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Veröffentlicht am 28.11.2025

Spannend, makaber - gewürzt mit britischem Humor

Wer die Toten stört
1

Wie kommt A. Rea Dunlap dazu, in ihrem historischen Thriller „Wer die Toten stört“ über Grabräuber und Serienkiller zu schreiben? Es waren Burke und Hare, Schottlands berüchtigste Serienmörder, von denen ...

Wie kommt A. Rea Dunlap dazu, in ihrem historischen Thriller „Wer die Toten stört“ über Grabräuber und Serienkiller zu schreiben? Es waren Burke und Hare, Schottlands berüchtigste Serienmörder, von denen sie erstmals in einem Podcast erfahren hatte. Sie ist abgetaucht in eine Zeit, in der Grabräuber sich eine rechtliche Grauzone zunutze machten, um Leichen zu Studien- und Lehrzwecken zu beschaffen und diese gewinnbringend zu verkaufen. William Burke und William Hare hatten als West Port murders traurige Berühmtheit erlangt, sie trieben in den Jahren 1827/28 in Edinburgh/Schottland ihr Unwesen.

Zunächst aber treffe ich auf den jungen, doch ziemlich unbedarften James Willoughby, der nach Edinburgh kommt, um Medizin zu studieren. Er ist begierig, alles über die Anatomie des menschlichen Körpers zu erfahren. Knochen, Muskeln, Nervenbahnen, innere Organe – alles erweckt seine Aufmerksamkeit. Bald hält er ein Skalpell in Händen, vor ihm auf dem Tisch eine menschliche Leiche. Widrige Umstände sind es, die ihn zu Nye MacKinnon treiben und dieser ist es, der ihn in zweifelhafte Machenschaften einführt.

Dieser historische Thriller vereint Wahres mit Fiktion. Neben Burke und Hare sind es noch so einige historische Personen, die mit den fiktiven Figuren, allen voran James und Nye, vermischt sind. Die Grabräuber betrieben ihr in jeglicher Hinsicht schmutziges Geschäft, ihre Abnehmer waren die medizinischen Fakultäten, die enormen Bedarf an Leichen hatten, die allein durch Körperspender nicht gedeckt werden konnten.

Zugegebenermaßen habe ich zuvor weder von den Grabräubern an sich noch von Burke und Hares mörderischen Geschäften gehört. Umso erstaunter bin ich, wie Dunlap diese kriminellen Umtriebe als makabres Gaunerstück präsentiert, ohne dabei würdelos zu sein. Sie hat mich zweihundert Jahre zurückversetzt, sie hat die gesellschaftlichen Normen und das Miteinander auf verschiedenen Ebenen gut eingefangen. Der feine britische Humor blitzt dabei stets durch, sie lässt diese gar schauerliche Geschichte James Willoughby erzählen, dessen Wunsch, sich medizinisches Wissen anzueignen, nicht ohne die notwendigen Studien am menschlichen Körper machbar ist.

„Wer die Toten stört“ ist ein spannender, auf Tatsachen beruhender historischer Roman, der trotz der makabren Thematik einen guten Einblick in die Umstände der anatomischen Studien gibt.

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Neues von den Hansens…

Geschenk des Loslassens
1

Der nunmehr achte Band der Reihe um „Die Kinder der Hansens“ hat sie alle im Blick. Gleich mal sind wir in Hamburg. In der Villa, die ehemals voller Leben war, ist es ziemlich still geworden. Außer Amala ...

Der nunmehr achte Band der Reihe um „Die Kinder der Hansens“ hat sie alle im Blick. Gleich mal sind wir in Hamburg. In der Villa, die ehemals voller Leben war, ist es ziemlich still geworden. Außer Amala und Eduard, ihrem Cousin, sind alle ausgeflogen. Auguste ist mit Carl und der kleinen Eva für etliche Wochen unterwegs und Therese ist nach Georgs Tod doch wieder nach Wien zurückgegangen. Amalas Bruder Robert zieht es zurück in die Staaten, vorher allerdings will er noch die Wiener Verwandtschaft besser kennenlernen, er ist bei Therese zu Gast. Natürlich ist er auch hier nicht untätig, als Journalist schreibt Robert von seinen Wiener Eindrücken, seine Artikel finden hüben wie drüben seine Leserschaft.

