Zeitloser Klassiker über menschliche Abgründe
Nicht länger ein Mensch. Roman. Das Kultbuch aus JapanEin Foto von einem etwa Zehnjährigen. Er steht an einem Gartenteich, umgeben von Frauen, vermutlich Schwestern und Cousinen. Er lächelt einfältig, doch bei genauerer Betrachtung ist sein Lächeln schmierig. ...
Ein Foto von einem etwa Zehnjährigen. Er steht an einem Gartenteich, umgeben von Frauen, vermutlich Schwestern und Cousinen. Er lächelt einfältig, doch bei genauerer Betrachtung ist sein Lächeln schmierig. Es wirkt nicht echt, zumal er die Fäuste geballt hat. Auf dem zweiten Bild trägt er eine Schuluniform. Er lächelt, aber etwas stimmt nicht. Das Lächeln wirkt gekünztelt oder geziert. Auf dem dritten Bild ist er deutlich älter. Graue Strähnen durchziehen das Haar. Sein Gesicht schaut ohne jeden Ausdruck aus einer Ecke eines heruntergekommenen Raums hervor. Es bereitet einem Unbehagen, man möchte schnell wieder wegschauen.
Als Kind verspürte er nie Hunger. Er war das Jüngste und saß in dem Saal, in dem sie zu zehn speisten, in der hintersten Ecke. Alle nahmen ihre Speisen in absoluter Stille mit der größten Dringlichkeit ein. Diese Zusammenkünfte an drei Zeiten des Tages wurden ihm der größte Groll. Wer nicht esse, müsse sterben, sagte man ihm und verursachte ihm nächtliche Albträume.
Er verstand die Menschen nicht, alle wirkten so fröhlich, ganz anders als er. Er wusste nicht, worüber er mit den Nachbarn reden sollte, alles war ihm ein Rätsel.
Und somit schuf ich mir die Clownsmaske. Sie war mein letzter Versuch, um die Liebe meiner Außenwelt zu werben. So sehr mir die Menschen auch Angst einflößten, aufgeben konnte ich sie nicht. S. 13
Obwohl er ein kränklicher Junge war und mehrere schulische Ausfälle hatte, einmal ein ganzes Jahr, war er ein glänzender Schüler. Er erzählte Geschichten, faxte herum und brachte seine Umwelt zum Lachen. An der weiterführenden Schule traf er auf seinen ersten Widersacher. Take´ichi enttarnte ihn in seiner Clownerie und er wusste, er würde sich mit dem ungepflegten Jungen verbünden müssen und so umwarb er ihn.
Fazit: Das Buch wurde 1948 ursprünglich als Dreiteiler in der japanischen Zeitschrift Tembo veröffentlicht und entwickelte sich zu einem Buch, das in Japan mittlerweile 6,7 Mio. Mal verkauft wurde. Ein „Opus magnum“. Die Geschichte hat autobiografische Züge, weil der Autor Osamu Dazai eigene Parallelen wie Suizid, soziale Entfremdung und Depression verhandelt. Kurz nach der Veröffentlichung ertränkte sich Dazai.
Sein Protagonist hat keine Empathiefähigkeit und entwickelt schon in ganz jungen Jahren multiple Ängste. Sein Anderssein stürzt ihn in tiefe Einsamkeit. Er versucht seine Anpassung, indem er die „Anderen“ zum Lachen bringt. Trotz bester intellektueller Voraussetzungen gerät er an den falschen Umgang und lernt die Wirkung von Alkohol auf den geschundenen Selbstwert schätzen. Er muss das Studium abbrechen und verliert die väterliche Unterstützung. Im Laufe der Geschichte verfällt er diversen Abhängigkeiten. Sein Leidensdruck ist enorm, ebenso wie sein Egoismus und die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen. Eine tiefreifende Geschichte, die mich hin- und hergerissen hat, mich ebenso Verständnis als auch tiefe Abneigung gegen Yózó hat spüren lassen. Ein zeitloses Buch für alle, die sich für die japanische Kultur interessieren.