergangenheit, die hier beschriebenen Nazi-Seilschaften, die auch im Nachkriegs-Deutschland allgegenwärtig sind.
Die achtjährige Inge ist mit ihrer Mutter, einer Celler Kinderärztin, in diese Gegend gezogen. Auch hier ist die Ärztin angesehen, sie wird gar als Heldin verehrt, hat sie doch viele Kinder aus dem brennenden Krankenhaus in Celle gerettet. Inges Erinnerungen sind die ihrer Kindheit. Nicht alles konnte sie verstehen, erst im Nachhinein musste sie mit Erschrecken feststellen, dass ihr damaliges Bild, ihre geliebte Heimat und die Menschen darin, ein verklärtes Bild war. Die kleine Inge trifft auf den Geigenmann, wie sie ihn nennt und zu ihrer großen Freude unterrichtet er sie im Geigenspiel. Der Weg zu ihm führt durch einen Wald, den sie zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt. Eines Tages dann beobachtet sie ein Verbrechen…
Und da ist Helga, die den Auftrag für eine Chronik der Kreisbauernschaft erhält und dafür viel mit den Menschen hier redet. Es sind viele Tagebücher zusammengekommen, die Inge Jahrzehnte später liest und spätestens da wird ihr idyllisches Bild irreversibel zurechtgerückt. Es sind schmerzhafte Wahrheiten, von denen viele hier wussten und geschwiegen haben.
Der Roman entspricht in weiten Teilen der Wirklichkeit, untermalt von fiktiven Elementen. Es ist ein historisch belegtes Zeitdokument, das von Euthanasie an behinderten Kindern berichtet. Von einem Kriegsverbrecher, einem SS-Mann an vorderster Front, der sich unter falschem Namen jahrelang in dieser Gegend versteckt hat. Wohlgemerkt mit Hilfe der hier Ansässigen, die vieles verdrängt, sehr vieles vertuscht haben. Es waren Mitläufer, vielfach aber waren es Täter, die sich auch später dann die gut dotierten Posten zugeschachert haben. Und ja, man weiß um das Vergangene, um die Gräueltaten während des Nazi-Regimes, die nie in Vergessenheit geraten dürfen. Und doch bleibt vieles im Verborgenen.
Anja Jonuleit hat einen aufwühlenden Roman vorgelegt, der in großen Teilen von der Vergangenheit erzählt - aus Sicht der jungen Inge und aus Sicht von Helga, der Chronistin. Sämtliche Personen, denn es sind doch so einige mehr als die oben genannten, sind aufs Beste charakterisiert, die einzelnen Erzählstränge durch die verschiedenen Schriftarten gut auseinanderzuhalten und auch ist es der am Ende näher beschriebene historische Hintergrund sowie die letzten Anmerkungen der Autorin, die diesen Roman abrunden. Ein Buch, das betroffen macht. Eine Geschichte – ein Teil unserer Geschichte - die gelesen werden will, die ich allen geschichtlich Interessierten gerne empfehle.