Drüben, in Philadelphia, ist nicht alles eitel Sonnenschein - wir erfahren so einiges von Elsa Harris. Auch werfen wir einen Blick nach München zu Helene und Bernhard und, um den Bogen zurück nach Hamburg zu spannen, ist es Eduard, der seine halbseidenen Geschäfte vorantreibt, die zunehmend lukrativ, aber auch brandgefährlich sind.

Vier Jahre sind es nun, wie Ellin Carsta im Nachwort schreibt, dass sie von den Kindern der Hansens erzählt. Schon Louise hat mich für die Familie Hansen eingenommen - was liegt da näher, auch der nächsten Generation zu folgen. Neben der fiktiven Geschichte um die einzelnen Charaktere sind es die historischen Fakten, die geschickt eingeflochten werden. Roberts Artikel habe ich oben kurz erwähnt, er schreibt über den sogenannten Eisernen Gustav, den Berliner Droschkenkutscher, der mit seiner Droschke, gezogen von dem Wallach Grasmus, von Berlin nach Paris gefahren ist. Dazu verrät sie noch so einiges Interessantes, zudem sind es noch sehr viel mehr tatsächliche Begebenheiten, die in ihre Story mit einfließen. All dies zusammen – Fiktion und geschichtliche Fakten – bietet gute Unterhaltung.

Es ist der mittlerweile achte Band und natürlich passiert im Laufe der Jahre so einiges, sodass man die Reihe am besten von Anfang an liest. Dem beugt die Autorin vor, indem sie immer wieder zurückblickt, was jedoch der Story viel an Tempo nimmt, auch muss ich nicht in jedem Band von möglichst jedem Familienmitglied lesen. Gut, hier ist es Eduard, der den guten Ruf des Hansens gefährdet, das er gleichberechtigt mit seinen Cousinen Amala und Auguste betreibt. Hier habe ich um Eduard gebangt, er ist schon ein ganz besonderer Charakter. Verwegen, nicht ganz bescheiden und doch liebenswert – irgendwie. Auf seine weitere Entwicklung bin ich gespannt. Seinen Weg und auch die Wege der anderen werde ich weiterhin verfolgen.

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Veröffentlicht am 23.11.2025

Bedrohlich-schaurige Atmosphäre – gute Story, brillant vorgetragen

Knochenkälte
1

Direkt bedrohlich geht es los. Von Knochen, die überleben, ist die Rede – anders als der Rest des Körpers, der sich je nach Lage mit der Zeit auflöst. Von nackten Wurzeln eines vom Sturm entwurzelten Baumes ...

Direkt bedrohlich geht es los. Von Knochen, die überleben, ist die Rede – anders als der Rest des Körpers, der sich je nach Lage mit der Zeit auflöst. Von nackten Wurzeln eines vom Sturm entwurzelten Baumes wird berichtet, aus denen ein Gesicht starrt.

Und dann ist er es, der sich heillos verirrt. Sein Ziel hat er meilenweit verfehlt, das Navi ist ausgefallen, kein Handyempfang. Mitten auf der Straße steckt ein Schaf fest, er schafft es gerade nochmal so in ein Pub. Dort erfährt er von einem Hotel, das geschlossen ist und doch ist es die einzige Chance, die Nacht nicht im Freien zu verbringen. Auch dieses heruntergekommene Gemäuer wirkt nicht gerade einladend. Mehr noch, es ist geradezu furchteinflößend. Und nicht nur das, auch die Leute in Dorf zeigen ihre feindliche Fratze.

Eigentlich ist der forensische Anthropologe Dr. David Hunter auf der Suche nach einem seit sechs Monaten verschwunden 16jährigen Teenager, der Schneesturm jedoch hat ihn weit abgetrieben und die Straße, die ihn zurückführen würde, ist durch den Einsturz einer Brücke nicht mehr passierbar. Von der Außenwelt abgeschnitten macht er sich auf die Suche nach einem Handynetz, was ihm zwar nicht gelingt, jedoch macht er eine grausame Entdeckung.

Gespannt, ja atemlos folge ich der Beschreibung des Waldes mit all seinen Gefahren, der Bäume und der Wurzeln, die wie ein Netz nicht nur Erdklumpen einspinnen und der Krater, die im Dunkeln so manches verbergen, dazu das unwirtliche Wetter und der tiefe Schnee, in dem es fast kein Durchkommen gibt – es ist eine bedrohlich-schaurige Atmosphäre, die mir Johannes Steck, der Sprecher des Hörbuches, hier vermittelt. Er ist es, der mich über 12 Stunden und 20 Minuten gebannt zuhören lässt. Er gibt jeder einzelnen Figur seine ganz persönliche Note, seine ganz eigene Stimmlage, sodass jeder einzelne sofort erkennbar ist. Ihm zuzuhören, ist Genuss auf ganzer Linie. Die sowieso absolut fesselnde Story gewinnt durch seinen gekonnten Vortrag nochmal, er füllt jeden Charakter mit Leben.

Nicht jeden Band um Dr. David Hunter habe ich gelesen bzw. gehört, diese „Knochenkälte“ jedoch, der nunmehr siebte Band, hat es in sich. Dunkle Geheimnisse inmitten einer angsteinflößenden Kulisse treiben die Story vorwärts, ein Entrinnen scheint unmöglich. Den nächsten Hunter werde ich mir wieder als Hörbuch gönnen, ich bin wieder voll im Hunter-Fieber.

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Veröffentlicht am 20.11.2025

Eine Reise ins Unbekannte – ins Paradies?

Aufbruch ins Paradies
1

Nachdem mich vor ziemlich genau einem Jahr Tara Haigh nach Madeira entführt hat und ich dem „…Ruf des schwimmenden Gartens“ begeistert gefolgt bin, treibt es mich mit ihrem „Aufbruch ins Paradies“ um ...

Nachdem mich vor ziemlich genau einem Jahr Tara Haigh nach Madeira entführt hat und ich dem „…Ruf des schwimmenden Gartens“ begeistert gefolgt bin, treibt es mich mit ihrem „Aufbruch ins Paradies“ um die halbe Welt mit Ziel Neuguinea. Wir schreiben das Jahr 1884. Sie erzählt von „drei jungen Frauen und einer Reise, die alles verändert…“

Noch sind wir in Karlsruhe bei der Familie Berger und ihrer Möbelfabrik, die ihr Auskommen sichert, wenngleich die exquisiten Stücke mit ihren Einlegearbeiten, die dem Familienoberhaupt Gustav so viel bedeuten, immer weniger Käufer finden, die Arbeiter brauchen eher einfaches Mobilar. Die Frage der Produktumstellung stellt sich nach dem Brand, der in den Stallungen ausbricht, nicht mehr. Das Feuer breitet sich auf Werkstatt und Lager aus, auch das Haus ist nicht mehr bewohnbar. Vaters jüngerer Bruder Friedrich ist gerade geschäftlich hier, er macht ihnen einen Neuanfang im fernen Neuguinea schmackhaft - sie brechen auf ins Paradies…

…reisen mit der „Prinz Heinrich“. Mit an Bord sind ihre Vorstellungen, ihre Wünsche und Träume. Sie fahren einer Zukunft entgegen, die ihnen Friedrich in den schillerndsten Farben beschreibt. Die Insel ist voller Palmen, weiß er zu berichten. Mit Palmöl lässt sich gutes Geld verdienen, mehr noch mit Kopra, dem getrockneten Fruchtfleisch der Kokosnuss, daraus wird Kokosöl gewonnen, das vielfältige Anwendungsbereiche abdeckt. Anna, die jüngste von Gustav Bergers Töchtern, will alles darüber wissen. Mehr noch - sie will in dieses lukrative Geschäft einsteigen. Ihr Bruder Ludwig und seine Frau Clara wollen missionarisch unterwegs sein und auch ihre große Schwester Hedwig ist von dem Gedanken infiziert, nochmal ganz neu anzufangen.

Gespannt verfolge ich die Reiseroute, bin beim Landgang in Lissabon dabei, passiere die Meerenge von Gibraltar, durchquere den Suezkanal, mache Halt in Colombo/Sri Lanka, bin in Penang in einer Opiumhöhle, die für eine schicksalhafte Begegnung sorgt. Später dann in Singapur ist es eine rothaarige Frau, die eine unangenehme Wahrheit ausspricht. Dies ist nur ein kleiner Abriss der Schiffsreise, die für so einige abrupt enden wird, für andere wird sie alles verändern. So manch Reisebekanntschaft erweist sich als Luftnummer, es entstehen Freundschaften, Enttäuschungen bis hin zu Verrat bleiben nicht aus, aber auch die Liebe reist mit.

Es ist schon ein Wagnis, alles zurückzulassen, noch dazu in ferne, unbekannte Gefilde. Und das vor 150 Jahren, als diese Schiffsreise eine strapaziöse, mehrmonatige Weltumsegelung bedeutete. Gefährlich war sie obendrein, nicht nur die Unwägbarkeiten einer stürmischen See mussten in Kauf genommen werden, auch wusste man weder von den Gefahren während der Reise noch von denen am Zielpunkt. Tara Haigh beschreibt dies alles so eindringlich, ich war gefühlt mit auf dem Schiff, hab die Landausflüge genossen und mich für Anna, Hedwig und Clara gefreut, hab mit ihnen gehadert und gelitten und auch später dann, nachdem sie endlich angekommen sind, war ich schon auch ernüchtert. Ihr ganzes Leben und das ihrer Familie und ihrer Freunde wird sich grundlegend ändern, in dem jungen Raba haben sie einen deutschsprechenden Einheimischen gefunden, der – so hoffe ich – ihnen in ihrer neuen Heimat in Finschhafen/Neuguinea zur Seite stehen wird. Der zweite Teil der Neuguinea-Saga „Unter fremden Himmeln“ wird am 20.01.2026 erscheinen, ich fiebere diesem Datum jetzt schon entgegen.

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Veröffentlicht am 18.11.2025

Absolut fesselnd

Der Kuckucksjunge
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„Das ist ein Rohrsängernest“ erklärt der junge Biologielehrer Bjarke Venø den Viertklässlern, als sie davor stehen. „Aber es hat Besuch von einem Kuckucksjungen bekommen“ fügt er noch an, als die Kinder ...

„Das ist ein Rohrsängernest“ erklärt der junge Biologielehrer Bjarke Venø den Viertklässlern, als sie davor stehen. „Aber es hat Besuch von einem Kuckucksjungen bekommen“ fügt er noch an, als die Kinder mit ansehen müssen, wie dieses Junge die Brut der Rohrsänger aus dem Nest schmeißt. Es passiert noch sehr viel mehr, Bjarke sammelt eiligst die Kinder ein, beinahe hätten sie die Rucksäcke zurückgelassen, wir sind im Mai des Jahres 1992...

…um dann zu Silje Thomsen in die Gegenwart zu wechseln. Nicht das erste Mal ersetzt sie ihre SIM-Karte und schreibt ihrer Tochter kurz ihre neue Nummer. Trotz Wechsel der SIM-Karte hören die beängstigenden Nachrichten nicht auf. „Hab dich.“ Und - ein Abzählreim „Ich zähl eins, ich zähl zwei. Ist noch lange nicht vorbei“ setzt sich kontinuierlich fort. „Ich zähl drei…“, sie bekommt Fotos – sie verschwindet. Spurlos.

Die Kommissarin Naia Thomsen bearbeitet mit Mark Hess diesen mysteriösen Fall, dem bald ein weiterer folgt. Vor einiger Zeit hat eine 19jährige dieselbe Botschaft „Hab dich“ bekommen, bis heute ist ihr Mörder nicht gefunden. Es wird immer bedrohlicher, Thomsen und Hess werden von oben herab ausgebremst und auch ist es eher eine Hassliebe, die zwischen den beiden Ermittlern, die sich von früher kennen, lodert. Jeder ist auf seine Art knallhart, jeder hat genug private Probleme, auch das bekommen wir mit – und doch funktionieren sie als Team.

„Der Kastanienmann“ habe ich nicht gelesen, schon da haben Thomsen und Hess zusammengearbeitet, mehr kann ich eher erahnen als dass ich es wüsste. Ich brauche aber keinerlei Vorkenntnisse, Søren Sveistrups „Kuckucksjunge“ liest sich vom ersten bis zu letzten Satz spannend, er hatte sofort meine volle Aufmerksamkeit. 666 Seiten voller Dramatik, voller brutaler Morde, voller hinterhältigen, nicht durchschaubaren Spielchen, die mich entsetzt und doch gefesselt haben. Ich hatte keinen Durchblick bis dem Ende zu, als sich alles nochmal zugespitzt hat, was ich nie für möglich gehalten hätte.

Alle Figuren, angefangen von Thomsen und Hess über die Mordopfer bis hin zu einer Mutter mitsamt Familie und ihrer Freundin sind ihren jeweiligen Rollen entsprechend gut und glaubhaft dargeboten, die Story, die mit dem Rückblick ins Jahr 1992 beginnt, bleibt danach in der Gegenwart. Man kann der aufwühlenden Handlung gut folgen, wenngleich man erst zum Schluss die Zusammenhänge so richtig fassen kann. Und ja – dieser Thriller ist heftig, er ist nervenaufreibend, er ist absolut fesselnd, ich hab ihn innerhalb kürzester Zeit inhaliert.

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